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Wie ein Hamelner Theologe seinerzeit den Nationalsozialisten die Stirn bot – und ein Rintelner Pastor nicht

Der Smidt hatte Schneid

Sie hätten damals, nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler im Jahr 1933, zitternd auf den Kirchenbänken gesessen, wenn Pastor Reinhard Smidt (1874 - 1954) seine Predigten hielt, und sich vorsichtig umgedreht, ob in den hinteren Reihen nicht vielleicht die Gestapo lauschen würde. Das erzählten Zeitzeugen über einen besonders aufrechten Hamelner Theologen der evangelisch-reformierten Kirche. Während die Nationalsozialisten und mit ihnen die „Deutschen Christen“ alles daran setzten, Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche auszuschließen, predigte Reinhard Smidt scheinbar gelassen von „Jesus, dem Rabbiner“.

veröffentlicht am 20.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 19:06 Uhr

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„Für die meisten Bürger ist das leider Schnee von gestern“, sagt die Hamelner Historikerin Elke Herrenbrück, der man im Gespräch anmerkt, wie fasziniert sie ist von dem mutigen Theologen, der eigentlich aus der deutsch-nationalen Richtung kam, und dann aber eine radikale Kehrtwendung vollzog. Auf einem im Archiv der „ostfriesischen Landschaft“ erhaltenen Foto sieht man Reinhard Smidt als einen nachdenklich-melancholisch blickenden Mann, dem man wohl zutrauen mag, im Fall des Falles das Wort Gottes höher zu stellen als die Treue zum Staat. In der Hamelner reformierten Kirche in der Hugenottenstraße hängt noch heute der 1936 demonstrativ an der Kanzel angebrachte Psalmenspruch: „Herr, erquicke uns nach deinem Wort.“

Heute ist die Brisanz dessen, das „Wort“ der Bibel gegen einen Staat in die Waagschale zu werfen, dessen Führer sich selbst als eine Art Gott aufspielt, nicht ohne Weiteres nachzuvollziehen. Vor gut 80 Jahren aber, im Mai 1934, entwickelte sich das, was immer noch als „Kirchenkampf“ bezeichnet wird. Eine Reihe von Theologen entwarf die sogenannte „Barmer Theologische Erklärung“, eine Bekenntnisschrift, die das von den Nationalsozialisten für die Kirche angestrebte Führerprinzip entschieden zurückwies. Diese Erklärung wurde die theologische Grundlage der „Bekennenden Kirche“, der Gegenbewegung zu den „Deutschen Christen“, welche Adolf Hitler und das „Führerprinzip“ freudig begrüßt hatten.

Zum „Kirchenkampf“, zu einer Spaltung innerhalb der evangelischen Landeskirche, führte die „Barmer Theologische Erklärung“ auch deshalb, weil sie in den Augen vieler Theologen gegen ein entscheidendes Diktum, das auch Martin Luther vertrat, auszusprechen schien, dass man nämlich Gott geben solle, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist, kurz, dass Kirche sich aus politischen Fragen herauszuhalten habe. „Die Lutheraner standen in der Tradition der strikten Trennung von Staat und Kirche“, sagt Arend de Vries, geistlicher Vizepräsident des Landeskirchenamtes Hannover. „Ein neues Bekenntnis, das eine politisch anmutende Forderung stellte, erschien ihnen theologisch ziemlich zweifelhaft.“

Die evangelisch-reformierten Pastoren hatten damit weniger Probleme. Einer ihrer großen Vertreter, der Theologe Karl Barth, der entscheidend verantwortlich war für die „Barmer Theologische Erklärung“, er, so erklärt es Arend de Vries, habe die Auffassung vertreten, es sei die Aufgabe der Polis, dem Reich Gottes so nahe wie möglich zu kommen – und die Demokratie komme dem am Nächsten. „So eine Denkweise hat auch ihre Schattenseiten“, meint de Vries. „Es war durchaus ein Fortschritt, dass Martin Luther die ’Zwei-Reiche-Lehre‘ und damit eine strikte Trennung von Staat und Kirche vertrat. Anders liegt immer die Gefahr einer Theokratie nahe.“

Sich über solche theologischen Tiefgründigkeiten auseinanderzusetzen, bedeutete noch lange nicht, dass die Lutheraner automatisch zu den nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ tendierten, während die Reformierten sich der eher widerständigen „Bekennenden Kirche“ anschlossen. Bei Reinhard Smidt galt diese grundsätzliche Einordnung sehr wohl: Er stellte sich entschieden auf die Seite von Karl Barth und gegen alle Tendenzen, Christentum und Nationalsozialismus verbinden zu wollen. Er schickte Protestschreiben an die Landeskirche und an die Ministerien, forderte „tatkräftige Gegenwehr“ gegen den „Unrechtsstaat“, hielt Gegenandachten, wenn auf dem Bückeberg die großen Reichserntefeste gefeiert wurden und nahm dafür schmerzlich in Kauf, dass er aus seinem hohen Amt des Bezirksvorsitzenden, also des Superintendenten (oder Präses) des Bezirksverbandes Hannover, abgewählt wurde.

Dass er sogar in seinen Schriften für den Tyrannenmord eintreten und dazu Geld sammeln konnte für verfolgte Pastoren der „Bekennenden Kirche“, die ins KZ eingeliefert worden waren, dass er ausländischen Zwangsarbeitern seine Sakristei für Gottesdienste und stärkende Mahlzeiten zur Verfügung stellte – und dass er, ohne selbst verhaftet zu werden, vorschlug, statt hebräische Zeichen aus den Kirchensiegeln zu entfernen Tafeln mit den Zehn Geboten auf dem Hamelner Marktplatz aufzustellen – alles das war, so nimmt es Historikerin Elke Herrenbrück an, wohl deshalb möglich, weil Reinhard

Smidt zwischen Hameln und Hannover überaus bekannt war, dazu ehemaliger Deutsch-Nationaler, und darüberhinaus zwei Söhne hatte, beide im Krieg, der eine gefallen, der andere hoch ausgezeichnet. „Mag sein, dass es bei uns in der Provinz nicht ganz so hart zuging wie anderswo.“

Auch in Rinteln gab es einen evangelisch-reformierten Pas-

tor, der sich, so sah es zunächst aus, der „Bekennenden Kirche“ anschloss und sogar zu den Erstunterzeichnern der Barmer Theologischen Erklärung gehörte: Waldemar Sinning (1896 - 1964), ab 1932 in Elberfeld tätig und ab 1938 theologischer Konsistorialrat. Seine Geschichte allerdings zeigt auf ziemlich bedrückende Weise, dass die Unterschrift unter ein durchaus als Protest gemeintes Bekenntnis ein bloßes Lippenbekenntnis sein konnte. Ausgerechnet Waldemar Sinning leistete, um das Leitungsamt des Konsistorialrates annehmen zu können, einen persönlichen Eid auf Adolf Hitler, das genaue Gegenteil dessen, worum es in der „Barmer Theologischen Erklärung“ ging.

Das sei kein Zufall, so interpretiert es Frank Friedhelm Homberg in seiner Dissertation an der Universität Düsseldorf über den „Retterwiderstand in Wuppertal“. Die evangelisch-reformierte Gemeinde in Elberfeld gehörte der größten deutschen Landeskirche, der „Evangelischen Kirche der altpreußischen Union“ an, einer Union lutherischer und reformierter Gemeinden, die König Friedrich Wilhelm III. als oberster Bischof gelenkt hatte und die von daher, das zeigten zahllose Biografien evangelischer Pastoren, eine grundsätzliche Nähe zur Obrigkeit hätte. Warum Waldemar Sinning die „Barmer Theologische Erklärung“ unterschrieben hatte, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Tatsache ist, dass sein Verhalten während des Nationalsozialismus’, wo er sogar zusammen mit der Gestapo gegen Pastoren der „Bekennenden Kirche“ vorging, dem Geist der Erklärung vehement widersprach.

In den Augen von Roland Trompeter, Pastor in der evangelisch-reformierten Gemeinde Möllenbeck bei Rinteln, ist Waldemar Sinning ein durchaus typischer Vertreter einer der damaligen großen, dem Naziregime ergebenen Kirchen. „Ich denke, es war in erster Linie der charismatische Theologe Karl Barth, der hinter der ,Barmer Theologischen Erklärung‘ stand“, sagt er. Je mehr die Nationalsozialisten mit ihrer Gleichschaltung alle Bereiche des öffentlichen Lebens dominierten, desto mehr Pastoren wandten sich von den Grundsätzen der „Bekennenden Kirche“ ab. Zur gewissen Ehrenrettung von Waldemar Sinning, der sich zweifellos als Antisemit geäußert und verhalten hatte, kann Homberg anführen, dass er einer jungen Jüdin das Leben rettete, indem er sie bei Kreuznacher Diakonissinnen versteckte.

Die „Barmer Theologische Erklärung“ und deren Grundbekenntnis, dass Jesus Christus und niemals eine politische Macht christliches Handeln zu bestimmen habe, blieb auch nach dem Krieg noch ein Streitpunkt, hatte doch Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer dazu ermahnt, die staatliche Ordnung zu respektieren, um dadurch das Allgemeinwohl zu fördern. Inzwischen allerdings haben auch lutherische Kirchen die Erklärung in ihr Bekenntnis aufgenommen, vor zwei Jahren etwa die Nordkirche und demnächst wohl, so nimmt es Arend de Vries an, wird die Hannoversche Landeskirche folgen. Niemals mehr sollen die Worte von Paulus dahin gehend interpretiert werden, dass die Forderung nach prinzipiellem Gehorsam gegenüber staatlicher Ordnung jedwede bestehende Herrschaftsverhältnisse legitimieren könne.



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