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„Der Kunst ist es egal, wer sie schafft“

„Anders & begabt“ nennt sich das künstlerische Symposium für Menschen mit und ohne Behinderungen, das in dieser Woche auf dem Bruchhof in Stadthagen stattfindet. Das Interesse ist gewaltig: 164 Künstler und Künstlergruppen aus über 23 Ländern haben sich im Vorfeld für die Teilnahme beworben. Eine Jury aus Künstlern, Kunstinteressierten und Pädagogen hat sieben Teilnehmer ausgewählt. Da drei Gruppen unter den Teilnehmenden sind, erhöht sich die Zahl der Aktiven auf 13. Am Montag fiel der Startschuss.

veröffentlicht am 25.08.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:20 Uhr

Alle Schaumburger können hier mitmachen: Sigrid Beuting (r.)und Karin Regorsek aus Duisburg planen ein interaktives Skulptur- un
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Der Hobbyfotograf trennt sich gerne von seinem Stativ. Sicher, neu ist es nicht mehr, die Gebrauchsspuren sind unübersehbar, gute Dienste hat es in der Vergangenheit geleistet beim Fotografieren der Blümchen und Berge auf dieser Welt. Jetzt hat es eine neue Aufgabe: Es ist Teil eines Kunstprojektes.

Denn Sigrid Beuting und Karin Regorsek aus Duisburg planen ein interaktives Skulptur- und Installationsprojekt, alle Schaumburger können mitmachen, sie müssen nur „Erinnerungsstücke“ vorbeibringen, die weiterverarbeitet und neu definiert werden. Das Kamerastativ ist ein guter Einstieg, denn, – so erläutert Sigrid Beuting – es hat „Vergangenheit, Gegenwart und jetzt auch eine Zukunft.“ Denn Gegenstände sind durch die Menschen mit Erinnerungen behaftet, sagt sie, sie sind zugleich Zeitgeschichte und persönliche Geschichte. Das Projekt hat sie im letzten Jahr in Russland angeboten, für die Stadthäger Veranstaltung hat sie Karin Regorsek mitgebracht: Sie ist gehbehindert und kam mit zwei stark verkürzten Armen zur Welt, aber sie hat andere Gaben: Sie ist kommunikativ, aufgeschlossen, hört interessiert zu und kümmert sich im Projekt um die Bilder und die Videos. Denn wenn sie wollen, dürfen die Eigentümer vor der Kleinkamera erzählen, was so besonders ist an ihren „Erinnerungsstücken.“

Das Kunst- und Kulturprojekt anders & begabt, das vom Projekt Probsthagen auf dem Bruchhof in Stadthagen seit Mai 2009 erfolgreich durchgeführt wird, steuert in diesen Tagen seinem Höhepunkt entgegen: Dem Bildhauersymposium anders & begabt 2011.

3 Bilder
Simone Klag aus Berlin ist die einzige Steinbildhauerin in der Gruppe.

Die Veranstaltung ist ein Erfolg, das lässt sich schon vor dem Beginn feststellen, denn sie wurde Ende 2010 als Bildhauersymposium für Menschen mit und ohne Behinderungen und ohne Einschränkung des künstlerischen Mediums, Materials, der Herkunft oder der Ausbildung der Bewerber öffentlich ausgeschrieben. Das Ergebnis spricht für sich: 164 Künstlerinnen und Künstlergruppen aus über 23 Ländern weltweit haben sich daraufhin um eine Teilnahme am Bruchhof in Stadthagen beworben. Eine Jury aus Künstlern, Kunstinteressierten und Pädagogen hat sich durch diesen Berg gekämpft und sieben Teilnehmer ausgewählt. Da drei Gruppen unter den Teilnehmenden sind, erhöht sich die Zahl der Aktiven sogar auf 13. Die künstlerische und persönliche Breite der ausgewählten Teilnehmer macht den besonderen Reiz der Veranstaltung aus, die sich beispielsweise vom benachbarten Obernkirchener Bildhauersymposium allein durch die verschiedenen Medien unterscheidet und überhaupt nicht in Konkurrenz dazu zu sehen ist, sondern viel eher als Ergänzung des Steinkünstlersymposiums stattfindet, betonte Cheforgansiator und Bildhauer Kai Lölke Montag in seiner Begrüßungsrede.

Lölke ist der Pressesprecher des Symposiums, für ihn sind die Teilnehmer in allererster Hinsicht Künstler, unabhängig davon, ob sie behindert sind oder nicht. Und so habe die Jury bei der Endauswahl gar nicht darauf geachtet, ob und wie die Bewerber behindert waren oder eben nicht, einzig und allein die Qualität der Bewerbungen habe entschieden, denn: „Der Kunst ist es egal, wer sie erschafft.“

Seit 2007 nutzt der Verein Projekt Probsthagen das traditionsreiche Anwesen des Bruchhofs vor den Toren Stadthagens zur täglichen Beschäftigung von etwa 40 Menschen mit und ohne Behinderungen. Die lange Zeit vernachlässigte Anlage blüht nach vier Jahren nun schon wieder fast in altem Glanze. Wohnraum wurde geschaffen, ein Ausflugs- und Veranstaltungscafé ist schon lange mehr als ein Geheimtipp und ein neuer Tagungsraum hat vor wenigen Wochen eröffnet und kann fortan angemietet werden.

Von Anfang an war das Konzept des Bruchhofs immer auch mit Kunst- und Kulturarbeit verbunden. Seit Mai 2009 geschieht dies unter anderem unter dem Projekttitel anders & begabt und wird seitdem von der „Aktion Mensch“ gefördert.

In dieser Woche nun werden die Eingeladenen auf dem Bruchhof gemeinsam leben und arbeiten und ihre Entwürfe umsetzen. Verschiedenste Künstler bieten neben der Möglichkeit, ihnen über die Schultern zu gucken und sie zu befragen, auch eine eigene Workshoptätigkeit unter ihrer Anleitung oder eine Beteiligung an ihrem Projekt an. Das Symposium hat alle sieben Tage seine Pforten für die Besucher geöffnet.

Naturgemäß wird das Symposium mit jedem Tag ein bisschen interessanter, weil immer mehr zu sehen ist, was die einzelnen Künstler planen. So haben zwei Bildhauer aus dem Atelier Pix der Greifenwerkstatt aus Greifswald, ihr künstlerischer Leiter Lutz Jürgens und der Bildhauer Edvardas Racevicius schon mehrere Projekte gemeinsam realisiert und werden am Bruchhof aus einem drei Meter langen Eichenstamm mehrere recht naturgetreue, überdimensionierte sogenannte Organ-Skulpturen erschaffen. Herz, Hirn und Auge sind angedacht, einiges wird sich noch ergeben, erzählt Jürgens, etwa der Standort. Edvardas Racevicius stammt aus Litauen, ist selbstständig und nicht behindert, hat aber bereits vier Projekte mit Behinderten umgesetzt. Über die Zusammenarbeit kann er nur schwärmen: „Sie sind viel offener, emotionaler, die Arbeit mit ihnen ist viel einfacher.“ Vor dem ersten Tag des ersten Projektes habe er damals schon Bedenken, gar ein bisschen Angst gehabt, aber: „Ich war total überrascht, wie schön das war.“ Und heute? „Nach jedem Projekt mit Behinderten komme ich von einem anderen Planeten wieder in der Realität an.“

Simone Klag aus Berlin ist die einzige Steinbildhauerin in der Gruppe, sie will aus einem etwa 70 Zentimeter hohen Sandsteinquader eine figürliche Arbeit schaffen. Die realistische Skulptur zeigt eine moderne junge Frau die „anders und irgendwie begabt zwischen Zufriedenheit und Sehnsucht ausstrahlt.“ Körperhaltung und Gesichtsausdruck werden das Rätsel ihres Wesens definieren.

Katrin Sliwinski stammt ebenfalls aus Berlin und baut äußerst eigenwillige und einzigartige Skulpturen aus Holz, Papier und oft vielen anderen gesuchten und gefundenen Materialien. Für das Symposium hat sie einen Regenmacher entworfen. Künstlerin Kathrin Hubl will aus einem etwa 180 Zentimeter hohen Eichenstamm zwei auf einem Sockel stehende Pferde „grob“ herausarbeiten.

Ulla Hase wohnt in Brüssel, ist aber geborene Stadthägerin: Sie schafft Zeichnungen und Skulpturen, Letztere vor allem als Installation im öffentlichen Raum. Oft verwendete Materialien sind Folie, Gummi, PVC, Styropor und viele andere. Sie wird den vorgefundenen natürlichen Raum aufnehmen und ihn fortführen und ergänzen oder verfremden.

Mit dabei ist auch das Blaumeier Atelier aus Bremen: Uwe Kreutzkamp hat gerade an den Offenen Ateliers Schaumburg teilgenommen und arbeitet schon seit vielen Jahren im Blaumeier Atelier in Bremen. Mit zwei weiteren Künstlern des Ateliers wollen sie drei lebensgroße Skulpturen aus Pappelstämmen schlagen und bemalen.

Am morgigen Freitag und am Samstag sind jeweils von 16 bis 18 Uhr Künstlerpräsentationen, am heutigen Donnerstagabend gibt es gegen 20 Uhr Kurzvorträge und eine Diskussion zum Thema „Kunst kennt keine Behinderung“ – Kunst und Behinderung im Zeichen der Inklusion“.



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