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Die lange Jagd nach einem Phantom

Der ehemalige britische Soldat David Haysom ist am Ziel angekommen. Jahrelang ist der 68-Jährige einem Phantom hinterhergejagt: Haysom war auf den Spuren eines Mannes unterwegs, der über 13 Jahre lang in der Bergstadt Obernkirchen lebte und arbeitete – doch niemandem in Erinnerung geblieben ist. Heute steht fest: „Wing Commander“ Eric George Ackermann, das Phantom mit einem militärischen Spezialauftrag, steuerte in der Nachkriegszeit von Obernkirchen aus wesentliche Teile der britischen Spionage in Deutschland.

veröffentlicht am 03.12.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:26 Uhr

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Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite

Der Brite mit dem sehr deutsch klingenden Namen Ackermann war jahrelang in Obernkirchen zu Hause, doch viel erfahren konnte man über den Mann nicht, erinnert sich David Haysom an seine zahlreichen Besuche in der Bergstadt. Gewiss: Ohne Haysoms Recherchen wäre der britische Spionage-Experte wohl für immer ein Phantom geblieben, das viele Jahre von der Kommandozentrale seiner Einheit auf dem Bückeberg aus die Gegner im Kalten Krieg aushorchte, plötzlich aber wie vom Erdboden verschluckt war.

Ackermanns Spur verlor sich am Ende der 50er Jahre. Erst jetzt hat Haysom die letzten Puzzleteile eines Rätsels gelöst, das ihn über Jahrzehnte beschäftigte. Der heute in Buchholz bei Hamburg lebende Haysom blickt heute auch mit etwas Wehmut auf das Ergebnis seiner Recherchen und das Ende seiner Arbeit.

Elf Jahre lange hatte David Haysom selbst in der Royal Air Force gedient. „Irgendwann habe ich angefangen, die Geschichte meiner Funkeinheit aufzuschreiben“, sagt er. „Dann bin ich auf diesen Ackermann gestoßen.“ Und dieser ließ viele Fragen Haysoms unbeantwortet. Wer war dieser mysteriöse Mann? Was hat er in Obernkirchen gemacht? Für wen arbeitete er, nachdem er Deutschland verlassen hatte?

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Bis ins Jahr 2006 hatte David Haysom zumindest die speziellen Aufträge des Wing Commanders herausfinden können. Denn als sich die Briten im Nachkriegssommer 1945 auf der „Alten Bückeburg“ in der „Harden Kaserne“ einrichteten, war Ackermann Mitglied einer geheimen Einheit, die aus Funk- und Radarexperten bestand. In Deutschland sollte Ackermann nach Funk- und Radartechnik suchen, die von der Wehrmacht verwendet wurde. Daraus erhofften sich die Briten damals neue Erkenntnisse, die sie militärisch hätten nutzen können. Ackermann hatte Haysoms Recherchen zufolge bereits während des Krieges die Aufgabe, die Funkleitstellen der deutschen Luftwaffe auszumachen und zu zerstören. Beste Voraussetzungen, um nach dem Krieg als Chef einer Einheit ernannt zu werden, die die wissenschaftlich-militärische Ausrüstung der Deutschen sicherstellen sollte. Die Spezialeinheit nannte sich „ASRU“ (Air Scientific Equipment Recovery Unit), und in Obernkirchen installierten die britischen Streitkräfte ein geheimes wissenschaftliches Funklabor unter Ackermanns Leitung.

Dr. Stephan Walter aus Apelern hat David Haysom bei seinen Recherchen begleitet. Gemeinsam haben die beiden auch herausbekommen, dass das Phantom Ackermann für weitere militärische Einrichtungen auf dem Schaumburger Bückeberg verantwortlich gewesen sein muss. Unter anderem unterhielten die Briten bis 1958 eine Station im ehemaligen „Gasthaus Walter“, wo sie mehrere Räume nutzten. Im Gebäude der Sandsteinbrüche (heute jbf-Zentrum) errichtete die Armee eine Dezimeterstation – ein Großteil der technischen Einrichtung stammte aus Wehrmachtbeständen.

Ackermann lebte angesichts seiner herausragenden Position beim Militär in Obernkirchen „auf großem Fuß“, wie David Haysom es beschreibt. Der Spionage-Experte bewohnte eine beschlagnahmte Villa in der Admiral-Scheer-Straße, hatte vier Hausangestellte, ein Boot am Steinhuder Meer und einen amerikanischen Luxuswagen, den sich im Deutschland der 50er Jahre nicht viele Menschen leisten konnten. Dennoch: Ackermann lebte unauffällig. Haysom bekam bei Besuchen in Obernkirchen nicht einmal Einzelheiten über Ackermann bei ehemaligen Nachbarn heraus. „Es gibt auch nur sehr wenige Fotos von ihm“, sagt Haysom. Selbst in Archiven der britischen Armee war nur wenig über Ackermann herauszufinden. Im englischen Kew werden Informationen über englische Soldaten gelagert. Aber selbst in geheimen Akten, die normalerweise nach einer Sperrfrist von 30 Jahren einsehbar sind, war nichts über Ackermann zu finden. „Ich konnte keine Einträge über ihn finden“, sagt David Haysom.

So viel fand er aber dann doch heraus: 1958 verließ Eric George Ackermann Deutschland in Richtung England und war am Aufbau des Militärsenders BFBS beteiligt. „Seine Begeisterung nach England zurückzukehren, war nicht sehr groß“, meint Haysom. Denn sein beruflicher Status in Obernkirchen habe dem Wing Commander größtmögliche Freiheiten beschert, dazu zählten offensichtlich auch Sonderkonten, über die Ackermann frei verfügen konnte.

Mithilfe seines englischen Freundes Peter Jackson ist es David Haysom gelungen, die zunächst verlorene Spur Ackermanns weiterzuverfolgen – zu einer Farm in Gettisburg/Pennsylvania in den Vereinigten Staaten von Amerika. Durch Zufall hatte Haysom den Sohn Ackermanns gefunden, der mit dem Sohn eines Bekannten auf das gleiche englische Internat gegangen war. Diesen machten Jackson und Haysom in Amerika ausfindig. So stellte sich heraus: Das Phantom Ackermann war in der 60er Jahren in die USA ausgewandert. Ein persönlicher Kontakt mit dem Spionage-Experten aber blieb David Haysom verwährt. Ackermann starb bereits 1986 in Amerika im Alter von 67 Jahren. Was Haysom dennoch herausfand, ist, dass Eric George Ackermann weiterhin eine „zentrale Figur im Kampf der Techniken untereinander“ war. Bereits zu den Obernkirchener Zeiten waren die Amerikaner auf Ackermanns Wissen aufmerksam geworden. Die Kontakte zu den Amerikanern bescherten dem ehemaligen Militärangehörigen einen Entwicklungsjob in der Privatwirtschaft. Auch hier habe Ackermanns Kompetenz im Hinblick auf Funktechnik im Mittelpunkt gestanden, ist sich Haysom sicher.

Mit einem Buch über das Leben und die Arbeit Ackermanns hat David Haysom seine lange Jagd nach dem Phantom jetzt abgeschlossen. „Es tut schon ein bisschen weh, wenn ich daran denke, dass es nun vorbei ist“, sagt er. Aber da fällt ihm das Foto einer jungen Frau ein, das ihm bei Nachforschungen über Ackermann in die Hände gekommen war. Diese Frau ließ sich für Haysom nicht einordnen, mit der Geschichte Ackermanns habe sie womöglich nicht viel zu tun, meint er. „Das kann aber noch mal ein Ansatz sein.“

Eric George Ackermann gilt als das „Phantom von Obernkirchen“. In der Nachkriegszeit hat der Brite mit dem deutschen Namen die Funk- und Radarspionage vom Bückeberg aus koordiniert. Seit den 60er Jahren verlieren sich Ackermanns Spuren. Ein anderer Brite, David Haysom, hat jetzt die letzten Lücken in der Biografie des Spionage-Phantoms geschlossen.

Entscheidende Spur führt nach Amerika

Es gibt nur wenige Fotos von Eric George Ackermann. Diese beiden stammen aus der Nachkriegszeit (l.) und den 80er Jahren.

Quelle: Haysom



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