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Als Gastwirt ist Otto Dohse weit über Bad Pyrmont bekannt – Tochter Ingrit ist eine Theatergröße auf der Reeperbahn

Der Kiez ruft

Vielen Menschen im Weserbergland ist Otto Dohse als langjähriger Gastwirt der „Schlossweinstuben" und der „Spelunke" in Bad Pyrmont bekannt. In den 60er Jahren hat der 84-Jährige Musik in Lokalen auf der Hamburger Reeperbahn gemacht. Heute zieht es ihn vor allem wegen seiner Tochter Ingrit dorthin. Diese führt Regie im Schmidt-Theater auf St. Pauli.

veröffentlicht am 27.04.2016 um 17:23 Uhr
aktualisiert am 28.04.2016 um 11:28 Uhr

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Autor:

von Rudi Rudolph

Mittwochmittag. Der Pyrmonter Gastwirt und Profi-Musiker Otto Dohse scharrt mit den Füßen. Ihn treibt es nach Hamburg. Dort hatte er Anfang der 60er Jahre Engagements direkt an der Reeperbahn im legendären Café Keese und im berühmten „Metropol“. Nun zieht es ihn auf die andere Straßenseite. „Schmidt’s Tivoli“, „Schmidt Theater“ und „Schmidtchen“ liest man dort bunt und groß an den verschachtelten farbigen Fassaden. Plakate weisen auf eine Premiere hin, die des Musicals „Heute Abend: Lola Blau“ von Georg Kreisler. Und in diesem Stück führt Otto Dohses Tochter Ingrit Regie.

Klar, dass sie ihre Familie zur Premiere eingeladen hat, und schon eine Stunde vor Vorstellungsbeginn rauscht sie in die „Hausbar“ des Schmidt-Theaters, Sohn Andreas mit Freundin Mira im Schlepptau. Sie fällt ihrem Vater um den Hals. Lampenfieber? „Ach wo,“ sagt sie, „eine gewisse Anspannung ist schon da, die kann man nie ablegen. Aber eigentlich ist mein Mann vor einer Premiere aufgeregter als ich.“

Schon seit 2005 ist

sie eine feste Größe am Schmidt-Theater

Dabei ist sie in dem Geschäft ein alter Hase. Bereits mit 20 Jahren, und damit noch während der Schauspielschule, begann die Karriere am „Altonaer Kindertheater“. Es folgten Stationen als Schauspielerin und Regisseurin am Stadttheater in Landshut, später in Lübeck. Von da war es nicht mehr weit, bis sie über „Kampnagel“ in Hamburg am Schmidt-Theater landete. Hier ist Ingrit Dohse seit dem Jahr 2005 eine feste Größe. Als Abendspielleiterin ist sie für die „Heiße Ecke“ im Schmidt-Theater zuständig, und ihre Rolle als „Carlotta von Pörtschach“ in dem Stück „Villa Sonnenschein“ ist ein Dauerläufer und echter Brüller, bei dem sie auch Regie führte.

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Ein Platz, an dem Ingrit Dohse des Öfteren einen Kaffee trinkt: das Foyer des Theaters.

Als Grande Dame ein Altersheim aufzumischen, ist Komik, Slapstick und mit witziger Bühnentechnik garniert. Doch diese Charakterseite ist die gespielte, im echten Leben ist Ingrit Dohse eher die Frau von nebenan. Bodenständig und kreativ, nachdenklich und zugewandt, offen und empathisch. Das hilft natürlich bei einer Regiearbeit wie für „Lola Blau“. Dieses von Georg Kreisler eigentlich als „Ein-Frau-Stück“ geschriebene Musical mit der genialen lasziven Hauptdarstellerin Yvonne Disqué und dem in Ergänzung des Originals ihr an die Seite gestellten Hans B. Goetzfried benötigte in den nur sechs Wochen Vorbereitungszeit ein sensibles Händchen. „Lola Blau“ ist die Geschichte der Chansonsängerin Lola Blau in den Dreißiger Jahren, die eigentlich ein Engagement in Linz antreten will und plötzlich feststellen muss, dass sie als Jüdin von den politischen Verhältnissen direkt bedroht ist. Zimmer weg, Engagement weg, Freund weg, aus dem Volksempfänger dröhnt die Stimme Goebbels’, die Braunen marschieren.

Die von Georg Kreisler geplanten Stimmen aus dem „Off“, die Handlungsteile miteinander verbinden sollen, ersetzt Ingrit Dohse durch die Figur Hans B. Goetzfried. Klein an Statur, doch mit gnadenloser Präsenz, ist er Stichwortgeber, Nazi-Vermieter, Conférencier, jüdischer Flüchtling, protziger Impressario und – am schlimmsten – opportunistischer Kriegsgewinnler Herr Schmidt mit rollendem „R“ und zusammenknallenden Hacken. Bei dem Chanson „Schlag sie tot!“ bleibt dem Publikum fast die Brezel im Hals stecken, so bösartig entlarvt Georg Kreisler die perfide Logik des deutschen Kleinbürgers.

Überhaupt ist das Musical weit mehr als leichte Unterhaltung. Dass Lola Blau in die USA emigrieren muss, dann dort eine Karriere macht, an der sie fast zerbricht, wieder in die Heimat zurückkehrt, nachdem sie Kontakt zu ihrer fast vergessenen großen Liebe bekommen hat, berührt zutiefst. „Ich hab’ vergessen, Dich zu vergessen“ beschreibt ihr persönliches Dilemma, doch ihre Geschichte hat Ingrit Dohse als Parabel auf die Gegenwart aufgefrischt. Wenn Lola Blau von dem Angriff auf ihren jüdischen Freund als „Saujude“ erfährt und das Musical in einem düsteren Schlussbild endet, hört man aus dem Volksempfänger die Stimme von Pegida-Hetzer Lutz Bachmann, und Demonstranten brüllen „Wir sind das Volk“.

Ingrit Dohse hat mit dieser Regiearbeit eine beeindruckende Interpretation des Georg Kreisler geliefert und schlägt den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Brillant auch in Kreislers Manier die Begleitung von Gleb Pavlov am Klavier. Enorm helfen ebenfalls Christian Hilgers, der für die komplette Technik von Ton und Beleuchtung verantwortlich ist, sowie ihr Regieassistent Andreas Bierkamp, mit denen sie ein Team bildet, das sich fast blind versteht. Das Premierenpublikum zeigte sich komplett begeistert, und Otto Dohse mächtig stolz und etwas gerührt.

Für die kleine Überraschung zwischendurch sorgt im ersten Teil ein Feueralarm. Räumung des Saales, die Polizei rückt von der Davidswache an, die Feuerwehr stürmt ins Haus. „Wie bei jeder Premiere“, stöhnt Ingrit Dohse – und wie immer ist es ein Fehlalarm. Nur noch bis Ende April wird das Stück im „Schmidtchen“ gegeben, doch die nächsten Projekte stehen für seine Tochter schon auf dem Plan. Am 8. Mai ist sie in einer „Dora Heldt“-Verfilmung zu sehen, dann wartet wieder die Seefahrt auf sie. Durch ihre Tätigkeit an einer Hamburger Musicalschule wurde Aida-Entertainment auf sie aufmerksam, und seither studiert sie auf Schiffen der Aida-Flotte seit vielen Jahren mit Schauspielern das bordeigene Showprogramm ein.

Darunter sind Gala-Shows, Kabarett, Krimis und Komödien – eben alles, was man als Multitalent mit enormer Erfahrung so mitbringen muss. Zwischen Theater, Showbühne und Film pendelt sie hin und her, meistens im norddeutschen Raum. So war sie in zahlreichen Fernsehfilmen zu sehen, erstmalig 1992 in der Fernsehreihe „Happy End“ im ZDF. Es folgten Auftritte in „Bella Block“, „Girl Friends“, Adelheid & ihre Mörder“, „Großstadtrevier“, „Der Landarzt“, im „Tatort“ und in vielen weiteren bekannten Produktionen.

Für Privates ist da nicht mehr viel Zeit, ihr Ruhepol ist die Familie in Reinfeld. Zu Otto Dohses 84. Geburtstag reichte es nur zu einem kurzen Treffen in dessen mecklenburgischer Heimatstadt Laage. Doch „in diesem Sommer bin ich dann einige Zeit in Bad Pyrmont,“ verspricht sie.



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