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Der Papst, die Kirchen und das Geld

Auf die Kirchengemeinden kommen in den nächsten Jahren dramatische Entwicklungen zu, lautet das Urteil vieler Fachleute. Angesichts von Austrittswellen und demografischem Wandel gibt es kaum Kirchengemeinden, die sich noch über Zuwachs freuen können. Gemeinden werden zusammengelegt, Gotteshäuser geschlossen – auch in Kirchenkreisen regiert mitunter der Rotstift.

veröffentlicht am 13.10.2011 um 13:15 Uhr

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Die wichtigste Einnahmequelle für die Kirchen ist die Kirchensteuer. Ihre Höhe wird in der Regel auf Grundlage der Einkommenssteuer berechnet – das bedeutet: Je höher die Wirtschaftsleistung in der Bundesrepublik ist, desto mehr Kirchensteuer wird gezahlt. 2009 flossen durch die Kirchensteuer rund 4,9 Milliarden Euro Kirchensteuer an die katholische Kirche und rund 4,4 Milliarden an die Evangelische Kirche Deutschlands.

Bei der katholischen Pfarrgemeinde St. Augustinus in Hameln beispielsweise kommen von diesem Geld etwa 157 000 Euro pro Jahr an. Hubert Hennig ist Rendant, quasi der Rechnungsführer, des Dekanats Hameln-Holzminden, zu dem – bis auf wenige Ausnahmen – alle katholischen Gemeinden der beiden Landkreise gehören. „In diesem Betrag sind unter anderen die Personalkosten von rund 80 000 Euro für Pfarrsekretärinnen, Hausmeister, Küster und Reinigungskräfte enthalten“, schlüsselt er auf, „nicht aber die für Pfarrer, Gemeindereferent und Rendant.“ Die nämlich, so Hennig weiter, würden direkt von der Diözese Hildesheim bezahlt.

Ähnlich verhält es sich im evangelischen Kirchenkreisamt Hameln-Pyrmont, zu dem 32 Gemeinden gehören. Seit 2003 ist Christiane Heins stellvertretende Amtsleiterin. Sie nennt einige Zahlen des Haushaltsjahres 2011: Demnach erhielt der Kirchenkreis etwas mehr als eine Million Euro Zuweisungen durch die Landeskirche, wobei Pastoren und Diakone direkt von der evangelischen Landeskirche bezahlt würden. „Unser Gesamthaushalt setzt sich aber neben den Zuweisungen der Landeskirche durch weitere Einnahmen zusammen.“ Beispielsweise würden öffentliche Mittel in die Haushalte der Kirchen fließen, wenn kommunale Aufgaben von den Gemeinden wahrgenommen würden – so zumindest teilweise Kindergärten, Seniorenheime sowie andere diakonische und karitative Aufgaben.

Doch die Zahl der Steuerzahler sinkt: Mit „rund 58 000“ gibt Frank Jaksties, Verwaltungsleiter des Landeskirchenamtes Bückeburg, die aktuelle Mitgliederzahl in den 22 Gemeinden der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe an – Tendenz fallend: „Wir haben einen Mitgliederverlust von 1,7 bis 1,9 Prozent im Jahr“, sagt Jaksties. Ein nicht immenser, aber stetiger Schwund. Dabei spielen Kirchenaustritte „eine eher untergeordnete Rolle“, erklärt Jaksties. Ins Gewicht fällt vor allem der demographische Wandel: viele Sterbefälle, wenig Taufen.

Einen vergleichbaren Rückgang verzeichnen auch die Katholiken: Im Jahr 2008 zählte das Dekanat Bückeburg 17 367 Mitglieder, in diesem Jahr sind es noch 16 733. Gleichwohl bleibe die Zahl der Austritte gering, sagt Dechant Stefan Bringer.

Die Arbeit der Gemeinden läuft trotzdem weiter – und muss finanziert werden. Dabei spielen allerdings nicht nur Steuern eine wichtige Rolle: Ein Drittel bis die Hälfte des Kirchenhaushaltes in den Gemeinden werde durch Spenden und Kollekten gedeckt, erklärt der Bückeburger Dechant Bringer. Dazu zählen die Körbchen-Sammlungen in der Kirche ebenso wie das freiwillige Kirchengeld oder Spenden anlässlich von Hochzeiten oder Geburtstagen. „Es geben auch Leute, die nicht in die Kirche gehen“, erzählt Bringer. Diese wollten dann einfach dazu beitragen, dass eine Kirche in ihrem Ort erhalten bleibt. Damit sie da ist, wenn sie doch einmal gebraucht wird.

Spenden spielen auch für die Evangelische Kirche in Hameln-Pyrmont eine entscheidende Rolle, „aber auch die werden deutlich weniger“, sagt die stellvertretende Amtsleiterin Heins: „Rund 24 000 Euro Spenden haben wir für das Jahr 2011 zu Buche stehen.“ Für die Gemeinden wird so oft zur Herausforderung, selbst Finanzmittel aufzubringen, die vor Ort zwingend notwendig sind. „Fundraising“ lautet das Schlagwort. Darunter versteht man die Akquise von Finanzmitteln für ein konkretes Projekt. „Wie jetzt zum Beispiel für die Reinigung der Orgel im Münster, bitten wir unsere Mitglieder gezielt um Spenden für dieses Projekt“, erklärt Pastorin Friederike Grote von der Hamelner Münsterkirche.

Hennig verweist darauf, dass man in der Diözese Hildesheim bereits 2003 mit einem Sparprogramm auf die damalige schlechte konjunkturelle Entwicklung in Deutschland reagiert habe. „Eckpunkte 2020“, so der Name des Programms, habe dafür gesorgt, dass man heute vom kontinuierlichen Sparkurs profitiere. „2002 ging es der Wirtschaft in Deutschland schlecht, wir hatten über vier Millionen Arbeitslose, also auch geringere Steuereinnahmen. Es wurde Personal abgebaut und Gemeinden haben fusioniert, aber natürlich ist das ein Prozess, dessen Ende noch nicht in Sicht ist.“

Auch der Pastor der reformierten Kirche in Hameln, Martin Hoffmann, hat bereits Vorkehrungen für den Fall getroffen, dass die Einnahmen aus Kirchensteuer und Spenden weniger werden sollten: „Wir haben 2006 eine Stiftung ins Leben gerufen, um Geld für schlechte Zeiten zur Verfügung zu haben.“ Dem seit 1977 in Hameln tätigen Pastor beschleicht bei der Kirchenfinanzierungsdebatte ein noch ganz anderer Gedanke: „Es ist ein Jammer, wenn Leute weglaufen, weil die spirituelle Ebene zunehmend wegfällt.“ Hoffmann fürchtet eine „spirituelle Armut“ im Land. Seine Gemeinde jedoch gehört zu den wenigen Kirchengemeinden, die sich über einen Zuwachs freuen können – wenn auch nur einen geringen: „Wir haben aktuell 36 Mitglieder mehr als im letzten Jahr.“ Damit sei mit insgesamt knapp über 1300 Mitgliedern der höchste Stand seit über 100 Jahren zu vermelden. Davon können andere Gemeinden und Kirchenkreise nur träumen.

Bis 2013 wird Hennig noch als Rendant des katholischen Dekanats Hameln-Holzminden tätig sein. Er wird, davon ist er überzeugt, die schwierige Zeit der knapper werdenden Kassen nicht mehr aktiv als Rechnungsprüfer begleiten. Er hat dennoch seine Zweifel, ob die aktuelle Finanzierung der Kirchen vornehmlich über die Kirchensteuer zeitgemäß ist. „Aus meiner ganz persönlichen Sicht sollte man auch ernsthaft über alternative Finanzierungsmöglichkeiten nachdenken, zum Beispiel das italienische Modell.“ In dem zurzeit wirtschaftlich arg gebeutelten Land gäbe es eine generelle soziale Abgabe, bei der die Steuerzahler selbst entscheiden könnten, für welchen Zweck sie verwendet werden soll. „Ich denke, dass eine solche Abgabe mit der Möglichkeit, die Steuer beispielsweise der Kultur, dem Tierschutz oder eben den Kirchen zuzuweisen, dem Gemeinwesen und also auch den Kirchen in Zukunft einen guten Dienst leisten könnte.“

Aktuell haben sich zahlreiche Gemeinden dazu entschlossen von ihren Mitgliedern einen freiwilligen Kirchenbeitrag zu erheben, aber wie der Name schon sagt, wird dieser Beitrag freiwillig geleistet oder eben nicht. Anderenorts ist man da schon weiter und erhebt ein Kirchgeld oder auch eine Ortskirchensteuer, wie zum Beispiel in einigen hessischen und rheinland-pfälzischen Kirchengemeinden.

Papst Benedikt XVI. träumte bei seinem Deutschlandbesuch hingegen von einer entweltlichten Kirche. Seine Argumentation ist nicht neu: „Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Auf dieses Bibelwort verweisen fundamentale Christen ebenso wie Kirchenkritiker. Wer sich zu sehr um seinen Status und sein Geld kümmert, hat den Kopf nicht frei für die wesentlichen Belange des Glaubens. Oder wie es der Papst sagte: „Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben.“

Ein Versiegen des Steuerflusses hört die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) aus diesen Worten jedoch nicht heraus: „Der Papst spricht nicht von der Abschaffung des Kirchensteuersystems“, sagte der DBK-Vorsitzende, Erzbischof Robert Zollitsch. Die Bischöfe wollten sich einer Debatte über Privilegien aber auch nicht verschließen.

Frank Jaksties vom Landeskirchenamt Bückeburg ist überzeugt: Möge das geltende Kirchensteuersystem auch Schwächen haben – angesichts der Kopplung an die Höhe des Einkommens lautet seine persönliche Einschätzung: „Es ist gerecht.“

Es war am letzten Tag seines Deutschlandbesuchs: In Freiburg sprach Papst Benedikt XVI. davon, die Kirche von „materiellen und politischen Lasten und Privilegien“ zu befreien. Welche Privilegien er meinte, sagte er freilich nicht. Trotzdem ist sie seitdem da: die Debatte über die Kirchensteuer. Eine Bestandsaufnahme zum Thema.

Wacht über die Kasse der Katholiken in Hameln-Holzminden: Rendant Hubert Hennig.

Foto: roh



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