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Diabetes kommt schleichend – und könnte meist doch einfach vermieden werden

Diabetes: „Das ist keine Sünde - das ist das Leben!“

Die Diagnose „Diabetes mellitus“ ist fast immer ein Schock. Es scheint dann mit allem Vergnügen rund um Essen und Trinken vorbei zu sein: Keine Bratwurst mehr und kein Hamburger, kein Kuchen, Bier und süßer Nachtisch, das denken viele Betroffene. In Wirklichkeit aber muss man gar nicht zum Asketen werden. Wer die „Zuckerkrankheit“ allerdings einfach ignoriert, wird hart dafür bezahlen. Zum Beispiel mit seinen Zehen. Hier die Geschichte von drei Männern mit ziemlich wenig Zehen.

veröffentlicht am 26.02.2018 um 10:44 Uhr
aktualisiert am 26.02.2018 um 13:40 Uhr

Übergewicht und Bewegungsmangel gehören zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung von Diabetes. Foto: Jens Büttner/dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Ein Krankenzimmer im Klinikum, drei Betten, drei Männer, drei Geschichten. Die Geschichten handeln von ihren Füßen, genauer: von ihren Zehen, und noch genauer davon, dass sie an ihren Zehen operiert wurden. Herr A. musste drei seiner mittleren Zehen hergeben. Herrn B. fehlen an jedem Fuß zwei Zehen. Herr C. ist noch am besten dran. „Ich habe noch neun und ein Drittel Zehen“, sagt er und guckt melancholisch auf den Stummel zwischen großem Zeh und mittleren Zeh seines linken Fußes. „Ich bin hier wohl der Einäugige unter den Blinden.“

Die Pflegerin, die ihn neu verbindet, lacht. Die anderen Männer lachen auch. Alle drei bewahren erstaunlich viel Humor. Galgenhumor? Der Grund, warum sie einen Tribut in Form von Zehen zahlen mussten, ist die Tatsache, dass sie ihre Erkrankung nicht wahrhaben wollten. Eigentlich wussten sie alle schon seit Jahren, dass sie unbedingt abnehmen müssen. Sie wussten, eigentlich, dass sie zu viel essen, und vor allem viel zu viel von den falschen Dingen: Fettiges, Zuckersüßes, Kartoffeln, Nudeln, Pizza. Ärzte hatten ihnen längst gesagt, dass sie Diabetes mellitus haben, die „Zuckerkrankheit“, die unter anderem dazu führt, dass Körperteile nicht mehr richtig durchblutet werden. Zum Beispiel die Füße, zum Beispiel die Zehen.

„Da habe ich mein Leben lang niemals geraucht“, sagt Herr C. „Und trotzdem habe ich quasi ein Raucherbein.“ Herr A. muss schon wieder lachen: „Ich mach‘ beides, ich fresse und ich rauche.“ Tatsächlich dreht er sich immer wieder Zigaretten und macht sich humpelnd samt Tropf auf den Weg vor die Kliniktür, um sich dort zu anderen kranken Rauchern zu gesellen. „Ist ja nicht verboten“, meint er. Herr B. verdreht die Augen, aber im Grunde versteht er seinen Leidensgenossen.

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Zu viel fettes Essen, zu wenig Bewegung: Dieser Lebensstil begünstigt die Entstehung von Diabetes. Foto: Gero Breloer/dpa
  • Zu viel fettes Essen, zu wenig Bewegung: Dieser Lebensstil begünstigt die Entstehung von Diabetes. Foto: Gero Breloer/dpa

Als er erfuhr, dass er sein Leben von Grund auf ändern muss, um nicht schwer krank zu werden, hatte er beschlossen, aufs Ganze zu gehen. „Eine Diät? Jede Kartoffel abzählen und Diät-Bier trinken? Kein Nachtisch, keine Schweinehaxe, kein Eis? Nee – ich dachte, da fress‘ ich mich lieber zu Tode. Augen zu und durch. Besser noch ein paar glückliche Jahre und dann kippe ich um. Besser, als solche Erbsenzählerei.“

Geklappt hat das nicht. So ist der Diabetes mellitus nämlich nicht. Er schlägt aus dem Hinterhalt zu, mit kleineren, schmerzhaften Angriffen, nach denen er sich scheinbar wieder zurückzieht. Für Herrn B. ist es schon die zweite Zehenoperation. Nach der ersten dachte er: „Na gut, dann nehme ich eben doch die Medikamente. Dann geht das schon.“ Und was denkt er jetzt? „Ich denke gar nichts. Was soll ich schon denken? Dass ich ein Idiot bin?“ Herr. A. nickt ihm zu: „Ja, das bist du. So wie ich. So wie wir alle.“ Auch Herrn A. wurden bereits zum zweiten Mal Zehen abgenommen.

Herr C. mit seinen neun und ein Drittel Zehen muss immer wieder gegen seinen Fatalismus ankämpfen. „Ich dachte, ich sei unverletzlich“, sagt er. „Und nun sehe ich: Ich bin tief verletzt.“ Er hält sich streng an den Diätplan des Klinikums. Stellt die Küche mal achtlos süßen Schokopudding oder eine Banane aufs Tablett, isst er das nicht auf. (Seine Nachbarn freut es, sie losen, wer das Verschmähte bekommen darf.) In den zwei Wochen, die Herr C. auf der Station liegt, hat er schon sieben Kilo abgenommen. Trotzdem: „Manchmal werde ich so wütend. Ist jetzt nicht sowieso alles egal? Sollen sie mir doch gleich das ganze Bein wegnehmen.“

Dr. Thomas Tiemann ist Diabetologe. In seiner Rintelner Praxis hat er täglich mit Diabetes-mellitus-Patienten zu tun. Meistens wurden sie vom Hausarzt nach einer Routineuntersuchung zu ihm überwiesen. „Die wenigsten merken von allein, dass sie zuckerkrank sind“, sagt er. Was sie aber merken ist, dass sie ständig müde sind, ständig Durst haben und ständig aufs Klo gehen müssen. Sie stellen fest, dass sie deutlich schlechter sehen; dass ihnen das Gehen schwerer fällt; dass es in Händen und Füßen komisch kribbelt. Wenn sie dann bei Dr. Tiemann sitzen und die Diagnose hören, werden die meisten blass. Herr C. hatte es so ausgedrückt: „Ich wusste, dass ich jetzt die Rechnung bezahlen muss. Die Währung? Mein Zeh!“

Tiemann kennt die drei Männer nicht persönlich. Aber er kennt ihre Geschichten. „Wer alkohol- oder drogenkrank ist, kann beschließen, diese Substanzen für immer zu vermeiden. Und schon das fällt schwer“, sagt er. „Wer aber Diabetes mellitus hat, muss ja trotzdem weiterhin essen. Er steht jeden Tag neu wieder vor der Herauforderung, sich da zu disziplinieren. Jahrzehntelang hat er sich XXL ernährt. Man spürt sehr lange keine Symptome. Man hat höchstens mal dumpfe Befürchtungen. Dann kommt der Schock. Und oft das Verdrängen.“

Er findet das nicht verwunderlich. Auf der einen Seite sei da die Scham darüber, selbst schuld an der Misere zu sein. „Das weckt bei manchen Trotz und Widerstand“, sagt er. Plötzlich soll falsch sein, was so lange ein gutes Leben war? Unterschwellig wachse das Gefühl, es werde einem etwas weggenommen, das einem doch zusteht. „Meistens dauert es seine Zeit, bis Patienten akzeptieren, dass sie ihr Leben ändern müssen“, so Tiemann. „Bei dieser Krankheit behandelt sich der Patient selbst. Und das muss man wollen.“

Der zweite Problemaspekt: Obwohl Diabetes mellitus eine starke erbliche Komponente besitzt, bricht er überwiegend bei deutlich übergewichtigen Menschen aus. Das Abnehmen steht an erster Stelle. Aber jeder, der das schon mal versucht hat – auch ohne zuckerkrank zu sein –, wisse, wie schwer das ist, kenne den Jo-Jo-Effekt, die Heißhungerattacken, die ewigen Rückfälle und den Frust, trotz Verzicht kaum dünner zu werden. Es werde nicht unbedingt dadurch leichter, dass das Abnehmen nun kein Luxus ist, sondern letztlich eine Sache auf Leben und Tod. „Viele haben schon schlechte Erfahrungen mit Diäten gemacht und glauben nicht daran, dass es jetzt klappen wird.“

Herr A., der Raucher, raucht weiterhin. Herr B. kauft sich Cola am Klinik-Kiosk. „Cola kann man doch trinken“, sagt er, obwohl er es besser wissen müsste. Die Schwestern spritzen ihm Insulin, damit seine explodierten Zuckerwerte wieder runtergehen. Herr C. hat eine Freundin, die ihm Vollkornbrötchen mitbringt, das er gegen das Brot aus der Klinikküche austauscht. Immerhin hat sie Gemüseschnitze dabei, und geeignete Früchte wie Blaubeeren oder Physalis. Und sie erzählt ihm, was man für tolle Sachen kochen und essen kann.

Herr C. schöpft ein bisschen Mut. Er mag Gemüse. Er sieht gefüllte Teller vor sich, mit einer zwar kleinen Portion Nudeln, dafür aber einer Riesenportion gut gewürzter Soße aus Zucchini, Paprika, Tomaten, Lauch und allem, was der Markt sonst noch so zu bieten hat. Herr B. sagt: „Glückwunsch, wenn du dich darauf freust. Für mich wär‘ das nichts. Fleisch ist mein Gemüse.“ Fleisch ist kein Problem, weiß Herr C. „Ja, ja“, meint Herr A. „Magerfleisch vielleicht. Aber Bratwürstchen? Paniertes Schnitzel? Vergiss es.“

Dr. Tiemann lächelt zunächst, als er von diesen Gesprächen hört, und dann wird er ernst. „Vieles von dem, was die Patienten denken, stimmt ja gar nicht“, sagt er. „Man muss nicht zum Asket werden. Man muss nicht hungern, ganz und gar nicht. Es gibt so viele leckere Gerichte, die sich an der mediterranen Küche orientieren. Linsen, Bohnen, Erbsen sind gut. Gemüse darf man fast unbeschränkt essen.“ Selbst wenn jemand bei fettem Essen oder Tortenstücken zugeschlagen habe, gehe davon die Welt nicht unter. Man könnte Robert Musil zitieren: „Es ist nicht so wichtig, was man tut, sondern was man danach tut.“

Sein Rat: Nicht auf ärztliche Begleitung zu verzichten. „Man sollte nie aufgeben“, sagt er. „Fast jede Entgleisung des Blutzuckerwertes kann wieder reguliert werden.“ Immer wieder komme es vor, dass Patienten sein Arztzimmer betreten: „Herr Doktor, ich schäme mich, ich habe wieder gesündigt.“ Was Thomas Tiemann antwortet: „Das ist keine Sünde! Das ist das Leben!“

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