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Aufstieg und Fall eines einstigen Hamelner Vorzeige-Unternehmens

Die Cemag-Story

HAMELN. Einst zählte Cemag zu den Vorzeige-Unternehmen Hamelns. Der Anlagenbauer für die Zementindustrie war weltweit tätig und Marktführer mit 400 Beschäftigten in Hameln und Dessau. In der Zeit seines Bestehens durchlebte es viele Aufstiege, aber auch Niederlagen. Grund genug den Aufstieg und Fall dieses Unternehmens Revue passieren zu lassen.

veröffentlicht am 09.07.2016 um 12:33 Uhr
aktualisiert am 05.08.2016 um 09:04 Uhr

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1996

Die Cemag-Geschichte beginnt im Jahr 1996: Der Maschinenbau-Ingenieur Ali Memari Fard gründet am 19. September 1996 die Firma CEMAG GmbH, Engineering und Lieferung von Anlagen und Maschinen für die Zement-, Stein- und Erdindustrie. Der Aufstieg verläuft rasant: Selfmademan Fard beginnt als Ein-Mann-Unternehmen, doch die Firma wächst schnell.

2001

Nur fünf Jahre später wird Ali Memari Fard als Chef der Hamelner Cemag-Gruppe auf den „Deutschen Existenzgründertagen“ in Berlin als „Gründer-Champion“ für Niedersachsen ausgezeichnet. Jury und Laudatoren loben die Cemag als „Paradebeispiel einer Erfolgsfirma“ und Fard als jemanden, „der eine weltweit starke Marktposition“ besetze. Von Hameln aus lenkt Fard Tochtergesellschaften und Vertretungen in Ost- und Südosteuropa, Nordamerika sowie im Nahen und Fernen Osten.

2004

Es folgt die Auszeichnung mit dem Qualitäts-„Oskar“: In Mexiko bekommt Fard für die Cemag die Goldmedaille des „Wordwide Quality Award“ für Anlagenbauer. Zu dem Zeitpunkt hat Cemag 300 Mitarbeiter, erzielt 55 Millionen Euro Umsatz, hält weltweit 72 Patente und in der Firmengruppe werden 17 Sprachen gesprochen. Nichts scheint den Erfolg stoppen zu können.

3 Bilder
Cemag, Membau,Fard, Foto: Dana

2007

Im Jahr 2007 baut Cemag in Sichtweite der B 217 eine repräsentative, neun Millionen Euro teure Zentrale – und wie selbstverständlich versteht man bei der Stadt Hameln Abschläge beim Grundstückspreis als Wirtschaftsförderung für eine Firma, die kurz zuvor Großaufträge im Gesamtwert von 225 Millionen Euro vermeldet hat.

2008

Ein gutes Jahr später scheinen alle alles richtig gemacht zu haben: Die Cemag spricht von 90 Millionen Euro Jahresumsatz. Da will Ali Memari Fard (im Bild rechts) zum ganz großen Wurf ausholen. Der Cemag-Chef bejubelt im November 2008 eine in seinem Haus entwickelte Gesteinsmühle. Gerüchte, dass diese Mühle nie richtig zum Laufen kam, halten sich bis heute.

Anfang 2009

Es gibt erste Warnsignale: Nach Jahren des gepflegten Strahlemann-Images zeigt sich Ali Memari Fard bei der wirtschaftlichen Prognose plötzlich zurückhaltend: Nur „mit großen Anstrengungen“ könne man die wirtschaftlichen Ziele erreichen, deshalb müsse man „schlanker und effektiver“ arbeiten, investieren wolle man nicht, „um eine Ruhephase in Bezug auf Finanzierungsaufgaben zu haben“. In der Folge rumort es in Wirtschafts- und Finanzkreisen, plötzlich werden alle vorsichtig, die einen beobachten die Cemag und die Fards plötzlich aus sicherem Abstand, andere geben sich wortkarg bis zugeknöpft.

März 2009

Die Fards haben beste Kontakte in die Politik: Ali Memari Fard begleitet Ministerpräsident Christian Wulff in den Jahren 2006 bis 2009 fünfmal bei Delegationen ins Ausland, den damaligen Wirtschaftsminister Walter Hirche sogar zehnmal. Nicht nur das: Wulff –, wie auch der damalige Landeswirtschaftsminister Philipp Rösler – feiert mit Ali Memari Fard im März 2009 dessen 50. Geburtstag. Man kennt sich halt, veranstaltet private Kochabende, feiert gemeinsam Geburtstag. Die guten Verbindungen in die Politik haben über Jahre hinweg dafür gesorgt, dass die Cemag-Gruppe immer wieder vom Land Niedersachsen Bürgschaften und Kredite erhielt – insgesamt in zweistelliger Millionenhöhe.

26. Juni 2009

Die Fard-Brüder feiern die Premiere ihrer Beta-Mühle vor hochkarätigen Gästen aus Politik und Wirtschaft: Am Abend gibt es im kleineren Kreis ein Galadiner im neu eröffneten Klüt-Restaurant „La Résidence“. Auf der Abendveranstaltung erscheint auch der damalige Ministerpräsident Christian Wulff. In einer Rede sagt Wulff damals: „Sie können damit rechnen, dass wir noch häufiger eingeladen werden von Ali Memari Fard.“

17. Juli 2009

Es folgt der Paukenschlag: Ali Memari Fard sorgt an diesem Freitag im Amtsgericht Hameln für Überstunden, nachdem er für acht verschiedene Firmen des Konzerns Insolvenzanträge eingereicht hat. Fard damals: „Die betroffenen Unternehmen sind nicht mehr liquide. Wir haben etwas über 20 Millionen Euro an Zahlungseingängen von unseren Kunden nicht erhalten. Deshalb sind wir zahlungsunfähig.“ In dem Konzern ohne Betriebsrat sind 400 Mitarbeiter von der Pleite betroffen, eine Reihe von Handwerksbetrieben und anderen Mittelständlern sitzt auf unbezahlten Rechnungen. Obwohl Ali Memari Fard damals versprach, alle Rechnungen bezahlen zu wollen, ist daraus bis heute in den allermeisten Fällen nichts geworden. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt seit der Insolvenz wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung.

Juli 2016

Sieben Jahre nach der Insolvenz lässt die Staatsanwaltschaft Hannover die Vorwürfe des Bankrotts, des Betruges und der Insolvenzverschleppung in fast allen Punkten fallen. Eine Anklage gegen die Ex-Manager Ali Memari-Fard und Akbar Memari-Fard der insolventen Hamelner Cemag-Gruppe wird immer unwahrscheinlicher. Was bleibt, sind rund 60 Millionen Euro Schulden.



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