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So kann man gegen den Verlust der Sehstärke ankämpfen

Die Augenschule

Wäre es nicht wunderbar, wenn kein Mensch eine Brille brauchen würde? Wenn man nur ein wenig Disziplin aufbringen müsste für ein regelmäßiges „Sehtraining“, um wieder normal sehen zu können? Wenn also Kurz- und Weitsichtigkeit schlicht die Folge von schlechten Sehgewohnheiten wären, die man ändern könnte? Die Hamelner Ernährungs- und Gesundheitsberaterin Ute Mühlbauer zum Beispiel und mit ihr viele andere Heil- und Naturheilpraktiker, die in ihren Praxen eine Augenschule anbieten, sagt, dass gutes Sehen weniger vom Alter abhänge, als von der Art, wie wir mit dem Sehen umgehen.

veröffentlicht am 22.02.2016 um 20:56 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 09:16 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Tatsächlich kennt wohl fast jeder, der am Computer arbeitet, lange liest oder auf andere Weise die Augen längere Zeit hintereinander auf einen Punkt richten muss, wie sehr das die Augen ermüden kann. Es tut nicht gut, stundenlang auf einen PC-Bildschirm zu starren, in immer demselben Abstand und ohne dabei den Augen eine Abwechslung zu gönnen. Ute Mühlbauer und ihre Kollegen geben in ihren Augenschulen jede Menge Tipps, wie man mit bestimmten Übungen die Augen entspannen kann, wie man den Blick vom Nahen in die Ferne schweifen lässt oder die Augen immer mal wieder mit den warmen Handflächen bedeckt, damit sie zur Ruhe kommen können. Unterlässt man das, seien Symptome wie trockene, müde und brennende Augen, auch Hornhautreizungen und verschwommenes Sehen die Folge, so die Augentrainerin.

„Ja, das sind durchaus sinnvolle Übungen“, sagt dazu Dr. Gerrit Fahl, Augenarzt und Landesvorsitzender vom Berufsverband der Augenärzte Deutschlands. „Aber man sollte keine falschen Hoffnungen auf das sogenannte Sehtraining setzen. Wer glaubt, man könne durch ein Training die eigene Sehkraft verbessern oder eine mit den Jahren verlorene Sehkraft wiederherstellen, der hat die Mechanik des Auges nicht begriffen.“ Es bestünde ein Unterschied zwischen dem, was man „müde Augen“ nennt und den Ausgangsbedingungen, die der Einzelne für ein scharfes Sehen mitbringe. „Es gibt Dinge, an denen man etwas ändern kann und andere, mit denen man eben einfach leben muss.“

Die Verfechter des Sehtrainings gehen unter anderem davon aus, dass das Auge um so besser funktioniert, je stärker der Augenmuskel trainiert sei. Durch falsche Sehgewohnheiten verliere er seine Kraft und damit die Fähigkeit, die Augenlinse in die richtige Position zu ziehen. Und tatsächlich verfügt das Auge über einen speziellen Muskel, den sogenannten Ziliarmuskel. Deshalb sprechen Augentrainer davon, dass man hier mit einem Muskeltraining ansetzen könne, so wie bei anderen Muskeln auch. Im ersten Moment kann das einleuchten.

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Wie ein Gummiring umgibt der Ziliarmuskel den Augapfel. Lauter kleine Fasern verbinden die Linse ringsum mit diesem Muskelring. Die kleinen Fasern, Gerrit Fahl vergleicht sie mit Wäscheleinen, die bei entspannter Weitsicht ganz gerade gezogen sind, hängen durch, wenn der Muskel sich im angespannten Zustand befindet. Dadurch wird die Linse nicht mehr, wie beim Weitsehen, etwas plattgezogen, sondern bildet die kugeligere Form, die das Licht passend für die Nahsicht bricht.

Ob man allerdings weit- oder kurzsichtig ist, hat mit der jeweils genetisch verursachten Größe des Augapfels zu tun, also mit den angeborenen Möglichkeiten der Linse, ihre Form im begrenzten Raum der Augenhöhle mehr oder weniger stark zu verändern. An diesen Ausgangsbedingungen sei rein gar nichts zu verändern, weder positiv durch ein Sehtraining oder negativ durch einen Computer-Arbeitsplatz, sagt Gerrit Fahl. Das Mittel der Wahl sei hier einzig die passende Brille.

Viele Anbieter von Augenschulen setzen daher verstärkt bei Sehschwächen an, die sich erst im Laufe des Lebens entwickeln. Dabei geht es vor allem um die Altersweitsichtigkeit, also den Verlust des umstandslosen Scharfsehens beim Lesen oder beim Betrachten von Gegenständen in der Nähe. Die Sehtraining-Theorie unterstellt, dass die Sehkraft nachlässt, wenn der Augenmuskel diese Arbeit des Anspannens und Entspannens nicht mehr richtig leisten kann. „Eine beginnende Kurz- und Weitsichtigkeit kann durch gezielte Augenübungen durchaus positiv beeinflusst werden“, sagt Ute Mühlbauer.

Doch auch diesen Ansatz für ein Sehtraining stellt Gerrit Fahl entschieden in Frage. „Die Altersweitsicht zum Beispiel hat nichts mit einem Erschlaffen des Augenmuskels zu tun“, erklärt er. Der Ziliarmuskel könne Bodybuilderstärke haben, soviel er wolle – es sei die Linse, die ab einem gewissen Alter nicht mehr mitmache. „Man kann fast die Uhr danach stellen“, sagt er. „Spätestens mit 45 Jahren bemerken die allermeisten Menschen einen Verlust der Sehkraft.“ Das hat nachvollziehbare Gründe.

Die Linsenzellen teilen sich unaufhörlich. Die neuen Zellen wandern zu den Polen, die alten sammeln sich in der Tiefe der Linse. „Und leider sitzt da kein kleines grünes Monster, dass die überschüssigen Zellen auffrisst“, so Fahl. Das Linsenmaterial verdichtet sich, die Linse wird immer härter, und was sich bei der Geburt noch in einem „butterweichen“ Zustand befand, verliert die Flexibilität, ganz egal, was rundherum Muskeln oder „Wäscheleinen“-Fasern treiben. Die Altersweitsicht ist da, und nur, wer vorher kurzsichtig war, hat davon einen gewissen Vorteil: „Für eine Übergangszeit wird die verhärtete Linse zur eingebauten Brille“, meint der Augenarzt. Ein kleiner Trost für manche.

Man sollte dem Auge

ruhig zumuten, ständig zu arbeiten

Sinnlos sei ein gewisses Sehtraining deshalb nicht unbedingt, das meint auch Augenoptiker Jörg Reineke aus Rinteln, der dafür plädiert, das Auge immer in Bewegung zu halten, ihm „Arbeit“ zuzumuten. So rät er davon ab, aus Bequemlichkeitsgründen eine Brille zu wählen, die stärker ist, als es dem Ausgleich der verminderten Sehkraft entspricht. „Manche Kunden sind fasziniert davon, dass sie mit einer starken Brille plötzlich wieder, wie als Jugendlicher, aus kürzester Entfernung sehr scharf sehen, während sie ohne Brille die Dinge nur noch am ausgestreckten Arm erkennen konnten“, sagt er. Für das Auge aber sei es viel besser, wenn man es nicht zu sehr verwöhnt, sondern es dazu bringt, sich auf den typischen Leseabstand von 25 Zentimetern einzustellen.

Was nun eine Überanstrengung der Augen etwa am Computerarbeitsplatz betrifft, so würde auch Gerrit Fahl der Anwendung von Entspannungsmethoden zustimmen. Er erzählt, wie ein Kollege dazu beitragen konnte, dass der hohe Krankenstand unter den Mitarbeitern eines Labors mit einfachsten Mitteln behoben werden konnte. Stundenlang hätten die Angestellten kleinste Material-Teilchen unterm Mikroskop begutachten müssen, ohne dabei einen Anlass gehabt zu haben, zwischendurch aufzublicken. Die meisten klagten über knochentrockene Augen, über Kopfschmerzen und Nackenverspannungen.

Die Lösung des Problems: Das Fließband zum Ablegen der begutachteten Teilchen wurde verlegt, die Mitarbeiter mussten nun regelmäßig aufstehen, um die angesammelten Teilchen zum Band zu bringen. Dabei geschah dann Ähnliches, wie es auch Ute Mühlbauer empfiehlt: Das ständige Starren auf einen Punkt wurde unterbrochen, der Blick ging wieder in die Ferne, die körperliche Bewegung tat gut. „Ja, die Augen sollten sich bewegen, weil sie sonst auf schmerzhafte Weise zu trocken werden“, so Gerrit Fahl. „Häufiges Zwinkern ist wichtig, und das macht man normalerweise alle paar Sekunden. Beim Starren – übrigens ganz egal, ob auf Bildschirm, Buch oder Blume – zwinkert man oft nur alle drei Minuten. Zu wenig.“

Ute Mühlbauer plädiert als Ernährungsberaterin für einen umsichtigen, überwiegend vegetarisch ausgerichteten Speiseplan, um die Sehkraft zu bewahren und zu stärken. Aus Sicht der Augenmedizin hat aber auch die Ernährungsweise keinen Einfluss auf die genetische Ausstattung des Auges. Der Aspekt der „Sehkraft-Bewahrung“ dagegen kann dabei eine durchaus wichtige Rolle spielen. Der Diabetes mellitus, umgangssprachlich „Zuckerkrankheit“ genannt, führt auf Dauer, wenn er nicht mithilfe von Diäten und Medikamenten behandelt wird, zu einer Schädigung der Augen-Blutgefäße, die sogar zur Erblindung führen kann.

Eine weitere, überwiegend im Alter auftretende Augenkrankheit, für deren Behandlung oftmals mit einem Sehtraining geworben wird, ist der „Graue Star“, die Verhärtung und Eintrübung der Linse. Doch auch hier leuchtet ein, dass Muskeltraining bei einer unelastisch gewordenen Linse vergebliche Mühe sein muss. „Trotzdem kann beim Grauen Star alles wieder gut werden, ohne jeden Hokuspokus“, sagt Gerrit Fahr: Durch eine relativ harmlose Operation, bei der die eingetrübte Linse durch eine Kunstlinse ersetzt wird. Was aber gar nicht gehe und bloße Beutelschneiderei sei: Menschen mit Makula-Degeneration, also einer fortschreitenden Zerstörung der Netzhaut, Hoffnung darauf zu machen, dass heilpraktische Methoden hilfreich sein könnten. Fahrs Fazit, das zugleich das Fazit der augenmedizinischen Forschung ist: Sehtraining schade nichts und kann durchaus hilfreich sein bei gestressten Augen. Am individuellen Gen-Schicksal und typischen Alters-Sichtproblemen aber müsse es grundsätzlich scheitern.



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