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Die Angst im Schatten des Atomkraftwerks

Den Blick vom Bückeberg über das Wesertal hat er besonders geliebt – als das Atomkraftwerk Grohnde noch nicht stand. „Das ist lange vorbei“, erzählt Reinhold Vossberg (Name von der Redaktion geändert), „aber seit Jahren gehe ich nicht mehr dort hinauf. Es reicht, dass ich die Kühltürme und das Reaktorgebäude jeden Morgen sehe, wenn ich raus muss, um zur Arbeit zu fahren.“ Der 56-jährige technische Angestellte macht kein Hehl daraus, dass er kein Freund von Atomstrom ist und auch nie einer war. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie 1974 gerüchteweise davon die Rede war, dass bei Emmerthal ein Atomkraftwerk errichtet werden soll. Damals hatte ich keine Ahnung, was das für mich bedeuten sollte. Gemeinsam mit meiner Frau haben wir uns Bücher beschafft, jede Menge Bücher über Atomenergie und haben gelesen, gelesen, gelesen.“ Das habe ihm die Augen geöffnet für die Gefahren der von einem Atomkraftwerk möglicherweise ausgehenden Gefahren, „denn man wird ja nicht als Atomkraftgegner geboren“. Das habe sich ganz allmählich entwickelt, erinnert sich der Mann, der das Atomkraftwerk Grohnde sozusagen direkt vor der eigenen Haustür hat und sich täglich des Risikos bewusst ist, das er mit dem Betrieb der Anlage verbindet.

veröffentlicht am 06.10.2011 um 00:00 Uhr

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Wenn schon Atomkraftgegner – warum dann ausgerechnet Hauseigentümer in der direkten Nachbarschaft? „Wir haben damals, als klar wurde, dass Grohnde wirklich gebaut wird, ganz konkrete Überlegungen angestellt, nach Neuseeland oder Australien auszuwandern. Dann haben wir mal geschaut, wo und wie in Australien Energie erzeugt wird und mussten feststellen, dass auch dort Atomkraftwerke stehen und der Atommüll mehr oder weniger unsicher in der Wüste verbuddelt wird. Da war es aus mit dem Traum von der Auswanderung. Die Risiken sind doch überall dieselben. Da gibt es kein Entrinnen.“ Und es sei damals gar nicht so einfach gewesen, die ganzen Standorte von Atomkraftwerken in Europa festzustellen. Es habe ja noch kein Internet gegeben. „Wir wollten damals wissen, wo man bei einem Atomunfall am wenigsten betroffen wäre, nur war da die Katastrophe von Tschernobyl noch nicht gewesen. Sonst hätten wir uns das sparen können.“

Vossberg, so berichtet er, war sich schnell darüber im Klaren gewesen, dass er im Ort zu einer Minderheit gehören würde. „Andere sahen doch goldene Zeiten auf sich zukommen. Einer meiner Kollegen sagte mir damals: ,Mensch, in der Bauphase verdiene ich so viel Kohle, dass ich es danach richtig ruhig angehen lassen kann.‘ Das haben die damals ganz geschickt gemacht, als der Bauplatz vorbereitet wurde und die Bäcker, Schlachter und kleinen Handwerke ihre Aufträge erhielten.“ Das Geld habe es bar auf die Hand gegeben. Kritik an den Bauplänen? „Die gab es kaum. Da kann doch überhaupt nichts passieren, hieß es bei den wenigen Diskussionen, die ich mit Freunden und Kollegen erlebt habe.“ Und was habe es damals für Vorstellungen gegeben. „Wir kriegen hier in Emmerthal Sondertarife für den Strom, schmeißen die Ölheizung raus und heizen in Zukunft elektrisch“, sei ihm erzählt worden. Nichts davon sei eingetroffen. „Aber alle sahen damals nur ihren Vorteil.“ Natürlich hätten damals viele Leute aus Emmerthal und der Umgebung dort Arbeit gefunden, „zum Beispiel als Wachleute am Bauzaun, auch wenn das Typen waren, die vorher jahrelang keinen Job hatten“.

Und Vossberg erinnert sich noch genau daran, wie mitten im Wachstum des ausgesäten Getreides eines Tages das Feld „plattgemacht wurde“. Das habe besonders bei der Kriegsgeneration, die schwere Not gelitten habe, richtig Entsetzen ausgelöst. „Der Anfang“, sagt Vossberg, „war in meinen Augen besonders brachial.“ Durch die Literatur und die Berichterstattung im Fernsehen habe er damals auch von der Bauplatzbesetzung bei Wyhl am Kaiserstuhl erfahren. Besonders schockiert hätten ihn damals Bilder, die zeigten, „wie eine alte Dame, so ein richtiges Ömchen, von einem Wasserwerfer weggepustet wurde. Warum war die wohl dort? Die muss doch eine hohe Motivation gehabt haben“.

Aber schließlich hätten sich auch in Emmerthal und Umgebung Freunde gefunden, die seine sich entwickelnde kritische Haltung zur Atomenergie teilten. Bei seinen Recherchen habe er zum Beispiel auch von einem Zwischenfall in einem amerikanischen Atomkraftwerk erfahren, bei dem zwei Leichen so verstrahlt gewesen seien, dass man sie wegen der hohen Kontamination nicht habe beerdigen können. „Die wurden wie Atommüll beseitigt.“ Wo sich der Vorfall ereignet hatte, daran kann sich Vossberg allerdings nicht mehr erinnern. Eines sei ihm damals klar geworden: „Die Strahlen sind unsichtbar, du kannst sie nicht riechen und du kannst sie auch nicht schmecken.“ Nichts davon zu spüren und trotzdem in höchster Gefahr zu sein: „Das macht schon Angst.“

Spätestens nach der Explosion des Reaktors von Tschernobyl sei ihm und seiner Frau klar geworden, dass die in den Katastrophenschutzplänen ausgewiesenen Gefahrenzonen „völliger Quatsch“ gewesen seien. „Sonst hätten wir damals ja auch keine radioaktiven Partikel aus Tschernobyl abkriegen können. Wir waren ja schließlich mehr als 30 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt“, merkt Vossberg sarkastisch an und bedauert, dass „ich es nicht geschafft habe, meine Kinder nicht im Schatten von Atomenergie aufwachsen zu lassen“. Wenn heute mit seiner Tochter das Gespräch auf Tschernobyl komme, gebe es von ihr nur ein Stichwort: „Rosa Stiefelchen.“ Die Gummistiefelchen habe sie damals immer tragen müssen, wenn sie draußen spielte. „Das war wirklich alles nicht lustig.“

Natürlich habe er auch an den Demonstrationen gegen Grohnde teilgenommen und die „Schlacht um Grohnde“ am 19. März 1977 miterlebt – „Wasserwerfer, Tränengas, berittene Polizei auf 17 Pferden, Schlagstöcke und jede Menge Verletzte. „Hat alles nichts geholfen.“ Nur, dass der Staatsschutz gegen ihn ermittelt habe. Das Motto der Polizei sei damals offenbar gewesen: „Austoben lassen und dann verdreschen.“ Vergeblich sei auch der Versuch gewesen, den Bauplatz für die Kühltürme durch ein Zeltlager zu besetzen. „Das ging vier Wochen gut. Dann kam die Räumung, aber wenigstens relativ friedlich.“ Besonders ärgert Vossberg noch heute die von ihm so empfundene Arroganz während der Anhörungen in Hameln durch die „geschlossene Phalanx“ der Vertreter der Landesregierung, des Betreibers und des TÜV. „Die haben die Einwände alle nicht ernst genommen und uns gefragt: ,Was wollt ihr denn gegen 1,3 Megawatt setzen? Wollt ihr etwa Windmühlen bauen?’“

Als der Reaktor von Tschernobyl in die Luft geflogen sei, sei das in seiner Familie eine besondere Situation gewesen. „Wir hatten eine kleine Tochter und meine Frau war schwanger. Da haben wir richtig Angst gehabt, als zwei Tage nach der Explosion die ersten Meldungen durchkamen.“ Sie hätten damals zwar von der theoretischen Gefährlichkeit der Atomenergie gewusst. „Aber es hat uns die Phantasie gefehlt, uns einen tatsächlichen Atomunfall vorzustellen. Jetzt war er da mit allen Fragezeichen und spärlichen Informationen und der Verharmlosung der hiesigen AKW-Betreiber.“ Denn der damalige Grohnde-Direktor habe nur eines gesagt: „So etwas kann in Grohnde nicht passieren, weil wir einen anderen Reaktortyp haben.“

In seiner Ablehnung der Atomenergie hat ihn die Katastrophe von Fukushima eher noch bestärkt. Tschernobyl und die Folgen führt Vossberg auf ein „schlechtes Katastrophenmanagement zurück, auf menschliche Fehler und eine hilflose Regierung in Moskau“. Bei Tschernobyl habe man sich noch mit der unsicheren russischen Technologie herauszureden versucht, „aber Fukushima ist in einem hochtechnologischen Land mit Vorbildcharakter in fast allen Technikbereichen passiert“. Und obwohl dort keine Diktatur herrsche, sei das Gleiche zu erleben gewesen: ein schlechtes Katastrophenmanagement, eine verlogene Informationspolitik der Betreiber, eine hilflose Regierung in Tokio und entschuldigende Verneigungen der Verantwortlichen. „Im Krieg und in der Katastrophe stirbt die Wahrheit zuerst“, zitiert Vossberg in diesem Zusammenhang einen ihm unbekannten Autor.

Die Frage, wie er es denn nach Tschernobyl und Fuku-shima noch in der Nähe des Atomkraftwerks aushalten könne, beantwortet Vossberg mit entwaffnender Logik: „Tschernobyl hat gezeigt, dass die Entfernung des Wohnorts von einem AKW keine Rolle spielt, weil das Zeug im Katastrophenfall doch weit verbreitet wird. Wenn der Wind entsprechend weht, helfen auch keine Sicherheitszonen.“ Dabei zuzugeben, dass das AKW Grohnde weitgehend störungsfrei gelaufen ist, fällt Vossberg nicht leicht. Für ihn bleibt die Atomkraft eine „menschenverachtende Technologie“, weil immer ein Restrisiko bleibe, was auch der in diesem Jahr durchgeführte Stresstest gezeigt habe. Grohnde sei ja noch nicht einmal gegen Flugzeugabstürze gesichert. Deshalb habe er unterschwellig noch immer Angst, dass auch am AKW Grohnde eines Tages ein Unglück geschehen könnte.

„Fukushima hat mich wirklich schwer mitgenommen“, erklärt Vossberg, „auch gesundheitlich. Die haben das abbekommen, was wir immer befürchtet haben. Es wäre so viel schöner, wenn wir mit unseren Befürchtungen und unserer Angst vor einer Atomkatastrophe unrecht behalten hätten.“

Knapp 1000 Menschen bekundeten am vergangenen Wochenende in Grohnde ihren Protest gegen Atomkraft. Aber wie lebt es sich als Kritiker in der direkten Nachbarschaft zu einem Atomkraftwerk? Wir haben mit einem Betroffenen gesprochen. Seine klare Antwort: „Da gibt es kein Entrinnen.“



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