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Obdachlosen-Serie

Die Drogen, die Frauen, die Menschen

RINTELN. Im letzten Teil unserer Obdachlosenreihe sprechen wir mit dem langjährigen „Couchsurfer“ und Obdachlosen Andreas. Er stammt gebürtig aus Berlin und will nach seiner Heimatstadt nur „Berliner“ genannt werden. „Meinen Nachnamen braucht niemand wissen!“, sagt er.

veröffentlicht am 15.05.2018 um 16:55 Uhr
aktualisiert am 15.05.2018 um 19:20 Uhr

„Berliner“ am Ufer des Fockenkumps, mit seiner charakteristischen Mütze.

Autor:

Maurice Mühlenmeier
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Vor über einem Jahrzehnt kam Berliner nach Rinteln, auf Anraten einiger Bekannter. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits ohne festen Wohnsitz. „Was hatte ich also schon zu verlieren?“

Schon die Terminfindung zum Gespräch gestaltete sich schwierig: Wie nimmt man Kontakt zu jemanden auf, der nirgends wohnt, überall sein könnte und selbst nicht weiß, wohin es ihn in den nächsten Stunden verschlagen könnte? Dessen Telefon eher sporadisch an ist, dessen Nummern fluktuieren und der nur selten in den Genuss des Internets kommt?

Wie auch für viele andere Wohnungslose gibt es auch für Berliner nur einen festen Dreh- und Angelpunkt im alltäglichen Leben: die täglichen Besuche beim Jobcenter, um den gesetzlichen Tagessatz für Menschen ohne festen Wohnsitz, abzuholen. Doch trifft man Berliner keineswegs immer beim selben an.

Andreas, auch genannt Berliner, vor dem zentralen Angelpunkt seines Alltags: dem Jobcenter. Fotos: Momo
  • Andreas, auch genannt Berliner, vor dem zentralen Angelpunkt seines Alltags: dem Jobcenter. Fotos: Momo

„Vor einigen Wochen habe ich in Obernkirchen gewohnt, da gehe ich zum Jobcenter in Stadthagen.“ Jeden Tag, wie er betont. Zu Fuß.
Wir treffen uns am Ufer des Fockenkump, auf einer Bank. Es ist noch früh, das Jobcenter gibt den Tagessatz erst ab 11 Uhr aus. Dennoch sammeln sich nach und nach immer mehr Wartende im näheren Umfeld des Jobcenters, auch Berliner ist nicht alleine. Während wir reden, schlendern seine beiden Begleiter zum WEZ, kommen wenig später zurück mit Bier.

Berliner ist heute 46. Mit Mitte 30 kam er aus der Wohnungslosigkeit von Berlin nach Rinteln. Er fand eine Wohnung, für eine Weile.

Dennoch blieb er mit dem „Netz“ von Obdachlosen der Stadt verbunden. Berliner erläutert: „Man hat halt zusammen gefeiert, getrunken, man ist zusammengewachsen.“ Zum harten Kern der Rintelner Gemeinschaft zählt er etwa ein Dutzend Leute. Ihre Geschicke sind gewissermaßen miteinander verbunden, sie übernachten beieinander, wenn sie eine Wohnung haben, stehen füreinander ein, wenn sie Hilfe brauchen.

Dennoch, es gibt noch deutlich mehr Wohnungslose. „Auch Jüngere, die zu Hause rausgeflogen sind, gibt es oft.“ Einer seiner Begleiter wirft ein, er selbst kenne über 20 junge Obdachlose allein in Rinteln. Mit denen habe man aber kaum etwas zu tun, ebenso wenig wie mit den Obdachlosen auf Durchreise. Man meidet sich: „Die sind nur kurz hier und wollen gleich wieder weg.“

Ob es auch Obdachlose gibt, die nicht trinken oder andere Drogen konsumieren? „Ja, die gibt es, aber mit denen haben wir nichts zu tun“, erklärt Berliner.

Vor drei Jahren, 2015, verlor Berliner seine Wohnung erneut. Ständige Partys und Exzesse in seiner Wohnung trug der Vermieter nicht länger mit. Seitdem wechselt Berliner seinen Aufenthaltsort oft.

Manchmal übernachtete er bei Freunden, manchmal zeltete er in der Gartenlaube eines Freundes.

Seine Begleiter haben Ähnliches zu berichten. Einer von ihnen, ein junger Mann aus Schleswig-Holstein, stammt gebürtig aus Greifswald. Der Freund hier in Rinteln, bei dem er unterkommen wollte, landete im Gefängnis, er selbst auf der Straße. Er kannte hier niemanden, jetzt ist er hier zu Hause. „Rinteln ist für einen Obdachlosen eine gute Stadt“, so die einhellige Meinung. Andere Städte seien überlaufener. Die Bearbeitungszeiten beim Jobcenter halten sich hier im Rahmen. Gerade in Stadthagen sei die Lage da anders, erzählt Berliner. Auch die Rintelner Tafel sei weniger voll als die anderen im Landkreis.

Willkommen fühlt man sich als Obdachloser jedoch nicht. „Aber das ist wahrscheinlich überall so!“, meint Berliner. Doch manchmal habe er das Gefühl, als wolle man ihn bewusst drangsalieren. „Die meinten, ich sei kein sesshafter Obdachloser, und wollten mir meinen Tagessatz nicht mehr zahlen!“

Durchreisende Obdachlose, die nicht an einem Ort gemeldet sind, dürfen sich nur eine bestimmte Anzahl an aufeinanderfolgenden Tagen den Tagessatz beim selben Jobcenter abholen. Für Berliner reine Schikane, er lebt seit über zehn Jahren hier, war bereits mehrere Jahre obdachlos.

Vor Kurzem dann der nächste Rückschlag: Das Jobcenter erfuhr von der Existenz eines Kontos unter Berliners Namen. Auf diesem überwies ihm seine Mutter als Geschenk 20 Euro, um ihrem Sohn auszuhelfen. Dieses Geld wird Berliner vom Tagessatz wieder abgezogen.

Dennoch – „Rinteln ist meine Heimat“, so Berliner. Nicht ein Ort, eine Wohnung, ein „Zuhause“ im eigentlichen Sinne. Es ist Rinteln, die Menschen, die Stadt an sich. „Einmal Rinteln, immer Rinteln!“, stimmen auch die anderen Anwesenden zu.

Warum ausgerechnet Rinteln? „Die Drogen, die Frauen, die Menschen!“, wirft einer der Anwesenden ein, das aufkeimende Gelächter scheint überspielen zu wollen, dass sich ein Großteil ihrer Leben vor allem um Ersteres dreht. So auch Berliner. Auf die Frage, was nach dem Besuch beim Jobcenter kommt, folgt ein Moment der ahnungslosen Stille, ein Zucken mit den Achseln, ein lakonisches „So breit wie möglich“.

Es ist das Tagesziel, jeden Tag. Alles dreht sich um die Requirierung von Alkohol, von Marihuana und Amphetaminen. Gesundheitlich spürt Berliner diese Exzesse noch nicht: „Ich fühl mich körperlich eigentlich nicht schlecht.“

Gerade der Alkohol ist derzeit ein Problem, wie Berliner selbst weiß: „Das wird im Moment zu viel, das kenn‘ ich gar nicht von mir.“ Seine Freunde haben kürzlich eine Intervention abgehalten, ihm ins Gewissen geredet: „Ich lasse das jetzt erst mal sacken und denke darüber nach“, verkündet Berliner zwischen zwei Schlucken Bier.

Er fügt an, wahre Freundschaft und den Glauben an das Gute im Menschen, den hat er in Rinteln wiedergefunden: „Ich habe hier so gute Menschen kennengelernt, ich hab‘ selber kaum dran geglaubt.“

Das Leben auf der Straße scheint zusammenzuschweißen, dieser Eindruck verdichtet sich, je mehr Zeit man mit diesen Leuten verbringt. Man kennt sich, gibt sich Ratschläge beim Umgang mit dem Amt. „Hier ist alles näher beieinander“, erklärt Berliner. „Nicht nur räumlich. Die Menschen sind sich nicht so fremd“ – nicht so wie in seiner Heimatstadt Berlin.

Einfach ist das Leben so sicher nicht, schon eine Waschmaschine ist unglaublicher Luxus. Aber es hat auch seine Vorteile, wie Berliner versucht herauszustellen: „Man kann fast gar nicht beschreiben, wie frei man sich fühlt.“

Frei von allen Bindungen, von allen Verpflichtungen. Man ist niemandem Rechenschaft schuldig, man kann gehen, wohin man will und wann man will. Es gibt keine Gläubiger, die den Besitz pfänden – denn man hat keinen. Es gibt keine Schranken des allgemeinen, gesellschaftlichen Lebens. Es wird einem egal, was „die Leute“ von einem denken. Aber, und auch das stellt Berliner fest, es fehlt deutlich an Struktur, etwas, was dem Tag Halt gibt. Etwas, was ihn daran hindert, jeden Tag aufs Neue in dieselbe Spirale aus Alkohol und Drogenkonsum zu geraten.

Vor einigen Jahren versuchte Berliner den Ausstieg, er zog nach Österreich zu seiner Schwester. Doch er fand keinen Job und kehrte nach Rinteln in seinen alten Freundeskreis zurück. „Ich habe Dutzende Bewerbungen geschrieben“, erzählt er, „und habe nicht mal eine Antwort erhalten.“

Jetzt versucht er erneut den Absprung, er kann bei einem Bekannten unterkommen. Dann sei er im Besitz einer Meldeadresse und kann einen Hartz-IV-Antrag stellen. Und dann? „Erst mal ein paar Wochen Urlaub und ausnüchtern.“

Danach? „Urlaub bei meiner Schwester in Österreich.“

Langfristige Perspektive? „Ich würde schon arbeiten, aber nichts Legales. Schwarz vielleicht.“

Kurz darauf endet unser erstes Treffen.

Einige Wochen später treffen wir uns erneut, diesmal in der Wohnung eines Bekannten – des Bekannten, zu dem Berliner zwecks Adresse ziehen wollte.

Man sitzt in der Küche, gemeinsam mit Maiki, einem weiteren Obdachlosen. Er ist erst 23, verlor aufgrund von Alkoholismus erst seinen Job, dann seine Wohnung. Einen Aufenthalt in der Burghofklinik beendete er, als er sich selbst entließ. Seitdem treibt auch er sich mal hier, mal dort herum.

Gemeinsam sitzt man am Küchentisch, raucht und trinkt.

Es ist nichts geworden mit der Meldeadresse. „Der Vermieter hat tatsächlich einen Rückzieher gemacht“, sagt Berliner, die Enttäuschung ist deutlich spürbar. Vorläufig kam er bei einem anderen Kollegen unter. „Da hab ich jetzt meine Basis.“ Ein Ort zum Runterkommen. Ein eigenes Zimmer? Fehlanzeige. Aber Berliner sucht weiter nach einer Wohnung, um von der Straße zu kommen.

Ob er etwas loswerden will, als Sprachrohr der unterpriviligierten und wenig beachteten Bevölkerungsgruppe der Obdachlosen? Er zögert nur kurz:

„Obdachlosigkeit ist nicht das Problem. Es ist das Resultat des Problems.“

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