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Zwischen Minen und Misstrauen – wie Interhelp den Ärmsten der Armen auf Sri Lanka hilft

Der Krieg in den Köpfen

Tamili heißt das junge Mädchen in der grün-weißen Schuluniform, das mit glockenklarer Stimme für uns ein traditionelles Willkommenslied singt. Die Augen hat sie scheinbar auf einen fernen Punkt am Horizont geheftet. Tamili – ein „patriotischer“ Name hier im einst heiß umkämpfen tamilischen Norden von Sri Lanka, dem Gebiet, das nach dem Willen der Separatisten einmal Tamil Eelam heißen sollte.

veröffentlicht am 07.03.2018 um 18:37 Uhr

Drei Interhelper im Palmengarten: Schirmherr Alexander Schaumburg-Lippe, Thomas König und Vorsitzender Ulrich Behmann. Interhelp wird gemeinsam mit seiner Partnerorganisation mfs International Spenden sammeln, um dem Heim für Blinde und Gehörlose zu

Autor:

Alexander Schaumburg-Lippe

Die Wunden, die der Bürgerkrieg bis 2009 dem Land geschlagen hat, haben wir zuvor gesehen: Zerschossene Häuserfronten entlang einer Hauptverkehrsstraße sind die stummen Zeugen eines apokalyptischen Endkampfes, der mit unerhörter Brutalität geführt wurde, einer monatelangen Belagerung, die im Kleinen der von Leningrad geglichen haben muss und Zigtausenden das Leben kostete – verhungert, verdurstet, erschossen, an Krankheiten zugrundegegangen, die die verzweifelten Menschen sich zuzogen, weil sie das Flusswasser tranken, von dem sie doch wussten, dass es verseucht war. Danach war es vorbei mit den „Tamil Tigers“ und dem fast dreißigjährigen Krieg auf der Insel.

Aber der Krieg in den Köpfen geht weiter – davon sind wir überzeugt. Das singhalesische Militär zeigt starke Präsenz, und das Misstrauen bei den Tamilen sitzt tief. Blutige Unruhen gibt es immer wieder. Soeben hat die Regierung nach Zusammenstößen zwischen Buddhisten und Muslimen den landesweiten Ausnahmezustand ausgerufen – und wir sind mittendrin. Wir glauben aber, in Sicherheit zu sein.

Militärisch sind die Tamilen jedenfalls besiegt. Wir haben eine Art Waffenfriedhof gesehen, eine staatlich organisierte Freiluftausstellung schweren Kriegsgeräts der Terroristen, die in keinem Reiseführer steht und kaum jemals von Ausländern besucht wird: Mit einfachsten Mitteln hergestellte winzige, klaustrophobisch enge Uboote, veritable Kriegsschiffe aus Verbundglas, Mörser aus zivil gefertigten Stahlröhren, bauchige Flügelbomben mysteriöser Herkunft – die 20 000 militärisch organisierten „Tigers“, die zur Hälfte aus Frauen bestanden, dürften die bizarrste, aber auch entschlossenste „Armee“ der jüngeren Geschichte gewesen sein.

Medizinische Hilfe fern der Heimat: Die Interhelper Dr. Siegfried John (Allgemeinmediziner) Reinhold Klostermann (Lehrrettungsassistent) und Stephanie Sebastiampillai (Medizinstudentin) versorgen eine Frau, die immer noch unter den Folgen einer schwe
  • Medizinische Hilfe fern der Heimat: Die Interhelper Dr. Siegfried John (Allgemeinmediziner) Reinhold Klostermann (Lehrrettungsassistent) und Stephanie Sebastiampillai (Medizinstudentin) versorgen eine Frau, die immer noch unter den Folgen einer schweren Kriegsverletzung gleitet. Foto: interhelp
Die blinde Tamili (18) singt den Helfern zu Ehren und verzaubert sie mit ihrem Gesang. Foto: interhelp
  • Die blinde Tamili (18) singt den Helfern zu Ehren und verzaubert sie mit ihrem Gesang. Foto: interhelp
Versenktes Boot der Tamil Tiger. Foto: interhelp
  • Versenktes Boot der Tamil Tiger. Foto: interhelp
Die unsichtbare Gefahr lauert im Busch – dort liegen immer noch unzählige Minen. Alexander Schaumburg-Lippe und Ulrich Behmann achten genau darauf, wo sie hintreten und gehen kein Risiko ein. Foto: interhelp
  • Die unsichtbare Gefahr lauert im Busch – dort liegen immer noch unzählige Minen. Alexander Schaumburg-Lippe und Ulrich Behmann achten genau darauf, wo sie hintreten und gehen kein Risiko ein. Foto: interhelp
Medizinische Hilfe fern der Heimat: Die Interhelper Dr. Siegfried John (Allgemeinmediziner) Reinhold Klostermann (Lehrrettungsassistent) und Stephanie Sebastiampillai (Medizinstudentin) versorgen eine Frau, die immer noch unter den Folgen einer schwe
Die blinde Tamili (18) singt den Helfern zu Ehren und verzaubert sie mit ihrem Gesang. Foto: interhelp
Versenktes Boot der Tamil Tiger. Foto: interhelp
Die unsichtbare Gefahr lauert im Busch – dort liegen immer noch unzählige Minen. Alexander Schaumburg-Lippe und Ulrich Behmann achten genau darauf, wo sie hintreten und gehen kein Risiko ein. Foto: interhelp

Am Rande des Geländes weisen Warnschilder darauf hin, dass der Boden ringsum immer noch vermint ist. Wir machen voneinander ein paar Fotos vor dem Schild, verzichten aber auf unnötige Mutproben.

Mitten in diesem kriegsvernarbten Land besuchen wir nun eine Einrichtung, die uns höchsten Respekt abnötigt. Die 18-jährige Sängerin Tamili – wir erfahren, dass sie bereits eine begehrte Solistin bei Feierlichkeiten und öffentlichen Aufführungen ist – hören wir später noch einmal mit einem mitreißenden, vierstimmigen Gesang. Unser Applaus und die anerkennenden Worte machen das Mädchen sichtbar verlegen. Ihre schüchternen Gesten sind ehrlich. Sie kann sie nicht spielen, weil sie gar nicht weiß, wie sie aussehen: Tamili ist von Geburt an blind, ebenso wie ihre drei Freundinnen, aus denen der A-cappella-Chor besteht.

In 14 Camps waren die Ehrenamtlichen tätig und haben über 2000 Patienten versorgt

Sie alle sind Bewohnerinnen des Heims „Iniya Valvu Illam“ (Haus des glücklichen Lebens), eines Instituts, das noch während des Krieges 1997 von dem angesehenen christlichen Tamilen Christopher Massillamany gegründet wurde und seinen Namen durchaus verdient. Der Leiter unserer Medical Task Force, Reinhold Klostermann, hat das Heim während eines medizinischen Einsatzes in der Nähe „entdeckt“ und als förderwürdig vorgeschlagen.

Hier leben 52 Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 21 Jahren, von denen 25 blind und 27 taubstumm sind. „Differently abled children“, anders begabte Kinder, werden sie in einer Aufschrift an der Fassade des Verwaltungsgebäudes genannt – nicht zu Unrecht, wie wir sehen werden. Sie alle stammen aus Familien, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Ihnen dürfte es in dem sauberen, komfortablen und geräumigen „Haus des glücklichen Lebens“ um Einiges besser gehen als ihren Eltern und Geschwistern zuhause. 14 von ihnen werden demnächst Abitur machen und die Universität besuchen, berichtet mit sichtlichem Stolz Mr. Nagaratnam, der Vorsitzende der Hilfsorganisation, ein würdiger, geradezu professoraler Herr, der es aber bevorzugt, in seiner sorgfältig gebügelten Anzugshose barfuß umherzulaufen. Auch Tamili ist angehende Abiturientin. Die Freude darüber sieht man ihr an, als wir darauf zu sprechen kommen. Ist sie die einzige ihrer Familie, die diesen sozialen Quantensprung schaffen wird? Wir fragen nicht nach.

Mr. Nagaratnam zeigt uns die landwirtschaftlichen Einrichtungen, mit deren Hilfe sich das Heim zumindest ein Stück weit autark versorgen möchte. Ein Hühnerhaus mit vielleicht hundert wild durcheinander gackernden Legehennen, einige Ziegen, eine Viehzucht, deren Rinder beim Verkauf je 60 000 Rupien abwerfen, etwa 320 Euro. Unweit des Heims hat die Regierung zehn Hektar Land bereitgestellt, auf dem die Bewohner Bananen und Kokospalmen anbauen können. Kokosnüsse lassen sich gut verkaufen; ihr Preis ist in letzter Zeit um das Neunfache gestiegen. Auf diese Weise könnten die Heimbetreiber ihre Zöglinge mit dem Nötigsten versorgen – vorausgesetzt, es finden sich die Mittel, um den Anbau der Stauden und Palmen zu finanzieren.

Etwa ein Hektar wird bereits bewirtschaftet, für den Rest der Fläche fehlen umgerechnet knapp 10 000 Euro. Hierüber legt uns die Stiftung einen präzisen, detaillierten Kostenvoranschlag vor. Eine Besichtigung des Geländes überzeugt uns: Hier zu helfen, bedeutet, in mustergültiger Weise Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten – denn das Heim benötigt etwa 700 000 Rupien oder 3600 Euro pro Monat, um funktionsfähig zu bleiben. Bisher ist man auf Spenden angewiesen, die immer wieder neu eingeworben werden müssen. Mit Hilfe des Landwirtschaftsprojekts könnte das Heim viel mehr als bisher auf eigenen Füßen stehen. Wir beschließen spontan, sofort 3000 Euro aus privaten Mitteln bereitzustellen und hoffen darauf, Spender für den verbleibenden Betrag zu finden.

Unsere Medical Task Force mit seinem Leiter, Interhelp-Vorstandsmitglied Reinhold Klostermann, dem Allgemeinmediziner Dr. Siegfried John, der Krankenschwester Elena Lehmann, der Medizinstudentin Stephanie Sebastiampillai (die fließend Tamilisch spricht) und dem Interhelp-Logistiker Sebastian Anthonypillai hat inzwischen Übermenschliches geleistet. In 14 Camps waren die Ehrenamtlichen tätig und haben über 2000 Patienten versorgt. Immer wieder wurden sie dabei mit erschütternden Schicksalen konfrontiert.

In Mullaitivu zum Beispiel trafen sie ein Mädchen, das auf einem Auge erblindet ist; eine 30 Jahre alte Mutter zweier Kinder, deren linkes Bein sechs Zentimeter kürzer und nach einer schweren Kriegsverletzung für immer entstellt ist, bat um Hilfe. Ein Mann berichtet von regelmäßig wiederkehrenden Krampfanfällen, die ihm für jeweils eine halbe Stunde das Bewusstsein rauben. Kein Wunder: Drei Metallteile stecken in seinem Gehirn. In allen Fällen waren Bombensplitter die Ursache für diese Verletzungen.

Reinhold Klostermann teilt uns mit: „Interhelp und MFS International sind die ersten Organisationen, die seit dem Bürgerkrieg hier medizinische Hilfe anbieten, sagte die Chefärztin des Regionalen Krankenhauses. Sie war überglücklich uns begrüßen zu können.“

Die ehrenamtlichen Helfer von Interhelp, Reinhold, Siegfried, Elena, Stephanie und Anton, die ihre Urlaubstage opfern, um den Ärmsten der Armen zu helfen, Interhelp-Präsident Ulrich Behmann, der trotz gesundheitlicher Probleme unermüdlich und unbeirrbar sein Projekt vorantreibt, die Interhelp-Mitstreiter Michael Görbing (Chef unserer Partnerorganisation mfs international Frankfurt), Thomas König und Heiko Hahnenstein und auch „unser Mann in Sri Lanka“, Mangala Fernando – sie alle sind für mich stille Helden, die jedem, alt oder jung, als Vorbild taugen. Es ist mir eine Ehre, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um die Welt ein Stückchen menschlicher und glücklicher zu machen. Spätestens nächstes Jahr sehen wir uns wieder.


Wer die ehrenamtlichen Helfer finanziell unterstützen möchte, kann Geld auf folgende Konten überweisen:
IBAN: DE 60 2545 0110 0000 0203 13 – Sparkasse Weserbergland

IBAN: DE 49 2546 2160 0700 7000 00 – Volksbank Hameln-Stadthagen

Im Internet:
www.interhelp.info



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