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Nach 30 Jahren spielt die CD auf dem Musikmarkt kaum noch eine Rolle / Erinnerungen an ein Auslaufmodell

Die Übergangslösung

Meine erste CD? Verschwommen taucht vor dem inneren Ohr irgendwas Klassisches auf, ich meine, es war ein Klavierkonzert von Johannes Brahms. Ich weiß noch, dass ständiges Aufstehen und Rübergehen zum Verstärker nötig war, um die Lautstärke nachzuregeln. Endlich konnte man sich ja das unverfälschte Konzerterlebnis in die eigenen vier Wände holen, das Pianissimo der Geigen war leiser als das molekulare Rauschen der Raumluft, und das Schmettern der Bläser brachte die Wände zum Wackeln, auch weil der Nachbar vehement dagegen klopfte. Es war ein unruhiger und schweißtreibender Hörgenuss, weit entfernt von Andacht und Versenkung.

veröffentlicht am 10.04.2013 um 09:45 Uhr
aktualisiert am 19.04.2013 um 10:28 Uhr

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Robert Pflug (50),

Tonmeister aus Rinteln:

Es hat etwas gedauert, bis wir Tonschaffenden lernten, die Dynamik zu bändigen, dass die akustische Wirklichkeit eines großen Orchesters im Konzertsaal und die Abbildung im Wohnzimmer des Käufers eben nicht 1:1 sein dürfen, sondern vieler feinfühliger Justierungen durch geeignete tontechnische Instrumente und ausgebildeter Ohren bedarf und dass wir Tonmeister das Klangbild der Tonkonserve quasi neu definieren müssen: Was leise ist, muss nur leise klingen, und was laut ist, muss nur laut erscheinen, aber eben nicht sein. Nicht so extrem wie in Wirklichkeit. Es geht darum, eine Illusion zu erfinden.

Ralph Maten (42),

Musiker und Komponist aus Hameln:

Die erste selbst gekaufte CD war etwas Besonderes. Meine erste CD war von „The Mission“, einer Band, die mich stilistisch sehr beeinflusste. Die CD war tagelanges Gesprächsthema im Freundeskreis und bei Mitmusikern, man blätterte das Booklet durch und empfand es als Kunst.

Die CD war nichts Heiliges, wie einst die Schallplatte, die ich auch noch in meinem tiefsten Innern irgendwie kenne, doch die CD war transportabel – man konnte seine Musik in hervorragender Qualität im Auto hören! Aus heutiger Sicht fast schon lustig. Leider wird die CD keine weiteren 30 Jahre mehr erleben, allenfalls noch 6 bis 8 Jahre. Sie gilt heute als Rohstoffverschwendung und ist nur noch bei Live-Konzerten ein wichtiger Merchandise-Artikel, wird aber ansonsten durch iPhone und Co gänzlich ersetzt. Schade eigentlich.

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Frank Westermann (52),

Redakteur aus Rinteln:

Mit dem Kauf der ersten CD verbindet mich immer noch ein heute nachklingendes Gefühl: unfassbare Wut.

Aber der Reihe nach: Käuflich erwerben wollte ich 1985 das neue Werk von Brian Eno, einem nach eigenem Verständnis „Nicht-Musiker“, der es in der Band Roxy Music zu veritablem Ruhm gebracht hatte, ehe er als Produzent die Talking Heads und U2 zu Weltruhm führte. Aber er hatte zuvor eine Idee, die ich immer inspirierend fand: Er schuf Musik, die für Räume gedacht war. Für große Räume, beispielsweise einen Flughafen. Und diese Musik sollte die Atmosphäre in diesen Räumen verändern. „Music für Airports“ etwa lieferte vier Stücke, in denen kleine Klavierkompositionen über eine Viertelstunde lang unmerkbar variiert wurden. Das Ergebnis war mehr als verblüffend: Musik, die sich in Räume einfügte wie ein wunderbar passendes Möbelstück, so schön wie ein Designer-Sofa. Und unfassbar beruhigend.

Ich wurde süchtig nach dieser Musik. Und als mit „Thursday Afternoon“ das neue Album des Meisters angekündigt wurde, da erschien es mir im Plattenladen, als habe mir der Mitarbeiter dort einen Eimer kaltes Wasser ins Gesicht gegossen: Die Platte gab es nicht als Vinyl, sondern nur als CD. Und so sah ich mich gezwungen, nicht nur die CD zu kaufen, sondern auch noch einen CD-Spieler. Warum das Multitalent Eno dieses Werk nur auf CD veröffentlichen ließ, leuchtet mir sofort ein: „Thursday Afternoon“ bestand aus einem einzelnen Lied, genau 60 Minuten und 54 Sekunden lang. Eine Langspielplatte hätte nach 20 Minuten naturgemäß einen Bruch bedeutet.

30 Jahre später höre ich an lauen Frühlings- oder Herbsttagen „Thursday Afternoon“ immer noch gern und oft, und immer entfaltet dieses einstündige Stück noch immer seine ganz eigene Magie. So soll es sein. Den Rest des Meisters höre ich noch immer auf Vinyl, das überleben wird. Die CD nicht.

Birte Gäbel (32),

Sängerin aus Hameln/Hamburg:

Meine erste CD war „Crash, Boom, Bang“ und ich habe sie mir 1992 mit 12 Jahren nach einem großen Roxette-Konzert in Hannover gekauft. Mein Vater hatte mir die Konzertkarten zum Geburtstag geschenkt und es war das erste und eindrucksvollste Erlebnis dieser Art für mich überhaupt. Natürlich musste ich die CD haben. Allerdings hatte ich gar keine Stereoanlage, mit der ich sie hätte abspielen können. Also habe ich zu meiner ersten CD auch gleich von meinem Ersparten eine Stereoanlage gekauft und ab da diese einzige CD rauf und runter gehört. Obwohl ich noch kaum Englisch konnte, lernte ich jedes Wort darauf auswendig und habe fast nichts anderes getan, als danach zu singen. In mir war der Wunsch geboren worden, Musikerin, Sängerin und Songwriterin zu werden. Diesen Wunsch habe ich seitdem zielstrebig verfolgt und bin heute Berufsmusikerin mit allen Höhen und Tiefen, die dazugehören. Bereut habe ich es nie, denn die Musik ist mein Leben. Die CD habe ich übrigens immer noch.

Oliver Sauerland (38),

Musiker aus Bodenwerder/Hannover:

Meine erste CD ist eigentlich nicht so cool, dass man damit freiwillig an die Öffentlichkeit geht, aber ich stehe dazu: Meine erste CD war von Bros, mit Hits wie „When Will I Be Famous“ und „Drop the Boy“ und so weiter. Die haben mir meine Eltern damals gekauft. Ich war 13 Jahre alt, und in der Metro gab es damals noch keine Ärzte-CDs, sondern nur diesen Mainstream-Kram. Doch weil ich unbedingt unseren neuen CD-Player ausprobieren wollte, hab ich halt zum kleineren Übel gegriffen. Die Band war mir völlig egal. Fragt mich bloß nicht nach meiner ersten Vinyl Single! Das waren The Bangles mit „Manic Monday“. Obwohl: Das ist immer noch besser als Bros.

Philipp Hoppen (33), „Sound Engineer“ aus

Börry/Berlin:

Ich war zwölf Jahre alt, als ich meine erste CD bekam: „Use Your Illusion 1“ von Guns’n’Roses. Bei einem Besuch bei meinem Patenonkel, einem Hifi-Freak, in Bad Godesberg, erläuterte er mir die Rückseite einer CD. Dort fanden sich früher nämlich drei Buchstaben, entweder DDD, ADD, AAD, DAD, das ist der sogenannte SPARS-Code, der Aufschluss über die Musikproduktion gab. A stand für analog, D für digital. Der erste Buchstabe für die Art der Aufnahme, der zweite für die des Mischens und der dritte für die Art des Masterns. Die CD war 1991 der letzte Schrei, alle Plattenfirmen brachten all ihre Platten noch einmal als CD raus. Digital war schlichtweg gleichbedeutend mit gut. Auf der Guns’n’Roses-CD stand allerdings AAD: „Das ist nicht so gut“, meinte mein Patenonkel damals. Das ist lustig, weil man heute eigentlich genau das Gegenteil versucht: Die Musik soll analog klingen, nicht digital. Und die Zahlen sprechen für sich: Während die CD-Produktion jährlich um etwa 30 Prozent zurückgeht und es in zehn Jahren vermutlich keine CDs mehr geben wird, nimmt die Vinylproduktion wieder zu. Ich selbst mische auch vorzugsweise analog, was allerdings etwas aufwendiger ist. Aber dafür klingt es am Ende gut.

Olli Schröder (46),

Gitarrist aus Obernkirchen:

Meine erste CD war der Soundtrack zu dem Film „Dune“ von der Band Toto. Mit hohen Erwartungen legte ich die Scheibe in den CD-Schacht, nur um kurz danach totale Ernüchterung zu erleben. Ein völlig kalter, lebloser Sound drang aus den Boxen hervor, der mit den Vinylplatten nicht zu vergleichen war. Sterilität a gogo! Naja, wenigstens hat sie nicht gerauscht oder gerumpelt oder gekratzt, was das Klangerlebnis noch steriler sein ließ.

Ab heute treffen sich Musikexperten aus aller Welt zur Musikmesse in Frankfurt. Instrumente und Produktionsarten stehen dabei im Zentrum. So ganz nebenbei ist ein Medium fast in Vergessenheit geraten: die CD. Als sie Anfang der 80er Jahre auf den Markt kam, galt sie als kleine Revolution in der Musikbranche. Während die Vinyl-Schallplatte eine Renaissance erlebt, ist die Compact Disc heute ein Auslaufmodell. Die Redaktion hat sich umgehört, welche Erinnerungen Menschen aus der Region mit ihrer allerersten Musik-CD verbinden.



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