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Letzter und dritter Teil: Ludwig Boclo, ein Lehrer zwischen Wanderleidenschaft und pädagogischer Berufung

Des Schulmeisters Pilgerreise

Ludwig Boclo war ein Lehrer zwischen Wanderleidenschaft und pädagogischer Berufung. Im dritten Teil der Serie geht es um seine Pilgerreisen.

veröffentlicht am 06.03.2018 um 14:11 Uhr
aktualisiert am 06.03.2018 um 14:50 Uhr

„Ihm heilig wie dem Muselmann Mecca“: 15 Jahre nach dem Tod des Dichters Jean Paul kann Ludwig Boclo auf dem Sofa des verehrten Dichters Platz nehmen. Foto: pr

Autor:

Peter Weber
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In Rinteln wird Ludwig Boclo sesshaft. Er heiratet eine Hannoveranerin und gründet einen Hausstand, der nach und nach von zwei Söhnen und zwei Töchtern bereichert wird. Am hiesigen Gymnasium wird ihm zudem der Geschichtsunterricht übertragen, was ihn zu seiner Schrift „Über die Wichtigkeit des Studiums der Geschichte auf Schulen“ veranlasst, weiterhin zu einem „Lehrbuch der deutschen Geschichte“, welches ihm mehrere Auszeichnungen und letztlich die Doktorwürde einbringt.

Aber ganz zur Ruhe kommt der nunmehrige Herr Doktor nicht. So lässt er, inzwischen auf die Sechzig gehend, seinen bisherigen eine weitere Fußreise folgen, die 1840 ebenfalls in eine Publikation mündet. Doch nun zieht es Boclo allein in die Ferne. Er unternimmt eine „Vierwöchige Wanderung von Rinteln über Mühlhausen, Gotha, Wunsiedel nach dem Fichtelgebirge und von da zurück…“. Weshalb ihm gerade dieses fränkische Ziel am Herzen liegt, wird sich erst im Verlaufe seiner Schilderungen erschließen. Das Buch ist „Allen Fußreisenden im lieben deutschen Vaterlande und allen Denen, welche es werden wollen, aus herzlicher Liebe zugeeignet von dem alten Practicus aus Rinteln.“

Bevor es losgeht, gilt es, sich für die Wanderung zu rüsten und der Leser bemerkt, wie weit entfernt hier noch die Errungenschaften heutiger Outdoor-Funktionskleidung sind. Boclo stellt sich vor als einen Mann, „der nun schon stark in das zweite Jahrhundert hinein lebt (aus dem 18. in das 19.); das noch nicht graue Haupt bedeckt mit einem weißen Filzhute, … mit leichten Stiefeln und grautuchenen Beinkleidern, indem er sonst Kamaschen trug, mit welchen er aber, wegen des lästigen Auf- und Zuknöpfens es machte, wie Diogenes mit dem hölzernen Becher.

So war es viele Jahre: Der alte Practicus aus Rinteln macht sich mit den Schülern auf Wanderschaft. Doch im Herbst seines Lebens zieht es Boclo allein in die Ferne. Das hat seinen Grund. Repro: pr
  • So war es viele Jahre: Der alte Practicus aus Rinteln macht sich mit den Schülern auf Wanderschaft. Doch im Herbst seines Lebens zieht es Boclo allein in die Ferne. Das hat seinen Grund. Repro: pr

Ferner hat er ein schwarzes Klüftchen an, vulgo Frack genannt (welches Manche wegen seiner Abgeschabtheit leicht für den ConfirmirRock des Inhabers mögen gehalten haben) weil er nicht nur bei vornehmen Leuten Visiten zu machen gedachte, sondern weil er auch durch eine vierwöchige Reise seinen bessern Rock – im engsten Vertrauen gesagt, hat er eigentlich nur obiges Confirmir-Röckchen – nicht verderben wollte. … Über den Schultern hing, wie eine römische Toga, ein nagelneuer blauer Staub- und zugleich Regenmantel von englischem Camlot; doch so, daß man die preußische Medaille im zweiten Knopfloch des Röckchens sehen konnte, weil diese Medaille, wie der Besitzer schon oft erfahren, ein offenes, allgemein gültiges Empfehlungsschreiben ist. Besagter Mantel der Liebe diente aber a deux mains, des Morgens und Abends als Schlafrock, und während des Marsches als Tornister und Reisekoffer, indem er wie ein Hamster in seinen Backen- und Seitentaschen Alles enthielt, was der Wandrer nicht für seinen Winter, sondern für seinen Reise-Sommer bedurfte, nämlich ein feines Hemd, …außerdem 2 Paar wollene Socken, 3 Schnupftücher und 4 Chemisetten.“

Dergestalt ausstaffiert wendet sich der Wanderer von Rinteln zunächst auf die so genannte „Totenbreite“, eine Gegend oberhalb von Oldendorf, und sogleich breitet er seine Geschichtskenntnisse vor dem Leser aus, berichtet von der Schlacht bei Hessisch Oldendorf, bei der die Truppen des Herzogs von Lüneburg „wie ein Gewittersturm vom Berge her“ den Kaiserlichen im Dreißigjährigen Krieg eine verheerende Niederlage beibrachten.

Seine abseits des Wesertales führende Wanderroute verläuft auf einem alten Handelsweg, ihm begegnen bei „Bötzen“ hochbeladene Frachtwagen, die Wolle von Breslau nach Aachen befördern. Später, an einer wichtigen Kreuzung der Straßen von Rinteln nach Hannover und von Berlin nach Köln, macht er Rast im „Quatre Bras“, einen neuen Wirtshaus bei Hachmühlen, so genannt offensichtlich mit Blick auf den Ort einer Schlacht gegen Napoleon im Umfeld Waterloos, wo der Braunschweiger Regent sein Leben ließ. Sodann wandert er über Bisperode am Fuße des Iths entlang über Einbeck nach Duderstadt.

Über die Anstrengungen seiner sicherlich enormen Tagesetappen verliert Boclo kaum ein Wort, wichtiger sind ihm die Begegnungen, die ein Bild der damaligen Lebensumstände vermitteln. So trifft er am Deister auf einen hannoverschen Soldaten, der abgestellt ist, die Wildschweine vom nächtlichen Besuch der Felder abzuhalten, das heißt, sie zu „füsillieren“, um so den Schaden für die Regierung zu begrenzen.

Denn diese muss den Bauern nicht zu knapp Ausgleich für entstandene Ernteschäden zahlen. Die Bauern sind denn auch nicht besonders erbaut darüber, dass nunmehr auf Geheiß Hannovers ein riesiges Gelände als Tiergarten mit einer Mauer umgeben wurde, die solche Zahlungen nun auf ein Zehntel zusammenschnurren lässt, Ausgangspunkt des bekannten Sauparks bei Springe. „Begleitet von dem Morgenliede der Vögel verließ der Wandrer gleich hinter Duderstadt die staubige Straße, den Weg über die Ziegelei durch den Wald einschlagend. Es war so still und feierlich; tausend und über tausend Thautropfen glänzten an den Spitzen der Grashalme und Blätter, wie Diamanten in den Locken der königlichen Braut. In dieser heiligen Frühstille des Waldes glaubte der Pilger, Gott wandeln zu hören.“

In solch aufgeräumter Stimmung geht es über Mühlhauen zum Tal der Unstrut, das ihn an die Weserlandschaft bei Hameln erinnert, und nach Gotha, wo er seinen alten Rintelner Kollegen Jacobi trifft, einige Tage bleibt, den dortigen Park und das Museum besucht, in dessen antiken und naturwissenschaftlichen Abteilungen der vielseitig Interessierte ganz in seinem Element ist.

Wie denn auch seine Reisbeschreibung immer wieder Retardierungen erfährt, weil sie gespickt ist von Ausflügen in die Welt der Geschichte, die immer „neben dem Wanderer hergeht“, von geografischen Betrachtungen und Anekdoten. Daneben machen erst große Hitze und hernach große Nässe dem Wanderer zu schaffen, was der Altphilologe entsprechend zu kommentieren weiß: „Obgleich der Doctor keine Pfeile führte, um, wie die kühnen Thrazier pflegten, dem Blitze entgegen zu schießen, oder kein Seehundsfell trug, wie Augustus, der Angstmann, gegen den Blitz beständig tat (…); oder keinen schützenden Lorbeerkranz, wie Tiber, auch keinen seidenen Mantel, so schritt er doch (…) getrost fürbaß, während die Schleusen des Himmels sich immer weiter öffneten.“ Nach mühevoller Trocknung der durchweichten Ausrüstung endlich im Fränkischen angelangt, kommt er angesichts der hier herrschenden Bierkultur nicht umhin, sich auch diesbezüglich als Connaisseur zu erweisen: „Wer durch Lichtenberg geht und von dem trefflichen dortigen Bier nicht trinkt, ist einem Manne zu vergleichen, welcher in den Gärten der Hesperiden wandelte, ohne sich hinter dem Rücken des Drachen einen goldenen Apfel abzubrechen.“ Allerdings lässt er sich zu der für das Ohr eines Franken kühnen Aussagehinreißen, „die hohe Schule für Bierbrauer“ sei in Dresden zu suchen.

Mit solchem Räsonnement beschäftigt, gelangt der Wanderer endlich an das bisher verschwiegene Ziel seiner Pilgerreise. Und nun wird dem geneigten Leser auch klar, woher wohl der Verfasser seine Vorliebe für mancherlei Manieriertheiten seines Stils, für Ausuferungen, Abschweifungen und Anmerkungen, gewonnen hat, denn er nähert sich einem Ort, „ihm heilig wie dem Muselmann Mecca, nämlich dem Geburtsort Jean Pauls“, Wunsiedel. Eine solche Zuneigung des „Rintelner Practicus“ zu diesem Großmeister der romantischen Epoche, der mit seinen gedanklich und sprachlich kühnen Werken für seine Zeit Singularität besitzt und zugleich ein begnadeter Biertrinker war, kommt nun doch unerwartet. Man ist geneigt, einem späteren Rezensenten des Buches beizupflichten, der diesem Manne „von alten Schrot und Korn (…)kaum die sentimentale Wahlverwandtschaft“ zugetraut hätte. Vielleicht hat des Dichters zugänglichstes Werk, das „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“ eine solche emotionale Nähe befördert.

Der Wanderer begibt sich, nachdem er den Ochsenkopf bestiegen, zu den Pilgerstätten seines Ziels, zum Geburtshaus Jean Pauls in Wunsiedel, das gerade von einem großen Stadtbrand verschont wurde, zum Örtchen Berneck, wo der „Siebenkäs“, eine weitere Schöpfung des Dichters, sein skurilles Doppelwesen trieb, und hernach zur Rollwenzelei, einem Gasthaus nahe der Bayreuther Eremitage, dessen Wirtsleute dem Dichter, der das Haus regelmäßig besuchte, eine Schaffensstube einrichteten. Hier ist es Boclo fünfzehn Jahre nach dem Tod des Dichters vergönnt, in dem unverändert gebliebenen Zimmer auf dem Sofa des Verehrten Platz zu nehmen.

Dann besucht der Rintelner das Bayreuther Wohnhaus, wo er sich, Höhepunkt seiner Reise, auf freundliche Einladung der Witwe auf dem Sessel niederlässt, der des Meisters Arbeitsplatz und Ort der Inspiration war mit einem Blick ins Grüne hinaus. Innerlich aufgewühlt von solchen Erlebnissen stattet er endlich der Grabstätte einen Besuch ab. Hier „bricht der Pilger Rosen, um sie den echten Verehrerinnen dessen nach Rinteln mitzubringen, auf dessen Staube sie erblühten, und überließ sich dann auf diesem Felde der Ansaat seinen Empfindungen.“

Der Rückweg der langen Reise führt über Kulmbach, Coburg und Meiningen, wo er an der Werra quasi wieder heimatliche Gefilde betritt. Und so schnell die Reisestationen hier angeführt sind, für Boclo geben sie immer wieder Anlass, seinen enzyklopädischen Kenntnissen und kuriosen Begegnungen Raum zu geben. In Höxter, wo er im Berliner Hof Quartier nimmt, kann er nochmals mit einer solchen aufwarten, findet er doch im dortigen Gästebuch den Eintrag des Rintelner Gymnasiasten Heinrich Homeier, dem unmittelbar der des Herzogs von Orleans folgt, seine königliche Hoheit Prinz von Frankreich.

Sein Weg entlang der Werra stimmt Boclo sentimental, hat dieser doch durchaus etwas von einer „Rückreise durch das ganze Leben“.

Und dann ist es angesichts der zurückgelegten Etappen nur noch ein Katzensprung, bis er wieder in seiner Heimatstadt anlangt.

Zur abschließenden Bekräftigung seiner Unternehmung verleiht der Rintelner Wandersmann seiner Lebensmaxime nochmals Ausdruck, „daß man sich selbst, der Natur und Gott nie mehr angehört; daß man nirgends kräftiger, selbstständiger und wiedergeborener wird, als auf einer Fußreise …“.



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