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Die literarische Welt zu Gast in der Provinz

Seit zehn Jahren reisen Schriftsteller und Publizisten aus aller Welt in die hiesige Provinz, in den geheimnisvoll schönen Aqua-Magica-Park zwischen Bad Oeynhausen und Löhne, um sich dort unter dem Stichwort „Poetische Quellen“ einem Publikum zu präsentieren, das inzwischen aus weitestem Umfeld kommt. Da wird dann aus neuesten Büchern gelesen, diskutiert, berühmte Autoren bewegen sich frei zwischen den Gästen, und das alles vor dem eindrucksvollen Hintergrund des Wasserparks und zum Teil auf der hohen Naturbühne, die wie ein Amphitheater gebaut ist und weite Blicke in die umgebende Landschaft erlaubt. Am Donnerstagabend begann die Jubiläumsveranstaltung, noch bis zum Sonntag folgt ein spannender Programmpunkt dem nächsten.

veröffentlicht am 27.08.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.01.2019 um 09:04 Uhr

Auch in Ruhe lesen ist in dem großen Park möglich.  Fotos: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Dass diese „Literaturfestspiele“ (so nennt es der Schriftsteller Arnold Stadler) geboren wurden, sich prächtig entwickelten und schließlich zum wohl größten Literaturereignis Ost-Westfalens avancierten, es ist vor allem dem Engagement des Organisators Michael Scholz (44) zu verdanken, der ursprünglich nur der Marketingmann für den Aqua-Magica-Park war. Der vor elf Jahren ganz neu im Rahmen der Bundesgartenschau angelegte Park mit seinen vielen Wasserspielen brauchte ein nachhaltiges Nutzungskonzept. Scholz schlug zunächst vor, den Autoren John von Düffel zu einer Lesung aus seinem Buch „Vom Wasser“ einzuladen und gab damit den Startschuss für das Fest der „Poetischen Quellen“, das im Jahr 2002 erstmals als mehrtägiges Ereignis über die Bühne lief.

Es machte schnell großen Eindruck, dass es Scholz, von den Veranstaltern der Aqua Magica Bad Oeynhausen & Löhne GmbH unterstützt, gelang, schon im ersten Jahr bekannte Persönlichkeiten wie Rolf Hochhuth, Carl Amery und Hans-Christian Buch aus der Gruppe 47 zu engagieren und zugleich junge Schriftsteller zu entdecken, die damals kaum einen Namen hatten, gleichwohl aber von den Zuhörern schnell als Ausnahme-Autoren erkannt wurden: Den Schweizer Peter Stamm, den Österreicher Josef Haslinger und nicht zuletzt Daniel Kehlmann, dessen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ noch nicht mal in Arbeit war, der aber mit dem kleinen Roman „Der fernste Ort“ bei den „Poetischen Quellen“ Aufsehen erregte.

„Wer weiß, wenn ich schon Erfahrung in der Organisation von großen Veranstaltungen gehabt hätte, vielleicht wäre ich dann gar nicht so locker auf die Verlage zugegangen, damit sie uns ihre bekannten Autoren schicken“, meint Michael Scholz. „Es war aber ganz einfach, wohl auch deshalb, weil die Verlage selbst verstärkt begannen, solche Lesungen aus eigenem wirtschaftlichen Interesse zu fördern.“ Andreas Meier, Judith Kuckart, der Exil-Iraner und Altpräsident des deutschen PEN-Clubs SAID waren unter den Geladenen der ersten „Poetischen Quellen“ ebenso vertreten wie Cees Nooteboom, Paul Nizan, Adolf Muschg, Charles Lewinsky oder Thomas Hürlimann.

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Michael Scholz

Nun ist Michael Scholz nie einfach nur ein Marketing-Mensch gewesen, eher im Gegenteil. Nach dem Studium der Germanistik und Italianistik arbeitete er lange als Grundschullehrer in einer Montessori-Schule, bis er aus familiären Gründen nach Bad Oeynhausen zurückkehrte. Literatur gehörte immer zu seinem Leben, niemals wäre es ihm eingefallen, einen Autor zu den „Poetischen Quellen“ einzuladen, dessen Bücher er nicht selbst gelesen hätte. Sicher auch dadurch haben die Programme des Literaturfestes immer etwas besonders Stimmiges, erst recht, seit sie jedes Jahr unter einem bestimmten Motto stehen und oft auch Autoren bestimmter Länder, wie der Schweiz oder den Niederlanden vorstellen.

Von vielen Sponsoren tatkräftig begleitet, schnell auch den Sender WDR 5 als Medienkooperationspartner zur Seite gehabt, den WDR-Kulturredakteur Jürgen Keimer als ständigen Moderatoren gewonnen und dann auch noch den schlagfertigen Sprachkünstler und kritischen Geist Roger Willemsen als häufigen Gast dabei – kein Wunder, dass eine kabarettistische Einlage im heutigen Festakt zum zehnten Geburtstag ungescheut den Vergleich mit Literaturereignissen wie der Lit Cologne oder dem Berliner Literaturfestival wagen will. Selbst in einem so verregneten August wie im letzten Jahr, wo die reizvolle Naturbühne kaum genutzt werden konnte, kamen über 2500 Besucher.

Auch am Donnerstag bei der abendlichen Eröffnungsveranstaltung der zehnten „Poetischen Quellen“ war das Literaturzelt bis in die letzte Ecke mit Besuchern gefüllt. Die niederländische Bestsellerautorin Magriet de Moor und Roger Willemsen bildeten ein ungleiches Paar, das dabei sehr schön einen Ausschnitt aus der großen Bandbreite des Programms repräsentierte. Während de Moor, rothaarig, quirlig, charmant ihren Akzent ausspielend, aus ihrem neuen schaurigen Roman „Der Maler und das Mädchen“ las – die Geschichte eines sanften Mördermädchens, das hingerichtet wurde und im Tod von einem namenlosen (in Wirklichkeit dem wohl bekanntesten niederländischen Maler) abgezeichnet wurde – schwang sich Willemsen zu ganzer rhetorischer Größe auf.

Zum diesjährigen Thema des Festes „Von unantastbarer Würde und Freiheit“ entwarf Willemsen einen umwerfend formulierten Essay über die Freiheit, witzig, oft sarkastisch („Das Gewand der Freiheitsstatue ist so lang, damit man ihren Pferdefuß nicht sieht“) und doch von einer gewissen Melancholie durchzogen, die einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleiben ließ, etwa, wenn er Richard von Weizsäcker ironisch als „Richard den Glaubwürdigen“ betitelte oder den Ausverkauf des Freiheitsbegriffs an vielen Beispielen entlarvte.

Auch wenn das Literaturfest schon seit zwei Tagen läuft, es lohnt sich unbedingt, sich am Samstag und Sonntag in den Aqua-Magica-Park aufzumachen. Es wird, wie es ein Bad Oeynhausener Journalist beschrieb, wie immer eher „Feinkost statt schnellen literarischen Imbiss“ geben. Das Thema „Von unantastbarer Freiheit und Würde“ sei für ihn auch eine Bilanz von zehn Jahren „Poetische Quellen“, so Scholz. „Es ging bei unseren Programmen immer auch darum, wie es um das Zusammenleben der Menschen bestellt ist, und da schwingen die Begriffe ,Freiheit‘ und ,Würde‘ natürlich mit.“

Am Samstag Nachmittag stellt unter anderem Navid Kermani in einer Deutschlandpremiere sein neues Buch „Dein Name“ vor, in einem der traditionellen „Tischgespräche“ geht es um „Die Freiheit des ausbleibenden Unglücks“ und am Abend feiert man im Theater im Kurhaus das Jubiläum nicht nur mit Literatur, Kabarett und „Bücherjournal“- Fernsehmoderatorin Julia Westlake, sondern auch mit dem herausragenden Vokalensemble „amarcord“, fünf jungen ehemaligen Thomaschor-Sängern. Parallel zu den Nachmittagsveranstaltungen läuft, auch am Sonntag, ab 15 Uhr ein Kinderprogramm.

Der Sonntag beginnt schon früh um 10 Uhr mit einem Literaturgottesdienst auf der Naturbühne und bringt dann drei Publizisten ins „Sonntagsgespräch“, das mit besonders großer Spannung erwartet wird, kommt da doch neben der amerikanischen Philosophin Susan Neiman und dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz auch Sahra Wagenknecht zu Wort, die stellvertretende Vorsitzende der Partei der Linken, deren Präsenz bei den „Poetischen Quellen“ im Vorfeld zu einer Kleinstadt-Burleske führte, weil Politiker der CDU und der FDP sie gerne wieder ausladen wollten, was allerdings von der Aqua-Magica-GmbH und Geschäftsführer Norbert Steinmeier souverän zurückgewiesen wurde.

Am Nachmittag liest unter anderem Thomas Lehr aus seinem preisgekrönten Roman „September“. Abends dann sitzen sich zwei Verlegerpersönlichkeiten gegenüber: der amerikanische Verleger André Schiffrin, der seinen Landsleuten deutsche Autoren wie Günter Grass nahebrachte, und Joachim Unseld, Sohn des legendären Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld. Die beiden werden unter der Leitung von Jürgen Keimer diskutieren: „Über die Unabhängigkeit der Medien und der Würde des Büchermachens im digitalen Zeitalter“.

Es seien aber nicht nur die Autoren und Veranstalter, die für gelungene „Poetische Quellen“ sorgen, betont Michael Scholz: „Auch das Publikum ist fantastisch, so neugierig und aufgeschlossen, weil sie ja wissen, dass es nur einmal im Jahr die Chance gibt, vor Ort dem Neuen in der Literatur so lebendig nahe zu kommen.“

Auch wenn Scholz immer wieder bedeutende Schriftsteller holt, hat er mindestens zwei unerfüllte Wünsche: „Günter Grass habe ich schon mehrfach eingeladen. Bei ihm habe ich die Hoffnung aufgegeben und Literaturnobelpreisträgerin Hertha Müller hatte in diesem Jahr zu viele Termine.“ Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr.

Das Programm und der Anfahrtsweg zum Aqua-Magica-Park gibt es im Internet unter: www.aquamagica.de

Vor zehn Jahren begann die Erfolgsstory der „Poetischen Quellen“ im Aqua-Magica-Park zwischen Bad Oeynhausen und Löhne. Seither treffen sich einmal jährlich Autoren, Publizisten und interessierte Zuhörer aus aller Welt, um Lesungen zu hören, zu diskutieren und bekannte Autoren zu treffen. Noch bis Sonntag hat das wohl größte Literaturereignis Ost-Westfalens in diesem Jahr seine Türen geöffnet.



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