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Der kurze Draht zwischen Macht und Geld

Fast drei Jahre ist es her, dass im Hause von Gerhard Schwickert in Haverbeck gefeiert wurde. Es war eine Abschiedsparty. Landeswirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) schied aus dem Amt. Am Tisch saßen mit dem Minister vor allem heimische Unternehmer. Auch die Cemag-Chefs Akbar und Ali Memari Fard. Man aß, trank, sang das bei der FDP beliebte Lied „Die Gedanken sind frei“ und erinnerte sich an gemeinsame Delegationsreisen in ferne Länder. Zum Beispiel nach Libyen im November zuvor. Die Brüder Fard zogen dort schon im Jahr 2006 ihren größten Auftrag an Land – ein Zementwerk für 120 Millionen Euro. Baumaschinen- und Nutzfahrzeughändler Schwickert selbst freute sich über Aufträge für Straßenfertiger „im siebenstelligen Bereich“, wie er sagte. Dass später sowohl Gastgeber Gerhard Schwickert als auch die Fards – um einiges spektakulärer – Insolvenz anmeldeten – wer wollte es dem Wirtschaftsminister a. D. anlasten?

veröffentlicht am 16.01.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Hans Weimannund Frank Henke

Szenenwechsel: Dieter F. Kindermann ist einer der schillerndsten Unternehmerpersönlichkeiten im Schaumburger Land: Versicherungsmakler, Immobilienhändler, Musikagent, Manager, Wohltäter, ehemaliger Honorarkonsul von Kasachstan, und sechs Jahre lang Schlossherr auf der Arensburg in Steinbergen. Eine Persönlichkeit, die auch die Polit-Prominenz angezogen hat. Kindermann hatte keine Mühe, Top-Politiker aus dem Land in den blauen Salon seines Schlosses zu holen. Und er hatte die dafür geeignete Plattform, die Mittelstands-Union Freier Berufe, für die er einlud.

Gerhard Schröder war als niedersächsischer Ministerpräsident zweimal im Schloss. Sein Nachfolger im Amt, Sigmar Gabriel, zwängte sich ebenfalls in den schmalen Aufzug, der vom Erd- ins Obergeschoss des historischen Gemäuers führte, wo auf barocken Stühlen vor blassblauer Tapete meist so rund 100 von Kindermann persönlich eingeladene Unternehmer und Prominente aus dem Schaumburger Land den Worten der jeweiligen Gastredner lauschten.

Christian Wulff war auf dieser Liste als Schlossgast eher ein Außenseiter, nämlich noch der Oppositionsführer aus Osnabrück. Rita Süssmuth war da, und für Hannelore Kohl ließ Kindermann Kammermusiker spielen und spendete anschließend 40 000 DM an die ZNS-Hannelore-Kohl-Stiftung.

4 Bilder
Dieter F. Kindermann mit dem damaligen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel (SPD). Foto: tol

Das gehörte zum Prozedere, denn für jede dieser Veranstaltungen sammelte Kindermann Spenden, mindestens vier-, manchmal fünfstellige Beträge, die er an Hilfsorganisationen weiterreichte und, wie er betonte, immer selbst um einen namhaften Betrag aufstockte.

Dass die geladenen Politiker einen persönlichen Nutzen aus diesen Veranstaltungen und Kontakten gezogen haben könnten, kann er sich bis heute nicht vorstellen, verriet er gestern in einem Telefongespräch aus dem Harz, wo er auf Mitarbeiterschulung einen Vortrag hielt.

Den Politikern seien keine Honorare gezahlt worden, noch nicht einmal Reisekosten. Und der anwesende Unternehmerkreis sei einfach zu groß gewesen, um an einem solchen Abend tiefergehende persönliche Kontakte zu knüpfen. Ob er selbst Nutzen aus seiner Nähe zur Politik gezogen habe? In keinem Fall, wehrt Kindermann ab: „Ich habe nie etwas eingefordert, nie für mich etwas herausholen wollen.“ Ob die Kontakte seinen Geschäften genutzt haben, was Kindermann vehement bestreitet, lässt sich auch aus der Unternehmensentwicklung kaum belegen. Denn auch der Draht zu Schröder & Co. konnte den zeitweiligen Abstieg seiner Fortissimo Immobiliengesellschaft nicht stoppen. Deshalb versäumt Kindermann auch nicht, darauf zu verweisen, das Unternehmen habe sich dann aus eigener Kraft wieder hoch gearbeitet. Aktuell ist das Fortissimo Immobilien-Handelshaus AG, eine vorbörslich notierte Immobilienaktiengesellschaft, bei dem schnellen Handel mit Immobilien im Geschäft. Das heißt, notleidende Immobilien werden günstig gekauft, instand gesetzt und teuer verkauft.

Und Kindermann verweist darauf, dass er auch nie der Aufforderung gefolgt sei, selbst in die Politik zu gehen, obwohl es Möglichkeiten gegeben habe. Denn auch politisch wolle er sich nicht festlegen lassen: Er habe zwar Helmut Kohl nach der CDU-Spendenaffäre, die mit einer Strafzahlung für den Altkanzler endete, 50 000 DM überwiesen, aber „das hätte ich für Schröder auch getan“.

Politische Prominenz ist auch im Bückeburger Schloss regelmäßig zu Gast. Christian Wulff gab sich hier ebenso die Ehre wie Philipp Rösler, Guido Westerwelle oder der ehemalige Landesvater Ernst Albrecht. Offenbar wirkt nicht nur wirtschaftlicher Erfolg, sondern auch Glanz und Glamour anziehend.

Kontakte zwischen Politik und Wirtschaft gehören zum Tagesgeschäft. Kurze Drähte in die Chefetagen sind in vielen Wahlkämpfen ein Pfund, mit dem Politiker auf jeder Ebene wuchern wollen. Der Verdacht der Kumpanei oder gar Günstlingswirtschaft kommt dabei – wie jetzt im Fall Wulff – aber eher selten auf.



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