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Deutschlands Klimaschützer sind in Gefahr

95 Prozent der deutschen Moore sind heute zerstört. Lange habe man ignoriert, dass Moore nicht nur wertvolle Biotope, sondern auch Klimaschützer sind, da sie große Mengen Kohlendioxid speichern, sagen Naturschützer. Die Postkartenidylle trügt oft: Auch dem Toten Moor am Steinhuder Meer geht es schlecht. Das muss zwar nicht so bleiben, doch Moorrenaturierung ist mühsam.

veröffentlicht am 06.07.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:22 Uhr

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Der Naturschutzbund schlägt Alarm: Viel zu lange habe man ignoriert, wie wichtig Moore als Kohlenstoff-Speicher und damit für den Klimaschutz. Heute sind 95 Prozent der deutschen Moore erheblich gestört, erklärte Nabu-Präsident Olaf Tschimke beim Startschuss für das Renaturierungsprojekt „Großes Moor“ in Gifhorn.

Die Schädigungen der Moore haben nicht nur gravierende Folgen für die Natur, sondern auch für die Umwelt: Aus den zerstörten Mooren entweichen auch enorme Mengen an klimaschädigenden Gasen. In Gifhorn belegen dies Zahlen: Die Absenkung des Grundwasserstandes führt in Moorlandschaften zur Durchlüftung und damit zur Oxidation des Torfkörpers. Dabei entsteht Kohlendioxid, das über Jahrtausende im Moor gebunden wurde.

Seit über 20 Jahren hat dies schon zu einem Höhenverlust von 22 Zentimetern geführt. Das Moor ist dabei buchstäblich in die Luft gegangen – und hat dabei allein in dieser Zeitspanne 67 000 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid freigesetzt.

…sind Moore auch für Klima, Pflanzen- und Tierwelt unersetzlich. Unsere Bilder sind im Rehburger Moor entstanden.

Östlich vom Steinhuder Meer liegt das Tote Moor, auch ihm geht es schlecht. Der größte Teil des Moores ist durch Entwässerung und industriellen Torfabbau zerstört. Kleinflächige naturnahe Bereiche konnten an den Rändern als Naturschutzgebiete gesichert werden. In diesen Randbereichen liegen alte Handtorfstiche aus der Zeit, als man noch Torf zu Brandzwecken stach. In solchen feuchten Bereichen haben sich moortypische Pflanzen gehalten: verschiedene Torfmoose, Rosmarinheide, Wollgras, Sonnentau und Weißes Schnabelried. Die Tierwelt ist mit Schwarzkehlchen, Ziegenmelker und Kreuzotter vertreten; vor einigen Jahren ist auch der Kranich als Brutvogel zurückgekehrt.

Auf den ersten Blick wirkt alles wie von Mutter Natur gemalt, doch die Probleme sind auch hier nicht zu übersehen: Der größte Teil der Naturschutzgebiete ist durch die Entwässerung gekennzeichnet. Besenheide, Glockenheide, Krähenbeere, Preiselbeere und Rauschbeere sowie die echten Moorpflanzen sind allesamt extrem lichthungrig und werden verdrängt, wenn Pfeifengras oder gar Birken und Kiefern die Oberhand gewinnen. Der Naturschutz bemüht sich intensiv, den Lebensraum für die moortypischen Tiere und Pflanzen zu erhalten und zu erweitern. Viele Bereiche werden entkusselt, das heißt von Birken und Kiefern befreit, um mehr Licht für die Moorpflanzen zu schaffen. Parallel dazu erfolgen Staumaßnahmen, um das Moor wieder zu vernässen.

Moorrenaturierung ist ein mühsames Unternehmen, erklärt Diplom-Biologe Thomas Brandt. In aller Regel dreht sich hier, wie auch im Rehburger Moor, alles um die Frage, wie das Wasser zurückgehalten werden kann. Denn beide Moore gehören zur Gruppe der Hochmoore, die vom Wasserüberschuss leben: „Ohne Wasser läuft hier nichts.“ Erfolge kommen in kleinen Schritten.

Teilbereiche wurden wieder vernässt, es wurde gestaut, es wurden auf den landeseigenen Flächen Wälle errichtet, um im Hochmoorsystem Pflanzen und Tieren einen geschützten Lebensraum anbieten zu können. Das größte Hemmnis: Auf vielen Flächen wird noch Torf abgebaut, die Abbaurechte, erklärt Brandt, würden dabei weit in die Zukunft gehen: „Aber Torf gehört ins Moor und nicht in die Blumenrabatte.“

Das unversehrteste Moor des Landes liegt im Emsland: Das Naturschutzgebiet „Tinner und Staverner Dose“, ein knapp 3200 Hektar großes Naturschutzgebiet, das trotz randlicher Entwässerungen und des seit Jahrzehnten betriebenen Schießbetriebes der Bundeswehr zu den größten und wertvollsten Hochmoorbereichen Mitteleuropas gehört. Insbesondere Größe und Unzerschnittenheit des Moorbereiches sind in Deutschland einmalig. Dank der militärischen Nutzung ist der Hochmoorkörper noch fast vollständig erhalten. Nur an den Rändern wurde bäuerlicher Handtorfstich betrieben.

Die Biologin Jutta Over hat das Emsland ausgiebig erforscht, vor allem botanisch. Trotzdem hat sie einen anderen Zugang zum Moor. Zurzeit stellt sie im Stadtmuseum Meppen gemeinsam mit dem Naturfotograf Dr. Erhard Nerger aus, sie selbst steuert Kartenausschnitte mit alten Flurbezeichnungen bei, auf denen sie mit den Flurnamen spielt. Denn durch die starke Landschaftsveränderung infolge des großflächigen industriellen Torfabbaus haben auch die Menschen teilweise ihre Bezugspunkte verloren.

Früher typische Landschaftsbestandteile wie Kolke oder Sumpfwiesen leben oft nur noch in den Flurnamen fort. Die Erinnerung an Tiere und Pflanzen, die früher täglich am Rand der Siedlungen zu beobachten waren, ist verblasst, und wo einst die alten Flurnamen einen Ort bezeichneten, wächst heute der Raps. Eine Verbindung der Karten mit den Moornaturbildern ist für Jutta Over naheliegend: Die Karten erzählen Geschichten von gestern, die Bilder die von heute: Beide treffen sich an einem Punkt, der zeigt, was war und was ist.

Und die Moore? Wie schätzt sie sie ein? Als falsch vermarktet: Immer werde in Flyern oder im Internet von der Romantik geschwärmt, die sie ausstrahlen würden, von der unberührbaren Natur, die in ihnen noch zu spüren und zu erleben sei: „Das ist völlig falsch, vieles ist kaputt. Die Brüche sind überall zu sehen.“ Und natürlich führt der Blick auf die rechtwinklig parzellierte, vermessene Landschaft zugleich die Inbesitznahme der Natur durch den Menschen vor Augen.

Der Internationale Naturpark Bourtanger Moor/Barger Veen ist Schwerpunkt des neuen Nabu-Moor-Projektes. Ziel ist es, möglichst viele Menschen zur Mitarbeit zu gewinnen. Da gerade in den moornahen Gemeinden bislang relativ wenig Veranstaltungen stattfanden, wurde ein Arbeitskreis Naturführer gegründet. Auf gemeinsamen Vorexkursionen werden Tipps und Tricks vermittelt, wie und wo man das Moor am besten erleben kann.

Robert Ritter ist einer der Naturführer, gerne spricht er dabei vom Natur- und Klimaschutz, vom Treibhauseffekt und der notwendigen Kompensation. 1500 Meter ist das Moor von seinem Haus entfernt, und was der Natur dort das Leben schwer macht, kann er tagtäglich vor Augen sehen: Hühnerställe.

Das Emsland ist eine Hochburg der Tierproduktion, am wachsenden Markt in Deutschland und Europa wollen viele teilhaben. Verlierer sind die Torfmoose. 40 Arten gab es einmal, erklärt Ritter, 15 gibt es noch. Mit der Betonung auf noch. Denn die Torfmoose stellen den wesentlichen Anteil an der Vegetation der Moore, vor allem der Hochmoore: kleine, unauffällige Pflanzen, die entwicklungsgeschichtlich sehr alt und primitiv sind. Beachtlich ist ihre Fähigkeit, große Mengen an Wasser zu speichern. Mithilfe ihrer Wasserzellen in den Blättern und ihren Wassersäcken in den Stängeln sind sie in der Lage, das Wasser kapillar hochzuheben, sodass der Wasserspiegel der Hochmoore in der Regel mehrere Meter über dem Grundwasserspiegel liegt.

Das könnten die Hühnerställe bald ändern. Denn ihr Stickstoffertrag geht in die Atmosphäre, regnet wieder ab – und ändert das Nahrungsangebot der Torfmoose und damit auch der Umgebungsvegetation und die Tierwelt, in der es beispielsweise spezialisierte Insekten gibt. Durch den erhöhten Stickstoffertrag ändert sich das Moor, nicht zum Positiven, sagt Ritter, der sich auch ein grundsätzliches Urteil zutraut: „Es geht nur das eine oder andere.“ Zwar sieht er durchaus die Erfolge der Renaturierung, der Versuche, das Moor wieder zum leben zu erwecken, aber er sieht auch die Grenzen: „Meine persönliche Einschätzung ist, dass die Versuche auf halbem Wege stecken bleiben.“

Optimistischer blicken Thomas Brandt und sein Kollege Thomas Beuster von der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer (ÖSSM) nach vorn. Beide arbeiten seit vielen Jahren im Moorschutz, ihre Zielgebiete liegen östlich der Weser. Sie kennen die Problematik mit dem Stickstoffeintrag nicht in dem Maße wie ihre Kollegen aus dem von Massentierhaltung geplagten Emsland.

Projekte, die die beiden Wissenschaftler zusammen mit den Naturschutzbehörden des Kreises Nienburg und der Region Hannover in puncto Moorrenaturierung unternehmen, zeigen nicht nur sehenswerte Erfolge, sondern auf ihrer Agenda steht die Wiedervernässung weiterer Moore, auch wiederum in Zusammenarbeit mit den Behörden, aber auch mit den Naturschutzverbänden Nabu und BUND.

Allerdings, so Brandt, „wäre es am wichtigsten, wenn die Restmoore vor Abtorfung verschont blieben, denn deren Erhalt ist nicht nur ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Biodiversität, sondern auch zum Klimaschutz.“ Gerade in der Zeit, in der man von einer Energiewende und von der Reduzierung von CO2 spricht, plant das Land Niedersachsen einen Entwurf für das neue Raumordnungsprogramm: den Abbau weiterer Moorflächen.



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