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Über zwei Stunden stehen Artisten im Rampenlicht / Die Vorbereitung zum Auftritt beginnt hinter dem Sattelgang

Der Zirkus hinter dem Vorhang

Es ist noch ruhig im Hamelner Bürgergarten. Es ist 13 Uhr. Noch zwei Stunden, dann werden die Zuschauer im weiten Rund des Zeltes Platz genommen haben. Dann tauchen die Besucher ab in eine andere Welt, spülen für zweieinhalb Stunden den Allstagsstaub von den Seelen.

veröffentlicht am 10.12.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:47 Uhr

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Frank Neitz

Autor

Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Vermutlich stellen sich die meisten die Abläufe hinter den Kulissen beim Zirkus falsch vor: laut, hektisch, angespannt. Bei Roncalli jedenfalls schreit niemand „allez, allez, allez“. Es fällt überhaupt kaum je ein lautes Wort. Langsam kommt Bewegung in ein kleines rundes Zelt, das über einen sogenannten Sattelgang mit der Manege verbunden ist. Dunkel ist es drinnen. Durch die blaurote Kunststoffplane fällt kaum Tageslicht. Aus dem Gebläse einer Heizung strömt warme Luft hinein, lässt die Temperatur auf über 20 Grad Celsius steigen.

Am Gang lagern Eisberge aus Kunststoff, daneben steht ein Schlitten. Goldfarbene Reifen hängen an einem Mast, von der Decke baumeln Seile herab. Eine Plane liegt auf dem mit Sägemehl bedeckten Boden. Ein Kommando ist zu hören, kurz darauf thront Cornelia bereits auf den Schultern ihres Partners Peter. Das Trio Csàszàr turnt sich ein. Mit ihrer Schleuderbrettshow werden sie später als Erste auftreten. Immer wieder probt Cornelia einen Handstand, während Garbor in einer anderen Ecke Dehnübungen absolviert.

Die Tür eines angrenzenden Containers geht auf. Unter den Duft frischer Sägespäne mischt sich der von einem Weichspülkonzentrat. Während sich die Artisten auf die Show vorbereiten, hat die Roncalli-Schneiderin ihren Job für heute erledigt. Das Reich von Elaine Biasini ist wesentlich kleiner als die Manege: ein gut zehn Quadratmeter großer Raum. Ihre Welt: Pfaff-Nähmaschine, Waschmaschine, Trockner, Bügelbrett und eine Kleiderstange. An der hängen sie, die roten Livrees mit den goldenen Knöpfen, Kordeln und Verzierungen. Die 69-jährige Französin stammt aus einer alten Zirkusfamilie, ist selbst Artistin.

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Die Artisten vom Schleuderbrett: Gabor hebt Cornelia in die Luft.

13.15 Uhr im Stallzelt. Alessandra Saabel wirft einen Blick auf die weißen Araber in den Boxen. Noch im Freizeitdress gekleidet, aber bereits fertig geschminkt, striegelt sie die Pferde. Alexandra hat mehrere Auftritte, ist bei der Hohen Schule mit den Pferden in der Manege, begleitet die Huskys auf ihrer Petersburger Schlittenfahrt und absolviert noch eine Handstandnummer.

Um 13.20 Uhr schimmert gelbes Licht aus einem der nostalgischen Zirkuswagen mit den gerundeten Dächern. Der Wagen ist spärlich eingerichtet. Vor einem mit Glühbirnen beleuchteten Spiegel sitzt ein kahlköpfiger Mann. Sergej Maslennikov sitzt in der Maske. Er wirkt angespannt, als er schwarze Striche auf seine Augenlider zieht. Noch ist bei ihm nichts von der Mimik zu sehen, mit der er knapp eineinhalb Stunden später das Publikum zum Lachen bringen wird. Für den Spaßmacher ist es Routine, sich selbst zu schminken.

In Hameln ist der Clown Pendler, wie viele andere auch. Während der Zirkus im Bürgergarten aufgebaut ist, wohnen die Artisten auf dem knapp drei Kilometer entfernten Tönebönplatz. Beim Blick aus dem Wohnwagenfenster schaut der weitgereiste Clown Sergej statt auf das Wiener Rathaus, das Berliner Tempodrom oder den Kölner Neumarkt aufs Weserberglandstadion. Auf die Frage, ob die Künstler mit einem Shuttlebus hierher gefahren werden, entgleitet Sergej ein Lachen, das er sonst seinen Zuschauern in die Gesichter zaubert. „Ich fahre mit dem Fahrrad“, betont der Spaßmacher.

Es ist 13.50 Uhr. Das Stimmengewirr im Zelt ist vielfältiger geworden – und internationaler. Kommandos auf Russisch sind zu hören. Doch auch Deutsch, Rumänisch, Ukrainisch, Ungarisch und Spanisch wird hier gesprochen. Auf der blauen Plane haben gerade die „Four Kings“ Platz gefunden. Die Akrobaten machen sich warm, bauen eine Menschenpyramide, machen Handstände.

Plötzlich fliegt einer der jüngsten der Roncalli-Leute durch das Nebenzelt. Sergej und Jewgeni haben ihren Spaß mit Darin, dem ein Jahr alten Sohn von Luftakrobatin Adelina. Mit dem Knirps spielen sie Wurf-Figuren nach. Das bereitet dem Jungen richtig Freude, er lacht. Sein Weg zum Artisten scheint vorprogrammiert zu sein – so, wie es bei den meisten hier war.

Fünf Minuten später hat Darin einen Besen in der Hand und fegt das Sägemehl zusammen. Seine Mutter hängt dagegen im wahrsten Sinne des Wortes ab. Den Nacken hat die Frau über ein Seil gelegt, und sie schwebt nahezu einen Meter über dem Boden.

Es ist 14.15 Uhr geworden. Die erste Reihe der Parkettsitzplätze füllt sich – das Roncalli-Team hat Platz genommen. Sie tragen Clownskostüme oder rote Livrees. Sie lächeln, scheinen sich darauf zu freuen, gleich die Gäste begrüßen zu dürfen. Dann, wenn Sprechstallmeister Tonie mit einem Pfiff das Signal zum Einlass gibt: „Manege frei“.

Wenn sie in der Manege stehen, sind alle Scheinwerfer auf sie gerichtet. Artisten werden bejubelt, über die Clowns werden Tränen gelacht. Für zweieinhalb Stunden stehen die Zirkuskünstler im Rampenlicht. Doch wie sieht es vor einer Vorstellung aus? Ein Blick hinter den roten Zirkusvorhang verrät es.



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