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Wilhelm-Raabe-Rektor redet Tacheles: „Oberbürgermeister legt seine eigene Penne in Schutt und Asche“

Die gute alte Zeit

Die Nachricht traf die Schule und Schüler hart: Die Wilhelm-Raabe-Schule am Standort Lohstraße soll im nächsten Jahr geschlossen werden. Nach den Vorstellungen der Politik könnte hier die Technische Akademie einziehen, die expandieren möchte. Damit geht ein Stück Hamelner Schulgeschichte zu Einde.

veröffentlicht am 04.03.2016 um 07:17 Uhr
aktualisiert am 31.03.2016 um 13:44 Uhr

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Autor:

ChrisTA Koch

Im Jahre 1913 war die sogenannte Mittelschule in Hameln bereits 40 Jahre alt. 1873 zunächst als neuer Schultyp geschaffen, zwischen Volksschule und Gymnasium angesiedelt, der zwar eine höhere Bildung vermitteln, nicht aber zu Abitur und Studienreife führen sollte. Diese Schule wurde eingerichtet für die Kinder des gut situierten Handwerks, des kleinen Kaufmanns, des wohlhabenden Landwirts und des subalternen Beamten. Zum Lehrplan gehörte bereits damals Englisch als Pflicht- und Französisch als Wahlangebot.

Seinerzeit mussten sich die Kinder ein wenig beim Lernen beeilen: Die ganze Schulzeit umfasste acht Jahre, davon fünf in der neuen Mittelschule. Bis zur Pubertät wurden die Kinder gemischt unterrichtet, dann aber ab Klasse 6 strikt in Jungen- und Mädchenklassen getrennt. Die neue Mittelschule bezog zunächst das neue Schulhaus am Ostertor, die kleinen Klassen wurden in das Gymnasialgebäude an der Münsterkirche ausgegliedert. Kurze Zeit später wurde das neue Schulgebäude an der Papenstraße eingeweiht und bot auch Teilen der Mittelschule Platz. Ab 1890 befanden sich einzelne Klassen in der katholischen Schule in der Wilhelmstraße. Schließlich wurde das alte Gymnasium am Münster frei und konnte die Mittelschule aufnehmen.

Dieses Wirrwarr an unterschiedlichen „Beschulungsstätten“ führte im Jahr 1911 zur Beschlussfassung über den Bau eines neuen Schulgebäudes an der Lohstraße. Die königliche Regierung in Hannover schaffte es, einen Tag vor Heiligabend des Jahres 1911 das ehrgeizige Projekt zu genehmigen, sodass bereits im Januar 1912 mit dem Bau begonnen werden konnte.

Die Zahlen sprechen für sich: Auf einer Grundfläche von 1500 Quadratmetern entstanden 21 Klassenräume für 1000 Schüler, eine Aula mit Galerie und seinerzeit 700 Sitzplätzen, ein Physik-Raum, ein Handarbeitsraum, ein Gesangsraum, ein Zeichensaal, eine Bibliothek und ein Lehrmittelzimmer. Für das Personal gab es außerdem ein Rektorzimmer mit Vorzimmer sowie ein spezielles Zimmer für Lehrerinnen. Auch für den Hausmeister war ein Raum reserviert. Im Keller befand sich darüber hinaus ein „Brausebad“ mit Ankleideraum.

Am 30. Juli 1913 trafen sich die geladenen Gäste zur Einweihungszeremonie. Seit jenem Tage ist das Gebäude an der Lohstraße (mit Unterbrechungen während der Zeit von 1939 bis 1945) Bildungsstätte in Hameln, zunächst bis zur achten Klasse, ab 1915 dann mit einer zusätzlichen neunten, die, allerdings nicht für Mädchen, angeboten wurde. Die Schule war bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts schulgeldpflichtig, und so manche Mutter musste sich abrackern, um durch die Übernahme von Putzstellen das Schulgeld zu erwirtschaften.

In den 50er Jahren stiegen auch die Schülerzahlen erheblich an. Das führte schließlich zur Einrichtung einer zweiten Mittelschule im gleichen Gebäude – zur Mittelschule A und zur Mittelschule B (später Wilhelm-Raabe-Schule und Sertürner-Realschule). Wie in den ersten Jahren mussten auch damals einzelne Klassen ausgelagert werden. Sie fanden Platz in der neu eingerichteten Schule in der Königstraße, heute zweiter Standort der Wilhelm-Raabe-Schule.

Über viele Jahrzehnte haben Absolventen der Schule in Verwaltung, Handel und Gewerbe das Wirtschaftsleben Hamelns mitgeprägt. Es war seinerzeit durchaus üblich, mit mittlerer Reife und Berufsausbildung eine leitende Tätigkeit in mittelständischen Firmen einnehmen zu können. Rektor Werner Schmidt: „Im Prinzip wäre es nicht falsch, zu behaupten, dass die Mittelschulen in den 50er und 60er Jahren die Basis des damaligen Wirtschaftswunders geschaffen haben.“ Zu den früheren Absolventen gehören übrigens Klaus Arnold, Ex-Chef der Stadtwerke, Bürgermeisterin Ursula Wehrmann und – man höre und staune – auch Oberbürgermeister Claudio Griese, der erst nach Klasse 10 aufs Gymnasium wechselte.

Inzwischen ist die klassische Mittelschule in eine Oberschule neuer Prägung übergegangen. Die enorme Steigerung der Zugangsquoten zu den Gymnasien und die stetig weiter gesunkene Nachfrage nach dem Hauptschulbereich lassen keinen Raum mehr für getrennte Haupt- und Realschulen. Schmidt anlässlich des 100-jährigen Jubiläums vor etwas mehr als drei Jahren: „Wir sind zuversichtlich, als Wilhelm-Raabe-Schule neuen Typs, nämlich als Oberschule, das Erbe der Realschule sachgerecht weiterführen zu können. Dazu gehört für uns vor allem die Pflege des bisherigen kulturellen Schaffens dieser Schule insbesondere im Bereich der Musik.“

Der Optimismus von damals ist inzwischen einer gewissen Verbitterung gewichen, die Schmidt, wenn auch mit einem Augenzwinkern, in drastische Worte kleidet: „Der Oberbürgermeister legt seine eigene Penne in Schutt und Asche!“ Dieses Fiasko muss der Rektor übrigens nicht mehr mit ansehen: Im Juni geht Werner Schmidt in den Ruhestand.



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