weather-image
13°

Demenzdorf Tönebön am See hat noch keine Nachahmer gefunden / Warteliste ist lang

„Die beste Lösung – und die einzige““

Vor genau zwei Jahren hat das Demenzdorf Tönebön am See eröffnet – und die 52 verfügbaren Plätze sind längst belegt. Die Warteliste wird länger und länger. Die Einrichtung, die sich zum Ziel gesetzt hat, Demente so zu nehmen, wie sie sind, sie in ihrer eigenen Welt leben zu lassen, hat bundesweit Aufmerksamkeit geweckt.

veröffentlicht am 03.05.2016 um 18:49 Uhr

270_008_7864542_hm108_Demenzdorf_Wal_2904.jpg

Autor:

Jennifer Minke-Beil

HAMELN. Lenchen, wie Helene Liberti von allen nur genannt wird, läuft und läuft. Der Rollator vorneweg. Der leichte Nieselregen, der sich auf ihrer braunen Jacke verteilt, stört sie nicht besonders. Noch eine letzte Runde durch den kleinen Park, dann geht es wieder rein – in ihre vertraute Villa. Der Bewegungsdrang der 88-Jährigen ist enorm, aber typisch für Menschen mit Demenz, sagt Christine Boss-Walek. Sie ist die Leiterin des Demenzdorfs Tönebön am See – Lebensraum für Menschen mit Demenz. Vor genau zwei Jahren hat die Einrichtung eröffnet und die 52 verfügbaren Plätze sind längst belegt. Die Warteliste wird dagegen stetig länger. „65 Menschen stehen derzeit drauf und haben wenig Chance, an die Reihe zu kommen“, bedauert sie.

Das liegt vor allem daran, dass das Hamelner Demenzdorf nach wie vor die einzige Einrichtung dieser Art in Deutschland ist. Nachahmer gibt es laut Boss-Walek noch nicht. Interessierte Investoren schon, die haben ihr in den vergangenen Monaten regelmäßig einen Besuch abgestattet. „Es ist auch dringend nötig, dass es bald mehrere solcher Dörfer gibt“, sagt sie. Hameln könne schließlich nicht den Bedarf abdecken, den es deutschlandweit gebe. Zwei Drittel der 52 Bewohner kommen aus der Region.

Kosten sind höher als in anderen Heimen

Die anderen Menschen kommen aus ganz unterschiedlichen Bundesländern. Dass die Kosten gut 200 Euro höher sind als in anderen Pflegeheimen, schrecke kaum jemanden ab, berichtet Boss-Walek. Natürlich müsse die Finanzierung vorab geklärt werden, aber je nach Fall übernehme die Kosten auch ein Sozialhilfeträger. Das gebe es in der jetzigen Konstellation auch.

2 Bilder
Eine Mitarbeiterin kocht – die Bewohnerin möchte helfen und darf das auch. Neben Alltagshandlungen gibt es auch Therapieangebote wie das gemeinsame Spielen mit Ball und Tuch.

Die Bewohner können sich auf dem 16 000 Quadratmeter großen Areal frei bewegen. Um das Gelände ist der grüne Maschendrahtzaun, über den auch kritisch berichtet wurde – sowohl von Experten als auch von Politikern. Der Gedanke der Inklusion werde komplett außen vor gelassen – alle Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, so die Kritiker.

Natürlich kennt Boss-Walek als Leiterin der Einrichtung die Vorhaltungen. Doch sie glaubt nicht, dass die Menschen es vermissen, etwa in die Stadt oder einkaufen zu gehen. Die meisten seien sehr introvertiert und suchen Ruhe. Das Café und der Garten würden Abwechslung bieten und auch Ausflüge stehen regelmäßig auf dem Programm, meint Boss-Walek. „Wir hören uns Kritik aber gerne an und gehen damit konstruktiv um.“ Sie würde sich wünschen, dass die Kritiker die Einrichtung besuchen und sich selbst ein Bild machen. „Dann würden sie sehen, dass es den Menschen hier gut geht. Und den Angehörigen auch.“

Das bestätigt Friedel Liberti, der Sohn von Lenchen. Er besucht seine Mutter sehr regelmäßig, obwohl er in Berlin lebt. Es mache ihm Spaß, bei seiner Mutter im Demenzdorf zu sein. „Hier ist es anders, aber nicht erschreckend anders.“ Er sei sehr froh, einen Platz bekommen zu haben: „Das hier ist die beste Lösung für meine Mutter.“ „Die einzige“, fügt er noch hinzu. Vor genau einem Jahr ist die 88-Jährige in das Dorf für Menschen mit Demenz eingezogen. „Die Zeit davor war schlimm für meine Geschwister und mich“, erinnert sich Liberti.

Seine Mutter habe an Depressionen gelitten und sei häufig gestürzt. „Wir haben das nicht mehr hinbekommen.“ Das Demenzdorf sei ein Segen: Keine Treppen, ein eigenes Zimmer und die Möglichkeit für Spaziergänge. Wichtig seien die vielen Kontakte – nie allein zu sein. Und noch ein Vorteil fällt Liberti ein: der Zaun. „Der gibt uns allen Sicherheit“, so Liberti. Der Schutz der Bewohner müsse im Vordergrund stehen.

Der 1,20 Meter hohe Zaun diene nicht dazu, die Bewohner einzusperren, erläutert Boss-Walek. Er gebe ihnen die Freiheit, sich frei zu bewegen. Auch im Haus können sie sich aufhalten, wo es ihnen gefällt. Die offenen Gemeinschaftsbereiche mit Küche und Wohnzimmer wirken auf den Besucher gemütlich. Jede Villa ist in einer anderen Farbe gehalten und dient als Orientierung. An den Zimmertüren hängen die Bilder der Bewohner. Trotzdem kommt es vor, dass sich die Bewohner verlaufen und nicht mehr zu ihrem Zimmer zurückfinden.

Die Bewohner richten sich ihre Zimmer selbst ein. Bei der Vermietung steht nur ein Pflegebett darin. „Sie sollen das Gefühl haben, dass sie zu Hause sind“, sagt Boss-Walek. Aus diesem Grund werden auch Hausarbeiten getätigt: Wäsche waschen und Kartoffeln schälen gehören dazu. Wie damals zu Hause – vorallem für die Frauen. Die sind deutlich in der Überzahl. Nur acht Männer leben derzeit im Demenzdorf.

Wenn Boss-Walek die vergangenen zwei Jahre Revue passieren lässt, ist sie zufrieden, sagt sie. Man habe sich Zeit gelassen, die Plätze zu belegen. Es sei gar nicht so einfach, geeignetes Personal zu finden. Schließlich befinden sich ausschließlich Menschen mit Demenz unter den Bewohnern. Das sei schon sehr geballt, wie es in anderen Pflegeheimen nicht vorkäme. „Wir hatten zum Glück den wirtschaftlichen Druck nicht.“ Ein Bonus der Tönebön-Stiftung. Erst im Juli des vergangenen Jahres war die Verteilung der Bewohner auf die vier Villen abgeschlossen. Boss-Walek und ihre Kollegen hätten darauf geachtet, dass die Menschen in den jeweiligen Häusern zwischenmenschlich zusammenpassen. Das habe sich ausgezahlt. Es seien schon viele Freundschaften entstanden. Die meisten Bewohner leben viele Jahre in der Einrichtung, denn sie werden hier bis zum letzten Tag begleitet. „Erst nach dem Tod wird somit ein Platz frei“, sagt die Leiterin.

Jüngste Bewohnerin ist 51 Jahre alt

Die jüngste Bewohnerin ist 51 Jahre alt, der Durchschnitt liegt bei 83. Mittlerweile sind 73 Mitarbeiter in dem Demenzdorf beschäftigt. Der Pool sei ständig erweitert worden. Neben den Pflegehelfern sei beispielsweise jeder Wohneinheit ein sogenannter Alltagsgestalter zugeteilt. Der hilft bei alltäglichen Dingen wie Aufstehen, Kochen oder Einkaufen im eigenen Supermarkt.

Für die Bewohner seien die vertrauten Mitarbeiter wichtig. Deshalb war die erste Zeit mit vielen neuen Pflegern und Alltagsgestaltern nicht ganz leicht, sagt Friedel Liberti. „Da war es für viele Bewohner schwierig, aber das hat sich wieder beruhigt.“ Jetzt gehe es seiner Mutter wieder gut. Und: „Wenn es meiner Mama gut geht, geht es mir auch gut.“

INFO: Wer trägt die Kosten?

Etwa zwei Drittel der an Demenz erkrankten Menschen werden in den Familien versorgt und gepflegt. Teilweise werden sie von ambulanten Pflegediensten unterstützt. Wenn die häusliche Betreuung nicht mehr möglich ist, können die Betreffenden in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft für Demenzkranke leben. Meistens kommen sie aber in eine stationäre Einrichtung, einem Pflegeheim. Ob und wie viel die Pflegeversicherung zahlt, hängt von der Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen ab. Für die Einstufung I, II, III ist nicht die Diagnose entscheidend, sondern der Hilfebedarf in den Bereichen Körperpflege, Ernährung, Mobilität und hauswirtschaftlichen Versorgung. Kann der Pflegebedürftige die Kosten nicht selbst bezahlen, müssen der Ehepartner, die Kinder oder das Sozialamt die restlichen Kosten abdecken. Wer eine private Pflegezusatzversicherung hat, bekommt die entstandenen Mehrkosten entsprechend von der privaten Versicherung erstattet. Allerdings muss die private Pflegeversicherung rechtzeitig abgeschlossen werden, um im Bedarfsfall gut abgesichert zu sein. Wer steuerpflichtig ist, kann unter gewissen Voraussetzungen die Kosten, die selbst getragen werden müssen, steuerlich absetzen. Dies gilt auch für Kinder, die sich an den Pflegekosten ihrer Eltern beteiligen. Quelle: Deutsche Alzheimer

Gesellschaft



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt