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Spannender Nachbar im Planetensystem

Der Mars in größter Erdnähe: ein Hingucker am Sommerhimmel

Nicht nur die Mondfinsternis hat zuletzt viele Menschen in den Nachthimmel schauen lassen. Auch der Mars ist in diesem Sommer ein ganz besonderer Hingucker. Der rote Planet ist der Erde gerade besonders nah und gut zu erkennen.

veröffentlicht am 30.07.2018 um 17:16 Uhr

Blutmond und Mars am letzten Freitag am Nachthimmel über Hameln. Ein Foto unseres Lesers Peter Hepper.

Autor:

Dr. Gerd Küveler und Dr. E.-Michael Stiegler
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Seit bald 150 Jahren fasziniert der rote Planet Wissenschaftler und Laien. Gibt es Leben auf dem Mars? Ein eifriger Beobachter unseres Nachbarplaneten war Robert Henseling. Geboren wurde er 1883 in Hameln, an ihn erinnert heute die Robert-Henseling-Straße im Hottenbergsfeld in Rohrsen. Mit seinem Buch „Mars. Seine Rätsel und seine Geschichte“ aus dem Jahr 1925 beteiligte er sich an der lebhaften Diskussion um „Marskanäle“ und „Marsmenschen“.

Auch im Jahr 1924, als Henseling am großen Refraktor in Potsdam beobachtete, stand der Mars so günstig am Himmel wie in diesem Sommer. Nämlich in einer besonders nahen Opposition zur Erde. Eine Opposition, bei der Mars, Erde und Sonne eine gerade Linie bilden, ereignet sich alle 26 Monate. Aber nur etwa alle 16 Jahre stehen sich dann Erde und Mars ganz besonders nah. Der Grund dafür ist die deutlich elliptische Bahn des Mars, wodurch die Oppositionsdistanzen zwischen 55 und 105 Millionen Kilometer schwanken können. Seine Bahn bewirkt auch, dass die geringste Entfernung von 57,6 Millionen Kilometern am heutigen Tag erreicht wird, vier Tage nach der diesjährigen Opposition. Jetzt ist das Marsscheibchen am größten und bietet gute Beobachtungsmöglichkeiten.

Der Mars ist nur halb so groß wie die Erde, dennoch zeigen Teleskope schon viele Einzelheiten auf seiner orangefarbenen und auch bläulich-dunklen Oberfläche. Seine markanten Polkappen lassen ihn der Erde ähnlich erscheinen. Sogar Phänomene seiner dünnen, für Menschen allerdings nicht atembaren Atmosphäre sind erkennbar. Etwa Morgennebel, die sich bei den ersten Sonnenstrahlen auflösen, oder hohe, weiße Wolken.

Der gebürtige Hamelner Robert Henseling veröffentlichte 1925 sein Buch „Mars. Seine Rätsel und seine Geschichte“. Foto: Archiv Dr. Küveler
  • Der gebürtige Hamelner Robert Henseling veröffentlichte 1925 sein Buch „Mars. Seine Rätsel und seine Geschichte“. Foto: Archiv Dr. Küveler
Marskarte mit „Kanälen“, vom Astronomen Giovanni Schiaparelli 1877/1879 gezeichnet. foto: Archiv Dr. Küveler
  • Marskarte mit „Kanälen“, vom Astronomen Giovanni Schiaparelli 1877/1879 gezeichnet. foto: Archiv Dr. Küveler
Der gebürtige Hamelner Robert Henseling veröffentlichte 1925 sein Buch „Mars. Seine Rätsel und seine Geschichte“. Foto: Archiv Dr. Küveler
  • Der gebürtige Hamelner Robert Henseling veröffentlichte 1925 sein Buch „Mars. Seine Rätsel und seine Geschichte“. Foto: Archiv Dr. Küveler
Der seinerzeit weltberühmte „Vater der Mondrakete“, Wernher von Braun, plante bereits 1952 eine „interplanetare Expedition“ zum Mars. Foto: Archiv Dr. Küveler
  • Der seinerzeit weltberühmte „Vater der Mondrakete“, Wernher von Braun, plante bereits 1952 eine „interplanetare Expedition“ zum Mars. Foto: Archiv Dr. Küveler
Der gebürtige Hamelner Robert Henseling veröffentlichte 1925 sein Buch „Mars. Seine Rätsel und seine Geschichte“. Foto: Archiv Dr. Küveler
Marskarte mit „Kanälen“, vom Astronomen Giovanni Schiaparelli 1877/1879 gezeichnet. foto: Archiv Dr. Küveler
Der gebürtige Hamelner Robert Henseling veröffentlichte 1925 sein Buch „Mars. Seine Rätsel und seine Geschichte“. Foto: Archiv Dr. Küveler
Der seinerzeit weltberühmte „Vater der Mondrakete“, Wernher von Braun, plante bereits 1952 eine „interplanetare Expedition“ zum Mars. Foto: Archiv Dr. Küveler

Heute wissen wir, dass der Mars eine kalte, überwiegend von Eisenoxid – also von Rost – überzogene Wüstenwelt ist. Vermutlich war das nicht immer so. Der Marsrover „Curiosity“ fand 2015 Hinweise auf fließendes Wasser: nämlich abgerundete Schottersteine in vermutlich ehemaligen, heute ausgetrockneten Flusstälern. Und im Permafrostboden konnte Eis nachgewiesen werden. Die Suche nach Leben auf dem Mars, so primitiv es sein mag, scheint also nicht ganz sinnlos zu sein.

Wie anders waren die Forschungsbedingungen im Jahre 1877! Während einer ebenfalls besonders günstigen Marsopposition machte der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli eine als sensationell empfundene Entdeckung. Er beobachtete feine dunkle Linien auf dem Mars, welche die dunklen Gebiete miteinander verbinden, und nannte sie „canali“. Das war die Geburtsstunde der „Marskanäle“. Für die weitere Popularisierung sorgte vor allem der Marsenthusiast Percival Lowell. Dieser Amerikaner nutzte seine finanziellen Möglichkeiten, um in Flagstaff/Arizona in 2218 Meter Höhe ein Observatorium zu gründen, das namhafte Profi-Astronomen beschäftigte und hauptsächlich der Marsbeobachtung dienen sollte. Lowell und seine Mitarbeiter entdeckten schließlich rund 700 Marskanäle. Er schrieb mehrere umfangreiche Marsbücher, in denen er vehement die These eines bewohnten Nachbarplaneten vertrat. Bis heute berühmte Romane erschienen, wie „Auf zwei Planeten“ von Kurd Lasswitz (1897) und „Krieg der Welten“ von H. G. Wells (1898, deutsch 1901). Sie befeuerten die These von einem bewohnten Mars bis in die 1960er Jahre.

Unter Fachwissenschaftlern war die reale Existenz der Marskanäle allerdings von Anfang an umstritten. Es spricht für Robert Henseling, dass er sich an der kritischen Diskussion, nicht aber an dem Hype um einen bewohnten Mars beteiligte: „Um seiner möglichen Bewohner willen hat der Mars die leidenschaftliche Anteilnahme unzähliger Menschen erregt.“ Er weist in seinem Mars-Buch auf Widersprüche zwischen unterschiedlichen Beobachtern von Marskanälen hin. Henseling lässt – aus heutiger Sicht mit bescheidenen drucktechnischen Mitteln – die Leser mit eigenen Augen nachvollziehen, dass die „Kanäle“ wohl eher optische Täuschungen sind; was sie ja tatsächlich sind.

Dennoch: viele seiner Zeitgenossen waren fasziniert von der Vorstellung, dass der Mars bewohnt sein könnte. Denn angeblich sollten die „Marskanäle“ das spärliche Wasser auf dem Mars in dessen Trockengebiete lenken. Man sah eine pazifistische, sozialistische, ums gemeinsame Überleben kämpfende Marszivilisation am Werk. Der Mars spiegelte damit irdische Vorstellungen, Utopien und Sehnsüchte wider. Oder auch Befürchtungen: wie beim Hörspiel „Krieg der Welten“ von Orson Welles im Jahr 1938, als die reale Kriegsgefahr in Europa und Asien die völlig irrationale Angst vor einer Invasion aggressiver „Marsmenschen“ entzündete und massenpanikartige Zustände in den USA hervorrief. In den 1950er und 60er Jahren heizten während des Kalten Kriegs angeblich gesichtete Untertassen beziehungsweise UFOs von Außerirdischen die diffus-unsichere Stimmung an.

Als im Juli 1965 die amerikanische Raumsonde Mariner 4 die ersten Bilder vom Mars sendete, war es mit den Marskanälen endgültig vorbei. Dieser Vorbeiflug zeigte eine eher enttäuschende, kraterübersäte, mondähnliche Oberfläche. Die 22 Fotos waren aber nicht mehr als „Schnappschüsse“. Als eigentlicher Beginn der modernen Erforschung des Mars wird der Orbit von Mariner 9 ab dem Jahr 1971 angesehen. Die dabei gewonnenen, mehr als 7000 Bilder zeigten einen bizarren Planeten mit riesigen Vulkanen, darunter den wahrscheinlich größten Vulkan des Sonnensystems, den Schildvulkan „Olympus Mons“ mit einer Höhe von 26 Kilometern. Neben den Wüsten gibt es weitläufige Gebirgsregionen und gewaltige Täler. Zwar existieren tatsächlich diverse Grabenbrüche, doch sind diese nicht identisch mit Schiaparellis vermeintlichen „Marskanälen“.

Heute übermitteln Rover auf ihren kilometerlangen Touren gestochen scharfe Bilder vom Mars, die ein Gefühl von kosmischer Nachbarschaft vermitteln können. Und das nächste Landegerät, der Rover „InSight“, ist derzeit unterwegs zum Mars. „InSight“ soll im November den Mars erreichen und seine Oberfläche seismisch „abhorchen“, um mehr über den inneren Aufbau des Planeten zu erfahren.

Ist der Mars jetzt entzaubert? Ein angebliches „Marsgesicht“ fiel jedenfalls auf fruchtbaren Boden bei „Experten“, die zäh weiterhin an Marsmenschen beziehungsweise deren untergegangene Zivilisation glauben wollen. Überraschend, aber doch nur unterhaltsam: eine Felsformation, die an eine Frauengestalt denken lässt. Oder auf einem anderen Foto scheint ein Lebewesen dem Marsrover zuzuwinken. Auch ein „Löffel“ wurde im sandigen Marsboden gesichtet.

Der erste, der streng wissenschaftlich eine bemannte Marsmission plante, war Wernher von Braun. Seine Broschüre „Das Marsprojekt“ erschien zunächst 1952 in deutscher Sprache. Er erörterte detailliert alle Aspekte eines solchen Unternehmens, soweit sie damals bekannt waren. Zehn Marsschiffe sollten auf einer Erdumlaufbahn zusammengebaut werden, um dann mit insgesamt 70 Mann Besatzung und reichlich Überlebens- und Forschungsmaterial zum Mars zu fliegen. Für Hin- und Rückflug kalkulierte von Braun jeweils 260 Tage. Die Aufenthaltsdauer bis zum nächsten günstigen Rückflugtermin sollte 449 Tage dauern. Wernher von Braun glaubte, „dass der Gesamtaufwand für eine derart umfangreiche Marsexpedition den Aufwand für eine kleinere militärische Operation auf einem beschränkten Kriegsschauplatz nicht übersteigt.“ Heute wäre ein solcher Vergleich politisch ziemlich unkorrekt.

Der bekannte deutsche Astronaut Ulrich Walter weiß sehr genau, wann die ersten Menschen auf dem Mars landen werden: nämlich am 2. August 2048. Er rät, den Starttermin: 11. April 2048 schon mal zu notieren. So ganz im Unernst ist dies nicht gesprochen: Fachleute sprechen davon, dass in 20 bis 30 Jahren mit einer bemannten Marsmission gerechnet werden kann. Ob es hingegen Elon Musk, dem Boss von Tesla und SpaceX, gelingt, bis Mitte der 2020er Jahre Menschen in Schutzräumen seiner geplanten Siedlung „Mars City“ auf dem Mars anzusiedeln, scheint aus heutiger Sicht sehr optimistisch.

Unser Tipp: Nutzen Sie die Gelegenheit in diesem Sommer, den Mars auf einer Volkssternwarte mit einem größeren Teleskop zu beobachten.



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