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Der Wetterfrosch

Auf dem Computer-Bildschirm von Professor Dr. Günter Groß laufen rote, grüne und blaue Männchen entlang von U-Bahn-Gleisen. Agenten nennt der Professor sie, sie laufen davon vor Feuer und Rauch. Leider in die falsche Richtung. Zur Treppe nach draußen. Nicht klug, sagt Groß, sie sollten besser in den Tunnel laufen, denn der Rauch wird die Männchen einholen.

veröffentlicht am 08.12.2014 um 00:00 Uhr

Autor:

Hans Weimann

Menschen zu retten, der Feuerwehr zu zeigen, in welchen U-Bahn-Eingang sie müssen, wenn es brennt, das ist eines der Ziele des Computermodells, das Groß zurzeit entwickelt. Groß ist Professor der Meteorologie und Klimatologie und man fragt sich, was bitte haben Männchen in der U-Bahn mit Meteorologie zu tun?

Alles sagt Groß. Denn wohin Feuer und Rauch ziehen, wird unter anderem von der Hintergrundströmung im Untergrund bestimmt. Demnächst wird er dafür nach New York fliegen.

Und man erinnert sich spontan an die Brandkatastrophe in der Gletscherbahn im Skigebiet Kaprun, wo im November 2000 155 Menschen gestorben sind. Viele, weil sie, nachdem das Feuer ausgebrochen war, bergauf zum Ausgang rannten. Dorthin, wo auch Rauch und Flammen waren.

Als Meteorologe kommt man in der Welt herum. Wenn man will. Inzwischen sagt Groß, der das Institut für Meteorologe und Klimatologie der Leibniz Universität Hannover leitet, reise er allerdings nur noch zwei Mal im Jahr dienstlich ins Ausland. Er war schon in Nepal. Dort braucht man nämlich zuverlässige Daten der Flugmeteorologie, vor allem für die extremen Höhen, in denen im Himalaya geflogen wird.

Und er war in Bolivien. Da ging es um eine agrarmeteorologische Beratung. Die wird dort dringend gebraucht, weil in Südamerika die voraussichtlichen Auswirkungen des Klimawandels drastischer ausfallen als bei uns. Und Kollegen von Groß waren schon 15 Monate in der Antarktis.

Für Meteorologen ist jeder Rechner zu klein

Wie er auf Meteorologie gekommen ist? Zufall sagt Groß. Wie vieles im Leben. Er sei bei der Bundeswehr bei den Pionieren gewesen und habe danach eigentlich Bauingenieur werden wollen. Dann habe er das Buch von Nigel Calder gelesen „Erde ruheloser Planet“, die Revolution der modernen Erdwissenschaft: „Deshalb wollte ich Geophysik studieren.“

Doch in Darmstadt, wo sich Groß mit einem Freund schon eine Wohnung eingemietet hatte, war das nicht möglich. Dafür Meteorologie. Also habe er Meteorologie studiert.

Meteorologen müssen Computer lieben, sagt Groß, denn die Grundlage dieser Arbeit seien Computermodelle. Und es gilt der Satz: Für Meteorologen wie für das Militär ist jeder Rechner zu klein. Zur Not habe er da schon mal Rechnerkapazität in Japan gebucht.

Apropos Japan. Rund 50 Kollegen aus Japan waren jüngst in Rinteln zu Besuch zur japanisch-deutschen Stadtklimatagung. Man trifft sich regelmäßig. Denn Groß ist auch Fachmann für Stadtklima. Und da in Japan Megacitys wie Tokio stehen, wird sein Fachwissen gebraucht.

Das Problem, sagt Groß ist die Wärme. Wie kriegt man Häuser, ja, eine ganze Stadt kühler? Vor allem, wenn Tropennächte, in denen die Temperatur nachts nicht unter 20 Grad sinkt, einem den Schlaf rauben.

Beim Stadtklima, schildert Groß, spielen Strömungen eine entscheidende Rolle. Blockieren die Häuser möglicherweise einen Luftaustausch? Muss man sie im Architektenentwurf etwas versetzen, vielleicht ein Stockwerk niedriger bauen, um die Durchlüftung zu gewährleisten?

Am Computer zeigt Groß in einer Simulation das Geländemodell von Heidelberg: „Hier ist der Neckar, da das Neckartal, hier die Stadt, hier die Höhenlinien der ansteigenden Berge. Hier kann man gut sehen, welcher Teil der Stadt nachts am besten belüftet wird, wenn eine Kaltströmung in die Stadt zieht.“

Warum Computermodelle? Weil, sagt Groß, sich solche Szenarien mit Messtechnik allein nicht erfassen lassen. Computermodelle sind auch das Handwerkszeug der Wahl, wenn man beispielsweise wissen will, wie Sanddünen wandern, wie Bäume umströmt werden, um eine Schadstoffverteilung zu ermitteln. Beides hat er schon gemacht. Als Professor könnte er eigentlich auch reine Grundlagenforschung betreiben, er arbeite aber nach wie vor am liebsten an Projekten, die einen praktischen Nutzen generieren, also etwas, das auch jemand braucht.

Groß wohnt mit seiner Familie in Exten. Am Ende der Welt. Genau am Ende des Stichwegs Im Poll. „Keine Wendemöglichkeit“ warnt dort ein Schild. Es passiere öfters, dass sich Besucher nicht um die letzte Kurve trauen, weil sie glauben, dann landeten sie im Acker, und ihn über Handy aus dem Auto alarmieren: Wo wohnt Ihr eigentlich?

Ihr erstes Bauernhaus bewohnte die Familie in Lauenau. Doch Groß hat für seine Kinder Platz darum herum vermisst. Deshalb habe man, als die alte Hofstelle in Exten angeboten worden sei, im Jahr 2000 auch nicht lange gezögert. Stehen geblieben ist von dem Gebäude nur das Fachwerkgerüst. „Wir haben alles entkernt und neu aufgebaut. Wir haben 7000 Lehmsteine abgeklopft, damit wir sie wieder verwenden konnten“. Übrigens fachgerecht, mithilfe des Fachwerkexperten Manfred Röver. Die Fachwerkfächer sind wieder mit Lehm und Schilfmatten gefüllt, was für ein höchst angenehmes Wohnklima sorgt.

Das private Büro des Professors ist im ersten Stock. Man muss sich bücken, will man dort durch die Tür: modernste Computertechnik umgeben von jahrhundertealten Eichenbalken.

Groß ist gebürtiger Südhesse, hat nach seinem Studium in Darmstadt eine klassische Universitätskarriere bis zum Professor hingelegt, zuerst in Trier, dann in Hannover. Weil auch seine Frau Christine promovierte Meteorologin ist, tauscht man am Abendbrottisch auch schon mal Gedanken über fachliche Belange aus.

Gemeinsam mit einem Freund, schildert Groß, habe er das Unternehmen „meteoterra GmbH“ gegründet, in dem seine Frau jetzt Geschäftsführerin ist. Ein Unternehmen, das konsultiert wird, wenn beispielsweise Gutachten für Windanlagen oder Schweineställe gebraucht werden.

Schweineställe und Meteorologie? Sicher sagt Groß, meine Frau ermittelt dann, wie sich der Geruch in der Umgebung ausbreitet. Er selbst habe beispielsweise für Biblis erforscht, wohin Radioaktivität bei einem GAU (Größter anzunehmender Unfall) treibt. Eine Aufgabe, die heute der Wetterdienst übernimmt, der stets die aktuellen Wetterdaten parat hat.

Groß sagt, da er aus einer Handwerkerfamilie komme, packe er auch selbst gern mit an, wenn es im Haus etwas zu tun gibt. Und dann, beim Streichen der Fassade kämen ihm immer die besten Ideen für seine berufliche Arbeit.

Groß, das spürt man bei jedem Satz, ist von seinem Beruf begeistert und möchte diese Faszination für Meteorologie auch dem Nachwuchs übermitteln. So hat er sich am Gymnasium Ernestinum mit einer AG engagiert, wirbt bei der Sommeruni in Rinteln für seinen Beruf. Immerhin sind ihm auch Abiturienten aus Rinteln schon gefolgt.

Dabei macht Groß keinen Hehl daraus, dass Meteorologie ein beinhartes Studium ist, vor allem seit die Spielregeln geändert und Bachelor und Master eingeführt wurden. Da muss man vom ersten Tag an mit 100 Prozent losstarten. Sonst kommt man nicht hinterher.

Wie wirkt sich der Klimawandel bei uns aus?

Was muss man mitbringen, Topnoten in Mathematik und Physik? „Ach was“ sagt Groß, „man muss Spaß an diesem Wissensgebiet haben, es wollen, dran bleiben, wir haben noch jedem all das beigebracht, was er wissen muss“. Meteorologen werden überall auf der Welt gebraucht. „Wir sind eine Gemeinschaft, ob in Japan oder den USA – man versteht sich auf Anhieb.“

Logisch, dass man einen Meteorologie-Professor zum Abschluss eines Gesprächs auch nach Wetter und Klima fragt. Zunächst: Wetter kann man fühlen, Klima nicht, weil es sich um ein langfristiges Phänomen handelt.

Wie wird sich der Klimawandel bei uns auswirken?

Groß sagt: Bei allen Berechnungsschwierigkeiten unterschiedlicher Klimamodelle können wir heute davon ausgehen, dass die warme, gemäßigte Klimazone in Westeuropa feuchttemperiert mit warmen Sommern auch in hundert Jahren noch Bestand haben wird. Das Konfliktpotenzial liegt hier beim Kampf ums Wasser. Der Mensch braucht Wasser zum Trinken, die Nutzpflanzen und Waldökosysteme aber auch.

Die Wettervorhersage war noch nie so gut wie heute. Warum hat man trotzdem manchmal den Eindruck, die Wetterfrösche liegen schief?

Ganz einfach sagt Groß, Sven Plöger oder Katja Horneffer haben im Fernsehen gerade mal 60 Sekunden Zeit, das Wetter für drei Tage für ganz Deutschland vorherzusagen. Die können gerade was von Nord und Süd erzählen, dann ist die Sendezeit um. Leute, die exakte Wetterinformationen benötigen, wie Landwirte und Piloten, etwa die Hubschrauberpiloten in Bückeburg, bekommen auch exakte Vorhersagen. „Wir können das Wetter im Abstand von drei Kilometern mit unseren Daten berechnen.“

In den USA beispielsweise hat eine Wettervorhersage einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Da geht es manchmal um Leben und Tod, wenn man wissen muss, wo genau der Tornado lang marschiert, wo bei einem Blizzard innerhalb von Stunden eineinhalb Meter Schnee fallen.

Kommt häufiger Starkregen? Groß lächelt. Da wäre zuerst die Frage, wie man Starkregen definiert. Aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten könnte die Natur uns schon jetzt in Niedersachsen 350 Millimeter Niederschlag am Tag bescheren. Dann stände halb Rinteln unter Wasser, weil die Kanäle diese Massen nicht fassen. Die Natur tut es aber nicht. Warum nicht? Wir wissen es nicht. Als maximaler Niederschlag sind hier bisher 120 Millimeter über 24 Stunden gemessen worden. (1 Millimeter Niederschlag entsprich einem Liter pro Quadratmeter)

Was ist daran, dass die vielen Kiesteiche im Wesertal das Klima verändern, das Kraftwerk in Veltheim Gewitter anzieht?

Klar, sagt Groß, beeinflussen Teiche oder ein Kraftwerk das Kleinklima, aber doch nur in einem sehr begrenzten Umkreis. „Davon merken Sie schon ein paar Häuserreihen weiter nichts mehr.“

Professor Dr. Günter Groß ist Meteorologe. „Wetterfrosch“ sagt mancher, halb scherzhaft, halb respektlos. Doch die Sache mit dem Frosch im Glas, der das Wetter vorhersagen soll, ist graue Vorzeit. Denn was ist Meteorologie heute? Mathematik und Physik, sagt Groß, der in Exten wohnt. Wer in seinem Fach arbeitet, muss Computer lieben, denn Computermodelle sind die Grundlage dieser Arbeit.



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