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Der Wald erwacht erneut zum Leben

Ausnahmsweise geht es mal etwas hektisch zu im Niedersächsischen Forstamt Oldendorf. Im ganzen Land warten die Förster darauf, dass die Baumschulen ihnen die neuen Pflanzen liefern. „Bei denen brennt die Bude“, meint Forstamtsleiter Christian Weigel. „Alle Forstämter wollen gleichzeitig beliefert werden. Das Frühjahr ist kurz. Gerade war der Boden noch gefroren, aber wenn die Bäumchen austreiben, ist es zu spät fürs Pflanzen.“ Noch ist die Lieferung nicht da. Ahorn, Lärche, Kirsche und vor allem die Elsbeere, ein eher seltener Laubbaum, der kleine rötliche Beerenfrüchte bildet und zum Baum des Jahres erklärt wurde, werden sehnsüchtig erwartet. Ständig klingelt das Telefon, und da ist es dem Forstamtsleiter gerade recht, dass ich ihn gebeten habe, mich auf eine kleine Expedition in den Frühlingswald rund um Hessisch Oldendorf zu begleiten.

veröffentlicht am 29.03.2011 um 15:37 Uhr

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Sein Auto ist das mit Abstand schmutzigste auf dem Hof, bis hoch zu den Scheiben ist der Schlamm gespritzt von rasanten Touren über die Waldwege, die er alle in- und auswendig kennt. Schon sind wir mitten im Rintelner Revier. Groß und mächtig stehen da die Buchen, die Königinnen des Waldes, die in wenigen Monaten so dicht mit Blättern besetzt sein werden, dass die Sonnenstrahlen dann kaum noch den Boden erreichen. „Aber sehen Sie, jetzt nutzen andere Pflanzen die Gunst der Stunde. Die Frühblüher, die sich das nötige Licht holen, bevor die Buchen es ihnen verwehren.“ Christian Weigel zeigt in das braune Laub am Wegesrand. „Dort, ja, er blüht, der Nieswurz.“

Wie dumm ich mich anstelle. Wo ist denn da was Blühendes? Höchstens so ein bisschen Grün. Der Förster lacht und nimmt mich an die Hand. Tatsächlich: ein dickes Büschel dieser alten Heilpflanze, lauter zarte hellgrüne Blüten mit gelben Fäden. Wo Nieswurz wächst, stand meistens eine Burg mit Kräutergarten, und als wir uns umsehen, sind da wirklich die Ruinen der Burg Roden, deren Grafen im 12. Jahrhundert von den Schaumburgern vertrieben wurden. Damals nutzte man die giftige Pflanze teils als Herzmedikament, teils zur Heilung von Verrückten, durchaus aber auch, um unliebsame Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Nieswurz steht unter Naturschutz, ebenso wie ein weiteres Schmuckstück des Frühlingswaldes, das ich ebenfalls erst entdecke, als Christian Weigel mich mit der Nase darauf stößt. Man ist einfach nicht darauf gefasst, dass mitten in der beinahe farblosen Eintönigkeit des Waldes ein Sträuchlein mit vielen zart violetten Blüten wächst. Es ist der Seidelbast mit dem schönen botanischen Namen „Daphne“, den er erhielt, weil die griechische Nymphe Daphne zum Schutz vor ihrem Verfolger Apollon in einen Lorbeerbaum verwandelt wurde, dessen Blätter denjenigen des Seidelbasts ähneln. Was für eine Überraschung.

3 Bilder

Auch der Förster freut sich und legt sich glatt auf den Waldboden, um die Pflanze genau zu betrachten. Einmal die Augen für diese Schönheiten geöffnet entdeckt man sie unvermutet immer wieder. Wer daran teilhaben will, sollte sich beeilen, denn schon Mitte April ist die Blütezeit vorbei. Auch der Seidelbast ist giftig und niemand sollte sich im Herbst verführen lassen, die rötlichen Beeren in den Mund zu nehmen.

Ganze Teppiche von weißen Märzbechern ziehen sich entlang eines Baches, hier und da stehen hellblaue Anemonen und Leberblümchen im Unterholz, und spürt man da nicht den etwas scharfen Duft des Bärlauchs? Ja, die ersten Blätter zeigt er schon. Er eignet sich durchaus als Küchengewürz birgt jedoch die Gefahr, dass man seine Blätter mit denjenigen der Maiglöckchen verwechselt – schon wieder so ein giftiges Gewächs. Wenn Christian Weigel im Mai eine Kräuterführung durch den Wald anbietet, wird er die Teilnehmer natürlich darauf hinweisen. In den ausgewiesenen Naturschutzgebieten darf man übrigens kein Kräutlein mitgehen lassen, ansonsten ist das Pflücken eines sogenannten „Handstraußes“ durchaus gestattet.

Weiter geht es über Waldwege hin zum „Schneegrund“ beim Naturfreundehaus. Hier in der Nähe wurde bereits der Weißstorch gesichtet. Auch Zilpzalp und Waldlaubsänger erheben schon manchmal ihre Stimme, die Spechte hämmern und balzen, die Meisen suchen sich Baumhöhlen für ihren Nachwuchs. Und die Waldmäuse? Wimmeln die auch schon im Unterholz herum? „Oh, längst“, meint der Förster und verdreht leicht genervt die Augen.

So niedlich die Kurzschwanzmäuse auch sind – vor allem im Sommer kann man ihr possierliches Treiben unter den Baumwurzeln beobachten – sie gelten als Plage, fressen sie doch neu angelegte Kulturen und verursachen nicht geringen Schaden. „Ich komme ja aus der Naturschutzecke“, so Christian Weigel, „aber im letzten Herbst war ich kurz davor, vergiftete Sonnenblumenkerne auszulegen. Die Oldendorf’sche Maus liebt die Lärche eine Nummer zu sehr.“ Schließlich kam die Lieferung zum Glück zu spät und die Mäuschen wüteten dann doch gar nicht so schlimm. „Etwas Schwund ist immer und das geht auch in Ordnung. Wir sind ja nicht nur ein Holzwirtschaftsbetrieb sondern lieben den Wald und sein natürliches Leben.“

Der Hohle Lerchensporn – wieder mal giftig – zeigt, als wolle der Wald seine kleinen Schätze nicht freigeben, erst einen fast unsichtbaren lila Farbhauch. „Bald aber wird hier alles lila sein“, erklärt der Förster. „Ich sehe den Lerchensporn so gerne, denn wo er wächst, da kann man auch das Edellaubholz pflanzen. Ach, das Rintelner Revier ist eines der Sahnestücke im ganzen Land!“ Nach sechs Qualitätsstufen wird Waldboden kategorisiert – in Rinteln gibt es keinen Standort, der nicht mindestens die Stufe vier aufweisen kann.

Mitten im Buchenreich stoßen wir auf ein umzäuntes Gebiet, wo wilde Kirschbäume einen Schutzraum finden. Zurzeit sei zwar Eschenholz groß in Mode, doch das werde sich wieder wandeln. 80 Jahre braucht ein Kirschbaum, um brauchbares Möbelholz zu liefern. „Ja, das ist der Fluch der Forstwirtschaft: Wir müssen auf Teufel komm raus optimistisch sein und an die Zukunft glauben, denn so vieles von dem, was wir anpflanzen, werden erst die nächsten Generationen ernten.“

Und wieder Buchen, überall die Buchen. „Die lassen neben sich nichts hochkommen, was sich keine Lücke sucht. Sie sind die Herrscherinnen des Waldes und ich mag sie, ich mag Siegertypen, ja!“ Doch sollen auch andere Baumarten Chancen bekommen. Am Iberg, im Naturschutzgebiet, wo wir ausnahmsweise unterwegs sein dürfen, haben der Forstamtsleiter und seine Kollegen die Buchen gelichtet und Schutzgevierte aus Holz gezimmert, innerhalb derer noch ganz winzige Eiben wachsen. Rehe lieben diese immergrünen Bäume und sie sehen auch wirklich appetitlich aus, so frisch und grün, wie sie sich aus dem braunen Boden ans Licht recken. Vögel schätzen die Beeren und sorgen so für die Verteilung der Samen im Wald.

Da gurrt eine Hohltaube oben am Iberg und ein Specht zimmert laut an seiner neuen Wohnung. Wenn die Taube Glück hat, kann sie eine aufgegebene Spechthöhle als Nachmieterin beziehen. So mancher Baum wurde durch Forstarbeiter in greller Farbe mit dem Zeichen eines Spechtkopfs besprüht. Das bedeutet: Lasst ihn stehen, hier werden Fledermaus, Waldkauz und eben die Hohltaube ein Zuhause finden können.

Wie sehr der Pflanzenwuchs im Wald Geschichten von früher erzählen kann, sah ich nicht nur an Nieswurz und Seidelbast aus den ehemaligen Burg-Kräutergärten. In Christian Weigels „Heiligen Hallen“, einem sonst unzugänglichen Hügel mit vielen sehr seltenen Pflanzen, weisen das zarte Kalkblaugras und der Weißdorn darauf hin, dass hier einst Ziegen gehütet wurden und alle Baumsprösslinge wegknabberten. Hier oben hat sogar die „Astlose Graslilie“ eine Nische gefunden. Der Förster weiß genau, wo sie wächst und muss sie einfach mal schnell zärtlich berühren. Auch zwei Elsbeeren wachsen in der Nähe.

Apropos Elsbeere. Das Handy klingelt (ja, mit der traditionellen Unerreichbarkeit des Försters im Wald ist es schon lange vorbei), der Kollege aus dem Forstamt in Hessisch Oldendorf ist dran. Besorgt meldet sich Christian Weigel: Jetzt bitte keine Lieferschwierigkeiten mit den Sprösslingen vom Baum des Jahres. Schließlich soll am Wochenende eine Pflanzaktion durchgeführt werden. Doch – wunderbar – alles ist gut. Die Pflanzen seien die schönsten, die er je gesehen hätte, so der Kollege.

Wir müssen nun zurück. So viel Arbeit steht noch an für das Forstamt. Bis Ende April soll das Pflanzen erledigt sein. Tausend und Abertausend ganz junge Bäumchen, die die Lücken schließen werden, die Orkan Kyrill im Jahr 2007 im gesamten Revier schlug. Ende April ist diese besondere Waldfrühlingszeit dann spätestens vorbei und die Herrschaft der Buchen bricht an. Grün – alles wird grün sein. Und auch das ist ja einfach schön.

Der Frühling ist da, erste wärmende Sonnenstrahlen locken jetzt ins Freie. Wer genau hinsieht, erkennt, dass auch der Wald seinen Winterschlaf beendet hat. Überall wachsen kleine Pflanzen und Kräuter, Vögel lassen ihr Gezwitscher erklingen, und die Waldmäuse huschen schon wieder durchs Laub. Ein Streifzug durchs heimische „Revier“.

Förster Christian Weigel legt sich auch schon mal flach auf den Waldboden, um die zarten Frühlingspflanzen zu betrachten. Die kleinen Bilder zeigen „Hohlen Lerchensporn“ (l.) und Nieswurz. Fotos: cok



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