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„Ach, wie süß“: Begeisterung für Säuglinge liegt nicht allein am eigenen Kinderwunsch / Ein anderer Erklärungsversuch

Die Großmutter-Hypothese

In letzter Zeit geht etwas mit mir vor. Es hat mit Babys zu tun. Wo auch immer so ein kleines Wesen aus einem Kinderwagen lugt oder vom Schoß seiner Eltern aus in die Runde blickt, ich nehme Kontakt mit ihm auf. Kein Kindchen auf dem Arm seiner Mutter, in der Karre an der Supermarktkasse, auf dem Babystuhl im Café entgeht meinem Versuch, es zum Lachen zu bringen, und nur mit Mühe kann ich mich beherrschen, unbekannte Babys zu streicheln oder gar, sie einfach auf den Arm zu nehmen. Frauen um die 30 kennen das und interpretieren es als Zeichen, dass es Zeit wird, endlich für eigenen Nachwuchs zu sorgen. Aber ich mit meinen über 50 Jahren?

veröffentlicht am 25.11.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2017 um 12:01 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Woran liegt diese neue Begeisterung für Babys? Wieso erfasst mich ein Gefühl großer Rührung, wenn ich mir Bilder Neugeborener ansehe?

Neulich entdeckte ich das YouTube-Video von einem zwei Wochen alten Zwillingspaar, das gebadet wurde und dabei eng umschlungen aneinanderhing. Nicht nur einmal guckte ich es an, sondern gleich dreimal, und suchte daraufhin weitere Babyvideos. Das ist wirklich nicht normal. Aber nicht nur mir geht es so: Das Video der Zwillinge wurde im Internet Tausende Male angeklickt.

Kinderwunsch?

Aus dem Alter bin ich eigentlich raus

Ich habe keinen weiteren Kinderwunsch, ganz abgesehen davon, dass ich aus dem Alter wirklich raus bin. Oder ist es etwa ein…Enkelwunsch?

Vielleicht gibt es ja so etwas. Es könnte doch sein, dass ältere Frauen genau diese Aufgabe haben, nämlich irgendwie dafür zu sorgen, dass ihre Kinder ihrerseits Kinder bekommen? Mein eigener Sohn zwar, der mitten in der Ausbildung steht, er möge, bitte, bitte, noch damit warten. Aber da ist ja noch meine Stieftochter, etwas über 30 Jahre alt und bisher noch kinderlos. Höre ich vielleicht stellvertretend für sie die biologische Uhr ticken?

„Bist Du verrückt?“, sagt sie. „Mir reicht es schon, dass meine Mutter mich ständig damit bekniet, wann und wie ich endlich Nachwuchs erzeuge. Ständig zeigt sie mir irgendwelche süßen kleinen Babys. Fang bloß nicht auch Du noch damit an!“ Aha – anderen geht es also ähnlich.

Ich frage im Freundinnenkreis herum. Damit komme ich allerdings zunächst nicht weit. Fast alle haben Kinder, die noch viel zu jung sind, als dass man bei ihnen an Elternschaft denken würde. Dann fällt mir Karin ein. Sie ist 60 Jahre alt und hat eine 30-jährige, bisher kinderlose Tochter. Meine Frage, ob vielleicht auch sie so ein „Zukünftige-Großmutter-Gefühl“ entwickelt hat und sich, wie zur Vorbereitung, zu Babys besonders hingezogen fühlt, quittiert sie mit einem Lachen: „Ich fand und finde Babys immer entzückend“, sagt sie. „Ich hätte auch nichts dagegen, Großmutter zu werden. Aber ganz gewiss ist es nicht meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich Enkelkinder bekomme. Enkelkinder wären ein Geschenk, nichts, was man einfordern könnte.“

Ein bisschen nachdenklich aber wird sie schon. Vor Kurzem sprach ihre Tochter davon, dass sie sich erstmals wirklich vorstellen kann, ein Baby zu bekommen. „Als ich das hörte“, sagt Karin, „überlegte ich sehr, was das für mich bedeuten würde. Wie wunderbar es wäre, auch die Lebensphase als Großmutter ausleben zu können. Ich werde alt. Ich kann nicht mehr, aber ich muss auch nicht mehr meine Schönheit einsetzen, um von Männern umworben zu werden. Und die Zeit der Mutterverantwortung liegt auch schon lange hinter mir. Eine liebe Oma zu sein, die ab und zu ihr Enkelkind betüddelt, ach, es hätte wirklich was.“ Dann macht sie eine Pause und sagt entschieden: „Aber nein: Ich werde meine Tochter nicht beeinflussen, das steht mir einfach nicht zu.“

Auch ich will ja niemanden beeinflussen. Ich habe eher das Gefühl, von außen beeinflusst zu werden. Im Internet suche ich unter dem Stichwort „Großmutter-Gen“ herum, doch das scheint kein feststehender Begriff zu sein. Der Ausdruck kommt fast nur in einigen Kommentaren auf Frauenseiten vor, wo sich junge Mütter über Schwieger- oder eigene Mütter unterhalten, die sich zu viel in die Erziehung ihrer Enkel einmischen.

Eine schreibt davon, dass die Großmutter ihres Babys sich so sehr einbezog in die Schwangerschaft, dass sie nach der Geburt tatsächlich selbst wieder Milch bildete, als sei sie es, die das Kind stillen würde.

Beim Herumlesen stoße ich dann auf einen anderen Begriff, den der „Großmutter-Hypothese“. Dabei geht es um die Frage, warum Menschenfrauen auch nach der Menopause noch lange weiterleben, anders als fast alle Säugetiere, die bis zu ihrem Lebensende zeugungsfähig bleiben, einzig abgesehen von Elefantendamen, von Walweibchen und manchmal Schimpansinnen in der Gefangenschaft. In den Augen der Wissenschaft ist das jahrzehntelange Weiterleben ohne Mutterschaft eines der größten Rätsel der Evolution.

Manche Wissenschaftler meinen, die sexuelle Vorliebe der Männer für jüngere Partnerinnen habe dazu geführt, dass es für die natürliche Selektion unerheblich gewesen sei, ob Frauen über 40 noch Kinder bekommen können oder nicht. Andere vertreten die These, die frühe Menopause sei eine rein kulturelle Entwicklung: Frauen würden heutzutage eben älter, als es die Natur ursprünglich vorgesehen habe. Dritte, darunter erstmals die amerikanische Anthropologin Kristen Hawkes, argumentieren aufgrund von statistischen Untersuchungen dafür, dass Großmütter, weil sie ihre Töchter beim Großziehen der Enkel unterstützen, damit den eigenen Nachwuchs maximieren.

Es wird Zeit,

mich mal an meine Mutter zu wenden

Es wird Zeit, mich mal an meine Mutter zu wenden. Sie hat sechs Kinder in die Welt gesetzt. Was kann sie zum Thema beisteuern? Nun – sie staunt. „Großmutter-Hypothese? So ein Unsinn!“, sagt sie. „Es ist doch ganz klar, warum Frauen nicht sterben, sobald sie die Menopause hinter sich haben. Auch wenn sie gar nicht Großmutter werden, tragen sie doch meistens fast zwei Jahrzehnte nach der letzten Geburt noch die Verantwortung für ihre Kinder, ohne dass es sinnvoll wäre, in dieser Zeit erneut schwanger zu werden.“ Und, na ja, natürlich, auch die Sorge um die Enkelkinder spiele wohl eine wichtige Rolle. „Wo eine Großmutter hilft, die Kleinen zu betreuen, ist es sicher leichter, sich für ein weiteres Kind zu entscheiden. Aber braucht man für diese Erkenntnis nun groß die Wissenschaft?“

Sie selbst sei ja gar nicht wild darauf gewesen, Großmutter zu werden. Das Gefühl für diese neue Aufgabe habe sich erst eingestellt, als die Enkelkinder schon auf der Welt waren. Sie könne sich nicht daran erinnern, schon zuvor auf ungewöhnliche Weise von Babys fasziniert gewesen zu sein. „Die meisten Menschen mögen doch Babys“, meint sie. „Allein schon das Kindchenschema macht es ja geradezu unmöglich, sich dem zu entziehen.“

Ist es also nur eine Einbildung meinerseits, dieser Eindruck, dass Babys und Kleinkinder mehr denn je mein Herz berühren können? Fast bin ich geneigt, es so zu sehen, bis ich mit meiner Schwägerin spreche, die Oma zweier Enkelkinder ist. „Weißt Du, mir ging es nicht viel anders als Dir“, sagt sie. „Schon in den Jahren, bevor ich Großmutter wurde, fiel mir auf, dass ich mich nach kleinen Kindern umsah, nicht nur, wenn sie lachten, mehr vielleicht noch, wenn sie weinten oder mir hilflos vorkamen. Ich dachte dabei nicht an eigene Enkelkinder, auch nicht daran, wie es wäre, selbst noch einmal ein Kind zu bekommen. Es war – und ist es oft immer noch – eher so ein Gefühl der Wehmut.“

Sobald meine Schwägerin dieses Wort aussprach – „Wehmut“ –, wusste ich, was sie meinte. „Was erwartet diese Babys, die so naiv und unschuldig in die Welt blicken?“, sagt sie weiter. „Diese kleinen Würmchen, hoffentlich kommen sie halbwegs unbeschadet durch das Leben – so sind meine Gedanken.“ Sie wisse ja nun als reife Frau mit langer Erfahrung, wie viel schwere Dinge man durchzustehen habe, wie viel Glück dazugehöre, seine Lebenszeit heil zu überstehen, sich zu dem entwickeln zu können, was in einem steckt. „Ich entwickle einen Beschützerinstinkt und möchte weitergeben, was ich gelernt habe, auch eigene Fehler wieder gutmachen. Vergangene Zeiten stehen mir vor Augen, und auch der Gedanke, dass ich nicht mehr erfahren werde, was aus den kleinen Babys mal werden wird.“ Wehmut also, aus einer Art Altersweisheit heraus, das könnte der Schlüssel sein für meine neu aufgeflammte Baby-Hingezogenheit. Diese These leuchtet mir sehr ein. Zugleich aber würde ich am liebsten sofort meine Stieftochter anrufen und ihr befehlen: „Bekomme ein Kind! Sofort!“

Aber ich tue es natürlich nicht. Wobei ich an die Worte meiner Freundin Karin denke, dass Enkelkinder nichts sind, was man fordern dürfe, sondern ein Geschenk, welches man dann mit aller Kraft und Liebe würdigen soll.

Die Kinder sind groß und schon aus dem Haus. Für Mütter beginnt dann nicht selten ein neuer Lebensabschnitt. Und trotzdem: In unserer Autorin (53) geht etwas Seltsames, zugleich Vertrautes und doch etwas Befremdliches, vor. Es hat mit Babys zu tun.

Babys haben eine besondere Anziehungskraft – und sie werden angehimmelt. Von Großmüttern werden Enkelkinder oft als Geschenk angesehen, dem man sich mit aller Liebe widmet.Fotolia



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