weather-image

Die dunkle Seite der Macht

Eigentlich wollten der Papst und die Bischöfe der Welt über die Jugend und die Kirche diskutieren. Im Zentrum ihrer Jugendsynode steht aber ein anderes Thema. Die zu Tausenden dokumentierten Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche rütteln an Kirche, Gesellschaft, Politik und Justiz.

veröffentlicht am 13.10.2018 um 10:29 Uhr

270_0900_111502_hin111_1010.jpg

Autor:

Thomas Strünkelnberg, Annette Reuther, Sebastian Engel und Michael Brehme
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Post für den Papst: Johannes wünscht sich „Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit“. Und Lina meint: „Pfarrer sollten heiraten dürfen, auch Frauen sollten Pfarrer werden.“ Die jungen Leute haben viele Wünsche an die katholische Kirche. Aber es gilt jetzt schon als sicher, dass viele davon nicht in Erfüllung gehen werden. Die Bischöfe der Welt sind derzeit in Rom, um bei einer Synode über die Kirche und die Jugend zu diskutieren. Drei Wochen lang soll es um die Probleme der jungen Leute und die „Erneuerung der Kirche“ gehen. Doch die Synode wird von einem anderen Thema überschattet. Der Missbrauchsskandal der Kirche ist wieder voll aufgebrochen.

Nach der Veröffentlichung einer Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche pocht Bundesjustizministerin Katarina Barley darauf, dass alle diesbezüglichen Unterlagen offengelegt werden. „Natürlich erwarte ich von der Kirche, dass sie ihre Akten zugänglich macht“, sagt die SPD-Politikerin.

Der Studie zufolge haben zwischen 1946 und 2014 insgesamt 1670 katholische Kleriker 3677 meist männliche Minderjährige sexuell missbraucht. Der Leiter der Untersuchung, Harald Dreßing, hatte nach der Veröffentlichung einen mangelnden Aufklärungswillen in weiten Teilen der Kirche beklagt. Sowohl das Ausmaß des Missbrauchs als auch der Umgang der Verantwortlichen damit sei erschütternd gewesen.

Barley betont: „Der Rechtsstaat akzeptiert keine Geheimarchive. Alle Unterlagen in den kirchlichen Archiven können von den Strafverfolgungsbehörden beschlagnahmt und ausgewertet werden, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen.“ Auf die Frage, ob es sich bei der systematischen Vertuschung von Kindesmissbrauch um organisierte Kriminalität gehandelt habe, sagte sie der „Zeit“: „Nein, das hat mit organisierter Kriminalität nichts zu tun.“ Denn es sei nicht der Daseinszweck der katholischen Kirche, Kinder zu missbrauchen. Aber: „Das Problem ist in der Tat eine Wagenburgmentalität, die lieber die Organisation schützt als das Wohl der Kinder.“

Die Studie war 2014 von der Bischofskonferenz in Auftrag gegeben worden. Kritiker bemängeln, der tatsächliche Umfang des Missbrauchs habe nicht annähernd dargelegt werden können. Den Autoren der Untersuchung sei etwa kein Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven eingeräumt worden. Zudem fehlten Aussagen von Opfern, auch seien Missbrauchsfälle etwa in katholischen Heimen, Anstalten und Psychiatrien oder in den zahlreichen Ordensgemeinschaften nicht berücksichtigt worden. Obendrein werden in der Studie keine Namen genannt.

Der Rechtsstaat akzeptiert keine Geheimarchive.

Katarina Barley, Bundesjustizministerin

Wer auf die deutschen Bischöfe bei der Synode setzen wollte, würde enttäuscht werden: Aus Deutschland gebe es den Wunsch, bei der Synode den Missbrauch aufzuarbeiten, heißt es zwar. „Wir deutschen Bischöfe werden versuchen, das Thema dort auch zu platzieren. (...) Es gehört in das Thema der Jugendarbeit hinein, das ist ganz klar“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Aber beim Generalsekretär der Synnode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, klingen bereits Töne durch, die eher nach Nebelkerze klingen denn nach Aufarbeitung, geschweige denn nach Entschuldigung. Die Synnode sieht er als Chance, Jugendlichen und auch Erwachsenen klarzumachen, was die Kirche wirklich sei. „Dass die Kirche nicht von denjenigen repräsentiert wird, die Fehler machen.“ Und die jungen Leute seien offen dafür, „die menschliche Zerbrechlichkeit zu verstehen“. Die jungen Leute sollen also verstehen …

3677 Minderjährige wurden von Männern der Kirche sexuell missbraucht

In der Politik wird der Missbrauchsskandal der Kirche klarer angeprangert: Niedersachsens FDP-Fraktionschef Stefan Birkner fordert ein härteres Vorgehen gegen die katholische Kirche. Er sieht die Staatsanwaltschaften im Land in der Pflicht. „Es gibt weder rechtlich noch politisch einen Grund zur Zurückhaltung – meines Erachtens müssten die Staatsanwaltschaften tätig werden und Akten, die die Kirche nicht herausgibt, beschlagnahmen“, sagt Birkner.

Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) hat die Bistümer aufgefordert, den Staatsanwaltschaften Einblick in die Unterlagen zu gewähren. Aus der kürzlich vorgelegten Missbrauchsstudie der Kirche gingen Fälle hervor, von denen die Justiz offenbar nichts wisse. Um einschätzen zu können, ob das strafbares Handeln gewesen sei und ob dies verjährt sei, würde auch die Justiz gerne Einblick in die Akten erhalten.

Dem Oppositionspolitiker Birkner geht das nicht weit genug. Die Staatsanwaltschaften müssten unverzüglich prüfen, ob und inwieweit ein Anfangsverdacht für verfolgbare Straftaten besteht. „Die Aufklärungsmaßnahmen der katholischen Kirche sind zu begrüßen. Sie können aber in keinem Fall strafrechtliche Ermittlungen ersetzen – dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Opfer, die einen Anspruch auf staatlich vermittelte Gerechtigkeit und Sühne haben“, sagt Birkner.

Nach dem Skandal in der katholischen Kirche diskutiert auch die Unionsfraktion im Bundestag über härtere Strafen für sexuellen Missbrauch und einen besseren Schutz der Opfer. „Das Thema bewegt uns und empört uns“, sagt der familienpolitische Sprecher der Fraktion, Marcus Weinberg, in Berlin. Er und die stellvertretende Fraktionschefin Nadine Schön hatten bereits vor der Studie einen 20-Punkte-Plan erarbeitet, der nun bis Jahresende in der Fraktion beschlossen werden soll. Darin fordern sie unter anderem, dass die Mindeststrafe für sexuellen Missbrauch von Kindern von sechs Monaten auf ein Jahr angehoben wird. Dann könnten Strafverfahren nicht mehr gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt werden und die Taten würden im erweiterten Führungszeugnis erfasst. Erzieher in Kitas und Schulen sollten stärker als bisher darin ausgebildet werden, Anzeichen für Missbrauch zu erkennen. Betroffene Kinder sollten nur noch einmal zum Übergriff befragt werden und nicht immer wieder an die Tat erinnert werden.


Bischof fordert neues Kirchen-Strafrecht

Als Folge des Missbrauchsskandals fordert der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf aber auch Veränderungen im kirchlichen Strafrecht. Im Gespräch mit der „Mainzer Allgemeinen“ und dem „Wiesbadener Kurier“ kritisiert Kohlgraf die bisher oft sehr milden Sanktionen. Dass das Kirchenrecht von „sexuellen Vergehen“ spreche, wenn Missbrauch gemeint sei, halte er für indiskutabel. Es gehe um „Verbrechen, und als solche müssen sie bezeichnet werden“, betont er. „Die Weltkirche ist gefragt, wir müssen den Katalog der Kirchenstrafen überdenken, und wir brauchen zudem einheitliche Standards“, sagt der Oberhirte des Bistums Mainz. Details zu möglichen Änderungen im Kirchen-Strafrecht nannte Kohlgraf nicht. Er fordert aber, dass katholische Internate, Heime, Kitas, Ordensgemeinschaften und Chöre, die von der Studie nicht erfasst wurden, nun in den einzelnen Diözesen auf Missbrauchsfälle untersucht werden.

Information

Keine Sonderrolle der Kirche

Eigentlich wollten der Papst und die Bischöfe der Welt über die Jugend und die Kirche diskutieren. Im Zentrum ihrer Jugendsynode steht aber ein anderes Thema. Die zu Tausenden dokumentierten Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche rütteln an Kirche, Gesellschaft, Politik und Justiz.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt