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100 Besucher wollen Bodypainter Jörg Düsterwald bei der Arbeit erleben

Die Leinwand lebt

RINTELN. Also, das mit dem weißen Pferd mit dem schwarzen Flecken und den beiden Hunden, das war so. Jörg Düsterwald setzte in seinem Foto-Kunst-Projekt „Working Art“ unterschiedlichste Berufe mittels Bodypainting neu in Szene gesetzt. So kam es zu der Bilderserie „Der Hufschmied“.

veröffentlicht am 21.08.2017 um 18:33 Uhr

Das fast fertige Projekt: Modell Katey wird rund um das Museum in die Landschaft integriert, dann beginnt das Foto-Shooting.
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Modell und Pferdebesitzerin Yessi schlug beim Blick auf mögliche Motive zwei Dalmatinerhunde ins Gespräch. Spontan ergab sich die Bodypainting-Idee: „Schwarze Punkte auf weißem Grund“.

Die Bildidee war für Düsterwald klar: Pferdestall, draußen, zwei schwarz-weiße Dalmatiner und ein entsprechend bemaltes Model, ein weißes Pferd sowie der Hufschmied bei der Arbeit. Dann wurde spontan entschieden, auch das Pferd mit schwarzen Punkten zu bemalen. Bis dahin, erinnert sich Düsterwald, war alles recht entspannt. Das änderte sich.

Die Aktion hatte sich nämlich herumgesprochen, immer mehr Menschen tauchten auf: Neugierige, Reiterinnen, Landwirte, Hundebesitzer mit ihren kleinen und großen Fiffis, Passanten – und Regenwolken.

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Man achte auf die Haare des Modells, die in den Pferdeschweif übergehen. Aber die Arbeit am Hufschmied-Bild, die war extrem aufreibend.

Nun sollte es zügig gehen, doch grau, mein Freund, ist bekanntlich jede Theorie. Die Tiere machten nicht, was Künstler und Fotograf wollten, die Hunde liefen dauernd aus dem Bild, im Hintergrund kläfften die mitgebrachten Vierbeiner und das Pferd blickten stur in die falsche Richtung. Oder das Hufeisen des Schmiedes war nicht mehr glühend heiß. Und die eh schon schwierig aufzutragende Bodypaintingfarbe „weiß“ sich mehr und mehr von Modell auf das Pferd.

Machen wir es kurz: Der Fotograf schoss in der Hoffnung auf „d as“ finale Best-Of-Bild eine Salve Fotos nach der anderen ab, dann Regen und Abbruch. Zuhause am PC dann das reine Glück: tolle Bildergebnisse, inklusive zufällig entstandenen Effekten, die im Shooting-Chaos gar nicht bemerkt wurden: Bei dem finalen Bild liegt das Model rücklings verkehrt herum auf dem Pferderücken und ihre Haare gehen optisch in den Pferdeschweif über. Super.

Der menschliche Körper wird zur Leinwand und „verschwindet“ in der Kulisse

Über ablenkende Tiere muss Düsterwald bei seinem öffentlichen Painting-Auftritt im Rintelner Universitäts- und Stadtmuseum nicht nachdenken, es gibt keine, und im hellen ersten Stock bleibt auch das Wetter draußen vor. Stattdessen: Ein nacktes Modell, sie heißt Katey. Und als die ersten Besucher eintreffen, ist das leichte Unbehagen nahezu jedes Mal zu spüren: Man biegt um die Ecke, denkt nichts Böses – und dann steht da eine Frau, splitterfasernackt. Fast immer wandern die Besucheraugen automatisch zu den Bildern an der Wand oder blicken aus dem Fenster, man ist ja kein Voyeur. Aber mit der Nacktheit ist es bald vorbei, nach einer Stunde ranken die Ranken sich schon um den gesamten Körper, Düsterwald will Katey so anmalen, dass sie sich draußen in die Landschaft einfügen wird.

Düsterwald ist einer der wenigen hauptberuflichen Bodypainter Deutschlands, der Hamelner nutzt den Körper als Leinwand, um ihn zu verfremden, mit Farbe und kreativem Schaffen entweder einer Metamorphose zu unterziehen oder ihn in Kulissen „verschwinden“ zu lassen, ihn eins werden zu lassen mit der umgebenen Natur und Situation. Bis zum 22. Oktober zeigt das Museum seine Bilder, und sie sind durchaus spektakulär, an diesem Tag darf ihm bei der Arbeit zugesehen werden, in vier Stunden werden über 100 Besucher gezählt.

Aber es dauert, bis der erste Zuschauer leise eine Frage äußert: Darf man Fotos machen? Klar, sagt Düsterwald, kein Problem.

Und als minutenlang kein Wort fällt und nur die Musik von Yello mit der sonoren Stimme von Dieter Meier den Raum füllt, ist es wieder Düsterwald, der das Schweigen bricht: Man dürfe ruhig Fragen stellen, man sei hier schließlich nicht in der Kirche.

Es sind zwei Kreise, die sich im ersten Stock an diesem Nachmittag bilden: Einmal der große Kreis rund um Modell und Künstler, die Zuschauer nehmen auf der Treppe Platz, zücken die Handys oder schauen einfach nur zu, und der kleine, der intime Kreis, der nur Künstler und Modell umfasst, die in ihrer Arbeit aufgehen, der Umgang ist vertraut, und die ausgestellten Bilder im ersten Stock beweisen, das es nicht die erste gemeinsame Painting-Aktion für den Hamelner und das Modell ist: Man kennt sich. Und, weit wichtiger, man vertraut sich.

Später wird eine kurze Pause eingelegt, mal kurz Luftschnappen, und Katey, das halb bemalte Modell geht nach draußen und kommt vor dem Museum mit einer Handvoll Menschen ins Gespräch. Zwei Jungen kommen vorbei, vielleicht elf, zwölf Jahre alt, beide gucken kurz, dann gehen sie weiter: Klar, da steht eine bemalte Nackte vor der Museumstreppe, aber hey, soooo eine große Sache ist das nun auch nicht. Schließlich ist man in dem Alter ja vor allem eins: verdammt cool.

Das Fernsehen schaut an diesem Nachmittag auch vorbei, zwei Mann, die einen Bericht für RTL planen, aber ob er jemals gesendet wird, ist mehr als fraglich: Nackte Haut auf einem Privatfernsehsender, das geht ja gar nicht. Kleiner Scherz.

Weniger witzig war übrigens bei der Hufschmied-Aktion nach Tagen der Anruf der Pferdebesitzerin, die mitteilte, dass die vormals schneeweiße Stute sich auch nach intensiven Shampoonier-Waschgängen nicht von den aufgemalten schwarzen Flecken befreien ließ.



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