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Diese Nachmittage haben es in sich – sie stecken voller schöner Lieder, Erinnerungen und Lebensfreude

Der Tanztee

Hameln. Laute Livemusik von Helene Fischer und Klassiker aus den 30ern und 40ern, eine volle Tanzfläche, viele Liebesgeschichten, die beim Tanzen begonnen haben und Erinnerungen an Feste von früher – ein typischer Nachmittag beim Tanztee für Senioren. Sophie Sommer als junge Studentin ist mittendrin.

veröffentlicht am 09.03.2016 um 18:24 Uhr
aktualisiert am 16.03.2016 um 08:02 Uhr

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Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“ – singt Bert Schäfer in das Mikrofon und greift dabei in den Tasten des Keyboards. Zwei Boxen machen die Musik noch lauter. So laut, dass man eigentlich erwartet, in irgendeinem angesagten Techno-Club unterwegs zu sein. Nur die Musik würde da nicht so ganz reinpassen. Und auch die Tageszeit nicht. Denn es ist nachmittags 15 Uhr, mitten in der Hamelner Innenstadt. Und auch die Leute auf der Tanzfläche sind anders als in den Clubs. Älter, um genauer zu sein. Für mich als 19-jährige Studentin erst mal eine wirklich ungewohnte Zeit, ungewohnte Musik und eine ungewohnte Location, um feiern zu gehen.

Lothar Schulz (81) führt seine Barbara (76) über die Tanzfläche. Er dreht sie zu sich ein und dann mit viel Schwung wieder raus. Dann das Ganze noch einmal andersrum. Im Takt drehen sie sich über die ganze Tanzfläche. Lachen dabei, manchmal verrät ihr Gesichtsausdruck aber auch, dass sie sich gerade konzentrieren müssen.

„Alles, alles geht vorbei, doch wir sind uns treu“, gibt Sänger Bert den Klassiker von Drafi Deutscher zum Besten. Treu ist sich das Ehepaar Schulz nun schon seit seiner Hochzeit im Jahr 1959. Und sie sind auch schon immer ihrem gemeinsamen Hobby treu geblieben: dem Tanzen. „Wir haben uns beim Tanzen auf einem Festzelt in Bad Eilsen kennengelernt“, erinnert sich Lothar Schulz. 1965 nahmen sie an ihrem ersten Tanzkurs teil: „Das war damals Lothars Idee“, sagt Barbara. Standard, Latein oder Formation, die beiden kennen jeden Tanzschritt. Umso mehr haben die beiden sich gefreut, als sie beim Schlendern durch die Stadt zufällig die „Tanztee-Veranstaltung“ entdeckt haben. Und auch hier machte Lothar wieder den ersten Schritt und forderte seine Frau auf: „Komm, wir gehen mal rein.“ Seitdem ist das Ehepaar immer mit dabei, wenn einmal im Monat in dem kleinen Raum der „Tönebön-Stiftung“ an der Neuetorstraße alle fünf Tische an die Seite geschoben werden, um Platz für eine Tanzfläche zu schaffen.

Die Tanzfläche beim Tanztee ist voll: In Hameln gibt es zu „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“ kein Halten mehr. Fotos: Wal

„Die Musik ist toll und wir haben viele neue nette Bekanntschaften gemacht“, sagt Barbara Schulz und nimmt den letzten Schluck Kaffee aus ihrer Tasse. Ihr Mann sitzt schon unruhig auf seinem Stuhl. Die kleine Pause ist beendet, Musiker Bert stimmt das nächste Lied an. Und schon ist das Ehepaar wieder das erste auf der Tanzfläche. Ihm folgen sofort die anderen. Mit sechs Pärchen und zwei Frauen, die alleine für sich tanzen, ist die Tanzfläche schnell voll.

„Es kommen immer an die 20 bis 30 Personen im Alter von ungefähr 60 bis 80 Jahren“, freut sich Rainer Schmidt, Leiter der Tönebön-Einrichtung. Er erzählt von einem Mann, der immer ganz in Weiß zum Tanztee gekommen ist: weißes Hemd, weißes Sakko und weiße Hose. „Viele Senioren machen sich sehr schick, sie haben durch den Tanztee einen Grund, rauszugehen“, sagt Schmidt. Nun schon seit ungefähr acht Jahren findet einmal im Monat der Tanztee von 14 bis 17 Uhr statt. „Musik und Tanzen ist anregend und motivierend“, meint Schmidt. Auch sei Tanzen das beste Gedächtnistraining, das in einer großen Gruppe dazu noch am meisten Spaß mache.

„Ich bin wegen der tollen Gemeinschaft hier“, stimmt ihm Georg Baudin zu. Er setzt dieses Lied aus und ruht sich bei einer Tasse Kaffee aus. Vor ihm auf dem Tisch, der mit grünen Bändern dekoriert ist, steht ein Teller mit Zuckerkuchen und eine weiße Kaffeekanne. Der 77-Jährige kommt aus Lügde und hat dank des Tanztees viele neue Bekanntschaften in Hameln geschlossen. Ihm sei es noch nie schwergefallen, auf neue Leute zuzugehen. „Ich habe kein Problem damit, die Frauen zum Tanzen aufzufordern“, erzählt Baudin.

Damit stellt er jedoch eine Ausnahme dar. „Die Männer stehen oft in der Tür und trauen sich erst nicht, reinzugehen“, hat Bert schon oft beobachtet. Aber ist erst einmal der erste Schritt gemacht, tauen die Gäste schnell auf. Und machen dann auch bald ihre ersten Tanzschritte – zu Liebesliedern, Oldies, Evergreens und Schlagern aus den 30er und 40ern, aber Schäfer hat auch Songs von Andrea Berg und Helene Fischer in seinem Repertoire. Die Lieder, die sonst um vier Uhr morgens gespielt werden, wenn die Gäste langsam die Disko verlassen sollen, laufen hier die ganze Zeit. „Das sind eben die Lieder, die alle kennen“, erklärt Musiker Schäfer. Und die Senioren singen auch alle fleißig mit, obwohl sie nur Kaffee anstatt Alkohol intus haben.

Nachdem sie drei Lieder durchgetanzt haben, setzen sich auch Anita Schreiber und ihr Lebensgefährte Werner Berlitz, beide 84 Jahre alt, und legen eine kleine Pause ein. „Ich habe sie beim Tanzen in Hannover aufgegabelt“, sagt Berlitz. Das war vor 24 Jahren, und seitdem ist Tanzen ihre gemeinsame Freizeitbeschäftigung. Trotzdem war Anita Schreiber die ersten zwei Male alleine beim Tanztee. „Ich musste meinen Partner erst überzeugen“, erinnert sie sich. Berlitz hatte sofort genauso viel Spaß wie seine Lebensgefährtin, und deshalb gehen sie jetzt immer zum Tanztee.

Es ist 16 Uhr, und Bert fängt an, „Auf Wiedersehen!“ zu singen. Doch sofort gibt es Proteste der Tänzer. „Nein, noch nicht jetzt aufhören“ – „Mindestens noch dreißig Minuten“ – „Spielen Sie noch mindestens fünf Lieder und dann noch Zugaben“ rufen sie abwechselnd in den Raum. Und so stimmt Schäfer die nächsten Titel an und die Tanzfläche füllt sich wieder.

Hildegard Schaper bleibt erst einmal sitzen und unterhält sich mit einer Bekannten. „Ich komme alleine, aber ich habe hier viele Freunde“, erzählt die 79-jährige Hamelnerin. Auch sie hat wie so viele andere schon früher viel und gerne getanzt. „Da kommen alte Erinnerungen hoch“, so Schaper.

Um kurz vor fünf verabschiedet sich dann Musiker Schäfer aber wirklich von seinen Gästen, die sich alle für den tollen Nachmittag mit einem lauten Applaus bei ihm bedanken. Am Ende geht noch ein Sparschwein für Spenden um, denn die Veranstaltung ist für alle kostenlos. Die Senioren applaudieren noch einmal kräftig für den Sänger. Dass sie alle viel Spaß hatten und auch im nächsten Monat wieder mit dabei sind, da sind sie sich sicher. Und auch ich hatte viel Spaß dabei, zu sehen, wie viel Freude alle beim Tanzen hatten. Auch wenn ich noch am nächsten Tag erfolglos versuche, meinen Ohrwurm von „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“ loszuwerden …



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