weather-image
22°

Die Gegenströmung zur Massenproduktion

Die Hörnchen nach oben gespitzt, sieht es aus wie ein putzig-gepunktetes Stierköpfchen, doch richtig ist’s eigentlich andersherum, erklärt Tanja Steilen: Aha, die „Hörnchen“ also nach unten gedreht. Und siehe da: eine Rakete, die es in sich hat. Mit Knisterfolie gefüllt, gibt das vermeintliche Stofftierchen ein Fühl- und-Hör-Spielzeug für Babys ab. Und es ist nicht das einzige Modell, das aus dem Rahmen fällt und das es so nirgendwo anders zu kaufen gibt. Vom Schnullerband aus Baumwollstoff, vom bunten Rucksack über die weiche Kräuterente, von der niedlichen Zwergen-Mütze, der bunten Pixi-Buch-Hülle bis hin zu Geldbörsen, Kosmetiktaschen und Damenröcken in allen Farben und Mustern: „Alles Unikate“, sagen Tanja Steilen und Ines Steinhauer. Selbst genäht, versteht sich. Nicht „made-in-China-oder-sonstwo“, sondern bei „Fräulein Pritzi & die Zwerge“.

veröffentlicht am 29.08.2011 um 00:00 Uhr

Kein angestaubtes Hobby: die begeisterten Handarbeiterinnen Melanie Propfen, Ines Steinhauer und und Tanja Steilen (v.li.).  Fot

Autor:

Alda Maria Grüter

Das ist der Name, den die Freundinnen und Geschäftspartnerinnen ihren Produkten und dem Laden gegeben haben, in dem sie ihre Handarbeiten verkaufen. Auch im Internet bringen sie die Sachen über die gleichnamige Seite an den Mann. Oder vielmehr: an die Frau. Denn so gut wie alle Kunden, die bei „Fräulein Pritzi & die Zwerge“ und anderen Handarbeits-Shops einkaufen, sind weiblich. Wie übrigens das Gros der Handarbeiter selbst. „Typisch Frau?“, das Faible fürs Nähen, Stricken und Häkeln, Filzen und Klöppeln? Irgendwie ja, immer noch. Nur ohne das Image des Heimchens am Herd, und als seidenmalende Muttis auf Selbstverwirklichungstrip können sie auch nicht mehr abgetan werden. Die Artikel der neuen Kreativen, sie ordnen sich vielmehr der Sparte „Design“ zu, haben mit Kirchenbasar-Kitsch oder gängigem Einheits-Look nichts gemein.

„Immer mehr Leute haben Massenproduktionswaren einfach satt, suchen das Originelle“, erklärt Tanja Steilen den Trend zurück zur Handarbeits-Tradition. Für sich und die Familie zu nähen und zu filzen, dann auch mal für Freunde, Bekannte, Nachbarn, Arbeitskollegen – so fing es bei Melanie Propfen an. „Handarbeit ist ein toller Ausgleich zum Beruf und macht unheimlich Spaß“, sagt die 30-Jährige aus Hameln. Beliebt sind „Pfötchens“ Filz-Puschen und Pummel-Mützen aus Wolle. Ein besonders schönes Exemplar wegzugeben, falle ihr manchmal schon ein wenig schwer, gibt sie zu. Zwar sei der Kreativ-Job kein lukratives Geschäft, von dem der Lebensunterhalt bestritten werden könne, aber „die Nachfrage nach Designer-Stücken ist enorm, und mittlerweile auch das Interesse, das Nähen zu lernen“, stellen Tanja Steilen und Ines Steinhauer fest. Die Nähkurse, die sie anbieten, seien schnell ausgebucht. Ob in der Stadtbücherei, im Buchhandel oder im Internet, wo es unter anderem auf der Videoplattform Youtube nur so wimmelt von Kurzlehrgängen, die angehenden Strickerinnen den Kreuzanschlag mit doppeltem Faden und das Patentmuster erklären: Eine Flut von Anleitungen stillt den Durst nach handgemachter Individualität. Das war nicht immer so. Beispielsweise farbenfrohes Nähzubehör, „das gab es vor 2005 nur im Nachbarland Holland zu kaufen“, beschreibt das Online-Geschäft „Pollehn & Pollehn farbenmix“ die frühere Situation. Und reagierte: 2004 gegründet, ist das Mutter-Tochter-Unternehmen mit Standorten in Schortens und Wilhelmshaven und derzeit 15 Mitarbeitern nach eigenen Aussagen eines der erfolgreichsten Anbieter von Schnittmustern, Webbändern, Designer-Stoffen und Kreativ-E-Books. Dass Handarbeit „in“ ist, zeigen auch der Boom auf Marktplätzen wie „DaWanda“ in Deutschland und das amerikanische „etsy.com. Online-Plattformen, die den globalen Hype beschleunigt haben. Über 100 000 DaWanda-Shops bieten alles, von Mode, Schmuck und Spielzeug über Graffiti-Kunst über restaurierte Möbelstücke bis hin zum Luxus-Halsband für den Vierbeiner. Dawanda selbst versteht sich „als Gegenströmung zum industrialisierten Massenkonsum und richtet sich an Menschen, die die Besonderheit von individuellen Produkten zu schätzen wissen und erfahren möchten, welche begabten Hände die neue Lieblingstasche entworfen haben“. Das ist die Masche, die Käufer wie Macher anzieht: „Sieben Millionen Visits im Monat“, heißt es aus der DaWanda-Pressestelle in Berlin. Und dass eineinhalb Millionen Produkte in limitierter Auflage und individuellem Design direkt vom Hersteller zu erwerben sind. 16 000 neue kommen pro Tag hinzu. An Ideen mangelt es also nicht.

Die hat auch Wiebke Wagener, die schon als Kind ihre Puppen bestrickt hat, jede Menge. „Zwergenliebe“ - das niedliche Logo ihrer Kreationen ist so originell wie die Produkte selbst, ob Wäscheklammer-Säckchen, Wärmflasche für den Dackelfreund oder Wappen für kleine Ritter. „Wenn Frauen früher sagten, sie nähen ihre Sachen selber, dann kamen oft die Seitenblicke: Ach Gott, die Arme, aber vielleicht hat sie auch nichts anderes zu tun… Heute heißt es: Boah - selbst gemacht? Tolles Textildesign!“, sagt die 35-jährige Hobbydesignerin, die beruflich im Kooperationsgeschäft der BHW Bausparkasse im Bereich der Vertriebspartnerbetreuung tätig ist.

2 Bilder
Fräulein Pritzi-Tasche von Tanja Steilen – auch dieses Modell fällt aus dem Rahmen des Üblichen.

Hinter „NiLas“ aus dem DaWanda-shop steckt Anke Jandas. Ob Mutterpass-Hüllen (der Renner unter den verkauften Artikeln), i-pad-Taschen oder Retro-Shoper alles aus Filz und aus Stoff. Und alles aus ihrer heimischen Nähstube in Rinteln. Täglich nach Feierabend, lässt die Teilzeit arbeitende Bankkauffrau zu Hause die Nähmaschine rattern – und übt hobbymäßig das Handwerk aus, das ihr Vater als Beruf hatte: „Als Schneider ist er natürlich besonders stolz auf meine Handarbeiten.“

Gute Karten hatte Martina Wichmann aus Rodenberg, als sie vor acht Jahren die Creativa in Dortmund besuchte: „Da kam mir die Idee, originelle Grußkarten für verschiedene Anlässe zu basteln“, sagt die 47-Jährige. „Das notwendige Material ist in unserer Gegend nicht zu bekommen, deswegen fahre ich zwei Mal im Jahr nach Holland.“ Zunächst über die „Bekannten-Schiene“, seit gut einem halben Jahr verkauft sie die Karten zusätzlich bei DaWanda unter dem Nickname „Nachtkarten“: kleine Kunstwerke aus Papier, die aussehen wie eine Handtasche, eine Torte, eine Socke oder ein Bikini-Oberteil. Apropos Oberteil: Auf die anziehende Variante aus Stoff hat sich Susanne Opderbecke spezialisiert: selbst genähte Bekleidung in Übergrößen, die sie bei ebay anbietet. Außerdem stellt die Hamelnerin Accessoires wie homöopatische Taschenapotheken und Etuis bei DaWanda unter dem Namen „susas1000schoenchen“ ein.

„Ein nettes Zubrot“, sagt die 43-Jährige zu ihrer schöpferischen Freizeitbeschäftigung. Zurzeit näht sie fleißig fürs Weihnachtsgeschäft vor, wenn es sein muss, auch mal nachts: „Ich bin halt eine kreative Eule.“ Dennoch: Auch wenn DaWanda erklärt, alle drei Minuten werde eine Tasche, alle zwei Minuten ein Schmuckstück und jede Minute etwas aus der Kategorie „Wohnen & Leben“ verkauft – sich als Kreativer zu etablieren, ist trotzdem nicht ganz so leicht, wie man annehmen mag.

Unüberschaubar groß geworden ist die Zahl von Läden, die im Netz Handgemachtes anbieten: Der kleine Händler gehe in der Masse von Anbietern unter, berichten Tanja Steilen und Ines Steinhauer aus eigener Erfahrung. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein potenzieller Käufer auf einen stößt, werde immer geringer. Ihren Online-Shop bei DaWanda haben sie daher schon nach kurzer Zeit wieder aufgegeben, auch wegen der Kosten für das Einstellen von Produkten und den fünf Prozent, die der Portalbetreiber vom Umsatz abziehe.

Tief in die Tasche greifen müsse, wer sich zusätzlich „Logenplätze“, Werbebanner auf der Startseite, sichern möchte. Wiebke Wagener, die sich Januar 2010 bei DaWanda anmeldete, hat gerade einmal vier Produkte über den Shop verkauft. Im Moment ist ihre Seite nicht aktiv. Wagener: „Ich entwerfe und verkaufe gern Sachen. Allerdings ist mir der Aspekt der Kreativität wichtiger, als Kommerz und Geld zu machen mit meinen Produkten. Der Verkauf auf persönlicher Ebene ist mir auf jeden Fall lieber.“ Gleichwohl: Auf ihrer Homepage ist ein eigener Shop in Planung, über den sie zukünftig ihre Designs anbieten will. „Da kann ich zu meinen Bedingungen präsentieren.“

Auch Tanja Steilen und Ines Steinhauer machen einen kleinen Part ihres Umsatzes über eine eigene Website – den größten Anteil aber traditionell: in einem richtigen Laden. Der werfe immerhin so viel ab, dass nach Abzug aller Kosten für die Näherinnen, die hauptberuflich als Leiterin einer Elternschule und als Büroangestellte arbeiten, sogar ein „bisschen Gewinn übrig bleibt“.

Irgendwie aber werkelt der kleine kreative Händler doch im Stillen, könne sich bestenfalls über Mundpropaganda bekannt machen, finden die Betroffenen.

Lokale Plattformen, um sich der Kundschaft vor Ort wirksam zu präsentieren, lassen sich nur schwer stricken. Während beispielsweise Hannover „sich zu einer Hochburg für Kreative“ entwickelt habe, seien Hameln und Umgebung ein schwieriges Pflaster: „Sowohl was die Präsentationsmöglichkeiten anbelangt als auch finanziell.“ Beispielsweise ein Schaufenster in einem zentral gelegenen Geschäft zur Ausstellung der handgefertigten Ware zu mieten, obwohl es in Hameln derzeit so viele Leerstände gebe, das sei für die Fräulein-Pritzi-Näherinnen ebenso unbezahlbar wie ein Stand auf dem Weihnachts- oder Kunsthandwerkermarkt.

Sticken, Stricken und Häkeln, Nähen, Filzen und Klöppeln – was lange Zeit als angestaubtes Hobby der Gemeindebasar-Tante galt, ist richtig hip. Die „hand-made“- Bewegung aus den USA hat auch das Weserbergland erreicht.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?