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Auf speziellen Tausch-Partys kann man alte Klamotten loswerden und neue Kleidungsstücke mitnehmen

Der neue Trend heißt Swapping

Blüschen, schön weiß und mit Spitze besetzt, das kleine Schwarze für die Party, ein klassisch geschnittenes Kostüm in Rot – tütenweise und fein säuberlich auf Bügeln aufgehängt schleppen die drei Damen Bekleidungsstücke an: „Wir wollen heute etwas Hübsches zum Anziehen finden, uns einen netten Tag machen und uns richtig schön verwöhnen lassen. Vor fünf sind wir nicht wieder zu Hause!“ Es ist zehn Uhr am Morgen, als Angelika Schlenz, 63, ihre Schwägerin Sigrid, 72, und Freundin Ursula Pletzer, 63, mit einem Teil ihrer Garderobe anrücken. Und sie sind nicht die Einzigen – mehr als 80 Frauen werden es sein, die, wie die drei Seniorinnen, auf jeden Fall das eine wollen: sich Klamotten zulegen zum einen und zum anderen, zwischendurch ein entspanntes Wellness- und-Beauty-Programm fahren. Soweit nicht ungewöhnlich. Aber mit Einkaufstaschen voller eigener Klamotten Shoppen gehen? Das klingt paradox. Geht aber trotzdem. Und es geht sogar sehr gut: Denn es wird ja auch nicht geshoppt, sondern geswappt. Swapping, so heißt der neueste Trend, der aus den USA und England nach Deutschland geschwappt ist und der übersetzt nicht etwa schwappen bedeutet, sondern „tauschen“.

veröffentlicht am 29.01.2013 um 00:00 Uhr

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Statt Kleidung wegzuwerfen und für neue Garderobe zu zahlen, wird bei Swap-Partys also Ware gegen Ware getauscht: Hochwertige Bekleidungsstücke, Taschen, Schuhe, Schals, Mützen, Accessoires – was der meist viel zu üppig gefüllte Kleiderschrank einer Frau eben so hergibt an tragbaren Sachen, die man loswerden und gegen andere eintauschen möchte. Getragenes macht das Gros aus, aber auch neue Kleidungsstücke, an denen noch das Preisetikett hängt, sollen eine neue Besitzerin erfreuen. Das Ganze tut schon mal dem Portemonnaie gut, denn swappen ist kostenlos: „So viele eigene Teile, wie mitgebracht werden, so viele andere Teile können dann auch wieder mitgenommen werden“, erläutert Organisatorin Gabi Paschen, notiert eine „fünf“ auf der Eintrittskarte einer Teilnehmerin und nimmt die nächste Abgabe entgegen. Es ist ein Kommen und Gehen während der nächsten drei Stunden. „Wir sichten die abgegebenen Sachen, hängen sie dann nach Größe sortiert auf Kleiderständer, Schuhe, Handtaschen, Accessoires kommen auf die Tische – der Kundin soll eine angenehme Atmosphäre wie in einer Boutique geboten werden.“ Altes gegen etwas neues Altes: Jacke wie Hose – es ist alles kostenlos. Und das Konzept, es ist denkbar simpel. Wie beliebt das Kleidertauschen ist, zeigt beispielsweise „Swap in the City“, in Großstädten organisierte Events, die die Frauen, auch Models und Promis, scharenweise anziehen. Zugegeben, neu ist die Idee mit dem Tauschen ja nicht unbedingt: Schon seit Urzeiten wird getauscht, in der Schule sind es die Hausaufgaben und unter Freundinnen Klamotten und Schminke. Internet-Plattformen haben die Ur-Instinkte der Jäger, Sammler und Tauscher noch mal zu neuem Leben erweckt: Wer auf der Suche nach Tauschgelegenheiten ist, beispielsweise unter der Adresse www.pamundo.com die Postleitzahl 31785 und einen Umkreis von 25 Kilometern eingibt, erhält 92 Tauschangebote, bei einem Radius von 50 Kilometern sind es sogar 323 Artikel, die den Besitzer wechseln wollen: Autos, Handys, Sonnenbrillen, eine Zentralverriegelungspumpe für den Golf 3, eine Medizinflasche aus dem Krieg, e-Zigaretten, eine 96-Mütze – nichts, was nicht getauscht werden könnte. Und nun auch Kleider, die online, beispielsweise auf www.kleiderkreisel.de eingestellt werden können. Oder – mit weniger Aufwand verbunden – auf Swapping-Partys direkt an die Frau gebracht werden.

Das neue am Tauschphänomen ist, dass es öffentlich und groß angelegt organisiert wird. Und längst ist auch auf dem Land schwer in Mode, was in Berlin, London und New York angesagt ist: „Wer braucht Berlin oder Köln – wir haben doch Hameln“, schreibt Gabi Paschen auf ihrer Facebook-Seite „Tauschparty – only for women“. Die 44-Jährige ist die Organisatorin der Hamelner Ausgabe der angesagten Tauschpartys, des „swapping in the country“, wenn man so will.

Denn auch in dem Hamelner Ortsteil Klein Berkel wimmelt es von tauschfreudigen Frauen. Mittendrin, ein Fernseh-Team von Sat.1 Regional, das das Klein Berkeler Tausch-Ereignis für filmenswert hält. Punkt 15 Uhr geht die Tür auf: Das Warten in der Schlange hat endlich ein Ende. Los geht´s: Wer beim Swappen strategisch vorgeht, hat offenbar die besten Chancen, ein schickes Teil zu ergattern. Gezielt laufen die Damen auf die Abteilung mit ihrer Kleidergröße zu, andere hingegen schlendern durch die Reihen, stöbern an den Tischen. Am Ende aber wird jede Frau ihr Anziehschätzchen finden. Der Geräuschpegel ist anfangs noch erstaunlich leise, doch der Raum des Ideal-Fitness-Centers, in dem sonst Sportler schwitzen, soll sich bald mit fröhlichem Geschnatter füllen – und ob nun shoppen oder swappen, was die Themen angeht: völlig schnuppe! Da macht es keinen Unterschied, ob gegen Bares gekauft oder die Sachen umsonst erhältlich sind: Geredet wird über Klamotten, ob sie passen, über Qualität, Muster und Schnitte, welche Figur man in dem Teil macht, zu welchem Anlass man es tragen könnte… „Wie findest Du dieses Abendkleid? Wäre das nichts für die Hochzeit?“, fragt Ellen Sen, 39, ihre 72-jährige Nachbarin Sigrid Schlenz. Ein Nicken und die dunkelrote lange Robe wird zur Anprobe geschleppt. Wer fündig wird, sammelt erst einmal die Kleidungsstücke, probiert sie an und entscheidet sich schließlich, ob er sie mitnehmen möchte. Von der schwarzen Lederjacke und dem schwarz-weiß gestreiften Pulli ist die 14-jährige Naomie schwer angetan, während ihre Mutter sich über die festliche Garderobe freut: „Die Sachen kann ich bei den Bandauftritten anziehen“, sagt Anja Schmidt, 44. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin singt den Background bei der Hamelner Band „BB Stars“. Und spricht nun auch vom Swappen in den besten Tönen: „Das ist angewandter Umweltschutz.“ Swappen inspiriere also zu nachhaltigem Handeln, und keine Frage, das Weitertragen von gebrauchten Kleidungsstücken sei eine sinnvolle Art des Recyclings, finden die befragten Frauen. Allein was es an Wasser kostet, um ein T-Shirt zu produzieren: 2000 Liter. Die wohl beliebteste Hose toppt den Verbrauch um ein Vielfaches: Mit 8000 Litern schlägt die Jeans zu Buche. Und dann die Belastung für Mensch und Umwelt durch Chemikalien, die der Anbau von Baumwolle und die Behandlung der fertig genähten Jeans mit sich bringen. Kein Wunder, dass Swappen als Gegentrend zum Massenkonsum und zur Wegwerfgesellschaft nicht wenige Anhänger findet. Ressourcen schonen, Müll vermeiden, ein bisschen die Umwelt retten, sich selbst und anderen eine kleine Freude gönnen. „Einfach eine tolle Idee, dass die Veranstaltung neben dem modischen auch einen ökologischen und außerdem einen sozialen Hintergrund hat“, sagt Gabi Paschen. Weil viele Frauen mehr Teile mitbringen, als sie mitnehmen, bekommt das Hamelner Frauenhaus das, was nicht getauscht wird, als Spende. „Das hier ist 100 Prozent sozial, im Gegensatz zu Kleidersammlungen, bei denen man so seine nicht ungegründeten Zweifel hat, ob nicht gewinnbringend mit den Sachen gehandelt wird und sie wirklich dort ankommen, wo sie benötigt werden“, sagt Anita Schöler. Sieben Euro pro Frau kostet das Tagesticket für die Swap-Party, doch Profit zu machen, sei nicht Sinn und Zweck der Aktion, betont Gabi Paschen. Sie sei froh, wenn die Kosten gedeckt werden. Das Drumherum, das das Tauschen zur fröhlichen Party, zum Wellness- und Beauty-Ereignis macht, liefern heimische Firmen: Knabberzeug, Gutscheine, von einer professionellen Erzählerin vorgetragene Märchen, Schminken, Haarstyling, Wellness-Massage und ein professionelles Fotoshooting mit einem Gratis-Bild gibt es für die Frauen kostenlos dazu. „Die Geschäfte haben eine Plattform, um sich zu präsentieren und die Frauen ein nettes Angebot“, sagt Paschen. 50 Meter lange Schlangen in Hamburg und 700 Besucherinnen – das sei das Bild, das sie ursprünglich so fasziniert habe und das letztlich der Auslöser dafür war, es selbst einmal mit einer Swap-Party zu versuchen, erklärt Gabi Paschen, wie es zu der Kleidertausch-Aktion kam. Es ist bereits die Zweite, die sie erfolgreich organisiert, und der Termin für das nächste Swapping, am 22. Juni, ist auch schon gefunden.

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Wie findet ihr die Schuhe?

Ach ja, und falls es bislang nicht selbsterklärend war: Swap-Partys sind nur für das weibliche Geschlecht gedacht. Obwohl auch einige Männer auf der Tausch-Party gesichtet wurden – als Tütenschlepper und Bügelhalter. Ihr Auftritt ist, sehr zur eigenen Freude, jedoch von nur sehr kurzer Dauer: Endlich kein nerviger Shoppingmarathon an der Seite der Frau, um an Klamotten zu gelangen. „Meine Lebensgefährtin verbringt hier einen netten Tag und ich habe in dieser Zeit frei“, freut sich Holger Hampe (44). Und wer hätte das gedacht, dass die Grenze zwischen den Generationen, zumindest was den Modegeschmack anbelangt, verschwinden könnte: Von 13 bis 70 plus wird untereinander getauscht, was das Zeug hält. Auf weiße Blüschen und vermeintlich omihafte Klamotten fährt die modebewusste Jugend offensichtlich ab: „Ist ja wieder in, der altmodische Look“, sagen die 18- und 22-jährigen Schwestern Frauke und Wiebke Fischer.

Endlich mal ausmisten – ein herrlicher Vorsatz. Jetzt gibt es eine neue Möglichkeit, den Kleiderschrank zu entrümpeln und mit coolen Klamotten vollzupacken, und zwar kostenlos. „Swap-Partys“ werden immer beliebter. Kein Wunder, denn die Tausch-Aktionen funktionieren bestens.

Am Ende ist fast alles weg: Zehn Kleiderständer und zwei Tische waren bestückt, nach gerade einmal einer Stunde sind 600 Bekleidungsstücke und Accessoires getauscht.



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