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Die Jäger der versteckten Dosen

Mitten im dichten Wald des Bückebergs stößt „Fliewatüüt“ auf einen „Schatz“. In einer kleinen Dose ist ein Zettel versteckt – das sogenannte Logbuch. „Fliewatüüt“ nimmt es heraus, trägt das heutige Datum ein und hinterlässt seinen Namen. Auf diese kleine Schatzdose ist „Fliewatüüt“ im Internet gestoßen. Denn dort ist die Gemeinde der Geocacher organisiert. Auf die Koordinaten der Schätze, die irgendwo in Wäldern, an Straßen und in Städten versteckt liegen, stoßen die Geocacher ebenfalls im Netz. Hier werden die GPS-Daten für Ziele von Schatzsuchen in der ganzen Welt gesammelt: 1,8 Millionen sind es insgesamt, 192 500 davon in Deutschland.

veröffentlicht am 18.06.2012 um 10:14 Uhr

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Autor:

Lars Lindhorstund Frank Henke

Seit gut zehn Jahren wächst die Gemeinde der Geocacher, der Anhänger dieser modernen Schnitzeljagd, stetig. Auf einer virtuellen Karte sind auch im Weserbergland unzählige Stellen ausgewiesen, an denen Caches zu finden sind. Ihren Zauber entfalten diese nur den Eingeweihten, den Nicht-Cachern – den „Muggles“, wie sie von der Szene genannt werden: wie die Normalsterblichen bei „Harry Potter“ – erscheinen sie wertlos: eine wasserdichte Dose, darin ein Zettel oder ein kleiner Block als Logbuch, ein Stift, mitunter auch eine kleine Überraschung – das war’s. Dennoch: Alexander Wratolis und Michael Schaake, beide 39 Jahre alt, aus Bad Pyrmont sind dem Geocaching verfallen. „Weil man an Orte kommt, die man sonst nicht kennenlernen würde“, erklärt Wratolis. Und weil das „Dosenfischen“ einen kleinen Nervenkitzel bringe. Gefundene Caches darf der Finder im Internet „loggen“. 320 Mal hat Schaake das schon getan, Wratolis kommt sogar auf 737. Die Zahlen haben sie im Kopf, so wie Läufer ihre Bestzeiten im Kopf haben. Die einen oder anderen Caches haben sie auch schon selbst gelegt. „Ich gehe nicht gerne spazieren“, sagt Schaake, „wenn ich ein Ziel habe aber schon.“ Geocaching überlistet zur Bewegung an frischer Luft.

Jüngst war der Bückeberg im Schaumburger Land Schauplatz einer offenen Geocaching-Meisterschaft, zu der Teams aus ganz Deutschland angetreten sind. Mit kniffligen Aufgaben, die an verschiedenen Stationen im Wald zu lösen waren, um die Koordinten des nächsten Schatzes herauszufinden, rätselten sich knapp 100 Geocacher gewissermaßen von Baum zu Baum. Im Kreisforstamt Spießingshol hatte man sich auf den Ansturm an Geocachern vorbereitet. Zur Geocaching-Meisterschaft hat die Revierförsterei ein Merkblatt herausgegeben – der Titel: „Geocaching – im Einklang mit der Natur“ herausgegeben. Hinweise auf die Brutzeit der Vögel, Rauchverbote, geschützte Tier- und Pflanzenarten – neben Spaziergängern, Wanderern und Mountainbikefahrern zählen die Geocacher nun auch zu anerkannten Waldbesuchern.

Olaf Müller ist einer der Organisatoren der groß angelegten Schatzsuche am Bückeberg. Der 40-Jährige aus Neustadt am Rübenberge hat über das Internet 18 Teams zu je fünf Geocachern zusammengetrommelt. Diese offenen Meisterschaften haben vor zehn Jahren in Berlin begonnen, seither werden sie jährlich an unterschiedlichen Landstrichen ausgetragen. Es geht um einen Wanderpokal.

Für Müller klingt die Bezeichnung des Geocachings als Schnitzeljagd „irgendwie abgenutzt“. „Das ist viel mehr“, meint er. Er schätzt den Facettenreichtum. Mittlerweile bräuchten Geocacher nicht einmal mehr ein spezielles Ortungsgerät, oftmals seien die Schatzsuchen mit einem gewöhnlichen Smartphone machbar. Ortungs-Apps machen’s möglich. Das ist auch ein Grund, warum die Fangemeide immer weiter wächst.

Dennoch: Wer sich wirklich auf das Geocaching einlässt, kann zum Ausrüstungs-Fanatiker werden: Ein GPS-Gerät – robuster und akkustärker als das Smartphone – kostet in der simplen Variante gut 100 Euro. Wer möchte, kann aber auch 1000 Euro investieren. Dann wäre da noch die Ausstattung für alle möglichen Gegebenheiten. Caches können sich in Bäumen oder Schluchten verstecken, also hilft eine Kletterausrüstung. Vielleicht auch unter Wasser, Tauchausrüstungen sind also auch nicht fehl am Platz. Hinzu kommen Kleinigkeiten wie Spiegel und Magnete, um wirklich jede Dose in jedem Winkel zu entdecken. Wratolis und Schaake reichen zumeist Gummistiefel und Wathose. Vielleicht noch eine Leiter für kleine Kletterpartien. Und natürlich eine Taschenlampe für dunkle Höhlen oder das Spezialvergnügen Nachtcaching – dabei weisen winzige reflektierende Nadeln den Weg durch den Wald.

Mitunter enthalten die Caches auch „Trackables“ oder „Reisende“: kleine Figuren, die von Cache zu Cache transportiert werden. Ihr Weg lässt sich im Internet nachverfolgen. Mancher schafft es von Neuseeland in unsere Breiten. „Ich kann ihm aber auch die Botschaft mitgeben: Ich will nach Mallorca und sehen, ob es klappt“, erklärt Schaake.

Es ist ein „Spiel für große Jungs“ (oder eben auch große Mädchen), wie die beiden 39-jährigen Pyrmonter zugeben. Ein Hauch von „Fünf Freunde“ oder „Die drei ???“ umweht die GPS-Schnitzeljagd. Zum Beispiel dann, wenn an verschieden Caches Rätsel gelöst werden müssen, um an die Koordinaten des großen finalen Cache zu gelangen. „Die Faszination besteht darin, mitunter auch filigrane Aufgaben zu lösen, um einen Schatz zu finden“, sagt auch Olaf Müller Bei den zehn Stationen des „Rattenfänger-Caches“ in Hameln sei das zum Beispiel so, berichten Michael Schaake und Alexander Wratolis. Oder beim achtteiligen „Harry-Potter-Cache“ in Bodenwerder. „Der war klasse: Über schmale Pfade mit einem tollen Ausblick“, erzählt Schaake. Zwangsläufig ziehen die Geocacher bei ihren Ausflügen immer weitere Kreise. Irgendwann ist schließlich jede Region abgegrast. Obwohl: „Es kommen ja immer mal wieder neue Caches hinzu“, sagt Schaake.

Die GPS-Schatzsuche ist gewiss kein Kinderkram. Es ist eine Angelegenheit für Naturfreunde und Technikbegeisterte. Wer glaubt, die Geocacher seien besonders jung, weil gut im Internet vernetzt und begeistert von moderner Technik, der irrt. Auch Olaf Müller findet keine wirkliche Erklärung: „Es ist erstaunlich, aber die meisten Geocacher sind zwischen 35 und 50 Jahren alt“, sagt er. Ein paar seien jünger, ein paar älter – „aber ganz offenbar fühlt sich diese Altersgruppe ganz besonders vom Geocaching angesprochen“.

Infos im Internet: www.geocaching.com – das wichtigste Portal zum Thema weltweit; www.opencaching.de; www.geocaching. de – die deutsche Informationsseite.

Es ist eine Schnitzeljagd für Erwachsene und ganze Familien: Geocaching. Mit dem GPS-Gerät gehen die Cacher auf Schatzsuche – im Weserbergland und der ganzen Welt. Am Bückeberg wurde kürzlich eine Meisterschaft ausgetragen. Wanderer und Mountainbiker sind nicht mehr alleine im Wald ...

Eine Taschenlampe für dunkle Höhlen und Nachteinsätze



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