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Das Runde im Eckigen

Die besten Bücher über Fußball

Glattgebügelte Biografien von Fußballstars, aufgewärmte deutsche WM-Triumphe in Wort und Bild und noch eine weitere Sammlung unfreiwillig komischer Kicker-Sprüche: Das Angebot an Fußballbüchern ist kurz vor der Weltmeisterschaft erneut gewaltig. Lesenswert? Nicht immer. Dabei passt der runde Ball sehr gut ins eckige Buch, wie diese Beispiele beweisen.

veröffentlicht am 13.06.2018 um 17:12 Uhr
aktualisiert am 13.06.2018 um 18:14 Uhr

Fußball Buch
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Nick Hornby: „Fever Pitch“

Natürlich, der Hornby. Mit „Fever Pitch“ (auf deutsch: „Ballfieber“) gelang ihm unumstritten eins der Fußballbücher schlechthin. Zudem brach er damit 1992 einem ganzen Genre Bahn: der Fan-Autobiografie. Das Umfeld keines Klubs von Bochum bis Barcelona kommt heute ohne mindestens ein Buch mit solchen Erinnerung eines Besessenen aus. Aber so charmant-intelligent wie Hornby in diesem Buch vom Erwachsenwerden im und neben dem Fußballstadion bekommt es eben so leicht niemand hin. Hornbys Besessenheit ist Arsenal London. Aus heutiger Sicht liefert er mit seinen Erinnerungen an tragische Niederlagen und heroische Siege auch eine Erinnerung an eine nun bereits vergangene raue, aber herzliche Epoche des englischen Fußballs.


Spielszene: „Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“

Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 8, 99 Euro


J. L. Carr: „Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten“

Der Brite Joseph Lloyd Carr veröffentlichte schon 1975 die hinreißende fiktive Geschichte der „Steeple Sinderby Wanderers“. Die deutsche Übersetzung erschien jedoch erst 2017. Ein Dorfverein macht sich auf, den FA Cup zu gewinnen – so das gröbste Handlungsgerüst. Doch auf dem Weg nach Wembley greift Carr ins pralle, oft komische, Fußball- und Provinzleben. Ein ungarischer Doktor der Philosophie entwirft die goldenen Regen zum großen Erfolg, ein Ex-Profi geht auf dem Rasen voran, ein selbstherrlicher Vereinsvorsitzender verhilft dem Verein zu Geld und der Presse zu irrwitzigen Zitaten. Dabei ist nicht alles eitel Fußballsonnenschein: Randalierende Fans, verzogene Kicker, die Rolle des Geldes – hat alles seinen Platz in diesem trotzdem perfekten Fußballmärchen.


Spielszene:
„Nun, er hatte recht, denn dieses Endspiel war in der Tat wie ein großartiges Stück Musik, und man könnte sagen, dass es für sich selbst stand. Aber im Rückblick betrachtet war dieser gewaltige Höhepunkt in Form zweier aufeinanderprallender Akkorde für mich und vielleicht zwei, drei weitere von uns lediglich ein Fragment eines größeren Ganzen.“

Dumont, 192 Seiten, 20 Euro.


Mirco von Juterczenka: „Wir Wochenendrebellen“

Die Perspektive macht’s. Und diese ist neu: Ein engagierter Vater macht sich mit seinem kleinen Sohn auf die Suche nach einem Lieblingsverein. Denn, so entscheidet der fünfjährige Jason, um sich einen Klub aussuchen, müsse er sie sich zunächst im Stadion ansehen – alle. Jason ist Asperger-Autist. Vater und Sohn gehen über Jahre auf abenteuerliche Touren durch die großen und kleineren Stadien im In- und auch Ausland. So ist Jason fasziniert vom Besuch der Schalker Nordkurve wie von dem der Dortmunder Südtribüne (obwohl er doch Menschenmengen hasst), aber auch für die abklappbaren Flutlichtmasten von Babelsberg, den skurrilen Eckball-Jingle des VfR Aalen oder die kreativen Fans des FC St. Pauli (siehe „Spielszene“) kann er sich erwärmen. Wer den beiden auf ihren Reisen in die Stadien von Kiel bis München – und darüber hinaus – folgt, erfährt viel über das Großartige und manchmal auch fürchterlich Alberne (Sponsor-Aktionen, Klatschpappen) eines Stadionbesuches, sondern vor allem auch über das Leben mit dem Asperger-Syndrom. Ein Vater-Sohn-Buch fürs Herz. Im Netz als Blog unter wochenendrebell.de!

Spielszene: „ ,Wir kommen aus dem Norden, wir rauben und wir morden‘, sagte der vielleicht drei oder vier Jahre ältere Knirps neben ihm (...). Jason (...) verstand das als versuchte Kontaktaufnahme. ,Wir kommen aus Kassel und suchen für mich einen Lieblingsverein‘, antwortete er.“

Benevento, 244 Seiten , 20 Euro


F. C. Delius: „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Schon der Titel ist großer Sport. So schön, dass einst die Schweizer Band Die Aeronauten ein Lied daraus machten. Doch zum Buch: Friedrich Christian Delius (Initialen: FC!) hat 1994 seine Erinnerungen an den deutschen WM-Sieg in Bern genau 40 Jahre zuvor veröffentlicht. Bis im Buch der Ball rollt und am Ende Rahn schießen müsste und tatsächlich schießt, dauert es in dieser autobiografischen Erzählung allerdings eine ganze Weile. Zunächst mal geht es in die beklemmende, antiseptische Enge eines evangelischen Provinz-Pfarrhauses. Dieser versucht der stotternde Sohn zu entkommen. Er schafft es zum Beispiel, in dem er sich vor dem Radio des Pastorenvaters zum WM-Finale träumt. Eine emotionale, aber – im Gegensatz zu Sönke Wortmanns Film – keine sentimentale Aufbereitung des „Wunders von Bern“.


Spielszene: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, Du sollst den Namen des Herrn nicht unnützlich führen, und doch gefiel mir, noch immer gebannt vom Nachklang der drei Silben Fußballgott, dass dieser Gott sehr menschlich war (...).“

Rowohlt, 128 Seiten, 8,99 Euro


Philipp Winkler: „Hool“

Nun wird’s finster: „Diese Leute“, entrüsten sich Vereinsoffizielle regelmäßig angesichts von Szenen von Gewalt im Stadionumfeld, „haben nichts mit Fußball zu tun.“ Doch einfach wegreden lässt sich das Problem dummerweise nicht. Philipp Winkler ließ seinen Debütroman 2016 in die Hooliganszene von Hannover 96 spielen. In rohen, mitunter brutalen Sätzen setzt er Menschen ins Bild, die die deutsche Literatur selten mal gesehen hat. Fußball, Saufen, Prügeln, Krankenhaus, Fußball, Hundekämpfe, Familienzoff, Fitnesstraining, Fußball – insbesondere dann: das „epische“ Pokallos, Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig. Packend und sehr beklemmend – weil glaubwürdig.


Spielszene: „ ,Gegen? Gegen wen, Heiko?‘, drängt Kai. Ich lasse mir die zwei Wörter ganz langsam und genüsslich wie Schokolade auf der Zunge zergehen: ,Eintracht. Braunschweig.‘ “

Aufbau, 310 Seiten, 12 Euro


Tim Parks: „Eine Saison mit Verona“

Hellas Verona? Mancher mag sich vage erinnern: Ein gewisser Hans-Peter Briegel verhalf dem Klub 1985 zum einzigen italienischen Meistertitel. In den vergangenen Jahren fristete der Verein indes das Dasein einer Fahrstuhlmannschaft mit verrufener Anhängerschaft. Der Exil-Brite Tim Parks verhalf Hellas 2002 zumindest zu literarischem Glanz. Eine Saison lang begleitete er den Klub. Dabei wechselt Parks mitunter den Blickwinkel, fährt mal im Fanbus mit den ganz Verwegenen zum Auswärtsspiel und sitzt mal im Flieger neben dem Trainer. Parks ist „teilnehmender Beobachter“ und bei aller Scharfsicht letztlich doch wieder: liebesblinder Fan. Auf seiner Reise zeichnet er dennoch ein spannendes Bild der italienischen Gesellschaft.

Spielszene: „Ein klebriger Überzug aus Selbstironie haftet jeder Geste aus dem Repertoire der Fans an. Wir können uns selbst nicht hundertprozentig ernst nehmen. (...) Forza Hellas! Wir wissen, dass wir lächerlich sind!“

Goldmann, 638 Seiten, nur noch antiquarisch


Ronald Reng: „Der Traumhüter“


Gewissermaßen das Gegenstück zu Nick Hornbys Fan-Biografie: Sportjournalist Ronald Reng erzählt die Geschichte von Lars Leese. Der stand bis 1992 noch in einem Kreisligator, fünf Jahre später sicherte er („Lars Leese, tall as trees“) in der englischen Premier League dem FC Barnsley ein 1:0 gegen den großen FC Liverpool. Der Weg dorthin ist kurvenreich. Reng protokolliert lange Passagen wörtlich. Er lässt Lars Leese plaudern – von Reiner Calmund, vom Probetraining bei Borussia Dortmund, vom englischen Nachtleben, vom Geräusch des trockenen Balls in den Handschuhen des Torwarts. So nah an den Profifußball kamen Leser selten. Ronald Reng schrieb später vor traurigem Hintergrund eine weitere Torwart-Biografie: die von Robert Enke.


Spielszene: „Wie könnte ich verbittert über das abrupte Ende meiner Profikarriere sein? Ich bin glücklich, dass es diese Karriere überhaupt gab. Ich lebte einen Traum: Ich war so kurz im Profifußball, dass es nie für mich real wurde.“

Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 8,99 Euro


Rafael Buschmann und Michael Wulzinger: „Football Leaks“


Puh – wollen wir Fans wirklich wissen, wie schlimm es um den Fußball steht? Die „Spiegel“-Journalisten Buschmann und Wulzinger haben sich durch den Materialwust der Enthüllungsplattform „Football Leaks“ gewühlt und ihr Werk zur WM aktualisiert. Heraus kommen unerfreuliche Details etwa über eine dubiose Sportrechtefirma, die den Führungsstab des holländischen Klubs Twente Enschede zu ihren Marionetten machte. Oder über Firmen, die allein dazu existieren, um Cristiano Ronaldos Werbe-Millionen steuervermeidend rund um den Globus zu schicken. Oder zu absurd hohen Transfersummen, die eigentlich noch weit höher ausfallen, als öffentlich vermeldet. Lesespaß ist das nicht, erhellend aber schon.


Spielszene: „Die Summen, die die Topspieler verdienen, sind so abgehoben, dass bei vielen Gier und Größenwahn zu ständigen Begleitern werden – sie wollen der Gesellschaft möglichst wenig, am besten gar nichts, zurückzahlen, weil Göttern nun mal von ihren Gläubigen geopfert wird, nicht umgekehrt.“

Penguin Verlag, 352 Seiten, 10 Euro

 

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