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Der schmale Grat: Unfall oder Missbrauch?

Der fünfjährige Julian aus Delligsen wurde im vergangenen Sommer von seinem Ziehvater zu Tode geprügelt. Die vierjährige Leonie starb 2007 nach Gewaltausbrüchen des neuen Partners ihrer Mutter in einer hannoverschen Kinderklinik. Großes Aufsehen erregte auch der Fall der kleinen Nadine aus Gifhorn, die von ihrem Stiefvater zu Tode gequält wurde und jahrelang verschwunden war. Julian, Leonie und Nadine hat niemand geholfen. Die niedersächsische Kinderschutzambulanz will dazu beitragen, andere geprügelte oder sexuell missbrauchte Jungen und Mädchen vor ihren Peinigern zu retten.

veröffentlicht am 05.10.2011 um 00:00 Uhr

Ob Kinder Missbrauchsopfer geworden sind, sollen Kinderärzte und Gerichtsmediziner gemeinsam aufklären.  Foto: Fotolia

Autor:

Christina Sticht undNelli Oberlender

„Häufig werden Trennungskinder Opfer von Gewalt. Der Täter ist oft nicht blutsverwandt, beispielsweise der neue Partner der Mutter“, berichtet Anette Solveig Debertin, Leiterin der im Januar offiziell gestarteten Kinderschutzambulanz. Die Einrichtung ist am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) angesiedelt. Die Forensiker unterstützen niedergelassene Kinderärzte sowie Klinikärzte aus ganz Niedersachsen bei der Klärung von besonders kniffligen Verdachtsfällen von Kindesmissbrauch. Vor Gründung der Ambulanz war dies nur möglich, wenn bereits eine Strafanzeige vorlag. Die Beratung läuft unter anderem über eine Telefon-Hotline. Befunde, Fotos oder Röntgenbilder können anonymisiert auch online übermittelt werden.

Mehr als 40 Kinder im Alter von zwei Monaten bis elf Jahren sind bisher von den Experten untersucht worden, in fünf Fällen wurde der Missbrauchsverdacht entkräftet. „Hier konnten die Verdächtigen entlastet werden. Wenn sich der Verdacht allerdings bestätigt, kann unsere Diagnose vor Gericht gegen den Täter verwendet werden“, erläutert die habilitierte Gerichtsmedizinerin Debertin.

Bevor sich die Kinderärzte überhaupt an die Kinderschutzambulanz wenden, ist es jedoch ein weiter Weg, erklärt Dr. Martin Florian, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in Bückeburg. „Es ist ein ganz dünner Grat“, weiß Florian, den die Ärzte bei der Untersuchung eines Kindes beschreiten. Ist das Kind wirklich die Treppe runtergefallen, wie es die Eltern beschreiben, oder wurden ihm die Verletzungen absichtlich zugefügt?

Gerichtsmedizinerin Anette Solveig Debertin leitet die Kinderschutzambulanz in Hannover. Foto: dpa

„Blaue Flecken am Schienbein sind bei Kindern ganz normal. Bei Flecken hinten am Schulterblatt wird man dann doch stutzig“, beschreibt Florian die verzwickte Situation. Gerade bei solchen „forensischen Fragen“ sei die MHH eine gute Hilfe für den Kinderarzt, allerdings habe seine Praxis erst in einem Fall direkt mit der Kinderschutzambulanz zusammengearbeitet: „Meist schicken wir die Kinder in Verdachtsfällen stationär nach Minden“, erklärt er.

Das geschehe in erster Linie zur Vermeidung einer Überreaktion der Eltern, die schnell stutzig würden, wenn die Kinder direkt nach Hannover geschickt werden. „Wenn der Arzt kritisch guckt, dann wechseln die Leute auch gern den Arzt oder ziehen um“, erzählt Florian.

In der Praxis des Kinderarztes habe es im letzten Jahr circa vier bis fünf bestätigte Fälle von Kindesmissbrauch gegeben, darunter sogar eine Schädelfraktur. „Statistisch müssten das mehr sein“, räumt Florian ein, aber da es sich um ein so sensibles Thema handele, sei die Dunkelziffer sehr groß.

„Wir sehen sicher nur die Spitze des Eisberges“, sagt auch Dr. Bernhard Erdlenbruch, Chefarzt der Kinderklinik am Mindener Klinikum. Wie viele der kleinen Patienten aus Schaumburg hierher kämen, sei nicht genau zu sagen, erklärt Erdlenbruch, aber „aus Niedersachsen kommen etwa 40 Prozent der Kinder.“ Wenn sie von ihren Kinderärzten akut nach Minden geschickt werden, muss der Missbrauch vor Ort erneut festgestellt werden.

„Bei Kleinkindern wird zum Beispiel nach Augenblutungen geguckt, die sind ein Anzeichen für ein Schütteltrauma“, beschreibt der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und erklärt weiter: „Allein diese Feststellung kann man aber noch lange nicht anzeigen.“ An diesem Punkt würden häufig auch Rechtsmediziner der MHH hinzugezogen, um den Verdacht des Arztes offiziell zu beurteilen. Dies sei ein entscheidender Schritt, die ärztlichen Befunde allein wären vor Gericht „nicht verwertbar“, erklärt Erdlenbruch.

Zum Team der Kinderschutzambulanz in Hannover gehört auch ein Biomechaniker. Er analysiert die Art der Verletzungen und hilft so, den Tathergang zu rekonstruieren. Häufig versuchen sich Täter damit herauszureden, das Kind sei vom Wickeltisch gefallen oder die Treppe hinuntergestürzt. Jedoch gelingt es den Forensikern meist, anhand des spezifischen Verletzungsmusters zu klären, ob es ein Sturz oder ein Schlag war. So kam bei einem neun Wochen alten Baby ans Licht, dass seine Verletzung – ein Drehbruch des Oberarms – nicht davon stammen konnte, dass der Säugling beim Baden aus der Hand gerutscht war.

„So eine zentrale Einrichtung ist vernünftig, sie muss sich aber im Bewusstsein der Ärzte verankern“, sagt Tilman Kaethner, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen. Die Gerichtsmedizin sei ein weiterer Ansprechpartner in einem Netzwerk von Sozialarbeitern und Jugendamt.

Teil dieses Netzwerks ist auch der Kinderschutzbund Schaumburg, der insbesondere Familien mit kleinen Kindern berät, die sich mit ihren Aufgaben überlastet fühlen. Dies geschieht häufiger bei Familien, die sich in sozialen Notlagen, oder auch in Arbeitslosigkeit befinden, erklärt Diplom-Pädagogin Birgit Schaper-Gerdes. Doch auch das Gegenteil sei laut Schaper-Gerdes der Fall: Wenn die Eltern einer hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt sind, fühlen sie sich schnell mit der Erziehung der Kinder überfordert. An dieser Stelle sei der Kinderschutzbund „stark bemüht, die Eltern zu unterstützen“, erzählt die Diplom-Pädagogin.

Gleichzeitig würde auch an der internen Vernetzung gearbeitet: Regelmäßig fände ein „runder Tisch“ statt, der zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Jugendamt, Richtern und Rechtsanwälten, Kinderschutzbund und der Erziehungsberatungsstelle beitragen soll. „Das Netz muss noch dichter werden, um häuslichen Missbrauch frühzeitig erkennen zu können“, erklärt Schaper-Gerdes.

Missbrauchsfälle sind häufiger als oft angenommen. Nach einer im April im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlichten repräsentativen Studie berichten 2,8 Prozent der Befragten über schweren körperlichen und 1,9 Prozent über schweren sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit und Jugend. 3000 Missbrauchsfälle werden jährlich in Deutschland angezeigt, doch die Dunkelziffer ist hoch. Schätzungen gehen bundesweit von 200 000 bis zu 1,4 Millionen Kinder aus, die missbraucht beziehungsweise misshandelt werden. In der Unterschicht ist Gewalt verbreiteter, sagen die Zahlen, jedoch werden in allen Bevölkerungsgruppen Kinder zu Opfern.

251 persönliche Gespräche zum Thema „Sexualisierte Gewalt“ und 155 Gespräche zum Thema „Erlebte Gewalt“ zählte allein die BASTA Mädchen- und Frauenberatungsstelle in Stadthagen, zuständig für den gesamten Landkreis Schaumburg, im vergangenen Jahr. Darunter waren insgesamt 75 Gespräche mit unter 18-jährigen Mädchen, berichtet Diplom-Pädagogin Ursula Mahlo.

„Heute sind Nachbarn oder Passanten aufmerksamer als früher, trotzdem passiert noch Unglaubliches hinter verschlossenen Türen“, sagt die Leiterin der Kinderschutzambulanz Debertin. Meist sind Männer die Täter, aber es gibt auch Fälle wie den einer Mutter, die ihren Sohn regelmäßig schlug, während sie ihn bei den Hausaufgaben betreute. Die Diagnose gestaltet sich häufig schwierig, weil sich Babys und Kleinkinder noch gar nicht artikulieren können und ältere Opfer aus Angst oder Scham schweigen. Hier soll die Kinderschutzambulanz helfen. „Wenn wir mit unserer Arbeit nur ein Kind retten können, hat sich das Ganze gelohnt“, betont Debertin. Das Sozialministerium fördert das Projekt mit 285 000 Euro. „Kinder brauchen unseren besonderen Schutz – insbesondere in der frühen Lebensphase. Niedersachsen kann auf das spezialisierte Angebot der Kinderschutzambulanz stolz sein“, sagt Ministerin Aygül Özkan (CDU).

Die Dunkelziffer ist hoch: Wie viele Kinder in Schaumburg und in ganz Niedersachsen misshandelt werden, ist unklar. In der Kinderschutzambulanz in Hannover unterstützen Rechtsmediziner Kinderärzte aus unserer Region beim Erkennen von Gewaltspuren und Hinweisen auf sexuellen Missbrauch.



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