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1866 trafen bei Langensalza das Königreich Hannover und Preußen aufeinander

Die letzte Schlacht

Wer glaubt, dass Kriege früher für die Betroffenen weniger grausam waren, der irrt. Am 27. Juni jährte sich die Schlacht bei Langensalza (1866) zum 152. Mal. Anlass, sie einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: Es geht um die Tage danach.

veröffentlicht am 30.06.2018 um 09:53 Uhr

Nach der Schlacht: Lazarett in der Kirche von Merxleben, Federzeichnung. Foto: Meissner

Autor:

Viktor Meissner
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Bekanntlich war es die letzte Schlacht, die das Königreich Hannover schlug. Nach anfänglich siegreicher Behauptung mussten die hannoverschen Truppen vor einer herangezogenen preußischen Übermacht kapitulieren. Der hannoversche König Georg V. ging ins Exil, das Königreich Hannover hatte aufgehört zu existieren und wurde am 1. Oktober preußische Provinz.

Ende Juni 1866 war es schwül-heiß, die Soldaten hatten schwer darunter zu leiden, und nun lag die „Walstatt“ in der Abenddämmerung. Die Schlacht begann morgens um 9.30 Uhr mit einem ersten Kanonenschuss und war am Abend beendet. In diesen wenigen Stunden waren viele „für Ehre und Vaterland“ gefallen oder verwundet worden; man sprach anfangs von fast 4000 Männern. Ein Chronist berichtete: „Das Schlachtfeld war besät mit Menschen- und Pferdeleichen und Leibern, das Blut bildete wahre Lachen, die Seufzer, das Stöhnen und die unaussprechlichen Jammerlaute und Hülferufe Schwerverwundeter rührten sogar ein Herz von Stein.“

Das Schlachtfeld war besät mit Menschen- und Pferdeleichen.

Unbekannter Chronist

Ein Augenzeuge, der einen Tag danach über das Schlachtfeld ging und sich in den Lazaretten umsah, erwähnt im Zusammenhang mit den damals gebräuchlichen Geschossformen einen bemerkenswerten Umstand: „Bei dieser Gelegenheit ist auch allgemein die Erfahrung gemacht worden, daß die scharfgekanteten, drei Loth schweren hannoverschen Flintenkugeln die schmerzlichsten, nur sehr schwer heilenden Wunden, welche von ihnen ganz zerfleischt und zerrissen waren, hervorgebracht haben, während die kleinen glatten und eirunden Kugeln der Zündnadelgewehre das Fleisch scharf durchschnitten, sich leicht und schmerzlos herausdrücken ließen und den Heilungsproceß lange nicht in dem Maße störten, wie die ersteren.“

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Schon während der Schlacht hatten wagemutige Soldaten ihre verwundeten Kameraden vom Feld in Sicherheit zu bringen versucht. Eine besondere Bedeutung kam dabei dem Roten Kreuz zu, das seine erste Bewährungsprobe bereits am 16. April 1864 an den Düppeler Schanzen erlebt hatte.

Bei diesem zweiten Einsatz auf dem Schlachtfeld bei Langensalza war es eine Gruppe von 30 Turnern aus Gotha, Mühlhausen und Langensalza, die sich noch während der Gefechte und unter Lebensgefahr auf das Feld wagten, um Verwundete zu bergen und Erste Hilfe zu leisten.

Alle nur irgendwie verfügbaren Räume in Langensalza waren schon mit Verwundeten belegt, neben öffentlichen Gebäuden auch Privathäuser, so dass man in die umliegenden Ortschaften ausweichen musste. Dazu hatten hannoversche Pioniere zuvor wenig pietätvoll das gesamte Gestühl der Kirche zu Merxleben zerhauen und ausgeräumt um Platz für die Verwundeten, egal ob Freund oder Feind, zu schaffen.

Der Pfarrer berichtete, dass man am Abend der Schlacht die ersten Verwundeten in die ausgeräumte Kirche brachte; ihnen mangelte es an allem und so lagen sie in langen Reihen auf dem kalten harten Steinboden, dicht nebeneinander, ohne schützenden Decken und ohne jegliche Versorgung. Lediglich ein spärliches Strohlager war bereitet worden. Ein kleiner Handwagen mit einigen wenigen Broten und Wasser wurde herangeschafft – das war zunächst alles.

Ein hannoverscher Soldat schrieb am Abend des 27. Juni einen Brief an seine Schwester Auguste in Hannover, in dem er ihr mitteilte, das er glücklicherweise unverletzt geblieben sei und noch bis spät in die Nacht Verwundete verbunden hatte, so dass er sich schließlich „nicht mehr auf den Beinen erhalten konnte.“

Abweichende Zahlen zu Toten und Verletzten

In den nächsten Tagen kamen dann zusätzliche Hilfskräfte aus den westfälischen Klöstern der barmherzigen Schwestern und Frauen des Johanniter-Ordens; aus Hannover trafen Wagenladungen mit Hilfsgütern ein. Für viele jedoch kam diese Hilfe zu spät.

Mit dem Fortschaffen und Beerdigen der Toten und der Pferdekadaver vom Schlachtfeld begann man frühmorgens am 28. Juni. Manche waren grässlich verstümmelt, andere wiesen „lediglich“ Einschüsse auf. Aufgrund des anhaltend schwül-heißen Wetters, das die Fäulnis begünstigte, beeilte man sich, die Toten unter die Erde zu bekommen, zumal sich jetzt zunehmend Hunde und andere Tiere an den Leichen zu schaffen machten. Der Pfarrer der Dorfkirche zu Merxleben berichtete, dass man anfangs die Toten unter die Erde brachte, ohne ihm irgendwelche Meldungen zu machen; im Kirchenbuch sind nur zwölf verzeichnet. Das geschah zuerst ohne Sarg, teilweise auf den Friedhöfen von Langensalza und Merxleben und auch in Massengräbern, dort wo die Schlacht besonders getobt hatte, dermaßen eilig, dass aus einigen Hügeln bisweilen noch eine Hand oder ein Fuß herausschauten. Im Badewäldchen, wo sich ebenfalls ein Massengrab befand, zeigte fast jeder Baum Spuren der Geschosse, die hier „wie Hagel“ gefallen waren. Auch „Kallenbergs Mühle“ (eine Ölmühle) war von zahllosen Geschossen durchsiebt.

Die Gefallenen, egal ob Feind oder Freund, wurden eng nebeneinandergelegt, mit Kalk überschüttet und die Gruben zugeschaufelt. Diejenigen, die man einige Tage später in den Kornfeldern fand, waren bereits durch Fäulnisgase derart aufgetrieben, dass es ihnen die Uniformröcke zerrissen hatte. Noch Anfang September 1866, also fast zweieinhalb Monate später, wurde ein Soldat in einem Kleefeld gefunden, dessen Notizbuch ihn als Hannoveraner auswies.

Von König Georg V. ist überliefert, dass er sich während der Schlacht in sicherer Position in einer Senke befand, aber das Pfeifen der Geschosse hörte und somit meinte (er war blind), er befände sich mitten im Kugelregen, was ihn später zu der Selbstbezeichnung veranlasste, er sei „Georg, der Streitbare“ und seinem Schwiegervater, dem Herzog von Altenburg, als er später mit ihm in Roda zusammentraf, auf offener Straße zugerufen haben soll, „wie herrlich und erhebend es sei, mitten im Schlachtgewühle zu stehen und die Feinde tüchtig auf’s Haupt zu schlagen.“

Die Zahlen der Toten und Verwundeten der Schlacht von Langensalza weichen, je nach Quellenangaben, etwas voneinander ab. Zeitgenössische Quellen vom Juli 1866 sprechen von 520 Beerdigten in Langensalza und Umgebung, von denen 350 gleich auf dem „Feld der Ehre“ liegen geblieben waren und 170, die später ihren Verwundungen erlagen. Die Zahl der gesamt Verwundeten wurde dabei nicht angegeben.

Neuere Quellen hingegen geben insgesamt 574 Gefallene an, und 2135 Verwundete beider Seiten, von denen viele kurze Zeit später starben.

Für die Hannoveraner war es zu Ende, für die Preußen noch nicht; sie mussten sich sechs Tage später, am 3. Juli 1866 in der alles entscheidenden Schlacht bei Königgrätz den Österreichern und ihren Verbündeten stellen. Der siegreiche Ausgang der Preußen führte dann 1871 zur Reichsgründung.



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