weather-image
26°
×

Der Weg zu sich selbst – auf alten Spuren

Egal, welcher Pilgerweg eingeschlagen wird: Pilgernde zeigen sich immer wieder überrascht, was für schöne alte neue Wege es gibt – und das, ohne weit anreisen zu müssen, in der eigenen Region. „Dank für Frieden und Stille“, hat eine Pilgerin kürzlich ins Gästebuch der Kirche zu Fuhlen geschrieben, eine von 63 verlässlich geöffneten Kirchen entlang des Pilgerweges Loccum-Volkenroda.

veröffentlicht am 22.10.2012 um 00:00 Uhr

Autor:

Das Gotteshaus in Fuhlen liegt nicht auf der Hauptstrecke der Region Westliches Weserbergland von Kathrinhagen bis Fischbeck, sondern auf der Nebenstrecke, die durch das Wesertal führt. Der 2005 eröffnete Pilgerweg in Trägerschaft der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers weist die längste Pilgerstrecke durch das Weserbergland auf. Er folgt Spuren der Mönche des Zisterzienserklosters Volkenroda, die im Jahre 1163 nach Loccum kamen, um dort ein Kloster zu gründen. Eine regelrechte Begeisterung für die Gründung des neuen Pilgerweges habe ein Artikel des damaligen Redakteurs Jens Gundlach ausgelöst, in dem er seine ersten Pilgererfahrungen beschrieb, erinnert sich Susanne Behnke, Pilgerbeauftragte und Pastorin in Fuhlen.

Erkenntlich am violettfarbenen Radkreuz auf weißem Grund, erstreckt sich der Pilgerweg auf dem Hauptweg vom Kloster Loccum über das Stift Fischbeck, die Klöster Amelungsborn und Bursfelde bis hin zum Kloster Volkenroda. Er führt über 300 Kilometer entlang von Weser, Leine und Unstrut. Kapellen, Klöster und Kirchen laden zum Innehalten ein und machen Kirchen- und Glaubensgeschichte lebendig. Weitere 220 Kilometer können auf den grün ausgeschilderten drei Nebenwegen gepilgert werden, einer davon führt von Fuhlen zum Kloster Möllenbeck.

Seit 2008 ist das zentrale „Pilgerbüro“ im Haus kirchlicher Dienste dem Fachbereich „Kirche im Tourismus“ der Hannoverschen Landeskirche angegliedert. Für Anfragen aller Art ist Susann Röwer zuständig, die zugleich Koordinatorin des Netzwerks aus 100 Kirchengemeinden entlang des Pilgerweges ist. Alle notwendigen Informationen können auf der übersichtlichen Internetseite eingesehen werden. Ein Pilgerweg-Navigator bietet Hinweise zu den einzelnen Etappen sowie zu den Angeboten der Klöster und Kirchengemeinden während der Pilgersaison, die von Ostersonntag bis zum Reformationstag geht. Auf diese Weise erfahren Pilgernde, welche Kirche täglich geöffnet ist, welche Gemeinde eine Unterkunft stellen kann, ob etwas zu trinken bereitsteht oder ob es einen Pilgerstempel gibt. Rund 100 ehrenamtliche „Beauftragte am Pilgerweg“ sind im Einsatz, außerdem zahlreiche ausgebildete Pilgerbegleiter, die Touren von Gruppen mit Gebeten, Gedankenanstößen oder Gesang bereichern.

Symbol des Pilgerweges Loccum-Volkenroda.

„Je 3000 Pilgerpässe sind 2010 und 2011 ausgegeben worden, ungefähr dreimal so viele Pilgernde ziehen tatsächlich los“, sagt Susann Röwer und fügt hinzu: „Seit 2011 sind immer mehr Gruppen unterwegs.“ Frauen, Männer, aber auch Jugendliche folgen den historischen Spuren. „Nur wenige gehen den Pilgerweg am Stück, die meisten sind nur drei bis vier Tage unterwegs und nehmen sich zu einem anderen Zeitpunkt einen weiteren Teilabschnitt vor“, sagt sie.

2013 wird ein überarbeitetes Unterkunftsverzeichnis erscheinen, das aufgrund der Nachfrage auch Übernachtungsmöglichkeiten für Pilger mit Hund mit aufnimmt. Außerdem wird ab nächstem Jahr eine Alternativroute für Radfahrer mit Touren von Kloster zu Kloster auf der Homepage mit aufgeführt. Abseits des Pilgerweges Loccum-Volkenroda gibt es in der Region auch kleine Besinnungs- oder Rundwanderwege, wie den 13 Kilometer langen Pilgerweg rund um Bad Münder in Trägerschaft eines ökumenischen Arbeitskreises. Da er noch nicht ausgeschildert ist, kann er bislang nur in Begleitung, nicht aber selbstständig eingeschlagen werden. Daneben gibt es zu konkreten Themen speziell ausgewählte, begleitete Pilgertouren. So sind Frauen und Männer etwa am 1. November eingeladen, „Auf den Spuren des Hamelner Kirchenstifters Graf Bernhard“ von Rohrsen über Hilligsfeld und Flegessen bis nach Altenhagen zu pilgern.

Beliebt unter Pilgern ist in Norddeutschland auch der Sigwardsweg, ein 170 Kilometer langer Rundweg von Minden nach Idensen auf dem Gebiet des alten Bistums Minden. Ein weißes Kreuz mit abgerundeten Kanten auf rotem Grund weist den Weg, der den Spuren Bischofs Sigward – er war 1120 bis 1140 am Dom zu Minden tätig – zu seiner Kirche in Idensen nachempfunden ist. Weitere Auskünfte über den im September 2009 eingeweihten Weg mit insgesamt 24 Stationen gibt es im Pilgerbüro Sigwardsweg in Minden. Dort ist eine Pilgerbroschüre mit genauen Streckenangaben, Hinweisen zum Weg sowie zu Verpflegungs- und Unterkunftsmöglichkeiten erhältlich, ebenso der Pilgerpass.

Der wohl bekannteste Pilgerweg der Welt ist der Jakobsweg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Spanien. Dessen 800 Kilometer langer Hauptweg in Nordspanien entstand im 11. Jahrhundert. Mittlerweile hat sich quer durch Europa ein dichtes Netz aus Jakobswegen gebildet, in Deutschland seit 1992. Seit wenigen Jahren existieren die „Wege der Jakobspilger in Norddeutschland“ mit den Hauptstrecken Via Baltica von Usedom nach Osnabrück, Via Jutlandica von Flensburg nach Stade sowie Via Scandinavica von Lübeck nach Göttingen. Im März 2010 wurde der „Weg der Jakobspilger von Höxter nach Dortmund“ eröffnet. Ähnlich dem Verlauf der mittelalterlichen Handelsstraße führt die 200 Kilometer lange Strecke vom ehemaligen Kloster Corvey durch Höxter über Paderborn bis nach Dortmund. Ausgeschildert sind alle Jakobswege mit der gelben Jakobsmuschel auf blauem Grund. Die Jakobsmuschel, am Ende des Pilgerweges überreicht, diente im Mittelalter auch als Behältnis, um Wasser zu schöpfen und galt in Kunst und Literatur als Symbol für Pilger. Die Deutsche St.-Jakobus-Gesellschaft in Aachen oder der Freundeskreis der Jakobspilger Paderborn übernehmen die Beratung von Pilgern, die Ausschilderung, die Vermittlung von Unterkünften sowie die Ausgabe von Pilgerausweisen.

Nach langen Etappen genießen es Pilger in Kapellen, Kirchen oder Klöstern, erst einmal nur still dazusitzen und den Weg nach innen einzuschlagen. Derartige Unterbrechungen des festen Lebensalltags wirken befreiend, erfrischend – für Geist und Seele. „Wir haben eine große Sehnsucht in uns nach dem Beten mit den Füßen entsprechend der Pilgertradition“, sagt Susanne Behnke. Sie weiß von „wundervollen Begegnungen“, von „vielen erschöpften Menschen“, die einfach mal raus mussten, von Kirchenräumen, die als „Sehnsuchtsräume“ empfunden werden. Sie erinnert an den Vater, der seinen Sohn verlor und sich auf den Weg machte, um seiner Trauer Raum zugeben. „Das ist sein Weg, mit der Trauer zu leben“, sagt die Pastorin. „Pilger sind oftmals Menschen in Umbruchsituationen: nach der Ausbildung, einer schweren Erkrankung oder vor dem Ruhestand.“

Susann Röwer ergänzt: „Diese Menschen, darunter solche, die sich nicht unbedingt vom kirchlichen Angebot angesprochen fühlen, machen sich bewusst auf den Weg, weil sie auf der Suche sind und unterwegs immer wieder erfahren, dass Türen geöffnet werden.“

Pilgern erfreut sich zunehmender Beliebtheit, wird als heilsame Auszeit wahrgenommen – nicht nur von Menschen, die ständig unter Druck stehen. Andere sind auf der Suche nach dem, was für ihr Leben wirklich wichtig ist, sehnen sich nach Ruhe vor der permanenten Geräuschkulisse ihres Alltags. Es ist ihre persönliche Entscheidung sich auf den Weg zu machen – anders als im Mittelalter, als auf kirchliche Verordnung hin um des Ablasses willen gepilgert wurde.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige