weather-image
23°

So entstand die Industrie- und Handelskammer in Hameln

Die alte Dame

veröffentlicht am 01.09.2016 um 19:28 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:12 Uhr

270_0900_11988_hin101_IHK_Wal_0209.jpg
Joachim Zieseniß

Autor

Joachim Zieseniß Reporter Coppenbrügge-Salzhemmendorf zur Autorenseite

1866. Die Tage des Königreiches Hannover waren gezählt. Kurz vor dem Übergang in den preußischen Staat gestand die Regierung des Königreichs Hannover im September 1866 den Kaufleuten und Fabrikanten im damaligen Landdrosteibezirk Hannover noch per Verordnung vom 7. April 1866 das lange geforderte Recht zu, eigene Institutionen für die regionale Wirtschaft einzurichten: „Um den Handel und die Gewerbe zu heben.“ Auch in Hameln kam man dem nach und gründete die „Handelskammer Hameln“. 1924 wurden die bisherigen Handelskammern in Industrie- und Handelskammern (IHK) umbenannt. Somit begeht Hamelns IHK – sie ist heute eine Geschäftsstelle der IHK Hannover – in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen.

Die Geschichte der Vorläuferorganisation der heutigen IHK beginnt im fast ausschließlich agrarisch wirtschaftenden Königreich Hannover 1824 mit der Schaffung der „Kommission zur Beförderung des Ackerbaus und der Industrie“. Die Verordnung über die Errichtung von Handelskammern im Königreich Hannover vom 7. April 1866 führte am 20. April 1866 zur Gründung der Handelskammern zu Hildesheim, Göttingen, Osterode und Goslar. Am 12. September 1866 werden die Handelskammern zu Hannover und Hameln errichtet. 1867 avancierte der Kaufmann Carl Ludwig Lüder zum ersten Präsidenten der neuen Hamelner Handelskammer .

Die Gründung der Handelskammern im damaligen Landdrosteibezirk Hannover ist im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung im Königreich zu sehen: 1837 war die Personalunion zwischen Hannover und England geendet. Damit konnte auch eine Zeit enden, in der die englische Wirtschaft und Industrie der im Königreich Hannover bereits haushoch überlegen war. Ein Zustand, in dem man den deutschen Teil im Personalunions-Gebilde gern belassen hatte; über die Zollunion konnten so Waren und Geldströme nur in eine Richtung fließen. Hannover sollte ruhig agrarisch bleiben, meinte man in London.

2 Bilder
as Gesetz zur Einrichtung der Handelskammern im Jahr 1866 – veröffentlicht am 14. September. Foto: Archiv

Erst mit Aufbrechen der Personalunion bemerkten die hannöverschen Könige den Nachholbedarf in ihren eigenen Stammlanden. Nach dem „tollen Jahr“ 1848, in denen die Revolution auch in ihren Landen wettergeleuchtet hatte, sollten sich ihre bürgerlichen Landeskinder anstatt auf revolutionäre Ideen nun lieber auf Industrie und Gewerbe, auf die Entwicklung wirtschaftlicher Produktionskräfte konzentrieren. Die Aufhebung der traditionellen Zünfte und das Anschieben von gewerbeübergreifenden lokalen Handelsvereinigungen schien der Obrigkeit der richtige Weg zu sein. Und in Hameln war Carl Ludwig Lüder für die Idee eines wirtschaftlichen Erstarkens seiner Heimatregion der richtige Mann am rechten Ort: 1809 als Sohn aus einem angesehenen Hamelner Patriziergeschlechts in der Bäckerstraße 3 geboren, war er einer der ersten Wirtschaftsvisionäre seiner Heimatstadt: Von 1845 bis 1852 Bürgervorsteher, handelte er 1850 als einer der städtischen Bevollmächtigten mit der hannoverschen Regierung den Jahrhundert-Vertrag über die Rückgabe des Festungsterrains an die Stadt aus. Damit war die Stadt baulich aus ihrem Zwangsgürtel befreit. Die Wirtschaft konnte sich über ihre alten Stadtgrenzen ausbreiten, die Entwicklung von Industrie war möglich. Bereits ab 1860 stand Lüder dem „Kauf- und Krameramt“ vor. Das ging auf das Jahr 1526 zurück und war traditionell die wichtigste Gilde der Stadt.

In späteren Jahren sollte sich Carl Ludwig Lüder vehement für die Verbesserung der Transportverbindungen für das Hamelner Gewerbe stark machen: Er kämpfte für den Eisenbahnanschluss der Stadt, der 1872 eröffnet wurde. Er sorgte sich aber auch um die Weserschifffahrt und Verbesserung der Hamelner Schleuse, die schon 1871 dem Verkehr übergeben wurde. Bereits 1842 war Lüder Mitbegründer der „Vereinten Weserdampfschiffahrtsgesellschaft“, von der man sich ebenfalls Impulse für den lokalen Handel erhoffte. Denn auch in Hameln hatte sich das Industriezeitalters längst angekündigt: Bereits 1829/32 waren entsprechende Ansätze im Bereich der Papier- und Textilherstellung zu verzeichnen, denen bald weitere Unternehmungen folgten – sowohl im Mühlenbereich , in der Gummi-Verarbeitung und der Schuhindustrie. Ein Standortvorteil war übrigens damals das Hamelner Bezirksgefängnis, das für manche Branchen günstige Arbeitskräfte lieferte.

Noch unter hannoverscher Regierung hatte sich in Hameln der 1862 gegründete Handelsverein zur Aufgabe gesetzt, die Interessen der Kaufmannschaft und der jungen Industrie zu vertreten. Lüder hatte auch hier die Leitung übernommen. Offizielles Ziel dieses Handelsvereins war es nach den Statuten, „ein Bindeglied zwischen den einzelnen Kaufleuten und Industriellen einerseits und der Handelskammer sowie den Behörden andererseits abzugeben.“ Darüber hinaus wollte man kaufmännisches Wissen und die Ausbildung fördern, übernahm deshalb die seit 1845 in Hameln bestehende Handelsschule.

Carl Ludwig Lüder, der erste Vorsitzende der IHK Hameln, war somit ein Mann der wirtschaftlichen Zeitenwende. Auf der einen Seite öffnete er mit der neuen Handelskammer die Tür zum Industriestandort Hameln. Auf der anderen Seite trauerte er aber wohl auch der Zeit der Zünfte und Gilden nach, die „von Oben“ für die neuen Handelskammern abgeschafft wurden. In einem Bericht, erschienen im Hamelnschen Anzeiger vom 11. Juni 1881, schreibt Lüder: „Bald darauf erschien denn auch das Gesetz, wodurch die Gilden aufgehoben wurden. Hier wurde das Kauf- und Krameramt aufgehoben und das Vermögen unter die Mitglieder vertheilt. Der große silberne Krameramtsbecher wurde der Stadt geschenkt und dem Magistrate übergeben. Ich habe damit als der letzte des Kaufamtes und der letzte Vorsteher ... die alte Zeit geschlossen und ist damit eine neue Aera begonnen.“

Zahlen, Daten, Fakten

Nach 150 Jahren und einer Reihe von Fusionen gehört die IHK Hannover heute mit rund 145 000 Mitgliedsunternehmen in neun Landkreisen und der Region Hannover zu den sechs größten Industrie- und Handelskammern in Deutschland. Die IHK ist Teil der Geschichte Niedersachsens und hat diese in 150 Jahren an vielen Punkten mitgeprägt: als Ausgabestelle für Notgeld in der Hyperinflation der 20er-Jahre ebenso wie als Anlaufstelle für Tausende ostdeutsche Betrieb kurz nach der deutschen Grenzöffnung. Und nicht zuletzt als treibende Kraft der Wirtschaft für die Expo 2000 in Hannover. Heute sind 6500 ehrenamtlich engagierte Unternehmer und Fachkräfte aus den Mitgliedsunternehmen sowie rund 180 hauptamtliche Mitarbeiter am Hauptsitz in Hannover sowie in den sechs regionalen Geschäftsstellen für die IHK Hannover tätig.

Im Zuge staatlicher Reformen veränderten sich die Grenzen des Kammerbezirks mehrmals. 1973 fusionierte die Kammer Hildesheim mit der Kammer Hannover. Im Jahr 2002 beschloss die IHK-Vollversammlung eine Namensänderung. Aus der „IHK Hannover-Hildesheim“ wurde die „IHK Hannover“, in der auch die ehemalige Handelskammer Hameln aufgegangen ist.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?