weather-image
×

So sorgt die Bad Pyrmonter Theater Companie seit 20 Jahren für Furore

Der Sommernachtstraum

Von der italienischen Komödie „Mirandolina“ bis zur Krimi-Revue „Gänsehaut“, vom Musical-Hit „Cabaret“ bis zum Shakespeare-Klassiker „Ein Sommernachtstraum“: Die Pyrmonter Theater Companie hat (fast) alles drauf. Und das seit 20 Jahren.

veröffentlicht am 17.08.2016 um 09:26 Uhr
aktualisiert am 17.08.2016 um 10:53 Uhr

Autor:

Was das von dem Pyrmonter Jörg Schade gegründete Profi-Ensemble in zwei Jahrzehnten erlebt und inszeniert hat, soll hier erzählt werden. Zwischen Viehfütterung und Stallausmisten hatte der Pyrmonter Jörg Schade während seiner Ausbildung zum Landwirt einen Traum: Schauspieler wollte er werden, auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wollte er stehen. Also rief er im Jugendzentrum die Theatergruppe „Die Brücke“ ins Leben, drehte kleine Filme, bekam während seines Zivildienstes ein Angebot der Landesbühne Neuwied und kam zum „Ohnsorg“-Theater, später zum Landestheater Detmold, ohne je eine Schauspielschule besucht zu haben. Doch das holte er dann nach, nahm privaten Schauspiel-Unterricht, lernte singen, bekam zunächst kleine, dann größere Rollen, durfte sogar Regie führen.

Und als er 1995 gemeinsam mit seiner „Ohnsorg“-Kollegin Sandra Keck eine Aufführung der Bremer Shakespeare-Company im Pyrmonter Schlosshof erlebte, hatten beide die Idee, ein eigenes Ensemble zu gründen, eine Künstlergruppe, die im Sommer während der Ferien an städtischen Theatern hier spielen könnte. Ganz in der Tradition von August Pichler (1771–1857), des fürstlich-lippischen Theaterdirektors, der regelmäßig mit seinem Detmolder Ensemble während des Sommers in Bad Pyrmont gastierte und auch der Initiator für das 1818 gebaute Kurtheater war.

Ein Stück mit einer starken Frauenrolle sollte es sein, planten Schade/Keck, und so kam man auf „Mirandolina“ von Carlo Goldoni, unter Jörg Schades Regie aufgeführt im kleinen Schlosshof, Sommer 1996. Die Titelrolle übernahm Sandra Keck. „Es regnete die ganze Zeit, aber es wurde ein Erfolg“, erinnert sich der heute 53-jährige Jörg Schade. Allerdings: „Es gab auch Widerstand, viele Pyrmonter waren zunächst skeptisch, das hat natürlich unseren Ehrgeiz angespornt. Von Anfang an hat aber Elisabeth Petersen, die damalige Veranstaltungsleiterin des Staatsbades, an uns geglaubt.“

3 Bilder
Ein großer Publikumserfolg war das Musical „Cabaret“ mit Sandra Keck in der Hauptrolle (2006).

Inzwischen hatte sich Carl-Herbert Braun dem Ensemble angeschlossen. Der Schauspieler, von seinen Kollegen nur „Charlie“ genannt, hatte eine Münchner Schauspielschule besucht und in Hamburg, Marburg, Stuttgart und Berlin auf der Bühne gestanden. Er wurde zu einem der prägenden Künstler und Dramaturgen im Ensemble, spielte in vielen Produktionen (unvergessen als „Armer Cyrano“ und als „Eingebildeter Kranker“) und ist neben Jörg Schade der Hauptregisseur. Profilierte Darsteller wie Thilo Prothmann, Christiane Schoon und Judith Guntermann gehören fest zum Ensemble.

30 eigene Inszenierungen gab es in den 20 Jahren, mit dem in den USA eingekauften Stück „Hasch mich, ich bin der Mörder“ sogar eine deutsche Erstaufführung (2004). Musicals wie „Cabaret“ und „Victor/Victoria“, eigene Revuen wie „Gänsehaut“, „Bitte verlängern“ oder „Damensalon“ standen ebenso auf dem Programm wie klassische und moderne Komödien. Besonders erfolgreich: die von Sandra Keck verfasste und ganz auf den Kurort zugeschnittene Revue „Draußen nur Kännchen“, die zweimal wieder aufgenommen wurde. „Die Vielfalt des Repertoires ist unser Anliegen, aber auch unsere Stärke“, sagt Theaterchef Schade.

Und auch die Spielorte wurden erweitert. Nachdem für „Gefährliche Liebschaften“ und für „Anatol“ die Beletage zur Verfügung gestellt wurde, hat das Ensemble seit 2010 ein eigenes kleines Theater: das „Theater im Casino“, früher Roulettesaal, in dem während der Wintersaison gespielt wird. Im Laufe der Jahre wuchs das Ensemble immer mehr zusammen, einige Schauspieler kamen neu und kommen regelmäßig, andere nur für einen Sommer. Bis zu 85 000 Besucher, so schätzt Jörg Schade, haben die Aufführungen im kleinen oder großen Schlosshof und im Casino im Laufe der Jahre gesehen.

Bei allen Produktionen ist Ulrich Borowski aus Hamburg, eigentlich Kunsttischler, und für die Theater Companie der Bühnenbildner ULBO ein zuverlässiger kreativer Partner. Überhaupt lief alles immer glatt – nur nicht bei der Komödie „Der Glücksritter“ von Lope de Vega 2012. „Zehn Tage vor der Premiere ließ uns die ganz offensichtlich psychisch kranke Kostümbildnerin mit ihrer gesamten Produktion historischer Kostüme im Stich! In aller Eile haben wir drei neue Fachfrauen engagiert, einige Gewänder gekauft, andere von befreundeten Theatern ausgeliehen. Und die Schauspieler haben mit angepackt. Schließlich haben wir es hingekriegt, waren aber nervlich am Ende“, erinnern sich die Theatermacher.

Hinkriegen müssen sie auch immer wieder die Balance zwischen künstlerischem Vorhaben und finanzieller Machbarkeit. „Wir sind ja kein staatlich subventioniertes Theater. Bei jeder Produktion beginnen wir wieder von vorn, müssen jeden Cent umdrehen, uns immer wieder um Sponsoren bemühen. Wenn dann ein wichtiger Sponsor wie die Stadtsparkasse Bad Pyrmont plötzlich aussteigt, trifft uns das besonders hart“, nimmt Schade Bezug auf einen aktuellen Fall. Ohne den Förderverein, vor zehn Jahren gegründet und inzwischen fast 500 Mitglieder stark, ginge vieles gar nicht, versichern die Künstler. 17 000 Euro haben die Theaterfreunde allein in diesem Jahr zur aktuellen Produktion „Ein Sommernachtstraum“ zugebuttert.

Und dann ist da auch immer wieder die „Magie des Augenblicks, der besondere Moment, in dem alles stimmt in der Einheit von Bühne und Zuschauerraum“, sagt Carl-Herbert Braun. „Da spielen nicht wir – es spielt sich. Das kann man nicht erklären und auch nicht bewusst erzeugen, man kann es nur als Geschenk annehmen.“ So wie das jüdische Ehepaar, das nach einer Aufführung des Musicals „Cabaret“ dem Regisseur Schade bewegt gestand, nun hätten sie das Stück mit seinem ernsten Hintergrund wirklich verstanden, denn noch nie hätten sie es so gut gespielt gesehen.

Eine solche Aussage bestätigt Jörg Schade dann auch, dass der Begriff „Provinzbühne“ kein Kriterium ist für die Qualität eines Theaters: „Angefangen von August Pichler, der Ehrenbürger der Stadt ist, über international bekannte Darsteller und die Bremer Shakespeare-Company bis zu uns haben immer wieder Künstler bewiesen, dass Bad Pyrmont ein toller Ort ist, um Theater zu spielen. Es geht eine große Inspiration vom Schlosshof aus.“

Dass eine andere Stadt vor einiger Zeit versucht hat, das ganze Ensemble für sein eigenes Sommertheater abzuwerben – geschenkt! „Wir bleiben hier“, bekräftigen Jörg Schade und Charlie Braun, die schon wieder für den nächsten Sommer planen. Welches Stück es sein wird, wollen sie noch nicht verraten.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt