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Die Geschichte des „verbotenen Dorfs“

Fünfundsechzig Jahre ist es her, dass in Bad Nenndorf das „verbotene Dorf“ aufgelöst wurde, das berüchtigte Internierungslager, welches der britische Geheimdienst unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mitten im Zentrum der kleinen Kurstadt eingerichtet hatte. Ehemalige Nazigrößen und wenig später auch Menschen, die man verdächtigte, Spione der Sowjetunion zu sein, sollten dort verhört werden. Unter Hinweis auf die Grausamkeiten einer Siegerjustiz, denen die Häftlinge seitens der britischen Lagerleitung ausgesetzt gewesen seien, ist das Wincklerbad seit dem Jahr 2006 Aufmarschziel für Neonazis aus ganz Deutschland, die dort jährlich einen „Trauermarsch“ veranstalten, nachdem 2005 erstmals die Informationen über die Hintergründe des Verhörzentrums von der britischen Regierung freigegeben wurden.

veröffentlicht am 29.03.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Cornelia Kurth

Steffen Holz, Regionssekretär des deutschen Gewerkschaftsbundes Region Niedersachsen-Mitte, und sein Kollege Utz Anhalt, veröffentlichten im letzten Jahr eine Studie über das „verbotene Dorf“, indem sie ausleuchteten, was damals geschah und wie es so weit kommen konnte, dass Neonazis diesen Ort für sich vereinnahmen. „Die Rechtsradikalen sehen hier erneut die Chance, historische Ereignisse in ihrem Sinn umzuwerten“, so Holz, der kürzlich im Rintelner Museum Eulenburg einen Vortrag zum Thema hielt. „Dazu nutzen sie Mythen, Legenden und Denkmuster aus, die seit der frühen Nachkriegszeit und bis heute zur Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen dienen.“

Tatsache ist: Im Wincklerbad war ein Gefängnis, ja ein Lager entstanden, in dem eine brutale Lagerleitung unkontrolliert ein System des Schreckens unter den insgesamt etwa 400 Gefangenen einrichten konnte, dem mindestens drei Menschenleben zum Opfer fielen, vermutlich aber noch viele mehr. Hunger, Folter und Schlafentzug ließen die Häftlinge bis auf die Knochen abmagern und machten sie zu psychischen Wracks. Das alles geschah mehr oder weniger unbeobachtet in einem 250 000 Quadratmeter großen Areal mitten in der Stadt, das die britische Armee hermetisch abriegelte. Dafür beschlagnahmte sie 106 Gebäude, darunter Badehäuser und Funktionsbauten, aber auch Wohnhäuser, in denen bis dahin 700 Bad Nenndorfer und um die 1300 Flüchtlinge gewohnt hatten.

Der Sinn des Lagers bestand zunächst darin, ehemalige Nazifunktionäre einerseits erst mal aus dem Verkehr zu ziehen, damit sie die Demokratisierung Deutschlands nicht torpedieren, sie andererseits zu verhören, um den internen Kommunikationswegen und damit unter anderem Kriegsverbrechen auf die Spur zu kommen, die dann auch während der Nürnberger Prozesse verhandelt werden würden. Interniert war zum Beispiel Oswald Pohl, der als „Himmlers graue Eminenz“ galt, einer der maßgeblich Verantwortlichen für die Räumung des Warschauer Ghettos und für die „wirtschaftliche Nutzung“ der Konzentrationslager, angefangen bei der Ausbeutung von Arbeitskraft bis hin zur Verwertung von Zahngold und Haaren der Ermordeten. Auch die Pilotin Hanna Reitsch, der Diplomat Carl Werner Dankwort, Hitlers Pressechef Otto Dietrich, Propagandaleiter Kurt Parbel und Hitlers Adjutant Nicolaus von Below gehörten zu den hochrangigen Häftlingen.

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  • Das Sanatorium des Wincklerbads am 14. Dezember 1947, fünf Monate nach Schließung des Internierungslagers noch hinter Stacheldraht. Foto: Herbert Frühling

Schon ab 1946 aber wurden auch Menschen interniert, die mit den Nazis nichts zu tun hatten, sondern die aus der sowjetisch besetzten Zone kamen und nun verdächtig waren, als kommunistische Spitzel und Geheimdienstler zu agieren. Offensichtlich gab es britische Offiziere und Angehörige des Geheimdienstes, die von einem bevorstehenden Dritten Weltkrieg ausgingen, mit dem ehemals verbündeten Stalin als Gegner. Vollkommen Unschuldige wurden gequält, darunter zum Beispiel Franz Österreicher, der mit gefälschten Papieren aus der Sowjetzone kommend aufgegriffen worden war. Er hatte seinen Liebhaber im Westen besuchen wollen, wurde für einen russischen Spion gehalten und starb an den Misshandlungen im Internierungslager. „Hier kam eine politische Paranoia ins Spiel, die nichts mehr mit dem Aufbau einer Demokratie zu tun hatte“, so Steffen Holz. „Weil die Sowjetunion nichts von diesen Verhören erfahren sollte, wurde es auch so schwierig, die Geschichte des Wincklerbads aufzubereiten.“

Was er allerdings betont und was sich bei den Recherchen für das Buch „Das verbotene Dorf. Das Verhörzentrum Wincklerbad der britischen Besatzungsmacht in Bad Nenndorf 1945 bis 1947“ auch eindeutig herausstellte: Die Misshandlungen, denen die Gefangenen in Bad Nenndorf ausgesetzt waren, geschahen weder auf Befehl oder mit Duldung der britischen Regierung in London oder der Militärregierung in der britischen Zone.

In dem Moment, wo doch nach außen drang, was innerhalb des „verbotenen Dorfes“ geschah, wurden Untersuchungen eingeleitet und man veranlasste die sofortige Schließung des Lagers. Es waren schwer kranke Inhaftierte, die man aus Bad Nenndorf in die Militärkrankenhäuser anderer britischer Internierungslager überstellt hatte, durch deren Berichte schließlich das britische Parlament informiert werden konnte.

Diese Zusammenhänge aufzudecken, darin sahen Steffen Holz und sein Mitautor Utz Anhalt ihre wichtigste Aufgabe. „Die Neonazis, die heute zum ,Trauermarsch‘ in Bad Nenndorf aufrufen, behaupten, das Wincklerbad sei nichts anderes gewesen als genau die Art von Konzentrationslager, wie sie die Nationalsozialisten eingerichtet hatten. Ihnen geht es darum, die Besatzungsmächte auf dieselbe Ebene zu stellen wie das Naziregime, und ihnen im Nachhinein das Recht abzusprechen, als Richter etwa in den Nürnberger Prozessen über Nazi-Verbrecher Recht zu sprechen.“ Ähnlich geschichtsklitternd hatte bereits ein anonymer Autor der Illustrierten „Quick“ im Jahr 1952 über das Bad Nenndorfer Verhörzentrum geschrieben, und damit durchaus breite Leserschaften erreicht.

Man vermutet, dass der Journalist niemand anders war, als einer der damals im Wincklerbad Internierten, nämlich Horst Mahnke, unter Hitler einer der führenden NS-Ideologen, der später Redakteur und Ressortleiter vom „Spiegel“ wurde und diese Stellung auch weiterhin ausnutzte, um auf fatale Weise die Verbrechen der Nazi mit denen der Alliierten gleichzusetzen. „Hätte es nicht kontinuierlich ähnliche Verleugnungen und Verdrängungen gegeben, dann würde es wohl kaum eine so breite Neonazi-Szene in Deutschland geben, die mit den immer gleichen Argumenten die faschistischen Vernichtungsstrategien verharmlosen“, so Holz.

In ihrem Buch veröffentlichen die Autoren ein Interview mit dem Gewaltforscher Klaus Theweleit, das sich um die Rolle von Geheimdiensten und Militärorganisationen innerhalb demokratischer Staaten dreht. Theweleit geht davon aus, dass auch heutige westliche Staaten kein Interesse daran haben, Foltermethoden ihrer Geheimdienste zu unterbinden. Nicht umsonst ließen sie in ihren Gefängnissen keine Vertreter von Menschenrechtsorganisationen zu. Solange demokratische Regierungen meinten, die „besonderen Tätigkeiten“ von Sondereinheiten und Geheimdiensten zu brauchen, ähnlich, wie es damals in Bad Nenndorf der britische Geheimdienst für nötig hielt, würden solche Misshandlungen weiter stattfinden.

Der Lagerkommandeur des „verbotenen Dorfs“, Robin Stephens, war britischer Geheimdienstmitarbeiter. Seine Methoden hätten noch heute, so Holz, einen Vorbildcharakter in Geheimdiensten. Obwohl Stephens selbst auf Psychoterror unter anderem durch Schlafentzug setzte und körperliche Folter ablehnte, weil sie zu Falschaussagen führen würde, ließ er der Lageraufsicht freie Hand, um die Gefangenen auch körperlich zu zermürben. Schläge und Tritte, Isolationshaft, Übergießen mit kaltem Wasser bei Minusgraden, Nahrungsentzug, unzureichende Kleidung, all das seien Vorgehensweisen, wie sie in jedem unkontrollierten Internierungslager der Welt zum Einsatz kommen.

Dass die verbrecherischen Handlungen im Wincklerbad im Jahr 1948 zwar zu einer Gerichtsverhandlung führten, von den Angeklagten aber nur der Lagerarzt wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt wurde, habe ebenfalls mit dem Geheimdienstcharakter des Verhörzentrums zu tun. Da nicht nach außen dringen sollte, dass es neben den Verhören der alten Nazis um Erkenntnisse über sowjetische Kriegspläne ging, besäßen nun Neonazis einen allerdings höchst zweifelhaften Aufhänger für ihren Geschichtsrevisionismus, so sehen es die Buchautoren.

Was die Naziszene unterschlage: Nicht nur seien die vier ehemaligen Häftlinge aus Bad Nenndorf, zu deren angeblichem Gedenken die „Trauermärsche“ organisiert werden, als „Kommunisten“ verhaftete Gefangene (die beiden Todesopfer Franz Österreicher und Walter Bergmann, dazu Heinz Biedermann und Gerhard Menzel, von denen Fotografien existieren); der Skandal um die Verbrechen auch an potenziellen Kriegsverbrechern sei von kritischen Journalisten und anderen Engagierten unter den Briten an die Öffentlichkeit getragen und von staatlichen Organen angeprangert worden. Damit entfalle die eigentliche Begründung für die Neonazi-Demonstrationen: Dass man im Wincklerbad Opfer einer Siegerjustiz zu betrauern hätte.

Seit 2006 lockt das 1945 zum Internierungslager der Briten umfunktionierte Wincklerbad alljährlich Neonazis nach Bad Nenndorf – um die „Opfer der Siegerjustiz“ zu „betrauern“. Die Autoren Steffen Holz und Utz Anhalt zeigen in einer Studie jedoch, dass das Lager nicht mit den KZ der Nazis gleichzusetzen ist.



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