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Die Letzten, die die Tradition bewahren

Es ist eine winzige Kammer im ansonsten großen Haus, in die sich Erich Everding zum Arbeiten zurückzieht, wie ein Schriftsteller in seine Klause. Fotos und Urkunden hängen an den Wänden, ein kleiner runder Hocker mit abgeschabten Kissen dient ihm als Sitzplatz und dann steht da ein schlichter Holztisch mit einer alten Nähmaschine drauf, eine Phoenix, geerbt vom Vater, der Schneider war, genau so wie der Groß- und Urgroßvater, genauso wie Erich Everding selbst. Auf einem Regal sind unzählige Pappschächtelchen übereinander gestapelt. In ihnen befinden sich Schätze, lauter kleine handgefertigte Dinge, die zu den Trachten im Schaumburger Land gehören. Erich Everding kann Trachten schneidern, als einer der ganz wenigen, als wahrscheinlich der einzige und letzte Trachtenschneider im Land.

veröffentlicht am 02.02.2011 um 18:40 Uhr
aktualisiert am 08.02.2011 um 15:48 Uhr

Erich Everding ist einer der letzten Trachtenschneider in Schaumburg. Foto: Emine Akbaba, aus dem Bildband „Nach Neuem Tra

Autor:

Cornelia Kurth

Die Schaumburger Trachten, darunter vor allem die zur „Tracht des Jahres 2010“ auserwählte „Lindhorster Tracht“, sie zählen zu den prächtigsten Trachten Deutschlands. Die Festtagsgewänder der Frauen sind so verschwenderisch, ja überbordend mit kunstvollen Stickereien und Perlen geschmückt, dass auch Adlige kaum schönere Kleider hätten tragen können. Im steten Wettkampf um die eindrucksvollste Festtracht reizten die Frauen alle Möglichkeiten der eigentlich streng festgelegten Kleiderordnung aus.

Die Bänder an den hohen Mützen wurden immer zahlreicher und länger, die Röcke besaßen nicht mehr nur eine oder zwei Borten, sondern fünf, sechs, ja sieben, der Kragen um den Hals wurde so gefältelt, dass seine ausgebreitete Länge vier Meter betragen konnte und die Armstulpen waren schließlich nicht nur mit Perlen bestickt, sondern oft aus einem Perlenband gestrickt, Hunderte winzige Perlen, die man auf einen feinen Faden zog, damit sich schon während des Strickens das Muster ergab.

„Ach ja“, sagt Erich Everding, der 77 Jahre alt ist, „Sie finden das so erstaunlich. Aber ich habe ja noch meine Großmutter in der Tracht gesehen. Sie wurde über 90 und hat nie was anderes getragen.“

Everding in „zivil“ in seiner Schneiderstube. Sein Schneiderbuch ist voller Schnittmuster, die ihm noch alte Dorfbew
  • Everding in „zivil“ in seiner Schneiderstube. Sein Schneiderbuch ist voller Schnittmuster, die ihm noch alte Dorfbewohnerinnen übermittelt haben. Korrekturen gab es oft nur auf Plattdeutsch. Foto: cok

Mit dem ganzen Schmuck, der so typisch ist für die Lindhorster Tracht – berühmt ist der hohe, rotbunte, viele Kilo schwere Hochzeitskranz, bestehend aus unzähligen Glaskugeln und geistervertreibenden Spiegelapplikationen – mit Stricken, Sticken oder dem Anfertigen kunstvoller Gewebe für die Knöpfe hat Erich Everding nichts zu tun: „Das ist Frauensache!“

Was ihn so begehrt macht bei den Trachtenträgern in den Trachtenvereinen der Gegend und für die Museumsleiter in Rodenberg und Stadthagen ist sein Wissen darüber, wie man die alten Gewänder überhaupt herstellt. Zu den Schätzen, die seine kleine Nähkammer birgt, gehören leicht vergilbte Papierschnitte, die Grundrisse gewissermaßen der Röcke, Blusen, Seidenjacken, der Kragen, Westen und Mäntel. Die gab es nirgends wohlfeil abgedruckt oder aufgezeichnet, nein, die musste der Schneidermeister erst rekonstruieren, indem er die Trachtenkleidungsstücke in ihre Einzelteile zerlegte. Nur so konnte er ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

„Was das eigentliche Nähen betrifft, so ist es eigentlich kein Unterschied, ob man nun einen normalen Anzug schneidert oder ein Trachtenstück“, sagt er. „Aber es soll ja alles auch historisch richtig sein.“ Ohne die alten Frauen auf den Dörfern, die früher oft selbst ihre Trachten nähten oder doch den von Dorf zu Dorf reisenden Berufsnäherinnen über die Schulter sahen, wäre sicher hier und da was falsch gelaufen. „Erich, guck mal, der Abstand der Knopflöcher! Und die Falte da am Rücken!“, sagten sie auf Plattdeutsch, wenn er sie um Rat fragte, ebenfalls auf Platt, was ihm sehr zugute kam im Gespräch mit den Alten. Ganze Seiten seines Schneiderbuchs sind mit den Anweisungen der Frauen gefüllt und ihren Namen hat er auch immer dazugeschrieben.

Dass er vollständige Trachten näht, kommt eher selten vor. Die alten Trachten, ob es nun die Festtagsgewänder waren oder die eher einfachen Alltagstrachten rund um die berühmten Schaumburger „roten Röcke“, sie waren dazu bestimmt, ein Leben lang zu halten. Die Leute vom Dorf waren vielleicht nicht arm, aber von Wohlhabenheit konnte nur bei wenigen die Rede sein. Bei ihnen herrschte das Gegenteil der heutigen Wegwerfgesellschaft und so waren Röcke, Jacken, Hosen und Mäntel bei sorgfältigem Umgang praktisch unverwüstlich.

Auch Anton Bokeloh (76) aus Vehlen, ein alter Herrenschneider, der sich vor allem mit den Männertrachten gut auskennt, hat es fast nur mit Änderungs- und kleineren Ausbesserungsarbeiten zu tun. „Das Zeug geht ja nicht kaputt!“, meint er. „Und Frauenkleidung neu zu nähen, wie soll das gehen. Man hat ja das Material von damals gar nicht mehr.“ So ähnlich sieht es auch Erich Everding. Eine komplette eigene Männertracht samt wunderbar schwarzbunter Weste und dem typischen weißen Mantel hat er für sich selbst angefertigt, den entsprechenden Leinenstoff zu besorgen, ist kaum ein Problem.

Seine Frau aber, mit der zusammen er auch für den Fotoband „Nach Neuem Trachten“ (2010) fotografiert wurde, sie hat ihre schöne Tracht zum Glück von ihrer Tante geerbt. Schon der Stoff für die roten Röcke wurde früher aus Schottland importiert. Für Bänder, Borten und Stoffe hat der Rodenberger Museumsleiter und Freund des Schneidermeisters, Henning Domann, seine Adressen in Bayern und Italien bemüht, um Dinge zu finden, die sich zum Ausbessern und Ergänzen der Schaumburger Trachten verwenden lassen. Auch über das Internet kann man fündig werden.

Und manchmal wird einfach eine Findigkeit gebraucht, die sich um die Tradition nicht weiter schert. Der schwere Hochzeitskranz, er sieht großartig aus, wenn Frauen ihn bei den Trachtentreffen tragen. Doch wie soll man ihn sicher auf dem Kopf befestigen? Früher wurden die Kopfhauben mit dicken Nadeln am sogenannten Punz festgesteckt, eine Art Dutt, der dadurch entstand, dass die Frauen sich ihre langen Haare gleich über der Stirn zusammenrollten. Everding, der nach seiner Zeit als Schneidermeister und Bekleidungstechniker am Militärflugplatz Wunstorf angestellt war, besorgte für eine kurzhaarige Trachtenträgerin das Innengestell eines Soldatenhelmes und schon saß der Hochzeitskranz wie angegossen.

Eigentlich müsste sich Everding in Sachen Trachtenschneiderei mit einer Frau wie Renate Gewers zusammentun. Sie ist seit ihrer Kindheit dem Trachtentanz verbunden, leitet die Trachtengruppe Meinsen-Waber und gehört zu den unermüdlichen Trachtenbegeisterten, die alles dafür tun, dass dieses Schaumburger Erbe nicht verloren geht. Auf Messen und Flohmärkten sucht sie nach Zubehör und Trachtenteilen, und wie nur ganz wenige noch, beherrscht sie die Kunst der Perlenstickerei, eine Geduldsarbeit, die große Könnerschaft erfordert.

Nicht nur Schultertücher, Seidenjäckchen, Gürtel und Schleifen sind mit in sich verschlungenen Blumenmustern und Ornamenten bestickt, bestehend aus stecknadelkopfgroßen Perlen, derer man nur noch schwer habhaft wird – vor allem die „Handschuhe“, also die bis über den Ellenbogen reichenden Stulpen, kann man oft als wahre Kunstwerke bezeichnen. Renate Gewers hat sich aus Büchern beigebracht, wie man die reichen Muster dieser Stulpen entschlüsselt, eine Zeichnung herstellt und dementsprechend kleinste Perlen auf einen Faden zieht, der dann auf einem Fünfer-Stricknadelspiel verstrickt wird.

Mindestens 50 Stunden braucht man so nur für das Stricken eines Stulpens. Wenn sie in Museen oder auf Märkten diese Arbeit vorführt, sammelt sich schnell eine Menschentraube um sie herum. „Ich selbst trage diese Perlenhandschuhe aber nicht mehr beim Tanzen“, sagt sie. „Unter der Tracht kommt man sowieso wie verrückt ins Schwitzen – und dann noch die wirklich schweren Handschuhe – ich weiß nicht, wie die Frauen das früher aushielten.“ Trotzdem kann sie es nicht lassen, die eher teuren Perlen immer wieder nachzukaufen.

„Wenn ich irgendwo welche sehe, dann kribbelt es einfach“, sagt sie. „Dann will ich mit neuen Farben neue Muster stricken. Diese Handschuhe sind einfach zu schön!“

Auch Erich Everding sagt: „Ich komme von den Trachten einfach nicht mehr los!“ Seine größte Befürchtung ist - und die teilt er mit Renate Gewers – dass dieser Schatz an Wissen und Tradition vielleicht für die Zukunft verloren gehen könnte. Während seine Kollegin für die „Frauendinge“ feststellt, dass die Preise für originale Trachtenteile auf den Flohmärkten mangels Interesse deutlich gefallen sind, bekommt der Schneidermeister sehr viel weniger Aufträge als noch vor einigen Jahren. Genügend Nachwuchs wird auch bei den Trachtenfreunden schmerzlich vermisst.

Dafür aber wächst von anderer Seite her das Interesse. Drei Tage lang war eine Fotografin aus einer Berliner Studentengruppe für das Fotoprojekt „Nach Neuem Trachten“ bei Everding zu Besuch und machte 1000 Fotos von ihm und seiner Arbeit. Bald werden ihn Wissenschaftler besuchen, um seine Notizen und Trachtenschnitte digital aufzunehmen und zu speichern, für die Nachwelt.

Sorgfältig packt Erich Everding all seine Zeichnungen und Notizen wieder zusammen und trägt sie zurück in seine Schatzkammer. Sie werden noch gebraucht.

Erich Everding ist Schneider, inzwischen in vierter Generation. Er ist einer der Letzten im Landkreis Schaumburg, der die Tradition der Schaumburger Trachten am Leben erhält. Genauso wie auch Renate Gewers, die für Trachtenteile auch schon mal Flohmärkte durchsucht.



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