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Interhelp-Team im Einsatz: Medikamente und Brillen werden verteilt

Der „Herr der Brillen“ hilft in Sri Lanka

Ein Team der Hilfsorganisation Interhelp ist gerade in Sri Lanka im Hilfseinsatz. Alexander zu Schaumburg-Lippe erzählt vom Leben im krisengebeutelten Land, von Zerstörung, von Wiederaufbau und von seiner Arbeit als „Herr der Brillen“.

veröffentlicht am 07.03.2017 um 17:55 Uhr
aktualisiert am 07.03.2017 um 20:57 Uhr

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Die Mörder kamen mitten in der Nacht und erschossen Rahans Mutter, einfach so. Sie wurde nur 38. Die „Befreiungstiger von Tamil Eelam“, eine der weltweit brutalsten und rücksichtslosesten Guerilla-Armeen der jüngeren Geschichte, wussten praktisch nichts über ihr Opfer, nur, dass sie Singhalesin war. Der Norden und Nordosten Sri Lankas war ihr Land, das Land der Tamilen. Singhalesen hatten dort zu verschwinden.

Rahan Nishanta, heute 49, war damals 15 und wusste nicht, was die Rebellen wollten. Sie verletzen ihn am Oberarm; die Kugel steckt heute noch dort. Auch sein älterer Bruder Nahita zeigt uns eine schwärzliche Narbe am Bein: Eine Schusswunde aus der Anfangszeit des blutigen, dreißigjährigen Konflikts, der erst vor wenigen Jahren sein Ende gefunden hat.

Die Mutter der Nishanta-Brüder war eines der frühesten Opfer des Bürgerkriegs, das erste in der Gegend. Die Familie verstand die Botschaft der Separatisten und verließ ihre Heimat, siedelte sich im singhalesischen Süden an, wo sie sich eine dürftige Existenz aufbaute. Warum sind sie nach all den Jahren zurückgekehrt? „Rice paddies“, sagt Interhelp-Koordinator Amarasiri Kuruwage (63), ein ehemaliger sri-lankischer Staatssekretär. Rahans Familie besitzt ein wenig Land, auf dem sie Reis anbauen können. Besser, als sich für einen Hungerlohn in den „sweat shops“, den brutalen Fabriken von Colombo zu Tode zu arbeiten.

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Mit traditionellen Blumenkränzen zeigt man seine Dankbarkeit. Foto: ube

Natürlich fanden die Nishantas ihre Heimat im Nordosten des Landes vollständig verwüstet vor. Jahrelang lebten Rahan, seine Ehefrau Shirani (45), die Töchter Nadeeshan (19) und Thorusha (19) und der unverheiratete Bruder Rahita (52) in einem trostlosen, primitiven Verschlag, es fehlte am Nötigsten. Das Wasser holten sie aus einem ungesunden, verseuchten Brunnen, die winzige Hütte war stickig und eng, dazu kam die ständige Angst, in der Nacht von wilden Elefantenherden niedergetrampelt zu werden.

Mit Interhelp-Mitteln wird sich das sehr bald ändern: Die Familie kann demnächst in ein elefantensicheres Massivhäuschen umziehen, das nach den Entwürfen von Interhelp-Gründer Ulrich Behmann (53) zurzeit auf dem einst wüst gewordenen Grundstück der Nishantas entsteht. Bei der Grundsteinlegung zeigt uns die Familie mit den traditionellen Blumenkränzen und Bethel-Blättern ihre Dankbarkeit. Mehr als 90 solcher Häuser sind von Interhelp und seinen Partnern „mfs International“ (Frankfurt), der Firma unseres mitreisenden Freundes Michael Görbing (42) und der Stadt Rauma (Finnland) im Norden bereits finanziert worden, über 150 auf der ganzen Insel. Im tamilischen Norden achtet Interhelp auf strengen Proporz. „Wir bauen Häuser für Singhalesen und Tamilen – zu gleichen Teilen“, stellt Behmann klar. Weil andere Organisationen die Idee aufgegriffen haben, sollen bisher etwa 2500 Häuser nach dem Interhelp-Prinzip auf Sri Lanka errichtet worden sein, und jedes Jahr werden es mehr. 5000 Euro muss man aufwenden, um so einer notleidenden Familie ein echtes Zuhause zu geben. Dieses hier entsteht mit den Spenden der Hamelner Sportbox und des Hefehof-Chefs Dr. Jobst-Walter Dietz.

Im Distrikt Vavuniya zwischen Jaffna und Trincomalee ist inzwischen die Interhelp Medical Task Force unter der Leitung unseres stellvertretenden Vorsitzenden Reinhold Klostermann (63) eingetroffen. Der Hamelner Lehrrettungsassistent hat aus der Heimat den Arzt Dr. Siegfried John und die Krankenschwester Elena Lehmann mitgebracht; auch Interhelp-Vize Mahinda Nallanathan, Interhelper Ernest Anthonypillai sowie zwei tamilische Ärzte und fünf einheimische Schwestern sind mit an Bord. Gemeinsam mit dem Ärzteteam aus Sri Lanka versorgt die insgesamt zwölfköpfige Task Force kostenlos Kranke und Verletzte der Region. Als wir mit unseren Spenderbrillen eintreffen, sind bereits respektable 460 Patienten behandelt worden.

Auch wir müssen aufpassen: Trincomalee, wo unser Team stationiert ist, sei derzeit der gefährlichste Ort im Land, sagen Ärzte. Das von tagaktiven Moskitos übertragene Dengue-Fieber breitet sich rasend schnell aus. 250 Menschen liegen aktuell in Krankenhäusern, seit Januar wurden fast 900 Fälle gezählt. Es gibt Tote. Einmal hat mich die gefährliche schwarz-weiße Mücke, die Hauptüberträgerin der Krankheit, bereits gestochen. Künftig werde ich das Mückenspray nicht noch einmal vergessen.

In Vavuniya bin ich, wie schon in den Jahren zuvor, wieder der Herr der Brillen. Wir haben hunderte davon auf einer ziemlich abenteuerlichen Fahrt im Schlafwagen der Sri Lanka Mail mitgebracht, einem altersschwachen und spektakulär schmuddeligen Gefährt, das bis 1990 der rumänischen Staatsbahn gehörte – keine angenehme Reise, aber wir werden uns noch lange amüsiert an die achtstündige Fahrt und die aufregenden Bekanntschaften mit den riesigen Kakerlaken erinnern.

Mit 2000 Brillen sind wir nach Sri Lanka gereist. Jetzt gilt es, möglichst viele der von regionalen Spendern zur Verfügung gestellten gebrauchten Augengläser möglichst korrekt angepasst unter die Bedürftigen zu bringen. Es ist bereits die dritte Verteil-Aktion seit unserer Ankunft. Das Refraktometer, das uns der Bückeburger Optiker Giovanni Di Noto überlassen hat – er hat mich auch an dem Gerät ausgebildet – leistet wieder einmal wertvolle Hilfe: Die Geschwindigkeit, mit der ich arbeiten kann, dürfte sich seitdem verzehnfacht haben. Erfreulicherweise stehen uns lokale Optiker zur Verfügung, die die Sehstärken vermessen, sodass ich sofort weiß, wonach ich suchen muss, statt mich dem Ziel, einem zufriedenen Wiegen des Kopfes mit dankbarem Blick, nach und nach anzunähern.

In einem ersten Arbeitsgang trenne ich den Bestand: Lesebrillen auf die eine Seite, Brillen für Kurzsichtige auf die andere. Gläser für Astigmatiker können wir nicht anpassen – sie wandern zusammen mit den leeren Optikergestellen in die „Bad Bag“. Menschen, die sich die Gläser leisten können – sie sind hier zu Lande viel billiger als die Gestelle – können sich dort selbst etwas Passendes aussuchen und damit zum Optiker gehen.

Dann die Frage, die einer unserer einheimischen Helfer in die Runde stellt: Wer braucht Lesebrillen, wer hat Schwierigkeiten mit der Fernsicht? Wie immer ist die Nachfrage nach Lesebrillen viel höher, sodass ich mit diesem Bestand beginne. Am Ende dieses Tages werde ich ein Traumergebnis erzielt haben: Alle mitgebrachten Brillen sind, korrekt angepasst, an ihre neuen Besitzer gegangen, und buchstäblich jeder hat etwas Passendes mitnehmen können. Das macht das Arbeiten auch unter den drückend schwülen Temperaturen zur Freude.

Morgen geht es zurück in den überwiegend singhalesischen Süden, wo weitere Aufgaben auf uns warten. Aber besser nicht noch einmal im Schlafwagen „erster Klasse“.

Information

Fördermitgliedsanträge und Spendenkonten für Interhelp

IBAN: DE60 2545 0110 0000 0203 13 - Sparkasse Weserbergland


IBAN: DE49 2546 2160 0700 7000 00 - Volksbank Hameln-Stadthagen


IBAN: DE97 2545 0001 0000 0332 33 - Stadtsparkasse Hameln

www.interhelp.info



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