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Abgas-Manipulationen – welche Folgen der Wirtschaft drohen

Der VW-Fall

Die Manipulationen von VW sind ein Skandal mit Tragweite: VW und Audi haben in den USA die Abgaswerte ihrer Diesel-Autos geschönt und damit eine ganze Branche, alle Verbraucher und nicht zuletzt ihre eigenen Kunden belogen. Dem Konzern droht eine Milliardenstrafe. Der deutschen Wirtschaft ein Imageverlust.

veröffentlicht am 23.09.2015 um 10:11 Uhr
aktualisiert am 19.12.2015 um 14:47 Uhr

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Als besonders sauber hatte Volkswagen seine Diesel-Modelle in den USA beworben. Jetzt kommt heraus: VW und die Konzerntochter Audi haben einige Autos so manipuliert, dass sie auf dem Prüfstand glänzten, auf der Straße aber wieder mehr Schadstoffe ausstießen. Was bedeutet das nun für VW, für die Verbraucher und für die deutsche Wirtschaft? Fragen und Antworten:

Wie wurden die Ergebnisse der VW-Abgastests manipuliert? Abgastests der Umweltbehörden laufen in der Regel nach einem starren Schema. Auf dem Prüfstand wird eine festgelegte Abfolge von Fahrten simuliert – immer gleich lang, immer mit der gleichen Geschwindigkeitsabfolge. VW und Audi haben in den USA eine Software in ihre Dieselmodelle eingebaut, die erkannt hat, wenn dieser sogenannte Prüfzyklus lief. Die Wolfsburger haben eingeräumt, dass die Werte bei Tests durch die US-Behörden mithilfe dieser Software künstlich geschönt wurden. Eine versteckte Software im Auto erkannte, wann die Abgaswerte geprüft wurden – das Auto wurde dann so eingestellt, dass der Schadstoffgehalt in den Abgasen sank. Wenn der Test zu Ende war, schaltete der Motor wieder auf Normalbetrieb um und die Abgaswerte stiegen – zum Teil bis auf das 40-Fache der erlaubten Grenzwerte.

Warum hat VW die Abgaswerte bei Diesel-Autos manipuliert? Im Normalbetrieb hätten VW und Audi mit ihren Dieselfahrzeugen die US-Grenzwerte für Stickoxide in den Abgasen wahrscheinlich nicht eingehalten. Das hätte negative Auswirkungen auf den Verkauf auf dem amerikanischen Markt gehabt.

Wie hat VW reagiert? Volkswagen hat eingeräumt, dass Abgaswerte von Diesel-Autos in den Vereinigten Staaten für Fahrzeugtests manipuliert worden sind. Die Wolfsburger erließen einen Verkaufsstopp für die betroffenen Modelle in den USA. Michael Horn, VWs Amerika-Chef, gab bei der Präsentation eines neuen Passat-Modells am Montagabend in New York einen schweren Fehler des Unternehmens zu und meinte: „Wir waren unehrlich zur Umweltbehörde EPA, wir waren unehrlich zu den Behörden in Kalifornien und, am schlimmsten von allem, wir waren unehrlich zu unseren Kunden. Um es auf gut Deutsch zu sagen: Wir haben Mist gebaut.“

Hat Volkswagen auch in Deutschland und Europa getrickst? VW will sich dazu nicht äußern. Fest steht: Auch in Europa gibt es Höchstgrenzen für Schadstoffe in Autoabgasen. Die EU-Kommission steht nach den Angaben einer Sprecherin in Kontakt mit VW und den US-Behörden, um die Umstände der Manipulationen in den USA zu klären. Ab 2016 soll es in der EU Abgastests geben, die nicht nur die Werte auf dem Prüfstand ermitteln, sondern auch im normalen Fahrbetrieb.

Sind die US-Grenzwerte strenger als in Deutschland? Ja, sagt der Motorenexperte Prof. Helmut Tschöke von der Universität Magdeburg: „Die Grenzwerte in den USA sind tendenziell strenger als in Europa.“ Dabei komme es außerdem entscheidend darauf an, wie die Abgaswerte ermittelt werden. In Testzyklen werden verschiedene Fahrten simuliert: Stadtfahrten, Überlandfahrten, mit warmem Motor, unter Sonneneinstrahlung und mit vielen anderen festgelegten äußeren Umständen. Diese Tests laufen immer nach einem festen Schema ab – in den USA und Europa sehen sie aber unterschiedlich aus und führen deshalb in der Regel auch zu unterschiedlichen Ergebnissen darüber, wie viele Schadstoffe in Autoabgasen enthalten sind.

Sind auch andere deutsche Autohersteller betroffen? Bisher nicht. „Es gibt nach unseren Erkenntnissen keine Untersuchungen zu Mercedes-Benz“, sagte ein Daimler-Sprecher in Stuttgart. Der in der Presse beschriebene Sachverhalt treffe auf Mercedes-Modelle nicht zu. Auch BMW ist nach eigenen Angaben von dem Skandal in den USA nicht betroffen. Bei Überprüfungen eines BMW-Dieselfahrzeuges habe es keine auffälligen Abweichungen der Testwerte gegeben, erklärte das Unternehmen.

Ist das Thema damit für andere Hersteller durch? Nicht unbedingt. Der ADAC hat die Abgaswerte von Autos auch mit anderen Tests gemessen als bisher in Europa üblich. Dabei haben sie schon Werte festgestellt, die deutlich höher liegen als bei der derzeit angewendeten Abgasprüfung in der EU. „Wir können nicht erkennen, dass bestimmte Hersteller besonders saubere oder besonders schmutzige Fahrzeuge haben“, sagt der Chef der ADAC-Abteilung Test und Technik, Reinhard Kolke. Aber: „Abweichungen von Grenzwerten stellen wir durch die Bank fest.“

Wie mächtig ist die US-Umweltschutzbehörde EPA? Die EPA – Environmental Protection Agency – ist so ziemlich die letzte US-Aufsicht, mit der Unternehmen sich anlegen wollen. Die 1970 als unabhängige Umweltschutzbehörde der US-Regierung gegründete Institution gilt als knallharter Regulierer. Politiker – vor allem aus dem Lager der Republikaner – kritisieren die weitreichenden Kompetenzen der EPA immer wieder und sehen die große Macht der Aufseher als Gefahr für die Wirtschaft. Die EPA verteidigt Umweltschutzgesetze wie etwa den „Clean Water Act“ oder den „Clean Air Act“ – gegen den der deutsche Autobauer Volkswagen verstoßen haben soll – teils auch mit drastischen Mitteln wie Milliardenstrafen und strafrechtlicher Verfolgung.

Wie reagiert die deutsche Politik? Vom Kanzleramt in Berlin bis zur Landesregierung in Hannover reagieren alle entsetzt. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) will in Deutschland VW-Dieselfahrzeuge überprüfen lassen. „Ich habe ich das Kraftfahrtbundesamt angewiesen, bei den VW-Dieselmodellen jetzt umgehend strenge spezifische Nachprüfungen durch unabhängige Gutachter zu veranlassen.“

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen kann der Skandal nach sich ziehen? Neben einem Imageverlust drohen Volkswagen Strafzahlungen von bis zu 18 Milliarden Dollar, Rückrufkosten, strafrechtliche Folgen sowie mögliche Regressansprüche von enttäuschten Kunden und Aktionären. Die VW-Aktie befindet sich im Sturzflug: Montag minus 18,6 Prozent – das bedeutet einen Börsenwert-Verlust von etwa 14 Milliarden Euro für den Konzern. Dienstag nochmals minus 18 Prozent. Wolfsburg gab gestern eine Gewinnwarnung heraus. VW als Automarke leidet, das Vertrauen in deutsche Industrieprodukte leidet, die Marke „Made in Germany“ leidet. Neben VW betrifft dieser Imageverlust auch die komplette Zulieferindustrie und die gesamte deutsche Exportwirtschaft. Das kann am Ende auch Arbeitsplätze kosten. Unter dem Strich also ein Bärendienst, den VW der deutschen Wirtschaft erwiesen hat.

Wird der Fall auch strafrechtliche Konsequenzen haben? Ja, das ist möglich. Das US-Justizministerium ermittelt, ob VW kriminelle Machenschaften vorzuwerfen sind. In Kriminalfällen können US-Ermittlungen Monate oder Jahre andauern, ergebnislos enden, aber auch zu heftigen Strafen führen. Mit dem Skandal wird sich auch ein Ausschuss des US-Kongresses befassen. In den kommenden Wochen wird demnach eine Anhörung zu Vorwürfen der Umweltbehörde EPA angesetzt.



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