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Der Winter kommt? „Ich bleib’ dann mal hier“

Als der bayrische Landesbund für Vogelschutz vor sieben Jahren zum ersten Mal die Stunde der Wintervögel ausrief, wollten die Initiatoren Daten über das Verhalten der Vögel sammeln, die sich im Winter in Bayern und Österreich aufhalten. Und Antworten auf Fragen erhalten: Wie wirkt sich die Winterfütterung von Vögeln aus, wie die Folgen des Klimawandels und wie entwickeln sich die Arten in ihren Beständen generell. Das Ergebnis, erinnert sich Alf Pille als Pressesprecher des Landesverbandes, sei alarmierend gewesen: Der Spatz oder Haussperling, der klassische Stadtvogel, sei in München kaum noch gesichtet worden, für Pille ein eindeutiges Alarmsignal: „Wenn schon ein Allrounder wie der Sperling in der Stadt nicht mehr genug Nahrung und Nischen findet, wie geht es dann anderen Vogelarten?“

veröffentlicht am 06.01.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.05.2017 um 13:08 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

„Och, ganz gut“, würde der Buntspecht dagegen wohl antworten, denn die Zählungen ergaben, dass er sich im Zentrum und am Stadtrand gleich wohlfühlte: Der klassische Waldvogel legt Ende des Jahrtausends seine Scheu vor Menschen ab und richtet sich in den urbanen Zentren häuslich ein. Dabei hilft ihm auch der Mensch, was diesen aber meistens ärgert. Doch davon später.

Die Aussagekraft der Zählungen steht im Vergleich zum Vorjahr, sagt Pille: Wie viele Jungvögel sind hiergeblieben? Und wie breiten sich diese Vögel, die nicht wegziehen, aus? Wie und wo überwintern Rebhühner? Und wie passen sie ihre Strategien den unterschiedlichen Wintern an? Denn eins ist mal gewiss, sagt Nabu-Experte Pille: „Die Ergebnisse der diesjährigen Zählung werden ganz andere Zahlen als im letzten Jahr geben, denn vor zwölf Monaten hatte der Winter Deutschland fest im seinem eisigen Griff.“

Beim Landesverband Bayern haben sie in den letzten Jahren nicht nur gezählt und zählen lassen, welche Vogelarten hierbleiben und welche nicht, sondern auch dokumentiert, wie die Überwinterer in Deutschland Kälte, Futtermangel und vereisten Gewässern trotzen, damit ein großer Teil der Vögel unbeschadet das nächste Frühjahr erlebt. Und dafür haben sie erstaunlich findige Tricks und Strategien im Laufe ihrer Evolution entwickelt.

Etwa das Rotkehlchen. Beim Sitzen den Kopf schön einziehen, Flügel eng anlegen und Gefieder aufplustern – fertig ist die Energiespar-Kugel. So können sie ihren kleinen Körper auch bei minus 15 Grad ohne Frostbeulen durch lange Winternächte bringen.

Ganz anders der Buntspecht, zumindest in der Stadt. Statt in kalte, mühsam zu zimmernde Baumhöhlen einzuziehen, nutzt er modernste Wärmedämmung. Hat er erst einmal eine frisch isolierte Hausfassade entdeckt, schlägt er oft in weniger als einer halben Stunde eine behagliche Höhle in das weiche Material. Beliebt macht ihn das bei Häuslebauern natürlich nicht.

Kuscheln hilft natürlich auch: Kuschelweltmeister ist der Gartenbaumläufer. Bis zu zwanzig Tiere können sich in einer Baumhöhle zusammendrängen.

Was das Überleben ebenfalls sichert: vorsorgen. Und das kann keiner besser als der Eichelhäher. Er ist im Herbst besonders emsig und versteckt Eicheln, Bucheckern und Nüsse, meist am Fuß von Bäumen. Wird im Winter die Nahrung knapp, lebt er von seinen Vorräten. Er hat ein gutes Ortsgedächtnis und gräbt seine Vorräte unter dicken Schneedecken wieder aus. Meistens, denn er kann sich auch nicht alles merken.

Ähnlich macht es der Kleiber. Unentwegt holt er sich Körnchen für Körnchen vom Futterhaus und stopft es unter Flechten in die Rinde der Bäume. Er wähnt sein Futter gut versteckt, aber er darf sich dabei nicht zusehen lassen: Andere Vögel sparen sich die mühsame Vorratshaltung, indem sie einfach des Kleibers Körner wieder hervorholen und verspeisen, wenn der mal grad nicht da ist.

Oder man hält es so wie früher und ist einfach mal weg. Fünf Milliarden Zugvögel weltweit treten jedes Jahr eine Flugreise in wärmere Gefilde an. Kälte und Nahrungsmangel können diese Vögel dadurch zwar vermeiden, trotzdem werden gerade die fernreisenden Vogelarten wie die Rauchschwalbe oder der Kuckuck immer seltener, denn der Vogelzug wird immer gefährlicher. Viele Rastgebiete sind inzwischen vom Menschen zerstört worden und die schwer zu überfliegende Sahara wird durch den Klimawandel immer größer. Die logische Folge: Zuhause bleiben im Winter wird deshalb für einige Vogelarten immer attraktiver. Typische Zugvögel wie Star, Hausrotschwanz oder Zilpzalp werden deshalb immer öfter auch im Winter gesichtet.

Gut möglich, dass demnächst eine Vogelart bei den Zählungen auf den Listen landet, die der normale Vogelfreund dort gar nicht erwarten würde, weil er ihn nur aus der Käfighaltung kennt: der Halsbandsittich. Denn nicht nur in der milden Rheinebene leben mittlerweile Tausende wilder Halsbandsittiche – Nachfahren von Tieren, die aus den Käfigen fliehen konnten und sich fröhlich vermehrten. Denn Halsbandsittiche kommen ihrer exotischen Herkunft zum Trotz mit dem deutschen (und europäischen) Klima bestens zurecht. Experten schätzen, das zurzeit rund 8500 wilde Halsbandsittiche in Deutschland leben, meldete jetzt die „Süddeutsche Zeitung“, in Belgien und den Niederlanden sollen es sogar 20 000 sein. Die Population der Tiere, die in Städten lebt, habe dabei „stärker zugenommen als die aller anderen Arten“, meldet die Süddeutsche. Allein in London solle es 30 000 Halsbandsittiche geben, dort dürften sie mittlerweile abgeschossen werden. „Ja“, sagt Alf Pille, „der Halsbandsittich taucht bei den Zählungen auf, Tendenz steigend.“ Das muss übrigens nicht so bleiben, denn in Heidelberg und Wiesbaden haben die Experten festgestellt, dass die Zahl der Tiere sogar wieder zurückgeht. Der Grund sind natürliche Feinde, die die Tiere mit dem grünen Gefieder und dem knallroten Schnabel aus den Savannengebieten Afrikas und vom indischen Subkontinent mittlerweile auch als Leckerbissen für sich entdeckt haben: Die Wanderfalken und Habichte haben den auffälligen Neuling kurzerhand auf ihre Speisekarte gesetzt.

Anders als bei der „Stunde der Gartenvögel“, bei der es „nur“ um die Brutvögel geht, lassen sich im Winter auch Erkenntnisse über Gäste gewinnen, die aus kälteren Regionen zu uns kommen, erklärt Uli Thüre, Pressesprecher des Naturschutzbundes Niedersachsen. Zudem werde man über die Jahre sehen können, inwieweit sich das Zugverhalten mancher bei uns brütenden Arten ändere. Die bisherigen Aktionen würden zeigen, dass immer mehr „klassische Zugvögel“ auch im Winter hier bleiben.

Auf ein verändertes Zugverhalten oder sogar die allmähliche Entwicklung vom Zug- zum Standvogel deute die hohe Anzahl im Rahmen der Aktion beobachteter Stare sowie deutlich verfrühter Mönchsgrasmücken - mehr als hundert Tiere in Niedersachsen - sowie von mehr als 250 Hausrotschwänzen hin. „Hier ist Klimawandel anfassbar geworden“, erklärte Dr. Holger Buschmann als Nabu-Landesvorsitzender.

Zudem konnte festgestellt werden, dass in Niedersachsen „eine Renaissance der Winterfütterung stattfindet“, berichtet Buschmann: „In mehr als vier Fünfteln der Gärten, in denen gezählt wurde, war ein Futterhäuschen vorhanden. Aus Sicht des Naturschutzes ist das wertvoll, weil dadurch – wenn arten- und tierschutzgerecht gefüttert wird – gerade Kinder und alte Menschen einen Zugang zur Natur finden und sich mit der Verschiedenheit der Vogelarten beschäftigen.“

Die von ihnen zu überfliegende Sahara wird durch den Klimawandel immer größer, viele Rastgebiete wurden zudem von Menschen zerstört: Einfach zuhause bleiben wird daher für immer mehr Vögel immer attraktiver. Dabei helfen diverse Überlebensstrategien durch die zuweilen harten Winter, während sich Neulinge plötzlich auf der Speisekarte von Habichten und Wanderfalken wiederfinden.

Die Blaumeise

ist mit ihrem blau-gelben Gefieder leicht zu erkennen.

Zuhause bleiben im Winter wird aufgrund des Klimawandels für einige Vogelarten immer attraktiver. Typische Zugvögel wie der Star (oben) werden deshalb immer öfter auch bei uns im Winter gesichtet. Die Haubenmeise (u.) hingegen bleibt ohnehin in der Region.

Fotos: Nabu



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