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Bei Sinti zu Gast: im Wohnwagenlager und im Gemeindehaus

"Der Teufel traut sich nicht ins Zelt"

HAMELN. Viele Sinti sind überzeugte Christen. Das ist unter den Hamelner Sinti nicht anders. Um auch die übrigen Sinti zum Glauben zu bewegen, hat eine Zeltmission aus dem Ruhrgebiet zwei Wochen lang in Hameln missioniert. Unsere Zeitung hat die Glaubensgemeinschaft besucht.

veröffentlicht am 02.09.2016 um 15:14 Uhr
aktualisiert am 06.04.2017 um 16:41 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Ein paar Männer stehen in der Mitte des von Autos, Wohnwagen und Wohnmobilen gesäumten Schützenplatzes im Klütviertel und reden. Auf Romanes, der Sprache der Sinti. Sie diskutieren, wo und in welcher Größe sie ihr Missionszelt aufstellen. Keiner kann vorhersagen, wer noch anreist oder wie viele Hamelner an den Gottesdiensten teilnehmen werden. Doch bis zum ersten Gottesdienst sind noch ein paar Tage Zeit.

Bis dahin werden sie als Angehörige der evangelikalen Zeltmission von der Mission Süd-Ost-Europa Hamelner Sinti besuchen, sie zum Gottesdienst einladen. Viele sind bereits gläubig, andere sollen noch „zum Glauben an Jesus Christus“ gebracht werden. Die meisten kennen sich, manche sind miteinander verwandt. Willkommen ist jeder, nicht nur Sinti.

Als die Männer erfahren, dass die Zeitung sich nicht nur für die Mission interessiert, sondern auch für die Sinti, werden sie hellhörig. Ein Deutscher, der was über die Sinti wissen will? Da werden bei einigen Sinti böse Erinnerungen wach. An eine Deutsche, die sich erst das Vertrauen der Sinti erschlich und sie dann in Konzentrationslager befördern ließ, erzählt Mambo Herzberg (59).

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Taufgottesdienst im Gemeindesaal des Sinti-Missionshauses in Wehrbergen.

Vermutlich ist mit dieser Frau Eva Justin gemeint. Die „Rassenhygienikerin“ betrieb „Feldforschung“ unter deutschen Sinti, erstellte „Rassegutachten“ über sie. Zwangssterilisationen und Deportation waren die Folge. Hunderttausende Sinti und Roma wurden von den Nazis ermordet.

Am anderen Ende des Schützenplatzes geht ein Mann im Tippelschritt am Stock, auf dem gesenkten Kopf ein Hut. „Der alte Mann da hinten ist mein Onkel“, sagt Herzberg. „Der war als Kind in Auschwitz, hat noch die Nummer auf dem Arm.“ Er sei dement.

In dem offenen Vorzelt eines Wohnwagens bügelt eine Frau. Es ist Mimi Steinbach, die sich mit ihrem Mann aus Kassel der Zeltmission angeschlossen hat. Sie ist ursprünglich aus Hameln, ihre Eltern und eines ihrer acht Kinder leben immer noch hier. „Es ist schön hier, mit dem Zelt und der Familie“, sagt sie. So wird die Missionsfahrt mit einem Familientreffen verknüpft.

Mambo Herzberg setzt sich dazu. Der 59-Jährige ist nicht groß, aber kräftig, trägt einen Schnauzbart, auf den Armen hat er alte Tätowierungen. Sein dunkles Haar wird langsam grau. Er ist Diakon in der freien Christengemeinde „Zuflucht“ aus Gelsenkirchen. „Ich verkünde das Wort Gottes und Jesus Christus‘“, sagt er und zitiert das Johannesevangelium: Jesus ist „der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich“.

Er hat zwar schon immer an „Gott als Schöpfer“ geglaubt. Zum Glauben an Jesus Christus fand er aber erst nach einem Schicksalsschlag. Das war vor 14 Jahren. Sein Enkelsohn erlitt eine Stoffwechselerkrankung. „Viele Brüder kamen zu mir und sagten: Nimm doch Jesus an! Über Nacht hat Jesus dann etwas in mein Herz getan: den Glauben.“ Tags drauf ging er in eine Gemeinde, bekehrte sich. „Also habe ich Jesus um Hilfe gebeten“, sagt er. „Leider kam sie nicht wie erwünscht.“ Der Junge starb mit zweieinhalb Jahren. „Gott hat ihm auf seine Weise geholfen.“ Der Glaube habe ihn, Mambo Herzberg, „stärker gemacht“.

An Missionsfahrten hat er schon vorher teilgenommen. „Wir haben unser Geschäft ausgeführt, aber sind nicht ins Zelt gegangen“, erzählt er, „die Pfaffen“ interessierten ihn nicht. So oder so ähnlich halten es einige auch jetzt. Von den rund 15 Wohnwagen auf dem Schützenplatz werden nicht all ihre Bewohner an den Gottesdiensten teilnehmen. Manche gehen lieber „auf Geschäft“, also Geld verdienen, als Händler oder Fassadenreiniger etwa. Andere fühlen sich nicht bereit, das Zelt, das Jesu Haus symbolisieren soll, zu betreten. Wieder andere verbinden die Missionsfahrt mit ihrem Urlaub.

Am Freitagabend findet der erste Gottesdienst statt. Zu den Mitgliedern der Zeltmission gesellen sich Hamelner Sinti, junge wie alte. Voll wird das Zelt, das Platz für etwa 120 Personen bietet, an diesem Abend nicht. Dani Herzberg leitet den Gottesdienst ein, dankt Gott und Jesus, spricht ein Gebet für eine Glaubensschwester, bittet um ihre Heilung.

Ein paar Mädchen, Frauen und zwei junge Männer singen Lieder, Lobpreisungen in Deutsch, Englisch und Romanes. Einer geht mit der Kollekte um, damit die Rechnungen für Platz, Wasser und Strom bezahlt werden können.

Wer Zeugnis ablegen möchte?, fragt Dani Herzberg. Eine alte Frau tritt an die Kanzel, stellt ihren Gehstock ab. Auf Romanes (Mambo Herzberg übersetzt für die Zeitung) erzählt sie: 60 Jahre lang hat sie geraucht, mit 13 oder 14 angefangen, aber seit sechs Jahren nicht mehr. Drei Operationen hat sie hinter sich, aber Gott habe ihr geholfen. Draußen spielen Kinder, kreischen vergnügt.

Mambo Herzberg hält die Predigt. „Wenn du an Jesus glaubst und die Erde verlässt, dann passiert dir überhaupt nichts“, predigt er. Nach dem Tod gebe es kein Leid mehr, nur noch Freude und Liebe.

„Der Teufel wandelt um dieses Zelt herum, aber rein traut er sich nicht, weil Jesus ist hier!“, ruft er. Ein kleiner Junge, etwa vier Jahre alt, der gerade ins Zelt kommt, sagt: „Amen!“ Leises Lachen. „Habt Ihr das gehört?“, fragt Herzberg. „Er war der Einzige, der Amen gesagt. Das ist ein Zeichen, denn aus Kindern spricht die Wahrheit.“

Ein paar Tage später sitzt Jonni Herzberg (45) alleine im Zelt und wischt auf seinem Smartphone rum. Er ist der Leiter der Zeltmission und Prediger, beides ehrenamtlich. Wie sein Onkel Mambo gehört er zur Gemeinde Zuflucht. Vor 15 Jahren fand er zum Glauben. Bis dahin hatte sich der Schmuck- und Antiquitätenhändler mehr für weltliche Dinge interessiert, „kaufte auch mal eine geklaute Uhr“ und spielte viel. Dinge, die er heute nicht mehr tut. Durch den Glauben wurden ihm andere Dinge wichtig. Lesen zum Beispiel. Um es zu lernen, ging er in die Abendschule.

Gerade sucht er im Internet nach Versen für die Kindereinsegnung am Samstag. Draußen hören ein paar der jüngeren Sinti laut Rap-Musik, Snoop Dogg und Schwesta Ewa. Ob er schon das vor wenigen Tagen erschienene Lied von dem Rapper Sido gehört habe, „Geuner“. Der Song handelt von Sidos Sinti-Hintergrund. „Nein.“ Als sich Herzberg das Video ansieht, kritisiert er Sidos falsches Romanes und dass in dem Video offenbar nur Roma gezeigt werden. „Wir sind Sinti, keine Roma“, stellt er klar.

Auch der Hamelner Sinto Goldi Steinbach (27), der seine Eltern aus Kassel auf dem Schützenplatz besucht, hat für das Lied nichts übrig. „Geuner!“, sagt er. „Das ist eine Beleidigung. Wir sind Sinti! Keine Gauner. Aber in dem Lied geht’s ja nur um Klauen.“ Was das uralte Vorurteil bedient, wonach „die Zigeuner“ stehlen würden …

Ein paar Tage später, es ist Samstag, bildet ein Tauffest in der Sinti-Missionsgemeinde in Wehrbergen den Abschluss der Zeltmission. Viele Hamelner Sinti sind gekommen. Aber auch ein alter Bekannter von auswärts. Der Pastor Karl Felscher aus dem Siegerland. Zehn Jahre lang lebte er im Missionshaus der Hamelner Sinti-Gemeinde, predigte und ging mit den Sinti auf Reisen.

Die Stimmung ist feierlich, aber locker. Es wird gelacht. Nach Predigten und Gesang, Gebeten und Kindereinsegnung und dem Zeugnisablegen der Täuflinge im Gemeindesaal geht es bei strahlendem Sonnenschein an die Weser. Sechs in Weiß gekleidete Täuflinge, fünf Hamelner, eine Wiesbadenerin, werden ans Ufer geführt. Im Wasser warten, ebenfalls in Weiß gekleidet, Mirko und Blumli Weiß von der Hamelner Gemeinde sowie Jonni Herzberg und sein Schwager Dani. Am Ufer spricht jemand die Taufsprüche, Jonni Herzberg im Wasser den Taufsegen, nacheinander werden die Täuflinge kurz untergetaucht. Anschließend wird jeweils geklatscht und gesungen: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht, lasset uns freuen und fröhlich sein.“ Im Gemeindehaus kommen alle wieder zum Essen zusammen.

Die Abenddämmerung setzt ein. Jonni Herzberg ist mit der Zeltmission in Hameln zufrieden. Nicht nur, weil sich vier Hamelner bekehrt haben und einer einen „Neuanfang“ startet. „Ich habe hier auch viele Freunde“, sagt er.

Die Sinti-Missionsgemeinde in Hameln:

Ende der 1950er, Anfang der 60er Jahre, als die Hamelner Sinti noch auf einem Wohnwagenplatz in der Nordstadt lebten, wandten sich viele von der katholischen Kirche ab und evangelikalen Freikirchen zu. Die Sinteza Marlene Weiß (74) erinnert sich, dass es unter den Sinti damals bereits zwei freikirchliche Glaubensfraktionen gab. Ein ausgedienter Bus, den die für ihre Arbeit unter Sinti bekannte Missionarin Gertrud Wehl aus Hamburg organisiert haben soll, diente als Gemeindesaal. Später setzte sich die Missionarin Maria Dahms aus dem Lipperland für ein Gemeindehaus für die Sinti ein. Der Pfarrer Andreas Weißbach aus dem Kalletal gründete Anfang der 80er Jahre den „Verein für evangelistische und soziale Arbeit unter Sinti und Roma“, der in Wehrbergen die ehemalige Gaststätte im Fährweg kaufte. Sie dient Hamelner Sinti bis heute als Gemeindehaus. 2012 löste sich der Verein auf, das Haus ging in die Verwaltung der Mission Süd-Ost-Europa über. Gemeindeleiter ist Mirko Weiß, Sohn von Marlene Weiß.

Unten sowie auf dewezet.de finden Sie unter „Videos“ drei Filmbeiträge zum Thema.

Sinti-Mission in Hameln

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