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„Der Mops ist ein verwunschener Mensch“

Jede Halle, ob der eher kleine Brückentorsaal in Rinteln oder ganze Arenen, die 10 000 Besucher fassen, ist im Handumdrehen ausverkauft, wenn Martin Rütter (40) sich ankündigt, um über die Beziehung zwischen Hund und Mensch zu sprechen. Ja, der Mann ist berühmt, tritt er doch seit Jahren im Fernsehen auf mit Sendungen, in denen er wie die „Super-Nanny“ Familien besucht, um Probleme im Zusammenleben von Zwei- und Vierbeinern zu lösen. Dass sich so viele Zuschauer für ihn begeistern, hat aber nicht nur mit seiner erfolgreichen Methodik der Hundeerziehung zu tun. Der studierte Tierpsychologe, der ein deutschlandweit agierendes Hundeschulungszentrum eröffnete und Lehrbücher schreibt, ist außerdem ein hochbegabter Kabarettist. Er hält keinen Vortrag, sondern liefert eine One-Man-Show mit so viel Witz und Selbstironie, dass Hundebesitzer sich herzlich lachend auch durchaus harte Wahrheiten sagen lassen.

veröffentlicht am 23.05.2011 um 00:00 Uhr

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Und harte Wahrheiten gibt es genug auszusprechen, wenn ein versierter Kenner die Beziehung zwischen Mensch und Hund analysiert. Nicht umsonst trägt Martin Rütter auf der Bühne ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Der tut nichts!“ – und auf dem Rücken steht: „Der will nur spielen!“ Gerade, weil die meisten Hundebesitzer ihre Tiere lieben wie ein eigenes Kind, machen sie oft Erziehungsfehler, die das Zusammenleben deutlich erschweren können. „Wenn ich zu einem Problemfall gerufen werde, dann darf ich die Menschen kritisieren, wie ich will“, sagt er. „Sobald ich aber den Hund kritisiere, wird es schwierig. Wir tragen diese rosarote Brille der Liebe. Aber man kann keinen Hund erziehen, wenn man durch die rosarote Brille blickt.“

Da biss ihn zum Beispiel bei einer Übung der menschenscheue Hund einer Kundin in den Hintern, obwohl die Besitzerin zuvor diese wohlbekannten Worte: „Der beißt nicht!“ verkündet hatte. Seine empörte Reaktion beantwortete sie gelassen mit: „Nun ja, er zwickt schon mal…“ Lachen im Publikum, doch Rütter bleibt ernst. Für Hundehalter gäbe es – anders als für die Gebissenen – all zu viele Verharmlosungstheorien rund um die Interpretation dessen, was „beißen“ bedeutet. Ein anderer Hund etwa verbiss sich in seine Jacke und zerrte wild daran herum. „Aber nein, das ist kein Beißen“, so der Besitzer. „Er will Ihnen doch nur die Wohnung zeigen.“

Solche und ähnliche Fälle schildert Rütter sehr komisch und so, dass sich viele Leute im Publikum sofort darin wiedererkennen. Wie Besucher einer Hundefamilie keinen Platz auf dem Sofa finden, weil das der Stammplatz der Dogge ist, die es gemütlich haben soll; wie zeitweise niemand in die Küche reinkommt, weil der Hund den Kühlschrank mit der Leberwurst verteidigt; wie man sich keine fünf Minuten unterhalten kann, ohne dass der Hund wie ein kleines Kind dazwischen quengelt. „Wollen Sie ihren Hund verwöhnen oder wollen Sie Freunde haben?“

Das Rintelner Publikum war von Rütter begeistert und dankte es ihm mit Applaus.

Dass es überhaupt so weit kommt, zu dieser Dominanz eines Tieres, das sich dem Menschen unterordnen sollte und das aufgrund seiner ewig kindlichen Psyche eigentlich auch will, es habe mit den starken Gefühlen zu tun, die Menschen ihrem Haustier entgegenbringen. Wo ein Hund zum Familienmitglied wird, hätte es vorher geradezu eine Zeit der Schwangerschaft gegeben. Monatelang überlege man, welcher Hund der Richtige sei, was man von ihm erwarte, woher man ihn beziehen könne. Und dann stehe die Familie im Tierheim, bereit, ein Hündchen zu adoptieren.

Die Kinder liefen auf die muntersten Welpen zu, der Mann suche in der Welpenkiste nach dem Tier mit dem dicksten Kopf „und den dicksten Klöten“, und die Mutter – Rütter spielt das sehr schön vor – setze sich auf den Boden, ein schicksalhafter Moment: Eins der Hündchen krabbelt über ihren Schoß. „O – der hat mich ausgesucht, der liebt mich, den nehmen wir!“ (Dabei habe die Frau wahrscheinlich einfach nur blöd im Weg rumgesessen). Da es eh fast immer die Frau sei, die sich um das alltägliche Wohlbefinden des Hundes kümmere, zähle ihre Entscheidung, ganz egal wie irrational sie sei.

Wenn man Pech hat, treffen dann ein Hund und Menschen aufeinander, die gar nicht so gut zueinanderpassen. Der Labrador zum Beispiel, einer der beliebtesten Haushunde, er brauche wirklich Eltern. „Der ist ein infantiles Kleinkind, das selbst im hohen Alter nicht reif wird. Entweder er hat Hunger oder er hat gerade gefressen und hat Hunger.“ Labradore wollen noch als alte Herrschaften mit dem Tennisball spielen und seien unglücklich, wenn man sie nicht genug beachte. Ein Herdenschutzhund dagegen legt sich irgendwo in Haus oder Garten hin und achtet darauf, dass sich ihm kein Unbefugter nähert. „Er ist sehr territorial veranlagt – sein Besitzer auch?“

Der Mops, nun ja, er sei eigentlich gar kein richtiger Hund, sondern ein „verwunschener Mensch“. Er schnarche wie ein Ehemann, und wenn man ihn mittags gegen ein Uhr wecke, meint er: „Spinnst du? So früh?“ Was die niedlichen kleinen Westhighland-Terrier betrifft: Die seien nicht geboren, um Fleischpastete mit Petersilie zu verputzen, sondern seien ursprünglich flinke Jagdhunde gewesen, besonders kluge Wesen, perfekt darin, sich ihren Menschen zu erziehen. Die quirligen Jack-Russel-Terrier wollten eigentlich nur eines: „Abhauen und Sex, Sex und abhauen. Mag sein, dass sie da auf ein verständnisvolles Herrchen treffen.“ Ganz schwierig werde es, wenn man aus Mitleid einen Straßenhund aufnähme. Eine Frau aus dem Publikum erwähnt ihren rumänischen Straßenhund und braucht gar nicht Genaues auszuführen, Martin Rütter weiß eh schon alles: Ein verängstigtes Tier, das sich selbst seiner Besitzerin nur vorsichtig nähert und zu nichts und niemandem Vertrauen hat, weil es in den ersten sechs Monaten seines Lebens kaum mit liebevollen Menschen zu tun hatte und nun nicht mehr in der Lage ist, zu lernen, dass nicht alle Menschen böse sind. So sehr also Emotionen die Mensch-Hund-Beziehung prägen, bei der Auswahl des jeweiligen Tieres und später bei der Erziehung sei es unverzichtbar, die Dinge auch mal mit Abstand zu betrachten.

„Wir lieben unsere Hunde wegen der meist dramatischen ,Geburtsgeschichte‘“, so Rütter. „Die Bindung wird im Laufe der Jahre immer enger. Und dann reden wir uns den Hund schön, weil wir schleichende Probleme nicht sehen wollen.“ Aber ebenso wie bei einem Kind müsse man auch beim Hund dafür sorgen, dass ein sozialverträgliches Wesen herangezogen werde. Man könne es natürlich auch so sehen: „In der freien Wildbahn gibt es eine winzige Randgruppe von Menschen, die keinen Hund haben. Unverschämt – die joggen da, wo wir spazieren gehen!“ Allerdings leide auch das eigene Zusammenleben mit dem Tier, wenn es nicht richtig erzogen wurde. Wenn man sich zu sehr von seinem Hund manipulieren lasse, nähme er einen nicht mehr ernst, mit all den nervenden oder auch wirklich problematischen Folgen. Kann man eine einmal verkorkste Beziehung noch retten? Martin Rütter hätte nicht sein Schulungszentrum in Erftstadt aufgebaut und unzählige Hundecoaches ausgebildet, die nun an 43 Zentren ihr Wissen über eine „hundeorientierte“ Erziehungsmethode weitergeben, wenn er nicht davon überzeugt wäre.

Sein Auftritt in Rinteln stand unter dem Motto „Hund – deutsch; deutsch – hund“, was wohl sagen soll, dass es sehr wohl möglich sei, zwischen der Hunde- und der Menschensprache zu übersetzen. „Doch wir sind klüger als die Hunde“, meinte er. „Deshalb sollten wir mehr ,hündisch‘ können als der Hund ,menschlich‘.“

Es gehe nicht darum, Hunde zu drillen oder zu dressieren. Es gehe darum, ihnen so viel „Freiheit und Glückseligkeit“ wie möglich zu verschaffen. „Und wäre ein Kind frei, das sich im Supermarkt schreiend auf den Boden schmeißt, um an seinen Schokoriegel zu kommen?“ Hunde brauchten ebenso wie Kinder ein Gefühl der Sicherheit innerhalb eines Regelwerks, das, wenn sie sich daran halten, große Freiräume eröffnet. Natürlich dürfe ein Hund zum Beispiel auch mit im Bett schlafen – aber nur dann, wenn er damit nicht sein vermeintliches Recht auf Befehlshoheit innerhalb der Familie verteidige. Die Psyche eines Hundes verträgt es nicht gut, wenn das Tier selbst der Herr ist, sie braucht ein konsequentes Herrchen als Gegenüber.

Die Einnahmen des über zweistündigen Auftritts gingen in Form eines Schecks über 5000 Euro an den Kinderschutzbund vor Ort, mit dem Rütter aus familiären sowie aus „ideologischen“ Gründen verbunden ist.

„Der tut nichts, der will nur spielen!“ Ja, ja… Umso schöner ist es, diese meist nur wenig zur Beruhigung beitragenden Worte ironisiert aus dem Munde eines Hundeexperten und Tierpsychologen zu hören, hier: Martin Rütter. Er füllte am vergangenen Samstag den Brückentorsaal und unterhielt Hundeliebhaber und -skeptiker gleichermaßen.



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