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Wir haben Remzi, Mostafa und Sebastian eine Nacht lang begleitet

Der harte Job als Türsteher

Das Leben als Türsteher bringt einiges mit sich: Ausweis- und Sicherheitskontrollen sind nur ein kleiner Schwerpunkt in diesem Job. Wir haben die Türsteher Remzi, Mostafa und Sebastian eine Nacht lang begleitet.

veröffentlicht am 18.08.2016 um 18:40 Uhr

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Mostafa nimmt auf einem Barhocker im Eingangsbereich der Diskothek Platz, stellt zwei Tupperdosen auf den Stehtisch, öffnet eine Cola. Neben ihm isst sein Arbeitskollege Remzi R., ein hagerer und zurückhaltender Typ, wortlos seinen mitgebrachten Proviant. „Als Türsteher musst Du fit sein“, sagt Mostafa. Seit 2005 mache er den Job. In der Hamelner Diskothek Nachtschicht sei er seit etwa drei Jahren im Wochenend-Einsatz. Aber eigentlich sei er Immobilienkaufmann: „Türsteher ist eine Nebentätigkeit. Ich bin da zufällig reingerutscht. Wurde, nachdem ich einen Ladendieb erwischt hatte, angesprochen, ob ich nicht Bock drauf hätte. Mache aber auch noch was anderes. Beim Juwelier und im Schwimmbad. Türsteher kann ich ja nicht bis zur Rente machen.“ Heute Nacht – zufällig habe er heute Geburtstag – wirft Mostafa ein, da arbeitet er wieder in der Nachtschicht, der 32-Jährige, der auch mit drei Kilo mehr Körpergewicht nicht so eine Kante wäre, als dass man ihn auf Anhieb für einen Türsteher halten würde.

Womit wir auch schon beim Klischee wären … Und das kommt breitschultrig und entschlossenen Schrittes zur Tür hereinspaziert: 1,93 Meter groß, muskulöser, durchtrainierter Körper, Kurzhaarschnitt, von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet – rein äußerlich betrachtet kommt Sebastian V. dem Stereotyp ziemlich nahe. Die Optik, klar sei sie wichtig, um eine gewisse Autorität auszustrahlen. „Ich mache jeden Tag Sport“, sagt Sebastian. Die Männer begrüßen sich mit Handschlag. Sebastian trinkt ein Red Bull, Remzi muss noch Einmal-Handschuhe in die Hosentasche stecken: „Die brauchen wir, weil manchmal übergeben sich die Leute“, erklärt der 27-Jährige. Die drei Türsteher, die im Auftrag der Firma First Guard aus Hannover für Sicherheit und Ordnung in der Nachtschicht sorgen, nehmen ihre Posten vor dem Disko-Eingang ein. In der Frage, wer rein darf in die Disco und wer nicht – „da gibt es keine Uneinigkeit unter den Kollegen“, sagt Sebastian. Zu dieser Zeit, kurz nach 22 Uhr, ist noch wenig los vor der Tür der Nachtschicht. Ein Jugendlicher fragt schüchtern nach, ob man einen „Mutti-Zettel“ vorzeigen müsse und geht wieder. Offensichtlich hat er die Bescheinigung nicht, die ihm Einlass in die Disco gewähren würde. Jugendliche unter 18 Jahren dürfen mit einem Erziehungsauftrag, dem sogenannten „Mutti-Zettel“, und in Begleitung einer erwachsenen, erziehungsberechtigten Person auch länger als 24 Uhr bleiben. Viele „Mutti-Zettel“-Besitzer, so gut wie ausnahmslos sind es junge Mädchen, werden im Laufe des Abends die Disco ansteuern. Die Türsteher, die sowieso bei fast jedem Gast eine Ausweiskontrolle durchführen, lassen sich in dem Fall dann zusätzlich den „Mutti-Zettel“ zeigen.

Es dauert, bis mal wieder die nächsten Gäste anrücken. „Die Masse kommt meist ab Mitternacht“, weiß Sebastian aus Erfahrung. Die Türsteher reden nicht viel miteinander. Wenn, dann geht es auch um Frauen und Autos. Meist aber haben sie den Parkplatz im Blick, auf dem die Gäste ihre Pkw abstellen und aussteigen, um Richtung Disco zu laufen. So könne man schon mal die Leute mustern, die gleich reinwollen, sagt Sebastian. Wie man Menschen lese, mit den verschiedenen Charakteren umgehe, Situationen und Gefährdungspotenziale richtig einschätze, wie entsprechend reagiert und welche Maßnahmen in welcher Situation ergriffen werden müssen, darüber erzählt er kurz, bevor seine Schicht beginnt: All das habe er in der Ausbildung gelernt, aber letztlich käme es auf die praktischen Erfahrungen und das eigene Gefühl an. Anders als die meisten Türsteher-Kollegen, die lediglich einen Lehrgang und eine Sachkundeprüfung nach Paragraph 34a der Gewerbeordnung absolviert haben, könne er eine dreijährige Ausbildung vorweisen, sei Fachkraft für Schutz und Sicherheit. Als solche habe er eine Festanstellung bei einer Sicherheitsfirma in Hannover, sagt Sebastian V. Dort sei er Führungskraft, zuständig unter anderem für Personen- und Objektschutz.

Rund 260 Stunden arbeite er im Monat. Und: „Essen, schlafen, arbeiten, so sieht das Leben aus.“ Da er aber zwischendurch auch immer wieder freie Tage am Stück habe, sei „ein normales Leben“ durchaus möglich, sagt der Familienvater. Er sei froh, dass er so eine gute Festanstellung habe: „Die beruflichen Chancen auf eine Führungsposition in der Sicherheitsbranche sind mittlerweile besser.“ Einst sei er selbstständig gewesen, habe eine eigene Baufirma gehabt. „Weil die aber irgendwann so gut lief, dass man nicht mehr hinterherkam, suchte ich mir einen sauberen Job in der Sicherheitsbranche. Da hatte ich die letzten zehn Jahre ja auch schon nebenbei gearbeitet. Seit zwei Jahren mache ich es professionell.“ Der Türsteher-Job sei sein zweites Standbein. Eine Gruppe junger Leute nähert sich dem Eingang. Mostafa begrüßt alle freundlich, kontrolliert Personalausweise, Handtaschen, Hosentaschen. CS-Gas, Messer, Getränkeflaschen zum Beispiel seien verboten. „Okay, viel Spaß“, wünscht er den Nachtschwärmern. Bereitwillig lassen sich die Gäste checken, viele haben ihren Ausweis schon gezückt, bevor überhaupt danach gefragt wird: „80 Prozent der Leute sagen uns, dass sie Kontrollen gut finden, ist ja schließlich zu ihrer eigenen Sicherheit.“ Es geht auf 1 Uhr und es geht so weit friedlich zu. Doch Sebastian hat im Laufe der Jahre als Türsteher auch andere Situationen erlebt: „Eskalationen, Gewalt, Schlägereien, Messerstechereien.“ Es sei sogar schon vorgekommen, dass ein abgewiesener Gast ihm aufgelauert und damit gedroht habe, ihn zu töten. Seinen Wohnort hat er daher in einiger Entfernung von den jeweiligen Einsatzorten: „Auf dem Dorf, wo mich keiner vom Türsteher-Job her kennt und findet.“ Natürlich halte er sich an seinen Kompetenzbereich, wisse, wie weit er in einer Notwehrsituation gehen dürfe. Aber: „Wir sind ja auch nur Menschen, keine Roboter“, sagt Sebastian. Einmal sei er körperlich angegriffen worden und habe unbesonnen mit zwei Faustschlägen, reagiert. „Das war dann wohl einer zu viel. Hat mich eine Anzeige und 1000 Euro Strafe gekostet. Als Türsteher handelst du dir leicht Probleme ein, hast ständig Anzeigen am Hals.“ Und am Ende, da seien es die Türsteher, die als Kriminelle verschrien sind, sagt Sebastian. Die Berufsgruppe habe keine Lobby, werde von der Öffentlichkeit und nicht einmal von der Polizei unterstützt, vielmehr nicht selten ungerecht behandelt, formuliert er seine ganz persönliche Ansicht. Das Image eines Türstehers, es sei nicht gerade das Beste: Einer mit mega Muckis, aber wenig im Kopf, inkompetent, tätowiert, aggressiv, ein Frauenanmacher und Begrabscher, ein Schlägertyp, der an der Tür einen auf großen Macker macht, weil er sonst im Leben keine Macht haben, Türsteher ist, wer sonst nix vernünftiges kriegt ... „In unserer Firma nicht!“ Gleichwohl räumt er ein: „Natürlich gibt es einige Idioten in der Branche, so um die 20 Prozent schwarze Schafe – die sind es, die alles kaputt machen.“

Wenn er gefragt werde, gebe er seinen Hauptberuf an: „Ausgebildete Fachkraft für Schutz und Sicherheit. Den Türsteher-Job erwähne er meist nicht. Und dennoch: Türsteher sei für ihn so was wie ein Traumberuf. „Du sorgst für die Sicherheit von Menschen – das ist doch was Gutes.“ In der Sicherheitsbranche sei der Einsatz als Türsteher das Anspruchsvollste überhaupt, findet er. Denn vor der Disko sei das Konfliktpotenzial am größten. „Je später der Abend, desto mehr Alkohol haben die Leute intus, und je alkoholisierter, desto ungehemmter.“ Klar, wer aggressiv wirkt, torkelnd in die Disco will oder total bekifft ist, den lasse ich nicht rein“, sagt Sebastian. Er müsse sich aber auch an die Vorgaben des Club-Besitzers halten: „Wenn der beispielsweise den Kleidungsstil vorgibt und sagt, keine Jogginghosen und Schlappen, dann ist das legitim. Er darf sich schließlich das Publikum aussuchen. Hat ja das Hausrecht.“ An diesem Abend wird keiner abgewiesen. Als Rausschmeißer muss Sebastian auch nicht ran.

Aber was wäre wenn? „Vor allem musst du eine echt gute Menschenkenntnis haben. Ich muss zum Beispiel einschätzen, ist das ein Typ, der Ärger machen könnte. Manchmal ist das nicht so einfach, zum Beispiel zu erkennen, ob einer unter Drogen steht. Du musst dich auf dein Gefühl verlassen können, aber deine Emotionen im Griff haben, um in der jeweiligen Situation richtig zu reagieren. Immer mit dem Kopf dabei sein, ohne Gewalt die Situation entschärfen.“ Beleidigungen, Beschimpfungen, Rangeleien, als Türsteher müsse er so einiges einstecken. Der Job erfordere viel psychische Stärke und psychologisches Geschick, sei eine große Herausforderung, sagt Sebastian weiter. „Man ist dafür gemacht, oder man ist es nicht.“ Einmal muss Sebastian V. in dieser ansonsten ruhig verlaufenden Nacht beweisen, dass er für den Job gemacht ist: Ein Mann, Mitte dreißig, polnisch sprechend, der sehr alkoholisiert zu sein schien, habe herumgeschrien, Ärger gemacht, wollte seine Getränkekarte nicht bezahlen, wird Sebastian V. später berichten. Die Türsteher protokollieren sämtliche Vorfälle während ihres Dienstes. Angeblich habe ein Kumpel – der allerdings schon die Disko verlassen hatte – bereits für ihn bezahlt, habe sich der Disko-Gast rausreden wollen. „Erst mal Ruhe bewahren“, lautete Sebastians Devise. Seine Vorgehensweise: „Ich probiere aus, was in der Situation am besten geht. Es gibt Leute, die kommen runter, wenn man vernünftig und nett auf sie einredet. Andere aber kriegt man nur in den Griff, wenn man selber aggressiv reagiert.“ Verbal, verstehe sich. Letztere Methode hat in diesem Fall funktioniert – der Türsteher fand die Getränkekarte in der Hosentasche des Disko-Besuchers, der Mann zahlte die 32,60 Euro und verließ die Disko.

Gegen 4.30 Uhr ist auch der letzte Gast gegangen. Sebastian V. und seine Kollegen aber werden sich erst auf dem Heimweg machen, wenn die Sonne längst aufgegangen ist. Noch ein letzter Kontrollgang durch die Räume der Diskothek – Ende der Schicht. Ab nach Hause. Duschen, schlafen.



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