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Manina und Uwe Dageför gehören zu den Überlebenden der Buskatastrophe auf der A 9

Der Katastrophe entkommen

DRESDEN/STADTHAGEN. Gut acht Monate liegt sie zurück – die Brandkatastrophe auf der A 9 mit 18 Toten in einem verunglückten Reisebus. Mit Manina und Uwe Dageför sprechen nun erstmals zwei Überlebende darüber, wie sie dem Inferno am 3. Juli 2017 entkommen sind.

veröffentlicht am 17.03.2018 um 13:06 Uhr

Feuerwehrleute und Polizisten stehen am 3. Juli 2017 neben dem ausgebrannten Wrack des Reisebusses. Foto: dpa

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Markus van Appeldorn und Vera Skamira

Die Eheleute waren 2009 von Schaumburg nach Dresden umgezogen. Verwandte und Freunde in der alten Heimat seien „sehr bestürzt“ gewesen, als sie erfahren hätten, dass sie in dem Todesbus saßen.

Gegen 5 Uhr morgens waren die Dageförs damals am Dresdner Hauptbahnhof zugestiegen – in den Bus eines im sächsischen Löbau ansässigen Reiseunternehmens. Voller Freude auf den geplanten Kultururlaub im norditalienischen Verona. Da ahnten sie noch nichts von der bevorstehenden Katastrophe.

Uwe Dageför schildert, wie er den Unfall erlebt hat: „Ich saß auf einem Gangplatz auf Höhe der hinteren Tür und schaute nach vorne“, erzählt er von den schicksalhaften Sekunden. „Ich sah, wie die Lkw-Kolonne vor uns immer näher kam und dachte: Oh Gott, will der Fahrer nicht mal langsam bremsen?“ Einen Augenblick später sei der Bus auch bereits aufgefahren. „Und in der Sekunde sind beim Fahrer vorne auch schon die Flammen hochgeschossen. Manina Dageför wurde bei dem Aufprall mit dem Kopf gegen den Vordersitz geschleudert und erlitt eine stark blutende Platzwunde, Uwe Dageför verletzte sich bei dem Aufprall leicht an den Unterschenkeln.

Manina und Uwe Dageför haben die Buskatastrophe überlebt, bei der am 3. Juli 2017 auf der A 9 18 Menschen den Tod fanden. Foto: rg
  • Manina und Uwe Dageför haben die Buskatastrophe überlebt, bei der am 3. Juli 2017 auf der A 9 18 Menschen den Tod fanden. Foto: rg

„Ich habe zu meiner Frau gesagt: ,Wir müssen raus hier! Schnell!‘. Und auf der Treppe zur hinteren Tür haben sich bereits Mitreisende gestaut“, erzählt Uwe Dageför. „Jemand hat versucht, die Tür von innen zu öffnen, aber das gelang nicht.“ Sekunden später habe der Beifahrer des Busses die Tür von außen geöffnet. Bei der Flucht aus dem Bus wurde Uwe Dageför schon von einer Hitzewelle des Feuers erfasst und verbrannte sich leicht im Gesicht.

Von einer Böschung am Rand der Autobahn mussten das Ehepaar und die anderen Geretteten dann mitanschauen, wie der Bus innerhalb kürzester Zeit total ausbrannte. „Als die Retter kamen, haben die immer wieder durchgezählt“, sagt Uwe Dageför, „da war uns schon klar, dass viele Menschen es nicht aus dem Bus geschafft hatten.“

Ich habe zu meiner Frau gesagt: ,Wir müssen raus hier! Schnell!‘.

Uwe Dageför

Dennoch sind die Dageförs der Busfirma dankbar dafür, dass überhaupt ein zweiter Fahrer an Bord war. Ohne den hätte es viel mehr Tote bei dem Unfall gegeben, sind sie sich sicher. „Wir werden ihm das nie vergessen.“

Damit widersprechen die Eheleute aber auch dem Löbauer Oberbürgermeister Dietmar Buchholz, der jüngst nicht nur eine gänzlich neue Version des Unfallhergangs präsentiert, sondern auch der für die Unfallermittlungen zuständigen Staatsanwaltschaft in Hof schlampige Arbeit vorgeworfen hatte. Die Behörde habe den ums Leben gekommenen Busfahrer zu Unrecht vorschnell als Alleinverantwortlichen ausgemacht und die Ermittlungen eingestellt.

Der Politiker vermutet, dass ein überholender Lkw den Bus erst gerammt habe und es in Folge dessen zu dem fatalen Auffahrunfall gekommen sei.

Dageför weist diese Spekulationen zurück: „Es gab an der Fahrbahnseite des Busses keine Touchierung und der Bus ist nicht von einem Lkw weggedrückt worden“, ließ er die Sächsische Zeitung wissen, die über die jüngste Entwicklung berichtet hatte.

Auch die Staatsanwaltschaft in Hof widerspricht dem Vorwurf des Oberbürgermeisters. Die Ermittlungsergebnisse würden auf den Gutachten zweier Unfallsachverständiger beruhen sowie auf den Vernehmungen aller Überlebenden. „Außerdem wurden unbeteiligte Dritte vernommen, die sich unmittelbar hinter dem Fahrzeug befanden“, so ein Behördensprecher. Für eine Kollision vor dem Auffahrunfall gebe es keinerlei Ansatzpunkte.

Manina und Uwe Dageför sind dankbar, dass sie das Unglück – anders als andere Mitreisende – weitgehend unbeschadet überstanden haben. Zumindest körperlich. „Vergessen wird man es nie“, sagt der Ehemann. Einen Tag haben die Wahl-Dresdner im Krankenhaus verbracht. Die Kopfwunde seiner Frau musste genäht werden, er hatte Rauchgas eingeatmet.

Auch seelisch haben beide die Katastrophe verkraftet. Von Albträumen seien sie glücklicherweise verschont geblieben. Gleichwohl habe es Zeit gebraucht, das Erlebte zu verarbeiten. Geholfen habe ihnen, dass sich viele Nachbarn und Freunde in der Zeit danach um sie gekümmert hätten. Vor neun Jahren waren die Eheleute in die sächsische Hauptstadt gezogen.

Dem Schaumburger Land sind sie jedoch immer noch sehr verbunden. Uwe Dageför, dessen Sohn Benjamin das Restaurant „Il Porto“ in Lindhorst betreibt, reist regelmäßig zum Stadthäger Schützenfest in die alte Heimat. 2016 war er sogar Rottmeister im Bernhardiner Rott. Seit 30 Jahren feiert er dort mit. Nur in diesem Jahr werde es leider nicht klappen, bedauert er.

Sind die Dageförs seit dem traumatischen Juli 2017 jemals wieder in einen Bus gestiegen? „Ja“, erwidert Uwe Dageför im Gespräch mit unserer Zeitung. Ganz bewusst wollten er und seine Frau sich dem nicht verweigern. Ganz im Gegenteil. Beide freuen sich schon auf die nächste Busreise. Eine lange und landschaftliche reizvolle Tour haben sie geplant. „Ende dieses Monats geht es nach Sizilien“, verrät Uwe Dageför.

Information

Staatsanwaltschaft: „Verkettung tragischer Umstände“

Die verkohlten Bäume, die an den verheerenden Busbrand auf der Autobahn 9 erinnert haben, sind inzwischen gefällt. Nur noch die kahle Stelle an der Böschung zeugt von dem Auffahrunfall, bei dem 18 Menschen ums Leben kamen. Inzwischen sind sich die Ermittler sicher, was das Inferno nahe Münchberg in Oberfranken ausgelöst hat: Der 55 Jahre alte Mann am Steuer des Reisebusses war am 3. Juli um 7.11 Uhr unaufmerksam gewesen – warum auch immer. Er bemerkte zu spät, dass ein Sattelzug vor ihm wegen eines Staus langsam abbremste. Mit 60 bis 70 Stundenkilometern prallte der Bus auf. Und dann? Staatsanwalt Jochen Götz spricht von einer „Verkettung tragischer Umstände“: Wegen des Aufpralls kam es zu Kurzschlüssen bei Batterie und Elektrik, beides war im Vorderbereich des Busses untergebracht. Ein Kraftstofftank dort wurde zusammengestaucht und platzte. Der Kraftstoff entzündete sich sofort, befeuert von austretender Druckluft. Rauch und Feuer breiteten sich rasend schnell im Bus aus. 18 Menschen konnten sich nicht mehr retten. Die anderen 30 Businsassen wurden teils schwer verletzt. Dem Ersatzfahrer (43) gelang es, eine der Türen zu öffnen und Menschen nach draußen zu bringen. In dem Reisebus eines Unternehmens aus Löbau (Sachsen) saßen überwiegend Senioren. Ihr Ziel sollte der Gardasee sein. Los ging die Fahrt um 0.30 Uhr auf dem Betriebsgelände in Löbau, zuletzt stiegen gegen 4.50 Uhr Reisende in Dresden zu. Wie Horst Thiemt, der Chef der Verkehrspolizei Hof sagt, hatte der Bus keine technischen Mängel. Er war mit den Sicherheitssystemen ABS und ESP ausgestattet, hatte aber kein automatisches Bremssystem, das beispielsweise bei drohenden Auffahrunfällen automatisch bremst. Der 2013 gebaute und 2014 erstmals eingesetzte Reisebus musste diese Technik nicht haben – erst bei später gebauten Modellen wurde sie Pflicht. Ob ein solches System das Inferno verhindert hätte? Das sei „spekulativ“, sagt Staatsanwalt Götz. Lenk- und Ruhezeiten des Fahrers seien eingehalten worden. Und auch der Fahrer des Sattelzugs, der aus der Ukraine unterwegs nach Frankreich war, habe nicht abrupt abgebremst. „Es war ein normaler Bremsvorgang, wie es am Ende eines Staus erwartet wird“, sagt Götz. Der Verkehr wurde wegen einer Baustelle von drei auf zwei Spuren gelenkt, deshalb hatte sich der Stau gebildet. Warum in dem Busmodell die Batterie, einer der Kraftstofftanks und ein Drucklufttank so eng im Vorderteil nebeneinander verbaut wurden, können die Ermittler nicht beantworten. Man habe recherchiert, ob bei baugleichen oder -ähnlichen Modellen schon einmal solche Reaktionen zu beobachten waren, sagt Thiemt: „Wir konnten keine solchen Unfälle finden, wo sich das so entwickelt hat.“ Ungeklärt wird wohl bleiben, warum der Fahrer unaufmerksam war und den bremsenden Sattelzug vor ihm zunächst übersehen hatte. Die Befragungen der Überlebenden ergaben lediglich, dass es weitgehend ruhig im Bus war, Fahrgäste haben ihn also nicht abgelenkt. Auch eine toxikologische Untersuchung brachte keine Hinweise. Viereinhalb Monate nach dem Busunglück hatte die Staatsanwaltschaft Hof die Ermittlungen eingestellt. Die abschließenden Gutachten von Sachverständigen hätten die bereits vorliegenden Erkenntnisse bestätigt, teilte die Justizbehörde mit.dpa



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