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Was ist dran an der WHO-Warnung?

Die Fleischfrage: Jetzt geht‘s um die Wurst

Fleisch gehört seit jeher zu den menschlichen Grundnahrungsmitteln. Nun hat die Internationale Krebsforschungsagentur davor gewarnt, dass der regelmäßige Verzehr von Wurst, Schinken und anderem verarbeiteten Fleisch das Krebsrisiko erhöhe. Die Vegetarier wollen das schon immer gewusst haben. Allerdings hat die Krebsforschungsagentur selbst eingeräumt, dass das individuelle Risiko, Darmkrebs durch Fleischkonsum zu bekommen, gering sei. Also alles nur Panikmache?

veröffentlicht am 29.10.2015 um 21:15 Uhr
aktualisiert am 19.12.2015 um 14:40 Uhr

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Morgens ein leckeres Salamibrötchen, mittags ein ordentliches Wiener Schnitzel und am Abend zur Krönung des Tages noch einen halbwegs deftigen Hühnchen-Chorizo-Salat. So oder ähnlich kann der Speiseplan von Max Mustermann aussehen. Wenn er ein Fleischesser ist. Für Vegetarier und Veganer klingt das ganz grausam, sie würden sich nicht an eine solche Tafel setzen wollen. Sie mögen oder wollen einfach kein Fleisch – oder sogar gar keine tierischen Produkte. Sie bevorzugen Gerichte wie zum Beispiel eine Hokkaido-Kürbissuppe als Vorspeise, exotisches Curry-Gemüse mit Reis zum Hauptgang und Kürbis-Pannacotta mit marinierten Mangos als Dessert. Steak oder nicht – das ist die Frage.

Schinkenhersteller

sehen Verunsicherung der Verbraucher

Umso mehr, seitdem die Warnung der Weltgesundheitsorganisation WHO vor dem Krebsrisiko von Wurst- und Fleischverzehr um die Welt geht. Soll man nun auf die Wurst und das Steak verzichten? Oder ist die Warnung nur Panikmache? Oder kommt es am Ende – wie so oft im Leben – auf das richtige Maß der Dinge an? Bei den Wurst- und Fleischherstellern stößt die Krebs-Warnung der WHO auf massive Kritik. Der Schutzverband Schwarzwälder Schinkenhersteller zum Beispiel wirft der WHO eine Verunsicherung der Verbraucher vor – die Fleischverarbeitung in Deutschland verlaufe unter strengen Vorschriften und Kontrollen.

Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC), eine WHO-Behörde, hat davor gewarnt, dass der regelmäßige Verzehr von Wurst, Schinken und anderem verarbeiteten Fleisch das Krebsrisiko erhöhe. Demnach gehen pro Jahr 34 000 Krebstodesfälle auf verarbeitetes Fleisch und möglicherweise 50 000 auf rotes Fleisch zurück. Zum Vergleich: Das Rauchen verursacht laut IARC eine Million Krebstote pro Jahr, Alkohol 600 000 und Luftverschmutzung 200 000. Der Bundesverband der Fleischwarenindustrie sagt dazu: „Für die Entstehung von Krebs ist sicherlich nicht ein einzelnes Lebensmittel verantwortlich, sondern auch weitere Einflussfaktoren wie die persönliche Lebensweise, erbliche Vorbelastungen oder Umwelteinflüsse.“

Zur Wahrheit der Studie gehört: Die WHO-Behörde IARC hat selbst eingeräumt, dass das individuelle Risiko, Darmkrebs durch Fleischkonsum zu bekommen, gering sei. Ohnehin gibt es auch in diesem Fall Wissenschaftler, die die WHO-Studie anzweifeln. Tatsächlich, das zeigen frühere Beispiele, neigen die Weltgesundheitsexperten gelegentlich zum Alarmismus, wie zuletzt ihre Warnung vor dem Pflanzengift Glyphosat in der Muttermilch bewies. Die stellte sich als übertrieben heraus.

Dennoch: In Vegetarier-Foren wird die WHO-Studie aktuell zum Beweis erhoben, dass Fleischesser ungesünder leben. Vegetarier und Veganer sind sich darüber hinaus mit Tierschützern einig, wenn sie die Zustände in Mastbetrieben, Tiertransportern und Schlachthöfen beklagen – nicht nur, weil das Leben eines industriellen Nutztieres kurz ist, sondern auch, weil diese Tiere nur deshalb existieren, um für den menschlichen Verzehr getötet zu werden. Vegetarier wenden sich mit Grausen ab, wenn sie an Schlachthöfe wie zum Beispiel jenen der Bauerngut Fleisch- und Wurstwaren GmbH in Bückeburg denken. Dort werden pro Woche 150 Tonnen Fleisch und pro Tag 130 Tonnen Wurst produziert. Die deutsche Fleischwarenindustrie macht einen Jahresumsatz von 41 Milliarden Euro – damit ist sie der umsatzstärkste Zweig des Ernährungsgewerbes. Zum Vergleich: Der Umsatz bei vegetarischen Fleischalternativen liegt bei 100 Millionen Euro.

Nutztierhaltung ist ein wichtiges Standbein der Landwirtschaft – und die Politik diskutiert das Thema seit vielen Jahren. Da Tierschutz und Tiergesundheit ineinandergreifen müssen, soll zum Beispiel in Zukunft die Schlachtung hochträchtiger Rinder vermieden werden, wodurch bislang nach Schätzungen der Bundestierärztekammer jährlich rund 180 000 ungeborene Kälber qualvoll im Mutterleib einen Erstickungstod sterben. „Das ist ein unerträglicher Zustand“, sagt Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne). Niedersachsen hatte deshalb bereits 2014 auf der Agrarministerkonferenz an den Bund appelliert, gesetzlich zu handeln. Doch nicht alle Verbraucher wollen auf ihre gewohnte Ernährungsweise verzichten, um vielleicht ihrer eigenen Gesundheit, aber auch den Tieren etwas Gutes zu tun. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes lag im Jahr 2014 der Fleischkonsum pro Kopf in Deutschland bei 60,4 Kilogramm – Tendenz seit Jahren gleichbleibend.

Der deutsche Vegetarierbund geht aktuell von rund 7,8 Millionen Vegetariern und 900 000 Veganern in Deutschland aus. Sie kritisieren die Zustände in Mast- und Schlachtbetrieben. Ob Aufnahmen von Tierschutzaktivisten, die beispielsweise das Erschlagen und Aufspießen von Enten mit einer Mistgabel zeigen, oder Billiglöhne für Leiharbeiter aus dem Osten der EU – die Fleischindustrie sorgt immer wieder für Aufsehen.

Die Agrarwissenschaftlerin Lisa Wittmann von der Tierschutzorganisation Peta sagt, dass man als Verbraucher den größten Einfluss auf die Fleischindustrie habe und sich auch künftig solche Taten wiederholen würden, „solange man billige Fleischwaren konsumiert“. Es sei ein erster wichtiger Schritt, wenn sich Verbraucher ganz bewusst beim Kauf von Lebensmitteln dafür entscheiden würden, Produkte aus einer Haltung zu kaufen, die vom Tierschutzgedanken geprägt sei, sagt Manfred Böhling vom niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Auch die Initiative Tierwohl habe einen Schritt in diese Richtung unternommen. Diese engagiert sich für eine artgerechtere Haltung und setzt mit den Partnern der Wertschöpfungskette – Landwirtschaft, Fleischwirtschaft, Lebensmitteleinzelhandel, Verbraucher – konkrete Veränderungen in Gang. So leben zwölf Millionen Schweine sowie 255 Millionen Hähnchen und Puten in rund 2900 Betrieben in artgerechter Haltung. Landwirte, die Wert auf artgerechte Tierhaltung und sorgfältige Fleischproduktion legen, müssten also nicht um ihre Existenz fürchten, sagt Böhling. Im Gegenteil würden jene, die sich für mehr Tierwohl engagieren, sogar vom Land Niedersachsen unterstützt. Allerdings hapere es noch daran, dass der Verbraucher im Supermarkt nicht erkennen könne, ob genau das Fleisch, das er gerade kauft, tatsächlich von einem Tier stamme, das unter verbesserten Bedingungen gehalten wurde – etwa durch eine entsprechende Kennzeichnung.

Der Markt bietet bereits ein wachsendes Sortiment an nicht tierischen Produkten an. Mittlerweile gibt es nicht nur vegane Lebensmittel, sondern auch tierversuchsfreie Kosmetik- und Hygieneartikel. In Städten wie Dortmund oder Berlin gibt es Läden und Restaurants, die sich ausschließlich auf den Veganismus konzentrieren. Lisa Wittmann appelliert, dass man „die ausgiebigen Möglichkeiten und die unzähligen veganen und vegetarischen Angebote“ zumindest mal ausprobieren solle.



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