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Tipps von Ernährungsexpertin Antje Müller

Diät versus Essensumstellung - was wirklich hilft

Warum haben manche Menschen keinerlei Gewichtsprobleme, während andere an ihrem Übergewicht verzweifeln? Warum gelingt den einen das Abnehmen, und die anderen werden immer dicker? Zwei Fälle – und Antworten von der Hamelner Ernährungsberaterin Antje Müller.

veröffentlicht am 23.05.2018 um 13:00 Uhr

Diät oder Ernährungsumstellung – was soll es sein, um Gewicht zu verlieren? Beide haben unterschiedliche Zielsetzungen. Eines aber haben sie gemeinsam: Ohne große Änderungen – wie mehr Gemüse essen, mehr selber kochen – im Vergleich zum vorherigen Le
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Herr K. hat abgenommen, insgesamt an die 15 Kilo. Frau U. würde gern abnehmen, so zwölf Kilo wären gut, aber es gelingt ihr einfach nicht.

Herr K. sagt: „Bei mir war es die Angst.“ Blutdruck, Blutzucker, die Werte waren eindeutig zu hoch. Abnehmen wurde bei ihm zu einer Frage von Krankheit oder Gesundheit.

Frau U. ist einfach genervt von ihrem Übergewicht. „Ich denke drei Viertel des Tages nur übers Essen nach“, sagt sie. „Was hab‘ ich heute schon gegessen, was darf ich mir noch erlauben.“ Vor zwei Monaten hat sie eine ihrer regelmäßigen Radikaldiäten absolviert und tapfer fünf Kilo abgenommen. Die sind aber schon wieder drauf und noch ein Kilo dazu.

Der Kampf mit dem Gewicht: Viele Menschen kennen das. Foto: dpa
  • Der Kampf mit dem Gewicht: Viele Menschen kennen das. Foto: dpa
Der Einkauf ist verführerisch – und hält viele Fallen bereit. Foto: dpa
  • Der Einkauf ist verführerisch – und hält viele Fallen bereit. Foto: dpa
Fett weg – aber wie? Ernährungsexperten können helfen. Foto: dpa
  • Fett weg – aber wie? Ernährungsexperten können helfen. Foto: dpa

Herr K. hat keine Diät gemacht, sondern seine Ernährung umgestellt. Weniger Reis, Kartoffeln, Nudeln, Brot, dafür mehr Gemüse, Linsen, Bohnen, Erbsen und Vollkorn. Langsam aber sicher verschwand Kilo für Kilo, ohne allzu große Qual.

Frau U. will von so etwas gar nichts hören. „Ich brauche den schnellen Anfangserfolg“, sagt sie. „Wenn ich erstmal ein paar Kilo los bin und dafür hart gekämpft habe und gut aussehe, dann werde ich es schaffen, nicht wieder zuzunehmen.“ Ihre Strategie geht allerdings nie auf.

Warum haben manche Menschen keinerlei Gewichtsprobleme, während andere an ihrem Übergewicht verzweifeln? Warum gelingt den einen das Abnehmen, und die anderen werden immer rundlicher? Das fragen wir die Hamelner Ernährungsberaterin Antje Müller. In ihrer Praxis hat sie oft mit Menschen wie Herrn K. und Frau U. – beide stammen aus Rinteln und wollen ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen – zu tun.

„Vorab: Es gab schon immer die guten ‚Futterverwerter‘ und die ‚Hänflinge‘“, sagt sie. „Das ist genetische Veranlagung, und nichts, wodurch man ein besserer oder schlechterer Mensch wäre.“

Allerdings seien diese unterschiedlichen Veranlagungen in früheren Jahrhunderten nicht so extrem aufgefallen. Man müsse sich bewusst machen, wie sehr sich die Lebensbedingungen verändert hätten: „Früher hatte man nicht oft Gelegenheit, sich den Bauch richtig vollzuschlagen, schon gar nicht mit Süßem oder Fettigem. Richtig dick werden konnten nur die wenigsten.“ Noch bis vor 50 Jahren hätten sich die Menschen außerdem wie von selbst viel mehr bewegt. Niemand beschwerte sich, wenn Kinder einen mehrere Kilometer langen Schulweg hatten und dass man überhaupt ständig zu Fuß unterwegs war.

Der Körper weiß nicht, dass wir Supermärkte und Autos haben.

Antje Müller, Hamelner Ernährungsberaterin

„Unser ererbter Stoffwechsel ist auf harte körperliche Arbeit ausgerichtet“, sagt Müller. „Der Körper weiß nicht, dass wir Supermärkte und Autos haben. Wir fahren wie auf der Rolltreppe durchs Schlaraffenland und greifen einfach nur zu.“ Kein Wunder, dass es so schwer sei, sein Essverhalten den „gewichtsungünstigen“ Umständen anzupassen.

Manche ihrer Kunden in der Ernährungspraxis sagen, sie würden sich genau an den Ernährungsplan halten und trotzdem zunehmen. „Das kann durchaus sein“, sagt Antje Müller. Die meisten übergewichtigen Menschen nähmen allerdings tatsächlich zu viele Kalorien zu sich. Doch warum? Kann man nicht einfach Nein zu Schokolade, Chips und Sahnetorte sagen?

„Was man isst, und wie viel, das hängt auch von der Psyche ab, von Prägungen in der Kindheit, von den Vorbildern die es gab“, so Antje Müller.

Herr K. zum Beispiel trat als Kind bei jeder Mahlzeit in den Konkurrenzkampf gegen den Vater und seine Geschwister. Bei ihm sieht das Essen manchmal wie Schwerarbeit aus. Steht der gefüllte Teller vor ihm, ergreift er zügig sein Besteck und schaufelt sich die Mahlzeit rein, ohne dabei aufzublicken, ohne Pause, fast wie im Akkord. Dann lehnt er sich schweißgebadet zurück und fragt, ob er noch mehr haben kann. Das ist auch jetzt – nach der Ernährungsumstellung – noch manchmal so, aber Gemüse darf er ja auch ganz nach Belieben essen.

Frau U. ist ein anderer Essenstyp, eine Genießerin, die gerne kocht, jeden netten Imbiss in der Stadt kennt und einen immer ansprechend gefüllten Kühlschrank besitzt, in dem die unterschiedlichsten Zwischenmahlzeiten gehortet sind. Kein Spaziergang, wo sie nicht Halt macht, um einen Donut zu verspeisen oder einen Burrito. Kein Kaffee ohne Kuchen. Kein Abend vor dem Fernseher ohne eine Packung Süßigkeiten.

„Essen kann eine Sucht sein“, sagt Antje Müller. „Es werden dabei immer auch Endorphine ausgeschüttet, um so mehr, je süßer oder fettreicher es ist oder je mehr es aus schnell verwertbaren Kohlehydraten besteht.“ Der Verzicht fühlt sich dann so schmerzlich an wie eine unerfüllte Sehnsucht. Umso schwerer ist dies auszuhalten, wenn sich das schmerzlich vermisste Essen gleichzeitig in Reichweite befindet. Menschen wie Frau U. macht man mit Vollkornnudeln oder Roggenbrot keine große Freude. Wenn sie das Wort „Ernährungsumstellung“ hört, wird sie ganz betrübt. „Abnehmen ist doch ganz leicht, man darf sogar Spaghetti-Bolognese essen, so viel man will“, sagt sie und zitiert damit die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel, die dann aber beschreibt, dass die Bolognese aus Karottenstückchen bestehen muss und die Spaghetti aus mühsam zu Spiralen gedrehten Zucchini. So etwas würde Frau U. den Spaß am Kochen verderben.

Ihre Diäten dagegen erfüllen sie jedes Mal mit Euphorie. Zu gerne erzählt sie von ihrem jeweiligen 1000-Kalorien-Speiseplan und davon, wie viel Gramm sie heute wieder abgenommen hat. Sie ist in diesen Situationen erfüllt von ihrer Durchhaltekraft und spürt, dass sie alles erreichen kann, wenn sie es nur will. Und dann, nach zwei, drei Wochen, ist Funkstille zu diesem Thema. Wer nett ist, fragt nicht nach, warum.

Dass Herr K. dauerhaft dünner geworden ist, hat genau mit der Ernährungsumstellung zu tun, vor der Frau U. zurückschreckt: wenig Zucker, wenig Fett, Kohlehydrate in Maßen und dafür ganz viel lecker zubereitetes Gemüse. Sie sagt: „Das mach ich, wenn ich erstmal mein Wunschgewicht erreicht habe.“

Herr K. hat aber auch Glück. Er mag Gemüse. Er mag Vollkornbrot. Er mag Kichererbsen. Eigentlich mag er alles, wenn nur genug davon da ist. Trotzdem ist es manchmal nicht leicht, auf die Holzfäller-Mahlzeiten zu verzichten. Deshalb sagt er ja, es sei die Angst, die ihn davon abhält, wieder so bei Kartoffel und Co. zuzuschlagen wie früher. „Bei mir ist Diabetes mellitus der Küchenmeister“, sagt er, die Zuckerkrankheit. Und dann erzählt er haargenau, was die Leute am Nachbartisch im Restaurant alles gegessen haben, während er seine Pommes frites an die Freundin abgegeben hat – abgeben musste.

Die Ernährungsberaterin weiß, dass es meistens drei, vier Wochen dauert, bis eine Ernährungsumstellung zur Selbstverständlichkeit geworden ist. „Diäten sind keine Umstellung, sie bereiten auch nicht auf eine Umstellung vor, weil man ja auf Dauer nicht so kalorienzählend leben könnte“, sagt sie. Trotzdem ist sie nicht grundsätzlich gegen Diäten eingestellt. „Manchmal will man ja nur ein schnelles Ziel erreichen, ins Hochzeitskleid passen oder zum Gewicht von vor dem Urlaub zurückfinden.“

Was ihr richtig leidtut: Wenn Menschen sich schämen, weil sie ihr Abnehmziel nicht erreichen oder wieder zugenommen haben. Manchmal wechseln sie dann lieber die Beratungspraxis als von ihren „Sünden“ zu erzählen. „Sünde – so ein Unsinn!“, echauffiert sich Müller. Wenn es nicht um ernste gesundheitliche Probleme gehe, könne es helfen, das Schönheitsideal der Schlankheit aufzugeben und sich Vorbilder zu suchen, die ausstrahlen, dass es ganz egal ist, wie viel man wiegt. „Man sollte freundlich mit sich selbst umgehen“, sagt sie. „Menschen sind nun mal unterschiedliche Ernährungstypen. Und eines stimmt gewiss nicht: Dass man nur glücklich sein kann, wenn man dünn ist.“



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