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In Niedersachsens Flüssen stehen dem Wanderfisch 4400 Bauwerke im Weg – vor allem in der Weser

Der Lachs hat es schwer

Der Lachs, die Majestät unter den Wanderfischen hierzulande, kämpft in Niedersachsen ums Überleben. Angler mühen sich um die Wiederkehr. Doch ihr jahrelanger Kampf hat kaum Erfolg – und wird nun zum Politikum. Am ärgsten ist die Weser betroffen.

veröffentlicht am 03.08.2015 um 19:23 Uhr
aktualisiert am 11.08.2015 um 14:12 Uhr

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Autor:

Heiko Lossie

Die Leine am Landtag in Hannover hat es in sich. Dort, im Herzen der Landeshauptstadt am Leibniz-Ufer, steigen an sonnigen Tagen Bachforellen und Äschen zur Oberfläche und schnappen nach Insekten. Die zwei Vertreter der seltenen lachsartigen Fische zeugen von bester Wasserqualität. Doch ihre großen Verwandten, die Wanderfische Meerforelle und Lachs, haben es weiterhin äußerst schwer in der Leine. Denn Wasserqualität allein genügt nicht.

In Niedersachsens Fließgewässern versperren fast 4400 Querbauwerke Wanderfischen den Weg. 335 behindern Wanderrouten von überregionaler Bedeutung, wie der Landessportfischerverband errechnet hat. Am ärgsten betroffen: Die Weser, in die die Leine über die Aller fließt. „Keiner der Fischpässe in der Weser ist ausreichend funktionsfähig für den Fischaufstieg und noch weniger für den Fischabstieg“, sagt Ralf Gerken, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Landessportfischerverband. Die Angler bilden mit fast 90 000 Mitgliedern Niedersachsens größten anerkannten Naturschutzverband. Und in Zeiten, in denen Feldhamster für Baustopps sorgen und Windkraftanlagen für Fledermäuse pausieren, rufen auch die Angler immer lauter für ihre unter Wasser verborgenen Belange.

Vor Jahren schon ist das Lachsprojekt an der Weser eingestellt worden. Acht Sportfischervereine und Anglervereine aus dem Bereich zwischen Rinteln, Hameln, Bodenwerder und Holzminden hatten sich 2005 zusammengetan, um den Lachs in der Weser wieder heimisch zu machen. Bis 2010 setzten sie jedes Jahr um die 30 000 Junglachse in der Weser und ihren Nebenflüssen aus. Die Kosten von über 10 000 Euro pro Jahr teilten sie sich. Doch die Lachse kamen von ihrer Reise ins Meer nicht zurück. „Für uns war es ein Versuch“, sagte damals Arnold Schumacher, der ehemalige Bezirks-Gewässerwart des Angler-Vereins Bodenwerder, aber in der Weser sei einfach zu viel Kali und Salz. Das beeinträchtige die Lachse, die zum Ablaichen ins Süßwasser wandern. Verantwortlich für das Kali- und Salzvorkommen ist der Kali-Bergbau an der Werra. Außerdem machten den Fischen die Querverbauungen von Wehren und Kraftwerken zu schaffen, weil sie so nicht aufsteigen könnten.

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  • ngler in Niedersachsen fürchten um den Erfolg ihrer Lachsprojekte. dpa

Nun wird der Lachs zum Politikum. Allein in der Leine haben Angler in den vergangenen 15 Jahren ehrenamtlich eine Million junge Lachse ausgesetzt. Doch nur ein Bruchteil kam geschlechtsreif vom Meer zum Laichen zurück. Anders als bei der ebenfalls geförderten Meerforelle ist für die Lachse eine eigenständige Vermehrung noch unrealistisch. Die Suche nach den Ursachen ist kompliziert. An der Leine etwa haben zwar seit Herbst 2013 alle zehn Wasserkraftwerke Wanderhilfen. „Was uns allerdings fehlt, ist der Nachweis der einzelnen Anlagen, dass sie überhaupt funktionieren und die in sie gesetzten Erwartungen für Fischaufstieg und auch Fischabstieg erfüllen“, sagt Günter Ohnesorge, Vorsitzender des Vereins Leine-Lachs. „Funktionskontrollen finden offensichtlich gar nicht oder nur sporadisch statt.“ Dass die Hilfen nur Feigenblätter sind, drängt sich als Verdacht zumindest auf.

Für mehr Erfolg muss die Weser für den Lachs

durchgängig werden

Die Wasserkraftindustrie und die Schifffahrt bringen Nadelöhre für die Fische. Ein besonderer Dorn im Auge ist den Anglern das junge Weser-Kraftwerk in Bremen-Hemelingen. 2013 registrierte dort eine Zählung an 155 Tagen nur zwölf Lachse, die den Aufstieg schafften. Die FDP-Fraktion im Landtag veranlasste das jüngst zu der Anfrage, ob Handlungsbedarf bestehe. Die rot-grüne Landesregierung beschied das abschlägig. Der Zeitpunkt der Zählung erlaube „nur eingeschränkt“ Rückschlüsse. Die Regierung plane auch nicht, dem Lachs gezielter auf die Sprünge zu helfen. Indirekte Bemühungen wie die Renaturierung von Gewässern stünden aber bei Rot-Grün generell hoch im Kurs.

Experten sehen das Nadelöhr Hemelingen ohnehin nicht als das größte Problem – auch, wenn die Angler schon Kraftwerkspausen während der Hauptwanderzeiten forderten. „Das Problem ist eher die Masse der Kraftwerke an der Weser“, sagt Binnenfischerei-Experte Lutz Meyer von der Landesbehörde Laves. Für mehr Erfolg müsse die Weser tatsächlich durchgängig werden. „Und zwar nicht nur mit Alibi-Anlagen.“ Meyer gibt zu bedenken, dass der Konflikt mit der Industrie auch darin bestehe, dass Fischtreppen nicht nur beim Bau Geld kosten, sondern laufende Erträge mindern. „Jeder Liter Wasser kann Geld bringen.“ Bei den Fischtreppen sind künstliche Lockströmungen und Wassermengen wichtig.

Fachmann Meyer sieht beim Lachs ein Bündel von Problemen. „Man versucht, ihn vielfach in Gewässer einzubringen, in denen er schon historisch nur selten vertreten war.“ Berichte, wonach ganz Niedersachsen einst Lachs-Land war, seien mit Vorsicht zu bewerten. Denn für Laien gleichen sich die Meerforelle und der Lachs wie ein Ei dem anderen. Nur für die Oste an der Unterelbe und Nebenflüsse im Weserbergland seien historische Hinweise auf relevante Bestände glaubhaft.

Info: Der Atlantische Lachs:

Der Atlantische Lachs lebt in weiten Teilen des Nordatlantiks und der Nachbarmeere. Norwegen ist die Heimat der weltweit größten wild lebenden Lachsbestände, von dort stammt auch ein Großteil des Zuchtlachses. Nach dem Alaska-Seelachs (der eigentlich zur Familie der Dorsche zählt) gehört der Lachs mit Hering, Thunfisch und Pangasius zu den beliebtesten Speisefischen in Deutschland. Der Lachs gibt der Familie der Salmoniden seinen Namen. Zum Laichen steigen die wild lebenden Tiere in Flüssen auf. Sie werden bis zu eineinhalb Metern lang und rund 30 Kilogramm schwer. In Deutschland waren Lachse in fast allen Flusssystemen verbreitet, die in Nord- und Ostsee münden. Vor allem Verschmutzung, Gewässerausbau und Großhindernisse wie Wasserkraftwerke, aber auch Überfischung setzten dem torpedoförmigen Fisch derart zu, dass es heute höchstens verschwindend geringe Vorkommen gibt, die sich noch selber erhalten.

Info: Feinde und Gefahren

Lachse legen auf ihren Wanderungen bis zu 100 Kilometer pro Tag zurück – und begegnen zahlreichen Gefahren. Schon die Brütlinge im Kiesbett sind von der später laichenden Meerforelle bedroht. Später machen Süßwasser-Raubfische Jagd auf die kleinen Lachse, und besonders bei ihrer Abwanderung gen Küste kommen Vögel als Feinde dazu. Im Meer stellen vor allem dorschartige Fische den Junglachsen nach. Die Fischerei, aber auch Seehunde sind weitere Gefahren. Hinzu kommen Veränderungen von Menschenhand; etwa Gewässerverschmutzung, Bauwerke oder Begradigungen in Flüssen und nicht zuletzt die schwindenden Kinderstuben der Lachse: Sie brauchen naturbelassene Bäche oder Flüsslein mit Kiesbetten und klarem Wasser.



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