weather-image
15°

Welche Erfahrungen eine Studentin in Südasien gemacht hat – und was sie dort nie erlebt hat

Deutsche mit indischen Eltern

Irgendwie stutzt man, wenn man das hört: „Ich war gerade auf der Hochzeit meines indischen Cousins“, sagt Linda Preil (22). Die blonde Studentin aus Rinteln sieht so gar nicht indisch aus, es sei denn, vielleicht, dass sie ihre braunen Augen von einem Vorfahren aus Indien geerbt haben könnte? Sie lacht. „Na ja, ich habe indische Eltern“, sagt sie dann. „Aber natürlich auch meine deutschen Eltern hier.“ Und dann erzählt sie, wie sie mit 16 Jahren als Schülerin ein Jahr in Bombay, jetzt Mumbai, verbrachte, und dass sie seitdem das Gefühl hat, zu zwei Familien zu gehören.

veröffentlicht am 06.02.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:39 Uhr

270_008_6906742_hi_Dezember_2013_meine_Freundin_Janhavi_.jpg
ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Was zunächst so erstaunlich klingt, kommt durchaus öfter vor, wenn sich Austauschschüler und Gasteltern für ein Jahr aufeinander einlassen. Viele hiesige Familien, die regelmäßig Kinder aus Weißrussland aufnehmen, können Ähnliches erzählen. Linda Preil kam damals in der 11. Klasse zu Satya und Arvind Kotian. Sie eine Bankangestellte. Er ein mittelständischer Geschäftsmann. Beide ohne eigene Kinder. Sich auf Englisch zu verständigen war nicht schwer. „Außerdem hat die Familie einen sehr hohen Stellenwert in Indien“, meint Linda Preil. „Ich wurde gleich viel und mit echtem Interesse nach meinen Eltern und Geschwistern ausgefragt.“

Aber sicher war auch die damals 16-Jährige sehr neugierig. Nicht nur wollte sie unbedingt in ein wirklich ungewöhnliches Gastland gehen: Europa, USA, Neuseeland, Australien, diese Länder hatte sie gleich ausgeschlossen, als sie sich über die Organisation „Youth for Understanding“ über ihre Möglichkeiten informierte. Zudem war ihr Vater, ehemaliger Gynäkologe am Kreiskrankenhaus Rinteln, seinerseits jahrelang in Tansania tätig gewesen und hatte von seinen spannenden Erfahrungen im anfangs sehr fremden Land erzählt.

Da ihre Gasteltern tagsüber arbeiteten, hatte Linda anfangs, als sie noch kaum jemanden kannte, die Wahl, nach der Schule entweder einfach zu Haus zu bleiben oder sich allein in das unbekannte Großstadtleben – Mumbai hat fast 12 Millionen Einwohner – hinaus zu wagen. „Das Problem war: Ich fiel überall so wahnsinnig auf, als Europäerin mit hellblonden Haaren“, sagt sie. „Ständig drehten sich alle Leute nach mir um.“

Ein Jahr verbrachte Linda Preil (v.r.) bei Arvind und Satya Kotian., den„indischen Eltern“.

Ihr kleiner Teenager-Trick, um damit klarzukommen: Sie stellte sich einfach vor, eine Prinzessin aus dem Ausland zu sein. „Mit diesem Kopfkino war es dann ja irgendwie normal, dass ich so viel Aufmerksamkeit erhielt.“ Was ihr auch zugute kam: Dass sie schnell wenigstens einige Grundlagen des Hindi lernte. „Wenn man dann mit den Leuten tatsächlich etwas Hindi sprechen kann, kommt man gleich ganz anders an, nicht mehr nur als Exotin. Es ist ja auch eine Sache der Höflichkeit.“ Für die Schule allerdings wäre Hindi nicht nötig gewesen. Gerade weil die Schülerschaft in Mumbais Colleges immer so bunt durchmixt ist, findet der Unterricht auf Englisch statt. 18 offizielle Amtssprachen gibt es in Indien. Für die meisten ist da Englisch der gemeinsame Nenner, zumal man das in der Mittelschicht sowieso voraussetze.

Oft wird Linda Preil über die Verhältnisse im Land befragt, über das Kastensystem, die Armut, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen und neuerdings auch darüber, ob sie selbst Angst hätte, zum Opfer einer Vergewaltigung zu werden. „Ich war jetzt insgesamt schon fünf Mal in Indien, aber viele Fragen kann ich trotzdem nicht wirklich beantworten“, sagt sie. „Ich habe ja nur einen winzigen Ausschnitt des indischen Lebens in Mumbai kennengelernt“. Sie wohnte in der Innenstadt bei gut situierten Leuten, die sich von strengen Konventionen befreit hatten. Von den riesigen Slums am Stadtgürtel Mumbais bekam sie nur wenig mit, und auch in der Schule befreundete sie sich eher mit den weltoffenen Mitschülern.

„Das Kastenwesen spielt in dieser Schicht keine so wichtige Rolle“, sagt sie. In der Schule hätte nie jemand nach solchen Zugehörigkeiten gefragt. Ihre Gasteltern allerdings wollten gerne genau wissen, mit wem sie sich näher anfreundete. Für Satya und Arvind Kotian war wichtig, aus welcher Gegend jemand stammte, was man oft schon am Nachnamen erkennen kann. Damit wussten sie offenbar bereits gleich eine ganze Menge über den entsprechenden Freund oder die Freundin: Welche Sprache in der Familie gesprochen wird zum Beispiel, oder welche Religionszugehörigkeit wahrscheinlich ist. „Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals nach der Kastenzugehörigkeit gefragt hätten – und wenn, ich glaube, es wäre ihnen egal gewesen. Sie sagen: In uns allen fließt rotes Blut“.

Was das Verhältnis von Männern und Frauen beträfe und die Gleichberechtigung der Frauen, auch da will Linda Preil sich nicht einfach festlegen. Satya und Arvind Kotian hätten über eine arrangierte Ehe zueinander gefunden und die Entscheidung ihrer Familien akzeptiert. Andererseits hätten sie sich als Ehepaar eine eigene Wohnung genommen, lebten also nicht, wie es sonst bei Indern üblich ist, bei den Eltern des Mannes, und für die beiden wäre es absolut selbstverständlich, dass auch Satya einem Beruf nachgeht. In den Familien ihrer damaligen Mitschüler allerdings sei es durchaus vorgekommen, dass der Vater seiner Frau eine Berufstätigkeit verboten habe, während die Töchter unbedingt studieren sollten.

„Ich muss zugeben, dass ich erst nach und nach gewisse Dinge bemerkte, zum Beispiel, dass es in den öffentlichen Verkehrsmitteln die ,Ladyseats‘ gibt, speziell für Frauen reservierte Plätze“, so Linda. „Anfangs hatte ich darauf gar nicht geachtet, und in Städten Nordindiens, wie Delhi, ist es wohl viel anempfohlen, als Frau diese Plätze zu nutzen, aber ich erinnere mich gut, wie mir im Bus mal ein Mann neben mir immer näher auf die Pelle rückte und ich gar nicht einschätzen konnte, ob er das nun mit Absicht macht oder nicht.“

Sie habe sich dann aber mit ihm unterhalten und da rückte er auch wieder ab. Ihre Gastmutter riet ihr jedenfalls, sich sofort bemerkbar zu machen, wenn etwas unangenehm werde. Die meisten Männer wollten auf keinen Fall riskieren, ihr Gesicht zu verlieren.

Was sie als Ausländerin viel auffälliger fand: den sogenannten „Colonial Hangover“, also all die Spuren im alltäglichen Leben, die mit Indiens kolonialer Vergangenheit zu tun haben. „Es ist oft so, als habe man als Europäer von vornherein ein Plus im Ansehen. Und sei es nur, weil man uns von vornherein für wohlhabend hält“, sagt sie. „Das fängt schon bei Kleinigkeiten an. Wie oft zum Beispiel habe ich gesehen, dass meine Gasteltern sich keine Rikscha ergattern konnten, während ich mich nur Sekunden hinzustellen brauche, und schon hält eine an.“

Zum Phänomen des „Colonial Hangover“ zählt sie auch solche Blicke auf Indien, wie sie im Film „Slumdog Millionär“ um die Welt gingen. „Alle Inder, mit denen ich darüber sprach, regten sich darüber auf, dass ein Westler einen Film macht, in dem Indien hauptsächlich durch die Großstadtslums geprägt erscheint.“ Das Land besitze 1,2 Milliarden Einwohner, die in völlig unterschiedlichen Verhältnissen leben. „Für die meisten Leute in Deutschland ist Indien entweder ,Slumdog Millionär‘, oder ,Eine-Welt-Laden‘ oder ,Bollywood‘“.

Einmal kam eine deutsche Freundin zu Besuch, um „Lindas Indien“ kennenzulernen und sei tagelang von all den Eindrücken, die sie nicht erwartet habe, völlig überfordert gewesen. „Viele Leute staunen schon, wenn ich erzähle, dass in den Haushalten meiner Mitschüler eher mehr Technik rumsteht als bei uns.“

Mitte Januar kam Linda Preil von ihrem letzten Indien-Besuch zurück, der ein Gegenbesuch war, denn auch ihre Gasteltern reisen ab und zu nach Deutschland und verstehen sich sehr gut mit Lindas „deutschen Eltern“. Nun ist die Studentin wieder in Passau, wo sie im Rahmen eines kulturwirtschaftlichen Studiengangs den Schwerpunkt auf das Gebiet Süd-Ost-Asien legt. „Indien kenne ich ja schon ein bisschen – ich will mich lieber auf was Neues einlassen“.

Dass sie mal ganz in Indien leben wird, kann sie sich nicht vorstellen. „Ich bin schon sehr deutsch geprägt. Außerdem wären meine indischen Eltern wohl etwas gekränkt, wenn ich nicht bei ihnen einzöge, selbst wenn ich wieder mein Bett im Wohnzimmer aufschlagen müsste. Außerdem bleibt es etwas anstrengend, allein durch das Äußere überall so aufzufallen. Selbst in einer Riesenstadt wie Mumbai.“

Immer aber werde sie dankbar dafür sein, dass sich ihr Leben durch das Austauschjahr bei Satya und Arvind Kotian so sehr bereichert hat. „Zum Glück sehen das meine deutschen Eltern ganz genau so. Sie sind kein Stück eifersüchtig, sondern haben ja selbst eine neue Verwandtschaft dazugewonnen.“

Eine Zeit lang in Indien zu leben, hinterlässt anhaltende Eindrücke. Linda Preil (22) hat als 16-Jährige ein Austauschjahr in Mumbai verbracht. Noch heute hat sie regelmäßigen Kontakt zu ihren „indischen Eltern“, wie sie sagt. Hier berichtet die Studentin über das Kastensystem, das Verhältnis zwischen Mann und Frau und den „Colonial Hangover“ und spezielle „Ladyseats“ in Indien.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?