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Der große Zampano

Zum allerersten Mal führt eine Frau Regie im berühmten GOP-Varieté. Wir haben mit Sabine Rieck gesprochen. Und viel über eine Artistin aus Leidenschaft erfahren. Ausnahmsweise kein Drahtseilakt.

veröffentlicht am 05.04.2016 um 08:15 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 08:55 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Für ihren Vater war es ein Graus, dass seine Tochter nach dem Abitur auf Wanderschaft ging. Es wäre schon schlimm genug gewesen, hätte sie sich – wie erstaunlich viele um 1960 herum geborene Abiturienten – als Handwerksgesellin auf den Weg gemacht. Sabine Rieck aber setzte noch eins drauf: Zusammen mit Freunden kaufte sie einen VW-Bus und reiste zwei Jahre lang durch Frankreich und Spanien, um Straßentheater zu machen und Zirkusleute kennenzulernen. Danach schrieb sie sich bei einer Berliner Artistenschule ein, und nach einer langen, sehr bunten Karriere auf Bühnen und in Manegen ist sie nun die erste Frau, die als Regisseurin eine Show im GOP-Varieté übernahm. „La Luna“ hatte gerade im Kaiserpalais von Bad Oeynhausen Premiere und wird dann in alle sechs GOP-Häuser, unter anderem in Hannover, weitergetragen.

„Ich komme aus dem sehr katholischen Fulda und musste einfach aus allem raus“, sagt sie. „Die moralische Enge war schon wirklich schlimm und auch die Enge der typischen Kleinfamilie. Mein Traum war eine Großfamilie aus Menschen, die echte Freunde sind und zusammen Träume verwirklichen.“ Ihre Mutter fand diese „Befreiung“ ganz toll. Sie war selbst „eigentlich“ Künstlerin, eine Malerin, die aber nicht wirklich dazu kam, sich künstlerisch auszuleben. Der Vater aber, er hatte regelrecht Angst, dass seine Tochter einfach verloren gehen würde. Die Show „La Luna“ spielt in einem Wanderzirkus und beschreibt ausgesprochen stimmungsvoll das Zusammenleben der unterschiedlichsten Zirkus-Persönlichkeiten. Verloren gegangen, nein, das ist Sabine Rieck ganz und gar nicht.

Wäre sie damals in Deutschland geblieben, dann allerdings hätte der Vater vielleicht recht behalten. „In Deutschland muss man sich verschulden, wenn man zum Zirkus gehen will“, sagt sie. „In Frankreich aber – das ist einzigartig in Europa – wird Zirkus staatlich subventioniert. Freischaffende Künstler finden ein Sozialsystem vor, dass sie während der Ausbildung und auch bei vorübergehender Arbeitslosigkeit unterstützt.“ Eingeführt hatte es in den 1980er Jahren der damals geradezu berühmte französische Kultur- und Bildungsminister Jack Lang, der damit den Grundstein dafür legte, dass Frankreich eine so blühende Zirkusszene aufweist und immer noch Vorreiter ist im „Cirque Nouveau“, im „Zeitgenössischen Zirkus“ also, der mit seinem Geschichtenerzählen, seinen neu entwickelten Charakteren und einer zum Teil spektakulären Ästhetik Zirkus und Varieté zu neuem Ansehen verhalf.

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  • er Künstler Antonia Ferreira turnt durchs GOP-Publikum – anders, als man es vielleicht erwartet. Fotos: cok

Immerhin, der Zirkus „Gosh“, den Rieck 1989 mit Freunden für einige Jahre in Berlin gründete und der international auf Tour ging, gilt als einziger deutscher „Cirque Nouveau“, ein Rock-Zirkus, der mit Witz, Ironie und artistischer Comedy die altbekannten Formen aufbrach und Zirkus mit Theater und Varieté verschmolz. In Frankreich dann kauften sie und ihre Freunde eine alte Fabrikhalle, in der sich Künstler begegneten, darunter einer der Mitbegründer des „Cirque Soleil“, von denen sich viele über all die Jahrzehnte hinweg nicht mehr aus den Augen verloren. In ihren Rollen als Clownin mit Akkordeon war Rieck in der Welt unterwegs. Auch als Regisseurin hatte sie bereits vor „La Luna“ einige Erfahrungen gesammelt.

„Für ein kommerzielles Varieté wie das GOP zu arbeiten, das immer und unbedingt Erfolg haben muss, ist auf jeden Fall eine zusätzliche Herausforderung“, sagt sie. Auch deshalb, weil man als Frau in eine Männerdomäne eindringt? Seit das traditionsreiche GOP-Varieté 1992 in Hannover neu eröffnet wurde und die fünf weiteren Spielorte entstanden, waren es immer Männer, die die Shows inszenierten, abgesehen von einigen Malen, wo ein Regisseurspaar die Regie übernahm. „Ja“, sagt Rieck, „ich gebe zu, dass ich, wie wohl viele Frauen, durchaus die Sorge hatte, nicht wirklich ernst genommen zu werden.“ In „La Luna“ spielen Künstler verschiedener Generationen zusammen. „Für die Jungen ist es, meine ich, egal, ob Frau oder Mann Regie führt. Bei den Älteren aber muss man sich schon besonders durchsetzen.“ Sie habe aber den großen Vorteil, dass sie selbst genau wisse, wie es ist, als Artist in den Rahmen einer erzählenden Show eingebunden zu werden. „Wir Artisten sind keine Schauspieler. Schauspieler sind Interpreten und prinzipiell offen für alles. Zirkusartisten aber sind Autoren. Mit ihnen muss man auch umgehen, wie mit Autoren, man kann ihre Auftritte nicht beliebig verändern, sondern oft muss die Geschichte um die von den Künstlern mitgebrachten Nummern herum erzählen.“

Als Zuschauer könnte man allerdings schon ahnen, dass diesmal eine Regisseurin am Werk war. Rieck lässt sich bei ihrer Inszenierung ungewöhnlich viel Zeit, um zuallererst eine Grundstimmung herzustellen, bevor dann die Artistik zu ihrem Recht kommt. Die Zirkusleute treten aus ihren Wohnwagen, sie plänkeln miteinander, hier und da wird heimlich geflirtet, man übt auf dem Seil und am Boden, bis klar ist, wer in der Truppe was zu sagen hat und wer noch um seine Stellung kämpfen muss. „Und wie gesagt: Man hat es ja nicht mit Schauspielerin zu tun. Als Regisseurin muss man sich in die Ausstrahlungsmöglichkeiten der Künstler einfühlen und sehen: Was hat dieser Mensch für einen Körper-Rhythmus, und wie kann man ihn für die Geschichte einsetzen.“

Im Mittelpunkt von „La Luna“ stehen zwei Erzählungen. Diejenige vom Herumtreiber Toni, der arbeitssuchend beim Zirkus auftaucht, beinahe zurückgewiesen wird, und sich dann als clownesker Held entpuppt; und die vom polternden Zirkusdirektor und der kleinen, untergebutterten Amélie, die beide nicht umsonst an den „Großen Zampano“ und die zarte „Gelsomina“ aus Fellinis Zirkusfilm „La Strada“ erinnern. Während es Toni relativ schnell gelingt, auf verschmitzte Weise sein Verliererdasein zu überwinden – das Publikum lacht weniger über ihn als mit ihm – muss Amélie ganz anders kämpfen. Sie ist nicht so schön und nicht so jung wie die anderen Artistinnen und scheint von daher umso angreifbarer zu sein. Oft macht man sich als Zuschauer auf ihre Kosten über ihre (angebliche) Unscheinbarkeit als Frau lustig. Hätte man das von einer Regisseurin erwartet? Rieck ist erstaunt, so einen Blick auf ihre Inszenierung gespiegelt zu bekommen. „Ich glaube, es ist ein Irrtum zu meinen, dass Toni besser wegkommt als Amelie“, sagt sie.

Das „Weibliche“ an ihrer Inszenierung läge wohl eher in ihrem Bedürfnis nach Harmonie, so die Regisseurin. „Ich will, dass jeder der Künstler sich wohlfühlt in seiner Rolle. Manche Theaterregisseure gehen ja geradezu menschenverachtend vor, indem sie die Schauspieler als reines Arbeitswerkzeug, als beliebiges Mittel zum Zweck betrachten. Mir ist wichtig, dass alle Künstler auf ihre Kosten kommen.“ Was gerade die Clown-Charaktere beträfe, egal, ob Mann oder Frau, so müsse man da mit Klischees spielen. Der relativ kleine Mann Antonio mimt den großen Kämpfer, die relativ unscheinbare Amélie die

Grande Dame. „Clowns sind immer die Underdogs, die ihre Stärke erst beweisen müssen. Und – ehrlich gesagt: Ich selbst bin zwar emanzipiert, aber ich bin nun nicht so was wie eine feministische Regisseurin.“

Auf jeden Fall beweist die Show „La Luna“, dass Rieck ihrem Werdegang im „Cirque Nouveau“ auf sehr kreative Weise treu geblieben ist. Seiltanz, Hula-Hoop, Jonglage mit den Kegeln, die Handstandakrobatik oder die Artistik in Ring und Seil – all das ist auf neue, lustige, manchmal geradezu verrückte Weise aufgenommen, sei es, dass Marianna de Sanctis ihre langen Haare mit dem Hula-Hoop-Ring verbindet, sei es, dass es Ariadna Corominas gelingt, sich am Vertikalseil wie in einem Kokon einzuwickeln. „Cirque Nouveau“, das ist auch die wunderbare Livemusik des Orchesters, an dem sich fast alle Artisten beteiligen. Sabine Ricks Vater müsste eigentlich rundherum beruhigt sein können.



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