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2015 ist das „Max und Moritz“-Jahr. Dann ist es genau 150 Jahre her, dass Wilhelm Buschs Welthit als Buch auf den Markt kam. Den ersten Hinweis auf die Bildergeschichte über die zwei Lausejungs hat es indes schon zwei Jahre früher gegeben &nda

Der Urknall des Comics

„Was die ausgequetschte Citrone anbelangt, so will ich dir nur vorläufig bemerken, daß in den Abenden bereits etwas Neues mit circa 100 Zeichnungen für den Holzschnitt fertig skizziert ist und daß der Plan zu einem Bildermärchencyklus für nächsten Sommer bereit liegt. – Dies zur Beruhigung!“

veröffentlicht am 12.12.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Friedhelm Sölter

Diese Sätze hat Wilhelm Busch mit Datum 12. Dezember 1863 aus Wiedensahl an seinen Münchner Freund, den Verleger Otto Bassermann, geschrieben. Sie sind laut Experte Hans Ries, der sich wie kein anderer mit Buschs Bildergeschichten auseinander gesetzt hat, der erste Hinweis des wohl bedeutendsten Künstlers der Region auf seinen späteren Weltbestseller „Max und Moritz“.

Das war heute vor 150 Jahren. Doch das Schaumburger Land wird das Jubiläum erst 2015 feiern, denn das Werk mit seinen knapp 100 Bildern kam erstmals 1865 als Buch auf den Markt. Da begann der Siegeszug der bösen Buben rund um den Globus. Heute liegen allein im Wiedensahler Geburtshaus von Wilhelm Busch mehr als 300 Übersetzungen in fremde Sprachen oder Übertragungen in unterschiedliche Dialekte vor.

Busch als Vorbild vieler Comic-Zeichner

Die Explosion der Pfeife des vom Orgelspiel aus der Kirche heimgekehrten Lehrers Lämpel in „Max und Moritz“ gilt in der Szene vor allem auch in Nordamerika als Urknall des Comics. Und noch heute berufen sich die aktuell wichtigsten Zeichner aller Herren Länder auf den oftmals scheu wirkenden Eigenbrödler aus dem Hannörverschen, dessen Geburtsort erst mit der Kommunalreform 1974 zum Schaumburger Land kam und hier zum Kulturtourismus-Leuchtturm wurde.

Auch der Text mit seinen 418 Zeilen, als strenger Knittelvers durchgängig paarweise gereimt, ist im folgenden Jahr 1864 abseits des „Gewurls der großen Städte“ „in der Stille“ des Busch-Geburtsortes am Schaumburger Wald entstanden. Direkt vor dem großen Durchbruch war es nicht die erfolgreichste Zeit von Wilhelm Busch, der bei allem Erfolg dennoch zeit seines Lebens ehrfürchtig zu den großen niederländischen und flämischen Malern wie Frans Hals oder Vermeer aufsah und sich im Vergleich mit ihnen an der Staffelei als gescheitert ansah.

Als Vorgänger-Buch hatten Buschs „Bilderpossen“, die gemeinsame Veröffentlichung der vier Bildergeschichten „Der Eispeter“, „Katze und Maus“, „Krischan mit der Piepe“ und „Hänsel und Gretel“, gefloppt. Im Dresdner Verlag Richter im Spätherbst 1864 erschienen, gibt es von dort Klagen über den mangelhaften Absatz des Buches und den Verzicht auf die Herausgabe von „Max und Moritz“, die Busch bereits zugesandt hatte.

Zugleich ist 1863 das Jahr, in dem der dato noch wenig erfolgreiche Kaufmannssohn als 31-Jähriger mit dem einzigen Heiratsantrag seines Lebens eine glatte Abfuhr beim Vater der Auserwählten erlebte. Im Haushalt seines Bruders Gustav in Wolfenbüttel hatte Wilhelm Busch die erst 17-jährige Anna Richter kennengelernt. „Ein hübsches Kind, das ich da wiederfand, bot mir auf’s neue manch heimlich-gute Stunde“, ließ er Freund Bassermann an seinen Gefühlen teilhaben. Die beruflichen Aussichten des damals schnauzbärtigen Gastes versprachen Vater Richter – nicht der Verleger – kein unbeschwertes Eheleben der Tochter.

Eine grandiose Fehleinschätzung, wie sich schon bald herausstellen sollte. Das von Richter abgelehnte „Max und Moritz“-Manuskript schickte Wilhelm Busch an den Verlag Braun und Schneider in München, der mit der einmaligen Zahlung von 1000 Gulden alle Rechte an der Bildergeschichte erwarb und den Erstdruck Ende Oktober 1865 im Buchhandel platzierte. Die Summe entsprach seinerzeit etwa dem doppelten Jahreslohn eines Handwerkers und sicherte Wilhelm Busch erstmals in seinem Leben völlige finanzielle Unabhängigkeit. Für Kaspar Braun sollte sich das Geschäft als verlegerischer Glücksgriff erweisen. Doch der Absatz erfolgte zunächst ebenfalls nur zögerlich. Vor allem bei sich aufgeklärt gebender Pädagogik stießen die Missetaten der Menschennecker und Tierequäler auf massive Kritik.

So erschien die zweite Auflage erst 1868. Und brachte den Verkauf ins Rollen. Noch im gleichen Jahr musste neu gedruckt werden. Danach erschien bis zu Wilhelm Buschs Tod am 9. Januar 1908 fast in jedem Jahr eine weitere Auflage. Mit der 56. im Sterbejahr waren 430 000 Exemplare verkauft. Um 1910 wurde laut den Busch-Neffen Hermann, Adolf und Otto Nöldeke die halbe Million geknackt. Zum 70. Geburtstag schickte der Verlag Busch einen nicht angeforderten Nachschlag in fünfstelliger Höhe, den der Jubilar als Spende direkt an zwei Krankenhäuser in Hannover weiter leitete.

Die erste fremdsprachliche Ausgabe erschien bereits 1871 als „Max and Maurice“ im amerikanischen Boston und dürfte den aus dem holsteinischen Heide stammenden Rudolph Dirks (1877 – 1868) nachhaltig beeinflusst haben, als der auf Initiative des Verlegers William Randolph Hearst in New York „The Katzenjammer Kids“ schuf.

Die Vorbildfunktion des Niedersachsen ist unübersehbar und von Dirks mehr als einmal bestätigt worden, auch wenn die Strafen für die rüpeligen Jung-Amerikaner in dessen Comicstrips durchweg weniger drastisch ausfielen als das Ende, das Max und Moritz in der „Rickeracke“-Mühle erlebten: „Fein geschrotet und in Stücken“. Im „ganzen Dorf“, das laut Hans Ries überall im Niedersächsischen angesiedelt sein konnte, „Ging ein freudiges Gebrumm: / Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei / Mit der Übelthäterei!!“.

Dass Busch auch eigenes Erleben vor allem seiner Kinderzeit beim Onkel Georg Kleine, dem Pfarrer des Dorfes Ebergötzen bei Göttingen, in „Max und Moritz“ verarbeitet hat, gilt als sicher. Der neunjährige Pennäler genoss dort eine breit angelegte humanistisch-naturwissenschaftlich orientierte Ausbildung, in der er auch seine künstlerischen Talente ausleben konnte. Frisuren des Teenagers Busch wecken Erinnerungen an die Moritz-Tolle.

Bereits am Tag einer Ankunft in Ebergötzen schloss er dort Freundschaft mit dem gleichaltrigen Müllerssohn Erich Bachmann. Diese Verbindung hielt ein Leben lang, die Mühle taucht immer wieder auf im bildnerischen und dichterischen Werk des Mannes, den Gerhart Hauptmann den „Klassiker deutschen Humors“ nannte.

Scherz und Phantasie als Eltern

Andere Figuren und Namen wie die Witwe Bolte und Schneider Böck werden von heimischen Zeitgenossen Buschs durchaus auch in seiner Wiedensahler Heimat lokalisiert. Dorthin kehrte er immer wieder zurück, erlebte im Pfarrhaus im Haushalt von Schwester Fanny und Schwager Pastor Hermann Nöldecke in den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts seine wohl schaffensfreudigste Periode.

Doch den Erfolg der Schornstein-Angler erreichten weder die „Fromme Helene“ oder die zeichnerischen Spätwerke „Balduin Bählam“ und „Maler Klecksel“ mit ihren deutlich durchscheinenden persönlichen Lebensbilanzen. Allein das Räsel um die Eltern von Max und Moritz mochte der alte Busch nicht preisgeben. Noch im November 1907, zwei Monate vor seinem Tode in Mechtshausen im Harz-Vorland, antwortete er in einem Brief auf eine entsprechende Nachfrage im erprobten Knittelvers-Reim: „Max und Moritz, diese Knaben, / Sollen, hör ich, Eltern haben, / Einen Der und eine Die, / Nämlich Scherz und Phantasie.“



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